Siemens-CEO Kaeser: "Wir müssen soziale Spannungen abfedern"

Siemens-CEO Kaeser: "Wir müssen soziale Spannungen abfedern"

Joe Kaeser, seit Mitte 2015 Vorstandsvorsitzender von Siemens, spricht Klartext.

Der Boss des deutschen Siemens-Konzerns, Joe Kaeser, nimmt im trend-Exklusivinterview kein Blatt vor den Mund: Die Energiewende in Deutschland sei schlecht geplant, in der Flüchtlingskrise fehle es an klarem Willen und Selbstbewusstsein, Politik und Gesellschaften würden nicht Schritt halten mit den rasenden Veränderungen durch die Digitalisierung.

Er ist einer der mächtigsten Manager Deutschlands, eine der fixen Größen der Deutschland AG. Sein Reich umfasst 203 Länder, er baut den fast 170 Jahre alten Konzern aktuell komplett um. Kein Mangel an großen Aufgaben also. Doch einmal im Jahr hat Joe Kaeser, 59, seit Mitte 2014 Vorstandsvorsitzender des Münchner Hightech-Multis und davor Finanzvorstand, einen entspannenden Termin: den Besuch beim Wiener Opernball. Siemens hält dort traditionell in einer Loge Hof, und die Spitzen der heimischen Politik und Industrie, darunter auch viele Siemens-Geschäftspartner wie etwa ÖBB-General Christian Kern, drängen sich in der Firmenloge.

In diesem Jahr empfing der gelernte Betriebswirt Kaeser, der schon 1980 zu Siemens stieß, im Vorfeld des Opernballs den trend zum Interview, begleitet von Siemens-Österreich-General Wolfgang Hesoun. Es entwickelte sich ein spannendes Gespräch über die Herausforderungen, die Europa zu meistern hat, Österreich genauso wie Deutschland. Die drohende Deindustrialisierung, die Flüchtlingskrise oder die mögliche Spaltung der Gesellschaft durch die digitalen Technologien: Joe Kaeser fand durchaus klare Worte zu den drängenden Problemen unserer Zeit.

TREND: Herr Kaeser, das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik, die am Opernball oft zusammentreffen, ist in Österreich im Moment einigermaßen gestört. Der trend hat dazu gerade ein Cover - "Die Wut-Unternehmer" - gemacht. Ist in Deutschland, das wirtschaftlich klar besser dasteht, auch die Stimmung besser?
Joe Kaeser: Im Augenblick hat man den Eindruck, dass sich in Deutschland fast alles nur um das Thema Flüchtlingspolitik dreht. Fragen der grundsätzlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen, damit das Land wächst, geraten ins Hintertreffen. Aber der Dialog mit Politik und Regierung ist intakt.

Gilt das auch für die deutsche Energiewende und das Ziel der Dekarbonisierung, also der Verbannung von CO2 emittierenden Kohlenwasserstoffen, wie es von den G7 formuliert wurde? Beides betrifft Siemens stark.
Kaeser: Im Kern hat man eine dekarbonisierte Wirtschaft ab dem Jahr 2100 beschlossen. Das sollte man als zivilisierte Gesellschaft auch anstreben. Aber aus der Energiewende lernen wir, dass etwas, das im Prinzip gut ist, ziemlich schlecht gemacht werden kann, wenn man es nicht sauber vorbereitet. Die Art und Weise der Umsetzung war überhastet und hat zu wenig auf wirtschaftliche Bedingungen Rücksicht genommen. In Deutschland werden regenerative Energien - etwa aus Wind- und Sonnenkraft - pro Jahr mit 20 bis 25 Milliarden Euro subventioniert. Und das auf 20 Jahre garantiert. Das ist eine gewaltige Belastung von etwa 500 Milliarden für die Volkswirtschaft. Es gibt einzelne Wirtschaftszweige, die davon profitieren und auch Arbeitsplätze schaffen. Aber viel mehr gehen dadurch verloren.

Wie sieht diese Bilanz im Siemens-Konzern aus? Siemens ist mit dem Bau konventioneller Kraftwerke groß geworden, ist aber auch stark in den erneuerbaren Energien aktiv.
Kaeser: Insgesamt sind wir damit gewachsen, zum Beispiel in unserer Wind-Division von einigen 100 Millionen auf etwa fünf Milliarden Euro Umsatz. Und natürlich verkaufen wir weiterhin fossile Kraftwerke in der ganzen Welt, aber eben kaum noch in Deutschland. Dadurch verlagern sich auch Arbeitsplätze und Wertschöpfungsketten in andere Regionen -und es kommt zu einem Verlust regionaler Arbeitsplätze. Also nochmals: Die Dekarbonisierung ist ein riesiges Ziel für die zivilisierte Welt, muss aber sauber vorbereitet werden.

Was konkret heißt?
Kaeser: Siemens investiert auch weiterhin in Öl und Gas, nicht weil wir Ölbarone sind oder der alten Welt anhängen, sondern weil wir dadurch eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes und eine höhere Energieeffizienz erreichen - im Vergleich zu heute. Gleichzeitig sollte man die Erneuerbaren so ausbauen, dass sie nicht mehr von Subventionen abhängig sind. Das funktioniert alles nur sehr langfristig, aber man darf auch nicht in Panik verfallen. In der Wind-und vor allem in der Solartechnologie stehen wir ja noch am Anfang der Produktivität und Effizienz.


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Ist der aktuell niedrige Ölpreis nicht ein Hindernis für die Weiterentwicklung dieser Technologien?
Kaeser: Nein. Erstens gehen bereits jetzt Anbieter zügig aus dem Markt. Zweitens nimmt die Ausschöpfung der Ölfelder rapide zu. Das führt mit der Zeit zu einer Verknappung - und dann wird sich der Ölpreis wieder erholen. Und drittens werden wir mit den Kosten für die Erneuerbaren sehr bald deutlich runterkommen.

Den Atomausstieg Deutschlands unterstützen Sie aber vorbehaltlos?
Kaeser: Ich halte es vorbehaltlos für richtig, aus einer Technologie auszusteigen, die ganze Generationen nach uns mit giftigem Müll zurücklässt.


Die Gesellschaft wird eine Spaltung der Mitte, bei der von zehn Personen einer hinauf und neun hinunterfallen, nicht zulassen

Lesen Sie das ganze Interview im trend - Ausgabe 6/2016
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