Siegfried Menz: "Der volle Terminkalender wird fehlen"

39 Jahre lang hat Siegfried Menz die Geschicke des Getränkekonzerns Ottakringer mitbestimmt. Mit 1. Juli verabschiedet er sich in den Aufsichtsrat und hat trend sein letztes Interview als CEO gegeben. Die Geschäfte hat er an das neue Führungsduo Alfred Hudler und Doris Krejcarek übergeben.

Siegfried Menz: "Der volle Terminkalender wird fehlen"

Siegfried "Sigi" Menz wechselt in den Aufsichtsrat der Ottakringer AG.

trend: Sie sind seit 39 Jahren bei Ottakringer und scheiden nun aus dem Vorstand aus - wie fühlt sich der Abschied nach einer so langen Zeit an?
Siegfried "Sigi" Menz: Es ist ja kein endgültiger Abschied. Ich wechsle als Miteigentümer in den Aufsichtsrat und werde auch weiter ein Büro bei Ottakringer haben.

Was wird Ihnen am meisten fehlen, wenn Sie nicht mehr im Vorstand sind
Menz: Die Beziehung zu meinen engsten Mitarbeitern und der volle Terminkalender. Das hat beides Suchtpotenzial.

Wie hält man es so lange in einem und demselben Unternehmen aus?
Menz: Berechtigte Frage! Aber es ist überhaupt kein Problem, wenn man die Möglichkeit hat, Projekte zu entwickeln, etwas aufzubauen oder zuzukaufen. Mir war das hier immer möglich, ich hatte immer etwas Spannendes zu tun.

Was waren Ihre persönlichen Highlights bei Ottakringer?
Menz: Sicherlich der Börsengang 1986 und der darauf folgende Kauf von Kapsreiter. Kapsreiter haben wir mit sehr viel Energie wieder flott gekriegt. Spannend war auch der Kauf einer slowakischen Brauerei, der in einer politisch heiklen Zeit stattgefunden hat. Schließlich der Kauf von Vöslauer und zuletzt sicher unser "Unabhängigkeitstag", als wir uns von Heineken freikauften.

Apropos Heineken: Wie positioniert man sich als kleiner Getränkekonzern neben Größen wie Heineken auf der einen und Coca-Cola auf der anderen Seite?
Menz: Das ist tatsächlich eine große Herausforderung, der wir mit sehr viel Neugier, Fokussierung und Innovation begegnen. Wir wollen beweisen, dass wir näher am Konsumenten dran sind, flinker agieren und spannendere Ideen als die Großkonzerne haben.

Wieso begegnen die kleinen österreichischen Getränkeproduzenten den Großen nicht, indem sie sich auch zusammenschließen?
Menz: Dazu hat es immer wieder Gespräche gegeben, aber die meisten dieser Unternehmen stehen in Familienbesitz. Da will eben niemand seine Eigenständigkeit aufgeben, Tradition und Freiheitsgedanke gehen hier vor die Marktposition. Ich freue mich darüber, dass es etliche starke regionale Unternehmen gibt. Es macht keinen Sinn, alles aufzukaufen. Das kennen wir eh von anderen.


Ich bin froh, dass wir endlich einmal eine Regierung haben, die die Themen der Wirtschaft überhaupt versteht.

Was sind die Getränke-Themen der Zukunft?
Menz: Die Gesundheit spielt eine wichtige Rolle, also weniger Alkohol, weniger Zucker. Und die Produktkategorien verschwimmen immer mehr, also wo ist der Unterschied zwischen einer Biolimonade und einem alkoholfreien Radler?

Woher wird das Wachstum in ihrem Unternehmen künftig kommen?
Menz: Ganz klar aus dem Export, im Inland können wir nur noch wenig wachsen. Unser Fokus liegt auf den Nachbarländern.

Wird es auch mal einen Energy-Drink von Ottakringer geben?
Menz: Ich glaube, dass die Märkte, auf denen wir agieren, hier weitgehend gesättigt sind. Das ist also für uns kein Thema, aber Kaffee, eines der größten Getränkesegmente kann man sich schon näher ansehen.

Sie haben vom Druck der Multis auf Ottakringer als kleinen Produzenten gesprochen - wie groß ist denn der Druck von Seiten des Handels?
Menz: Das möchte ich nicht kommentieren. Jedenfalls sind wir auch einer Marktmacht durch unsere Lieferanten, also Dosenhersteller, Kartonerzeuger, ausgesetzt. Es ist insgesamt kein leichtes Business.

Ottakringer ist ja ein Familienunternehmen. Wie oft gab es Streit?
Menz: Erstaunlicherweise sehr selten.

Warum notiert Ottakringer an der Börse -die Familie besitzt mehr als 90 Prozent der Aktien?
Menz: Wir sind an die Börse gegangen, um die Finanzierung für unsere Expansion zu bekommen. Aktuell brauchen wir das nicht, aber Rückzug ist kein Thema, wir wollen uns die Option offen halten. Generell halte ich die Börse aber für ein sehr wichtiges Instrumentarium zur Finanzierung der Wirtschaft. Schade, dass wir keine geeignete Lösung für öffentliche Finanzierung kleiner und mittelständischer Unternehmen haben.

Sie bleiben der Industriellenvereinigung und der Wirtschaftskammer weiter erhalten. Es heißt ja immer, die neue Regierung arbeitet nur für die Wirtschaft. Sehen Sie das auch so?
Menz: Ich bin froh, dass wir endlich einmal eine Regierung haben, die die Themen der Wirtschaft überhaupt versteht. Das wurde höchste Zeit!

Wie beurteilen Sie die Performance der Regierung allgemein?
Menz: Ich finde es toll, dass hier junge Menschen etwas bewegen wollen und wirtschaftspolitisch eigentlich einen sehr anständigen Job erledigen.

Das Gesetz zur Arbeitszeitflexibilisierung gefällt Ihnen?
Menz: Es ist ein sehr wichtiger Schritt zur Entkriminalisierung der Unternehmer. Diese Flexibilität entspricht schon längst der Realität in vielen Unternehmen.

Fußball und Bier gehören untrennbar zusammen. Wer wird die Fußball-WM gewinnen?
Menz: Ich tippe auf Brasilien oder Spanien.

Und wo wird man Sigi Menz in Zukunft antreffen?
Menz: Beim Fußball. Beim WM-Finale bin ich jedenfalls im Stadion live dabei, danach in Kanada zum Fischen und anschließend mit meiner Frau in Spanien. Und dann, ja, dann freue ich mich auf den Herbst und neue Aufgaben.


Zur Person

Siegfried "Sigi" Menz, 65, geboren in Dornbirn (Vbg), steht seit dem Jahr 2000 an der Spitze des Ottakringer Getränkekonzerns. Im Unternehmen ist er aber bereits seit 39 Jahren. Der studierte Betriebswirt ist Obmann der Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer, im Vorstand der IV Wien und im Kuratorium des Fußballvereins Rapid. Der Vater zweier erwachsener Töchter übergibt den Vorstandsvorsitz von Ottakringer am 1. Juli an Vöslauer-Boss Alfred Hudler und Doris Krejcarek. Menz wechselt dann in den Aufsichtsrat des Unternehmens, wo er sich um Akquisitionen und Immobilien kümmern wird. Er gilt auch als Kandidat für die Nachfolge von Richard Schenz als Vizepräsident der Wirtschaftskammer Österreich.

Das neue Ottakringer-Führungsduo Alfred Hudler und Doris Krejcarek.

Das Unternehmen

Der Getränkekonzern Ottakringer ist zu 94 Prozent im Eigentum der Familien Wenckheim, Menz, Trauttenberg und Pfusterschmid. Sechs Prozent sind Streubesitz. 2017 hat Ottakringer einen Umsatz von 218,5 Millionen € erwirtschaftet und ein Rekordergebnis von 16 Millionen € erzielt. Das Unternehmen beschäftigt 733 Mitarbeiter. Vöslauer Mineralwasser ist eine Tochter von Ottakringer und hat 2017 99,4 Millionen € umgesetzt. Mit Bier erreicht Ottakringer in Österreich einen Marktanteil von sechs Prozent, mit Mineralwasser einen von 40,5 Prozent.


Das Interview ist im trend 25/2018 am 22. Juni 2018 erschienen

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