Shutdown im Österreich-Tourismus: Alles, nur nicht Italien

Museen, Hotels, Sehenswürdigkeiten, Skipisten, Lokale - Österreichs Freizeit- und Tourismuswirtschaft steht still. Die große Hoffnung: Die exponentielle Ausbreitung von Covid-19 verhindern.

Shutdown im Österreich-Tourismus: Alles, nur nicht Italien

Das Coronavirus zieht in Österreich immer weitere Kreise. Nach dem Erlass der Bundesregierung, dass Indoor-Veranstaltungen ab 100 Personen und Ourdoor ab 500 Personen nicht mehr stattfinden dürfen wird in Tirol, Salzburg und Vorarlberg die Skisaison 2019/2020 mit Sonntag, dem 15. März vorzeitig beendet. Die Urlauber dürfen auch nicht in den Orten bleiben, sondern müssen bis spätestens Montag, den 16. März nach Hause fahren.

Das vorgezogene Ende der Skisaison schmeckt nicht allen. Der Ischgler Promi-Hotelier Günther Aloys hätte gerne gesehen, dass der Betrieb weitergelaufen wäre und sagte: "Wir haben ganz wenige Fälle. Die Leute sind sensibel, passen auf. Das ist ja nichts anderes als eine Grippe, die für die allermeisten nicht tödlich ist."

Aloys ist mit seiner Meinung nicht alleine. Der Hoteleier spricht damit aus, was viele im Land denken: Warum das ganze Tam-Tam? Ist das bei erst knapp über 300 bestätigten Fällen in ganz Österreich wirklich nötig und nicht maßlos übertrieben? Und überhaupt: Italien: Warum müssen nun auch die Geschäfte dort schließen?

Die Macht der Mathematik

Was sich Günther Aloys aber - wie übrigens kaum jemand vorstellen kann, ist, wie sich das Corona-Virus und damit die Gefahr der tödlichen Lungenerkrankung Covid-19 ausbreitet: Nicht linear, sondern exponentiell.

Mit linearen Entwicklungen können Menschen gut umgehen. Die haben sie gelernt. Wenn man zum Beispiel eine bestimmte Strecke in einem gleichmäßigen Tempo zurücklegt, dann kann man sich leicht ausrechnen, wann man am Ziel ist. Geht man zu Fuß, dann kann man sogar die Schritte zählen, die man dafür braucht. Fährt man mit dem Auto eine konstante Geschwindigkeit von 100 km/h, dann kommt man in ca. zwei Stunden von Wien nach Graz.

Eine so einfache, lineare Rechnung funktioniert bei exponentiellen Entwicklungen wie der Corona-Epidemie aber nicht. Dafür sind komplexere mathematische Formeln nötig, in denen mit Hilfe von Differentialgleichungen unter anderem auch Vervielfältigungsfaktoren, die Wachstumsgeschwindigkeit und die Zeitachse berücksichtigt werden müssen.

Den Kollaps verhindern

Das Trügerische an dieser Entwicklung ist, dass sie zunächst äußerst harmlos erscheint. Wenn eine infizierte Person eine weitere anstecken kann, dann bedeutet das exponentiell gesehen nicht einfach eine Person mehr, sondern doppelt so viele. Aus 2 Fällen werden dann 4, dann 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, dann 1.024 und bald beginnen die Zahlen dramatisch zu steigen: 2.048, 4.096, 8.192, 16.384 - bei der 30. Verdoppelung ist man bereits bei 536.870.912 angelangt.

Im Fall der Corona-Epidemie liegt die Verdoppelungsrate nach bisherigen Erkenntnissen bei 3,3 Tagen. Was bedeutet, dass das Gesundheitssystem bei einer ungebremsten Ausbreitung zu einem bestimmten, berechenbaren Zeitpunkt überlastet wäre und kollabieren würde. Und dass bei darauf folgenden Verdoppelung wieder doppelt so viele Patienten anfallen, für die es keine Versorgung gibt. Keine Ärzte, keine Spitalsbetten, keine Medikamente.

Genau den Fall versucht die Regierung nun mit den Beschränkungen des öffentlichen Lebens zu verhindern.

Wien macht dicht

Wichtig ist dabei, dass die Maßnahmen entschlossen und frühzeitig gesetzt werden, und genau das ist jetzt in Österreich passiert. Auch wenn die Wirtschaft, der Tourismus und die persönliche Freiheit darunter leiden.

In der Bundeshauptstadt Wien, die damit nur ein Beispiel für alle österreichischen Städte ist, wurden Museen und andere öffentliche Einrichtungen geschlossen, die Hotellerie und Gastronomie steht so gut wie still. "Wir sind im freien Fall", sagt dazu Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner im Gespräch mit der APA, "momentan gibt es keinen Grund für Gäste, noch nach Wien zu kommen. Es gibt einen Shutdown in der Stadt."

Mittlerweile sind der Geschäfts-, Kongress- und Freizeittourismus fast völlig zum Erliegen gekommen, die Hotellerie und Gastronomie ist in Schockstarre und die Schätzungen wie vielen Mitarbeitern entweder Kurzarbeit oder gar die Kündigung droht gehen inzwischen in die zehntausende. Ernsthafte Prognosen zu den Auswirkungen der Virus-Krise sind jedoch aktuell kaum möglich, denn über allem steht die Sorge vor den nicht abschätzbaren Folgen eines exponentiellen Wachstums der Virus-Epidemie, bei dem sich die Fallzahl binnen kürzester Zeit immer wieder verdoppelt. Und die Hoffnung, das dieses doch noch ausbleibt oder frühzeitig eingedämmt werden kann..

Die Stadt Wien hat auch schon bis auf weiteres alle Marketing-Aktivitäten eingestellt, denn es ist, wie Kettner sagt, beileibe nicht die Zeit für "Feel-Good-Botschaften". Es werde aber jedenfalls "eine Zeit danach" geben, sagt Kettner.

Alles, nur nicht Italien

Die Hoffnung ist, dass ein kompletter Stillstand wie in Italien ausbleibt. Premierminister Giuseppe Conte hat den Ausnahmezustand über das ganze Land verhängt und die Schließung aller Geschäfte und Lokale - mit Ausnahme von Lebensmittelgeschäften und Apotheken - angeordnet. Der Handel und Dienstleistungsbetriebe sind damit praktisch zum Erliegen gekommen.

Kolosseum, Rom: Das Wahrzeichen der ewigen Stadt ist gesperrt.

Die Italiener sind angesichts der Corona-Epidemie im eigenen Land extrem verunsichert. Wenn sie nach draußen gehen, dann zumeist nur noch mit Mundschutz in in Supermärkte, wo sie dich aus Sorge vor einer längeren Quarantäne mit Lebensmitteln eindecken. Vor allem Pasta, Konserven und länger haltbare Lebensmittel werden in größeren Mengen gekauft.

Auch wenn Premier Conte seit Tagen betont, dass es zu keinen Problemen bei den Warenlieferungen kommt. Die Angst vor aus Angst vor Engpässen bei der Lebensmittellieferung ist stärker. Denn es gibt die berechtigte Sorge, dass die bisher 10.500 Infizierten und über 850 Toten erst die Spitze des Eisbergs bedeuten, die befürchtete exponentielle Ausbreitung des Virus nicht mehr zu stoppen ist und es zu einem längerfristigen Shutdown kommt.

Geisterstädte

Italiens sonst so lebendige Städte sind mittlerweile Geisterstädte. Und nicht nur die. Von den Südtiroler Skipisten bis in den letzten Zipfel Siziliens gibt es praktisch keine Touristen mehr und die Einheimischen ziehen sich zurück.

Menschen vor Ort sprechen von einer Stimmung "wie im Krieg" oder "wie nach einer Zombie-Apokalypse", auch in der Toskana-Metropole Florenz, die erst zu der seit kurzem erweiterten Sperrzone gehört. "Wir sind letzten Freitag hierher gekommen", sagt der Wiener Historiker Stefan Wolfinger, "wir hatten uns vorher erkundigt und die Auskunft war, dass es keine Bedenken gäbe, alles Museen und und andere Einrichtungen geöffnet wären. Am Tag darauf waren schon alle Museen geschlossen und jetzt haben auch die Geschäfte zu. Die Stadt ist wie ausgestorben."

Florenz, Italien: Die Straßen sind leergefegt

Und weil in Italien auch ein striktes Reise- und Versammlungsverbot verhängt wurde, das von der Polizei streng kontrolliert wird, muss der Historiker nun auf einen vom Außenministerium organisierten Abholflug für in Italien festsitzende Staatsbürger warten. Er wird in der letzten Maschine sitzen, die in der nächsten Zeit von Rom über Venedig nach Wien fliegen wird. Um dort die letzten noch in Ìtalien verbliebenen 150 Österreicher aufzusammeln, die sich anschließend zwei Wochen lang in häusliche Quarantäne begeben müssen.

Verblasster Glamour

Mit dem Tourismus leidet unter anderem auch die so erfolgsverwöhnte Mode- und Luxusbranche, einer der Eckpfeiler des italienischen Wirtschaftssystems. Armani, Gucci, Prada oder Versace - kein Name ist groß genug, um dem Corona-Virus entgegenhalten zu können. Sie alle mussten sich den drakonischen Maßnahmen im Kampf gegen die Epidemie beugen und schließen.

Beispielhaft für die Folgen ist die exklusiven Mailänder Luxusmeile Via Montenapoleone, in der die Geschäftsmieten teurer als auf den Champs Elysees sind und die Mietpreise der Boutiquen 13.500 Euro pro Quadratmeter im Jahr erreicht hatten. Hier herrscht ebenso gespenstische Stille wie in den glitzernden Geschäften der Liberty-Galerie "Vittorio Emanuele" zwischen Domplatz und Scala, einst Magnet für betuchte chinesische Touristen und Jetset-Königinnen. Mailand ist zur Geisterstadt geworden.

Galerie Vittorio Emanuele in Mailand: Hier sind wie in ganz Italien die Geschäfte geschlossen

Die einzige Gewissheit, die es jetzt gibt: Wir werden, wie auch der österreichische Gesundheitsminister Rudolf Anschober betont hat, in den nächsten Wochen und Monaten anders leben müssen als wir es gewohnt sind und vielleicht gerne würden. Und im Anschluss daran hoffentlich Lehren daraus ziehen und Vorkehrungen treffen, um in Zukunft mit ähnlichen Situationen besser umgehen zu können. Denn das nächste Virus kommt bestimmt.

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