Schwesternwirtschaft: Die Töchter des Finanzministers

Beide Töchter von Finanzminister Hans Jörg Schelling sind leidenschaftliche Unternehmerinnen geworden - und haben schon erfahren, was es heißt, unter politischen Beschuss zu kommen.

Natürlich seien sie "eine privilegierte Familie", sagen die beiden Schelling-Töchter Julia (links) und Katharina, "dennoch ist unser Vater das beste Beispiel dafür, dass wir in einem Land leben, in dem man etwas werden kann, wenn man etwas leistet".

Natürlich seien sie "eine privilegierte Familie", sagen die beiden Schelling-Töchter Julia (links) und Katharina, "dennoch ist unser Vater das beste Beispiel dafür, dass wir in einem Land leben, in dem man etwas werden kann, wenn man etwas leistet".

Die Berührungspunkte eines jeden Steuerzahlers mit dem Finanzminister sind vielfältig und selten angenehm. Am Ende läuft es immer auf ein und dasselbe hinaus: Er will mein Geld.

Wenn der Finanzminister der eigene Vater ist, wird es komplizierter. Vor allem wenn man ein Geschäft hat und dem Registrierkassenzwang unterliegt, der in Österreich seit 2016 gilt. Beides trifft auf die Töchter von Hans Jörg Schelling zu: Katharina Schelling, 38, betreibt ein Heurigenlokal, und die um zwei Jahre jüngere Julia Schelling schupft neben einer kleinen Marketingberatung auch das familiäre Weingut, das Ab-Hof-Verkauf betreibt. Theoretisch ist das der Stoff für packende Familiendramen. Am Ende läuft es eher wie in einem Rosamunde- Pilcher-Film ab.

Die Schelling-Sisters fungieren mitunter sogar als ausgelagerte Poststelle für den Finanzminister. Nicht selten kreuzen in der Heurigenstube "Katharina's" mitten am Hauptplatz des oberösterreichischen Kurorts Bad Hall betagte Herren auf und deponieren bei der älteren Tochter maschingeschriebene Anliegen an den obersten Steuerherren, die sie prompt weiterleitet. Julia erledigt die Beschwerdevermittlung eher via E-Mail, und sie ruft den Vater auch aktiv an, wenn sie vermeintliche Ineffizienzen in der Finanzverwaltung entdeckt.


Ich bin stolz darauf, dass meine Töchter diesen Weg aus freien Stücken gegangen sind.

Hans Jörg Schelling, Finanzminister

Und was sie über die Registrierkasse denken, könnten PR-Strategen nicht schöner formulieren: "Damit hat man alles viel besser unter Kontrolle: Man weiß, was man verkauft, und kommuniziert direkt mit dem Finanzamt", sagt Katharina. Und Julia ergänzt: "Was ich für die Registrierkasse ausgebe, spare ich mir in der Buchhaltung. Wenn jemand darüber lamentiert, dann hat schon vorher etwas mit dem Geschäftsmodell nicht gestimmt. Leider hat die negative Berichterstattung darüber die positiven Effekte der Steuerreform völlig überlagert."

In der Tat: Wutunternehmer sehen anders aus. Und nein: Abstimmung zu diesem Thema habe es nicht gegeben. Kein Wunder, dass der Finanzminister sagt: "Ich bin stolz darauf, dass meine Töchter diesen Weg aus freien Stücken gegangen sind."

Kreatives Duo

Katharina und Julia sind Kinder aus Schellings erster Ehe mit Angelika, die wie der Finanzminister Studentin der Betriebswirtschaft in Linz war. Und beide Töchter sind dort geblieben, wo die Mutter lebt: Im 2.000-Seelen-Ort Pfarrkirchen, wenige Kilometer von Bad Hall entfernt. Strategisch keine allzu schlechte Lage: 20 Minuten nach Steyr, 25 Minuten nach Linz, 40 Minuten zum geliebten Attersee, wo Schelling seit Kurzem auch einen Badegrund gepachtet hat.

Am "Wahlwürstelsonntag", dem 4. Dezember, haben sie sich wieder getroffen im "Katharina's". Das Lokal, in dem sie und Julia früher als Kellnerinnen gejobbt haben, hat die studierte Architektin vor vier Jahren übernommen.

Und weil die kleinere, aber deutlich größer gewachsene Schwester eine professionell-pfiffige Marketingfrau ist, lassen sich die Schelling-Sisters gemeinsam immer wieder etwas einfallen, um den Mix aus Turnvereinsstammgästen und Burn-out-Patienten aus der nahen Reha-Klinik etwas aufzupeppen -zum Beispiel eben den "Wahlwürstelsonntag".

Am Tag der Bundespräsidentenwahl konnte man da zwischen verschiedensten Wurstvariationen wählen, es kam die örtliche Politprominenz ebenso wie der Vater und Finanzminister höchstselbst, der sogar einmal hinter dem Zapfhahn gesichtet wurde.

Hans Jörg Schelling, Vorarlberger, studierter Betriebswirt, hat an praktisch all seinen beruflichen Wirkungsorten kräftige Spuren hinterlassen: den oberösterreichischen Möbelhändler XXXLutz hat er an seinem vorigen Arbeitgeber kika/Leiner vorbei zur Nummer eins der Branche gepuscht. Als Chef des Sozialversicherungshauptverbandes trieb er die Entschuldung der Kassen voran.

Und als Finanzminister hat sich der Marketingprofi zumindest den Ruf erarbeitet, im Gegensatz zu seinen Vorgängern etwas vom Fach zu verstehen. Bekommt man da in die Wiege gelegt, zum Erfolg verdammt zu sein?

Langer Schatten

Katharina zieht zunächst einmal an ihrer Zigarette und kichert. "Fünf Meter vor dem Ziel gibt man nicht auf", echot sie einen Satz, den sie vom Vater zigmal gehört hat und der sie am Ende doch noch über die Ziellinie des Architekturstudiums an der TU Wien getragen hat.

Was nicht heißt, dass das Erreichen der Ziellinie auch schon die Erfüllung bedeutete. Denn nach einigen Jobs in der Branche wurde ihr klar, dass ihre Bestimmung ganz woanders lag: Ihr kleines Lokal, das in Wien als Tschecherl durchgehen würde, ist ihr Reich, inzwischen kennt sie 80 Prozent ihrer Gäste beim Vornamen, Familienverhältnisse inklusive.

Aus Sicht der Finanz ist "Katharina's" eine Musterbetrieb. Oft hört man die Inhaberin eine Hausverstandsweisheit aufsagen, die auch der Finanzminister schon in zig Interviews geäußert hat: "Du kannst auf Dauer nicht mehr ausgeben, als du einnimmst." Er gilt für einen Staatshaushalt von 75 Milliarden Euro ebenso wie für eine Heurigenquetsche mit einigen Hunderttausend Euro Umsatz. Ihren eigenen Jahresabschluss, sagt Katharina, will sie immer schon am 1. Jänner des Folgejahres abgeben, so sehr ist sie von finanzieller Akkuratesse getrieben, seit sie Wirtin ist. Sie sei "die Besonnenere ", urteilt der Herr Papa.

Julia, laut Vater der Typ "dynamische Macherin", hat es hingegen weniger mit Merksätzen: Sie ist extrem umsetzungsorientiert. Während Katharina Telefonieren hasst und sich sogar Arzttermine persönlich ausmacht, hängt die Schwester viel an der Strippe, um zwischen dem Management einer 21 Monate alten Tochter und zweier Firmen die Bälle in der Luft zu halten. Selbsteinschätzung: "Diplomatie ist nicht meine Stärke. Von meinem Vater habe ich sicher den Ehrgeiz und den Willen, etwas zu bewegen", schmunzelt sie und steckt sich ebenfalls eine Zigarette an. (Das Rauchverbot in der Gastronomie ab 2018 wird das viel größere Problem für die Nachkommenschaft des Ministers.)

Nach der Matura ist Julia nach Spanien abgepascht, hat später in Krems Unternehmensführung studiert und in Linz eine Tourismusmanagementausbildung absolviert. Als One-Woman-Show berät sie mit ihrer Firma Marketing Akku Mittelständler bei ihren Inszenierungsstrategien. Im Herbst 2014 -mitten in einer Ultraschalluntersuchung - erreichte sie der Anruf, dass sie das väterliche Weingut in Herzogenburg übernehmen sollte - aus Compliance-Gründen.

Hans Jörg Schelling war eben in die Regierung berufen worden.

Wo in Zukunft der Schwerpunkt liegen soll -in der Beratung oder beim Veltliner -, darüber ist sie sich noch nicht sicher. "Ich bin für manche meiner Kunden quasi die ausgelagerte Marketingabteilung und habe ein intensives Vertrauensverhältnis zu ihnen. Das Weingut wiederum bietet viel Entwicklungsfantasie, und Wein ist einfach ein schönes Produkt. Wo mein Herz hängt, ist deshalb schwer zu sagen. Ich bin zwiegespalten."

Politische Köpfe

Beide haben gesellschaftspolitisch prononcierte Ansichten, die zu hundert Prozent ins Weltbild des leistungsorientierten Mittelstands passen, einer Kernklientel der Partei des Vaters, der ÖVP.

"Das Anspruchsdenken nimmt überhand, das Leistungsdenken geht verloren", sagen sie unisono und werden einen Moment lang ernst, bevor sie losrattern. "Sicher sind wir eine privilegierte Familie. Dennoch ist unser Vater das beste Beispiel dafür, dass wir in einem Land leben, in dem man etwas werden kann, wenn man etwas leistet. Leistung muss sich aber wieder lohnen, Unternehmer müssen gestärkt werden. Wir müssen es schaffen, Eigenverantwortung zu einer Tugend zu machen."

Klassenkampf

Das klingt schon ziemlich nach Vatersprache und Politikerrede. Doch auch wenn Julia für die ÖVP im Prüfungsausschuss der Gemeinde Pfarrkirchen sitzt, verneinen beide kategorisch, in dieser Hinsicht irgendwelche Ambitionen zu haben.

Vor allem weil sie erlebt haben, wie es sich anfühlt, in die Schusslinie zu geraten. Am 1. Mai 2015 packte der Wiener Bürgermeister den Klassenkämpfer in sich aus und nahm den vermögenden Minister und seine Nachkommenschaft ins Fadenkreuz. Wenn es endlich Millionärssteuern gebe, schleuderte Michael Häupl in Richtung Schelling, dann könne auch der Finanzminister sicher sein, "dass seine Enkelkinder in einer ganz wunderbaren Stadt leben werden. Auch wenn sie dann gelegentlich hinausfahren in das Weingut nach Niederösterreich, das sie geerbt haben von Ihnen, um dort bei der Feldarbeit zumindest zuzuschauen, damit sie wissen, wie Arbeit ausschaut."

Enkelkind Helene war da gerade einige Wochen alt, und die Töchter, die sich in heimatlichen Pfarrkirchen auch in der Flüchtlingshilfe engagieren, halten es anderthalb Jahre danach noch immer für infam, auf so billige Weise für klassenkämpferische Zwecke ins Schaufenster gestellt worden zu sein.

Wenn man angegriffen wird, schweißt das jedoch umso mehr zusammen. Schon den Umstand, dass die Enkelin in jener Nacht geboren wurde, als sich die Regierung auf das Großprojekt Steuerreform geeinigt hat, betrachtet jedenfalls der Finanzminister als gutes Omen: "Dafür sollten wir dankbar sein."

Gut möglich also, dass es noch einige weitere Rosamunde-Pilcher-Momente bei den Schellings geben wird.

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