Die Schweiz: Vorbild für Großbritannien?

Die Schweiz: Vorbild für Großbritannien?

Die Schweizer Wirtschaft steht auch ohne EU-Mitgliedschaft glänzend da. Damit könnte diese ein gutes Vorbild für Großbritannien sein. Wie die beiden Volkswirtschaften dastehen, was sie unterscheidet und wie die Chancen sind, dass der Inselstaat ein ähnlich erfolgreiches Solo hinlegt. Und wie sich Anleger verhalten sollen.

Großbritannien braucht nach dem geplanten Austritt aus der Europäischen Union einen Plan B. Vorbild könnte die Schweiz sein, die bereits politisch unabhängig ist und wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Martin Hüfner, Chefökonom der Fondsgesellschaft Assenagon, geht der Frage nach, ob das eine realistische Option ist.

Tatsächlich steht die Schweiz wirtschaftlich sehr gut da. Zürich und Genf sind auch ohne EU große und effiziente internationale Finanzplätze. Die Schweiz hat kaufkraftbereinigt ein um fast 40 Prozent höheres Pro-Kopf-Einkommen als derzeit Großbritannien.

Komplexes Geflecht bilateraler Verträge

Die Eidgenossen haben jedoch einen umfangreichen Zugang zum EU-Binnenmarkt, der durch ein komplexes System von über 120 bilateralen Verträgen geregelt ist. Ein solches System auszuhandeln ist schwierig und zeitaufwendig, argumentiert Hüfner und weiter: „Es bedarf auf britischer Seite auch der entsprechenden Fachleute. Die gibt es derzeit aber nicht.“ Schließlich werden Handelsverträge seit 30 Jahren nicht mehr in London, sondern nur noch in Brüssel ausgehandelt. Angeblich gibt es nur noch 35 Fachleute auf der Insel, die sich mit der Materie auskennen. Gebraucht würden 700 bis 800.

Zudem akzeptiert die Schweiz viele EU-Regeln, die die Engländer nicht haben wollen. Eines der Zugeständnisse der Schweizer ist die umstrittene Arbeitnehmerfreizügigkeit, die es EU-Bürgern seit Jahren ermöglicht, sich in der Schweiz anzusiedeln.
Auch im Bereich Finanzdienstleistern macht die Schweiz gegenüber der EU umfangreiche Zugeständnisse. Was für die Engländer ebenso schmerzlich wäre. „Bisher konnten die Briten diese Regeln aktiv mitgestalten“, argumentiert Hüfner, dessen Gesellschaft 17 Milliarden Euro Kapitalvermögen verwaltet. Der für Finanzdienstleistungen zuständige Kommissar war in den vergangenen Jahren ein Brite.

Unterschiedliche volkswirtschaftliche Voraussetzungen

Doch selbst wenn Großbritannien diesen Forderungen der EU bereit wäre nachzugeben, sind die Strukturen der Volkswirtschaft der beiden Länder recht unterschiedlich. Die Schweiz hat traditionell eine viel niedrigere Geldentwertung als Großbritannien. Sie hat solide Staatsfinanzen, ihr Haushaltsdefizit beträgt 0,2 Prozent des BIP (Großbritannien 4,4 Prozent) und ihre Staatsverschuldung ist mit 46 Prozent gering als die Großbritanniens, die 89 Prozent beträgt. Was jedoch im EU-Westeuorpa-Vergleich wesentlich niedriger ist als in vielen anderen EU-Staaten, wie auch in Österreich.

Schweizer Wirtschaft: Große Industrie und Überschüsse

Die Schweiz hat einen gegenüber England vergleichsweise hohen Industrieanteil. Der Anteil des Produzierenden Gewerbes beträgt 21 Prozent, verglichen mit 15 Prozent in Großbritannien. Hüfner: „Die Schweizer sind damit viel weniger auf den Finanzsektor angewiesen als Großbritannien.“ Die Schweizer haben zudem seit Jahren einen Überschuss in der Leistungsbilanz, Großbritannien dagegen ein Defizit. Großbritannien braucht Kapitalzuflüsse, die Schweiz ist dagegen Netto-Kapitalexporteur.

Franken unter Aufwertungsdruck, Pfund mit Abwärtsrisiken

Die Schweiz verfügt über eine Währung, die traditionell zur Aufwertung neigt. Das liegt an der soliden Wirtschaft und dass die Eidgenossenschaft damit für internationale Kapitalbewegungen ein sicherer Hafen ist. Das Britische Pfund Sterling war in der Nachkriegszeit lange Zeit eine Abwertungswährung. Erst in den letzten 20 Jahren hat sich die Währung, nicht zuletzt aufgrund der Konkurrenz durch den Euro, auf einem guten Niveau gehalten „Damit könnte es aber vorbei sein“, warnt Hüfner.

Großbritannien hat daher laut dem Chefvolkwirt eine viel schlechtere Ausgangsposition als die Schweiz, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. „Es wird es schwerer haben, sich ohne Zugehörigkeit zum Binnenmarkt in der Welt zu behaupten“, so der Ökonom. London will deshalb seine Wettbewerbsfähigkeit pushen. Dazu gehören niedrige Unternehmenssteuern, wie sie der britische Finanzminister angeregt hat. Hüfner: „Großbritannien muss die Unternehmen verstärkt dem Druck der internationalen Märkte aussetzen und so die Produktivität erhöhen.“ Das kann die Wirtschaft Großbritanniens zu neuen Höchstleistungen führen. Dass die Briten jedoch nach Schweizer Vorbild erfolgreich sein könnten, hält er nicht für realistisch.

Tipp für Anleger: Abwarten und Tee trinken

Dennoch sollten Anleger nach Einschätzung von Hüfner abwarten, wenn seit dem Brexit-Referendum der britische Aktienindex FTSE 100 auch auf ein Jahreshoch gestiegen ist. Das beruhe weniger darauf, dass die Anleger vom Brexit so begeistert waren. Vielmehr waren es die Währungsgewinne der Exportunternehmen durch die Abwertung des Pfundes. Dennoch sollten Anleger auf absehbare Zeit nicht davon aus, dass Großbritannien die neue Schweiz wird. Hüfners:„Ich rate Anlegern in Großbritannien zur Vorsicht. Selbst wenn es gelingt, die Wirtschaft wieder flott zu kriegen, bleibt das Damoklesschwert einer weiteren Abwertung.“

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