Saisonal bedingte Kündigungen: Unternehmen in die Pflicht?

Saisonal bedingte Kündigungen: Unternehmen in die Pflicht?

Arbeitslos mit Wiedereinstellungsgarantie: Mit Experience Rating Modellen könnten Kosten auch für Unternehmen gerechter aufgeteilt werden.

In Saisonbetrieben haben die Kündigung und spätere Wiedereinstellung von Mitarbeitern System. Laut WIFO entstehen dadurch jährlich Kosten von rund 430 Millionen Euro. Experience Rating Modelle könnten Unternehmen die Mitarbeiter ganzjährig beschäftigen entlasten und Betriebe mit regelmäßigen saisonalen Schwankungen in die Pflicht nehmen.

Das vorübergehende Beenden von Beschäftigungsverhältnissen mit anschließender Wiedereinstellung beim selben Arbeitgeber ist seit jeher gängige Praxis. Vor allem in Saisonbetrieben oder in Branchen mit großen saisonalen Schwankungen werden über mehrere Monate nicht benötigte Dienstnehmer oft abgemeldet und "stempeln" geschickt, also beim AMS "zwischengeparkt", um sie zu Beginn der nächsten Saison wieder einzustellen.

Vielfach sind die Betriebe in der Baubranche, im Tourismusgeschäft, in der Gastronomie oder in der Arbeitskräfteüberlassung tätig, eine im Auftrag der Arbeiterkammer erstellte WIFO-Studie zeigt jedoch, dass das System in etlichen weiteren Wirtschaftsbereichen praktiziert wird: Auch in den Bereichen „Verkehr und Lagerei“, „Kunst, Unterhaltung und Erholung“, „Grundstücks- und Wohnungswesen“, sowie „Wasser-, Abwasser- und Abfallentsorgung“ werden Beschäftigungsverhältnisse relativ häufig beendet und nach kurzer Arbeitslosigkeit mit denselben Mitarbeitern wieder begründet.

Aus der Sicht der Betriebe ist das Vorgehen verständlich. So kann der Personalbestand an saisonbedingte und sonstige Auslastungsschwankungen angepasst und in der Zeit, in der es weniger Geschäft gibt, die Personalkosten reduziert werden. AK-Präsident Johann Kalliauer kritisiert diese Vorgehensweise jedoch nach Analyse der Studie: „Mit dieser Strategie wälzen die Firmen die Kosten von Auftragsschwankungen auf die Allgemeinheit ab. Außerdem sind die betroffenen Beschäftigten mit ständiger ökonomischer Unsicherheit und mit Zukunftsängsten konfrontiert, werden aus dem betrieblichen Alltag gerissen und haben längerfristig schlechtere Erwerbs- und Einkommenschancen.“

Zahlen aus der WIFO-Studie:

  • Durch saisonal bedingte Kündigungen entstanden 2017 Kosten von 432 Millionen Euro. In der Zahl sind die vom AMS zu zahlenden Sozialversicherungsbeiträge während der Arbeitslosigkeit noch nicht berücksichtigt.
  • Betriebe verursachten dadurch einen Prozentpunkt der Arbeitslosenquote oder ein Achtel der Gesamtarbeitslosigkeit.
  • 2017 entfielen fast 14 Prozent (rund 270.000) aller Neubeschäftigungen auf Wiedereinstellung nach Abmeldung beim gleichen Arbeitgeber.

Neue Ansätze zur Finanzierung der Arbeitslosenversicherung könnten die Zahl saisonal bedingter Kündigungen reduzieren und Unternehmen, die Mitarbeiter trotz gelegentlicher, mitunter regelmäßig wiederkehrender Auslastungsschwankungen ganzjährig beschäftigen, entsprechend belohnen. Auch wenn sich die Praxis des gezielten "Zwischenparkens" damit wohl kaum aus der Welt schaffen lässt, weisen die WIFO-Studienautoren auf die Möglichkeit eines „Experience Ratings“ - einer erfahrungsbasierten Arbeitsalosenversicherung hin. Dabei könnte die Beitragslast der Betriebe für das Arbeitslosenversicherungssystem dem Risiko entsprechender gestaltet werden und Saisonarbeitslosigkeit verringert werden.

Beitragszahlungen nach Verursacherprinzip

Konkret bedeutet das etwa: Die Finanzierungsbeiträge der Arbeitgeber würden damit von ihrem Kündigungsverhalten abhängen und Betriebe müssten im Sinne des Verursacherprinzips stärker für die Kosten aufkommen. Diejenigen Betriebe, die wenig Kosten verursachen, würden dadurch entlastet werden.

Derartige Systeme gibt es bereits, etwa in den USA, und die Erfahrungen daraus zeigen laut WIFO, dass damit sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die damit einhergehenden Sozialversicherungsausgaben reduziert werden könnten. Aktuell fehlen jedoch in Österreich solche Anreizsysteme, weil der Arbeitslosenversicherungsbeitrag für alle Betriebe mit drei Prozent des Bruttolohns gleich ist. Das Kündigungsverhalten schlägt sich somit nicht auf die Kosten der Unternehmen nieder

Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat bereits im Jahr 2000 eine seinerzeit vom Wirtschaftsministerium unter Johannes Farnleitner in Auftrag gegebene Studie erstellt, derzufolge die Mehrheit der Unternehmen von einer solchen Neuregelung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge profitieren würde. Das Gesamtausmaß der Arbeitslosigkeit werde, so das IHS, von einer eingeschränkten Anzahl von Unternehmen hervorgerufen. Erhöhte Beitragssätze würden sich daher auf eine geringe Zahl von Unternehmen konzentrieren, für die überwiegende Anzahl der Unternehmen würden sich durch das Experience Rating dagegen die Beitragssätze verringern. "Rund drei Viertel der Beschäftigten waren in Betrieben tätig, die aufgrund einer erfahrungsbasierten Finanzierung der Arbeitslosenversicherung geringere Beiträge geleistet hätten", heißt es in der IHS-Publikation zu der Untersuchung.

Ein Vorschlag der Arbeiterkammer wäre als Folgerung der neuen WIFO-Studie, dass das Arbeitslosengeld im ersten Monat der Arbeitslosigkeit von den Unternehmen getragen werden müsse. (Ein-Monats-Experience-Rating).

Michael Tojner

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