Rollende Kristallsteine: Swarovski aus der Schweiz

Zum bevorstehenden Mitarbeiterabbau am Stammsitz in Wattens wurde nun ein Sozialplan ausgearbeitet. Für den neuen Swarovski-CEO Robert Buchbauer zählt Nostalgie wenig. Er zieht aus der Schweiz die Fäden beim Umbau des Kristallkonzerns und kennt dabei keine heiligen Kühe.

Robert Buchbauer, CEO Swarovski

Robert Buchbauer, CEO Swarovski

Der Kristallkonzern Swarovski befindet sich in einem massiven Change-Prozess - dem wohl größten seit seiner Gründung durch Daniel Swarovski vor 125 Jahren. Eingeleitet wurde der Wandel vom neuen CEO Robert Buchbauer, einem Ururenkel des Gründers. Zu Beginn steht ein groß angelegter Mitarbeiterabbau. In Wattens wird mit September beginnend die Belegschaft bis Ende 2021 von zuletzt 4.800 auf 3.000 reduziert.

Eine Taskforce aus Vertretern des Landes Tirol, Sozialpartnern und der Konzernspitze hat einen Plan ausgearbeitet, um die Kündigungen möglichst sozial abzufedern. "Weil wir unsere Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Swarovski sehr ernst nehmen, erweitert das Land Tirol die von Swarovski gegründete Arbeitsstiftung auf 500 Plätze. Falls weitere Plätze benötigt werden, übernimmt Swarovski die vollen Kosten", erklärte Landeshauptmann Günther Platter.

Alle 1.200 Mitarbeiter, die vom Stellenabbau betroffen sind, würden vom Sozialplan aufgefangen. Der mit 60 Millionen Euro dotierte Sozialplan soll bis Ende 2021 laufen. Das Unternehmen wendet dafür weitere 25 Millionen Euro auf. Zudem wurde garantiert, dass kein Mitarbeiter, der fünf Jahre vor der Regel- oder Korridorpension steht, seinen Arbeitsplatz verliert.

Die Dienstverhältnisse der Betroffenen sollen gestaffelt enden. So erfolgt auch der Beginn der Arbeitssuche bzw. der Eintritt in die Swarovski-Arbeitsstiftung zu unterschiedlichen Zeiten. "Dieser Zeitraum wird sich über mehrere Monate bis weit ins Jahr 2021 hineinziehen. Dadurch haben die MitarbeiterInnen mehr Zeit, sich Gedanken über den weiteren beruflichen Werdegang zu machen, da ihnen nach dem Austritt noch drei Monate bleiben, um in die Stiftung zu gehen", heißt es in der Aussendung des Unternehmens.

Nostalgiebefreiter Firmenchef

Firmenchef Buchbauer geht den von ihm geplanten eingeschlagenen Kurs konsequent. Und er hat dafür den familiären Rückhalt. Buchbauer lebt seit 25 Jahren in der Schweiz hat von Männedorf am Zürichsee aus das Konsumgütergeschäft (CGB) Unternehmens, das er seit 2001 führt, zum Funkeln gebracht. Das Business mit Swarovski-Uhren oder Schmuck steht heute für drei Viertel der Kristall-Umsätze und für 58 Prozent der Gesamtumsätze des Konzerns, zu dem auch die Schleifmittel-Sparte Tyrolit und Swarovski Optik gehören. "CGB ist mittlerweile die profitabelste Sparte und hat den Komponentenbereich klar überholt", sagt Buchbauer stolz.

Der Komponentenbereich von dem Buchbauer spricht ist das bisher von Markus Langes-Swarovski in Wattens geleitete B2B-Geschäft. Es ist durch brutalen Preisdruck, aber auch durch eine Reihe von Fehlentscheidungen regelrecht abgestürzt . Bereits im Hochkonjunkturjahr 2019, in dem zudem Rückschläge wie die Zerstörung des Swarovski-Shops an den Pariser Champs-Élysées durch die "Gelbwesten" zu verkraften waren, waren die Umsätze im Gesamtkonzern deshalb rückläufig; einen kolportierten Verlust in zumindest zweistelliger Millionenhöhe will Buchbauer nicht kommentieren.

Umbau im Milliardenkonzern

Der weltweit aufgestellte Konzern erwirtschaftete zuletzt mit 32.000 Beschäftigten 3,5 Milliarden Euro Umsatz. In der Covid-19-Krise wurden aber fast 90 Prozent der rund 2.700 Swarovski-Shops weltweit zeitweise geschlossen. Noch Mitte Juli lag das Produktionsniveau in Wattens um 70 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Obwohl der wichtigste Einzelmarkt, China, sich eben wieder erholt, "ist am zweitwichtigsten Markt USA die Nachfrage komplett eingebrochen", berichtet Buchbauer.

Der nun folgende Personalschnitt in Wattens ist nicht der erste und einzige im Kristallkonzern. Binnen weniger als 15 Jahren - vor der Wirtschaftskrise 2008 waren in Wattens noch über 6.700 Mitarbeiter beschäftigt - wird das Beschäftigungsniveau damit mehr als halbiert. Weltweit wurden seit Jahresbeginn sogar 6.000 Jobs gestrichen.

Noch vor den Arbeitern hat es Marketing, Verkauf und Controlling getroffen. Bisher hatte jeder der drei Kristall-Geschäftsbereiche CGB, Komponenten und Edelsteine entsprechende eigene Abteilungen, nun werden sie zusammengelegt und von der Schweiz aus gesteuert. Das bedeutet das Ende von 200 Jobs in Tirol. "Schon bisher war Männedorf ja teilweise Headquarter", räumt der seit 1993 in der Belegschaftsvertretung tätige Arbeiterbetriebsratschef Ernst Daberto ein.

"Zentraler Standort oder "Zentrale"

Daberto räumt damit auch mit der Vorstellung von Wattens als alleiniger Kommandozentrale des Konzerns auf: Finanzen und Administration werden schon seit Längerem offiziell aus einem schicken, vor zehn Jahren gebauten Gebäude am Zürichsee geführt, wo rund 500 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die Gremien tagen abwechselnd einmal hier, einmal da. Doch diese Balance ist jetzt dahin. Der Betriebsratschef auf die Frage, ob die Schweiz de facto jetzt Konzernzentrale ist: "Davon gehe ich aus."

Dass Wattens "als Hauptstandort gewährleistet" ist, wie Swarovski-CEO Robert Buchbauer nach dem Krisengipfel mit Vertretern der Landesregierung und Sozialpartnern versicherte, heißt nicht, dass es künftig auch das Headquarter sein wird, in dem die Entscheidungen fallen.

Bleiben soll in Tirol auf absehbare Zeit die Glaserzeugung, also der Hüttenbetrieb und Teile des Veredelungsprozesses. Welche genau das sind, soll erst geklärt werden - ebenso, welche Rolle die anderen globalen Swarovski-Produktionsstandorte in Serbien, Indien, Vietnam und Thailand künftig spielen.

Selbst in einer angespannten Situation wie jetzt, wo üblicherweise die Verbundenheit mit der alten Heimat betont wird, lässt sich Buchbauer nicht mehr als den Satz entlocken, dass Wattens, "die Wiege von Swarovski", auch "zukünftig einen fixen Platz in der Produktionskette haben wird". Der Schwerpunkt solle aber auf Forschung und Entwicklung liegen, nicht mehr in der Herstellung und Bearbeitung von Glaskristallen.

AG und Börsegang

Zur Machtverschiebung im Konzern passt, dass Buchbauer die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft anvisiert - ein in der Geschichte der Glitzerdynastie mehrfach diskutiertes, nie realisiertes Manöver. Derzeit besteht Swarovski aus einer Vielzahl eher lose aneinander gereihter Gesellschaften von der D. Swarovski KG in Wattens bis zur Swarovski International Holding AG in Männedorf. Mangels konsolidierter Bilanz mussten jedoch nicht nur die Betriebsräte schlicht immer dem glauben, was ihnen die Geschäftsleitung servierte. Auch die professionelle Konzernsteuerung war durch die immense Zersplitterung erschwert.

Für sein Manöver muss Buchbauer im Herbst jedoch erst einmal die 250 Familienmitglieder, allen voran die 57 Swarovski-Gesellschafter, überzeugen. Wo wäre aber der Sitz einer AG - in Österreich oder in der Schweiz? Auf trend-Anfrage wollte er dazu nichts sagen. Laut Insidern sondierten aber bereits vor dem Beginn der Corona-Zeit Swarovski-Vertreter am Finanzplatz Zürich, um Kapitalmarktperspektiven für das Traditionsunternehmen auszuloten.

Vieles deutet darin, dass der neue CEO keine Tabubrüche scheut. Im bisher sorgsam austarierten Swarovski-Gefüge, in dem es auch immer das Gleichgewicht zwischen den drei Familienstämmen Wilhelm, Fritz und Fred - benannt nach den drei Söhnen des Gründers - zu wahren galt, gärt es kräftig.

Erstmals seit 1974, als Markus-Lange-Swarovskis Vater Gernot Szepter übernahm, ist kein "Fred" mehr in der höchsten Managementebene - obwohl der Stamm die meisten Anteile hält. Nadja Swarovski-Adams, das wohl bekannteste Gesicht des Konzerns nach außen und ebenso wie Buchbauer aus der "Fritz-Linie", verlor nach Meldungen auf Modeportalen im Zuge des Umbaus ihre Verantwortung für die Konzernkommunikation und für Atelier Swarovski, die von ihr gegründeten Designer-Kollektion.

Noch werden die Gremien - neben dem Executive Board vor allem der Beirat - aus Familienmitgliedern beschickt. Doch auch das könnte sich ändern, ebenso, wie neben einem Börsengang die Hereinnahme eines externen Partners eine zweite Option ist, falls das AG-Manöver gelingt. "Im Kern wollen wir weiterhin ein Familienunternehmen bleiben", beteuert Buchbauer.


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