„Wir sind stolz, Dividenden ausschütten zu können“

Robert Zadrazil, Chef der Bank Austria, im trend-Interview. Der Vorstandschef sieht sein Institut gut aufgestellt für die Krise. Trotz stark fortschreitender Digitalisierung will er keine weiteren Filialen mehr schließen.

Robert Zadrazil, Vorstandsvorsitzender Unicredit Bank Austria

Robert Zadrazil, Vorstandsvorsitzender Unicredit Bank Austria

trend: Die EZB hat in letzter Zeit immer öfter die Befürchtung geäußert, die Corona-Krise könne sich zu einer Bankenkrise auswachsen. Teilen Sie diese Befürchtung?
Robert Zadrazil: Anders als in der Finanzkrise, in der die Finanzmärkte Teil des Problems waren, sind in der Corona-Krise die Banken Teil der Lösung, indem sie Unternehmen und Haushalte mit Liquidität versorgt haben. Diese beispiellose Krise wird aber bestimmt nicht ohne Auswirkungen an den Banken vorübergehen. Man hat ja auch gesehen, dass die Banken die Risikovorsorgen sehr früh erhöht haben, auch wir in der UniCredit Gruppe haben bereits im 1. Quartal zusätzlich vorgesorgt. Die Voraussetzungen in dieser Krise sind aber ganz andere als in der letzten, weil allein die durchschnittliche Kapitalquote bei den europäischen Banken doppelt so hoch ist wie vor der Finanzkrise. Wir als Bank Austria verfügen sogar über eine Gesamtkapitalquote von über 20 Prozent und sind damit sehr gut in der Lage, unsere Kunden weiterhin gut zu unterstützen.

Die EZB hat auch angekündigt, sie wird sich die Kreditportfolios jetzt stärker anschauen. Was wird Sie bei der Bank Austria vorfinden?
Wie bei jeder Rezession wird es auch bei uns Kreditausfälle geben, aber wir sind gut vorbereitet. Eine Prognose ist zurzeit aber noch schwierig. Aktuell merken wir noch kein Ansteigen der Ausfälle und wir sehen eine sehr starke Bereitschaft unserer Kunden, den Zahlungen nachzukommen. Auf unserer Seite ist die Flexibilität aber auch sehr groß, individuelle Lösungen mit unseren Kunden auszuhandeln. Aber natürlich machen wir uns nichts vor: es gibt kaum Gewinner in dieser Krise. Dennoch sehen wir, es bestehen zwar aktuell viele Risiken, aber auch viele Chancen. Das heißt wir sehen unsere Rolle auch darin, einen strategischen Dialog mit Unternehmen zu führen, wie sie sich – Stichwort Marktbereinigung, Adaptierung des Geschäftsmodells – künftig besser aufstellen können.

Wie ist in diesem zweiten Lockdown die Nachfrage nach Stundungen oder Notkrediten?
Das sind nur Einzelfälle.


Es gibt kaum Gewinner in dieser Krise. Es bestehen aber viele Chancen.

Wirklich kritisch wird es dann wohl erst im Frühjahr, wenn Moratorien und Förderungen auslaufen, oder?
Ja, davon gehen wir auch aus, wenngleich die Moratorien auch noch verlängert werden können. Die große Komponente bei Privatkunden wird die Arbeitslosigkeit sein, mit deren Höhepunkt wir Anfang nächsten Jahres rechnen. Unsere Prognosen gehen davon aus, dass wir hier so rasch keine Erholung sehen werden. Mit neuerlichen Krediten rechne ich hier aber kaum, eher mit weiteren Zahlungsverschiebungen nach hinten.

Haben Sie grundsätzlich das Gefühl, dass die Krise von der Regierung gut gemanagt wurde? Sie haben ja jüngst einmal gezielte Zukunftsinvestitionen gefordert. Zufrieden?
Natürlich kann man im Nachhinein immer etwas finden, dass man besser machen hätte können. Aber verglichen mit vielen anderen europäischen Ländern muss man der Regierung ein positives Attest ausstellen. Niemand war auf diese Krise vorbereitet. Angesichts dessen muss man mit der Vielzahl und der Breite der Maßnahmen, die in Österreich gesetzt wurden, schon zufrieden sein. In Summe gibt es kaum ein Land in Europa, das ein ähnlich gutes Maßnahmenpaket geschnürt hat.

Deutsche Banker fordern wegen der außerordentlichen Belastung eine Senkung der Bankenabgabe. Ist das auch in Österreich ein Thema?
In Österreich gibt es ja noch immer eine nationale Bankenabgabe. Natürlich ist das immer ein Thema, vor allem in der jetzigen Situation.


Ein weiterer Zinsschritt der EZB wäre für die Wirtschaft sicher nicht sehr hilfreich.

Manche Experten rechnen damit, dass die EZB heuer noch einen Zinsschritt vornimmt. Ist das für Sie denkbar?

Wir haben jetzt schon gesehen, dass die minus 0,5 Prozent der Wirtschaft nicht weiterhelfen. Die Liquidität ist überall da, es gibt überall die Möglichkeit der Finanzierung. Daher wäre ein weiterer Schritt sicher nicht sehr hilfreich.

In welchem Ausmaß verrechnet die Bank Austria ihren Kunden Negativzinsen?
Wir verrechnen keine Negativzinsen für Privatkunden und das ist auch nicht geplant. Aber wir treten mit Unternehmen, die bei uns große Guthaben haben, individuell in Kontakt, um mit ihnen über alternative Veranlagungen zu sprechen.

Die EZB hat empfohlen, Dividenden nicht auszuschütten. Was halten Sie davon?
Ich verstehe den Grund dafür. Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass man hier für ein Level-playing-field sorgen muss, sprich europäische Banken dürfen aus Investorensicht nicht anders als etwa US-Banken behandelt werden. Grundsätzlich sind wir als Bank Austria sehr froh, dass wir so erfolgreich wirtschaften, dass wir Dividenden ausschütten können. Gerade in Zusammenhang mit unserer sehr guten Eigenkapitalquote sind wir doppelt stolz.


Wir befinden uns in einer Phase, wo es gerade für KMU wichtig ist, das Eigenkapital zu stärken.

Die Bank Austria ist auch als Investor bei dem „Stolz auf Wien“-Fonds mit dabei. Wieso?
Wir befinden uns in einer Phase, wo es gerade für KMU wichtig ist, das Eigenkapital zu stärken. Als Bank sehen wir uns zwar nicht als Risikokapitalgeber für einzelne Unternehmer. Aber „Stolz auf Wien“ ist eine punktgenaue Initiative, die Unternehmen regional unterstützt, was uns sehr gefällt.

Sind weitere Initiativen Ihrer Bank in dem Bereich denkbar?
Wir sind nicht in der Situation, dass es zu viele derartige Initiativen gibt, um den Wirtschaftsstandort zu unterstützen. Also schließe ich es nicht aus.

Die Corona-Krise beschleunigt die Digitalisierung. Wie macht sich das in ihrem Haus bemerkbar?
Sehr stark. Die Akzeptanz der Kunden gegenüber digitalem Banking nimmt ganz klar zu, auch von Kunden, die früher nicht so affin waren. Die Videoberatung wird auch von älteren Kunden sehr stark angenommen. Auch im Mobile Banking verzeichnen wir mehr als 20 Prozent mehr Logins.


Ich bin überzeugt, dass wir Bankfilialen auf längere Sicht noch brauchen.

Die Bank Austria betreibt in Österreich mehr als 120 Filialen. Braucht man die auf längere Sicht dann noch?
Ich bin überzeugt, dass wir sie noch brauchen. Wir haben unsere Hausaufgaben in der Vergangenheit schon gemacht und fühlen uns mit dieser Zahl sehr gut aufgestellt. Die persönliche Betreuung bleibt integraler Bestandteil unserer Geschäftsstrategie.

Wie viel investieren Sie in Cyber Security?
Wir haben unsere IT-Investitionen in den letzten Jahren ständig erhöht, auch nächstes Jahr wird es mehr werden. Cyber Security ist davon ein wichtiger Teil. Aber wir investieren nicht nur Geld, sondern auch massiv in die Schulungen unserer Mitarbeiterinnen.

Die EZB will einen digitalen Euro auf den Weg bringen. Wie denken Sie darüber?
Die Rahmenbedingungen dafür sind ja noch weitgehend unklar. Aber dieser digitale Euro soll das Bargeld nicht abschaffen, nur ergänzen. Aus meiner Sicht kann man angesichts der starken Verbreitung von digitalen Währungen jedenfalls auch über die Einführung eines digitalen Euro nachdenken.

Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Geschäftsbanken dann obsolet werden könnten?
Ich gehe davon aus, dass ein digitaler Euro Geschäftsbanken nicht abschaffen wird.


Es wird stärker in Richtung an Nachhaltigkeitskriterien gebundener Finanzierungen gehen.

Die EZB hat jüngst auch gemeint, die Banken müssten Klimarisiken stärker in Betracht ziehen. Was genau heißt das?
Nachhaltigkeit wird auch für uns als Bank immer wichtiger. Als Finanzindustrie haben wir eine enorme Hebel- und Vorbildwirkung. Das betrifft nicht nur unsere Veranlagung, sondern wir reduzieren auch unseren CO2-Ausstoß kontinuierlich. Auch für die Unternehmen wird es immer wichtiger, Umweltrisiken zu berücksichtigen, damit sie künftig Zugang zu Liquidität bekommen. Etwa in der Immobilienbranche sind „green“ oder „blue“ buildings längst wertbestimmender Faktor, wenn es um Investoreninteresse geht.

Kann das so weit gehen, dass Banken günstigere Kredite für nachhaltige Projekte vergeben?
Ja, es gibt bereits an Nachhaltigkeitskriterien gebundene Finanzierungen. Das wird sicher stärker in diese Richtung gehen. Für Privatkunden ist das derzeit nicht angedacht, ich schließe das aber für die Zukunft nicht aus. Aber alle Lenkungseffekte sollten nicht über Banken laufen.

Der Gerichtsstreit mit der 3-Banken-Gruppe läuft nun schon sehr lange. Könnte man diese Angelegenheit außergerichtlich nicht viel billiger lösen?
Es besteht der begründete schwerwiegende Verdacht, dass das 3-Banken-Syndikat, die Rechte von Minderheitsaktionären wie der Bank Austria verletzt hat. Die Entscheidung, das gerichtlich auszutragen, haben wir als mit 1,8 Milliarden größter Minderheitsaktionär auf Basis der vorliegenden Informationen und sicher nicht leichtfertig getroffen. Das gehört aufgeklärt.

Sie sind jetzt seit knapp 5 Jahren an der Spitze der Bank Austria. Wie lange läuft Ihr Vertrag?
In der UniCredit-Gruppe laufen die Vorstandsverträge drei Jahre lang, mein Vertrag läuft also bis Anfang 2022.

Im Aufsichtsrat der Bank Austria sitzen bis auf zwei Ausnahmen nur Manager der UniCredit als Kapitalvertreter. Wie viel Spielraum haben Sie da als CEO der Bank Austria?
Wir haben alle Gestaltungsmöglichkeiten, die wir brauchen. Wir sind stolz, Teil einer erfolgreichen europäischen Geschäftsbank zu sein. Die Mischung im Aufsichtsrat ist sehr gut.


Zur Person

Robert Zadrazil, 50, steht seit knapp fünf Jahren an der Spitze der Bank Austria. In seiner Ära musste die Bank Austria außerdem die Osteuropa-Agenden an die italienische Mutter UniCredit abgeben.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 48/2020 vom 27. November 2020 entnommen.

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