RHI Magnesita: Patchwork am Weg zur neuen Identität

RHI Magnesita CEO Stefan Borgas

RHI Magnesita CEO Stefan Borgas

Ende Oktober wurde die Fusion der Feuerfest-Konzerne RHI und Magnesita von den Kartellbehörden genehmigt und das Unternehmen in "RHI Magnesita" umbenannt. CEO Stefan Borgas zur weiteren Zukunft des Konzerns.

"Gemeinsam mit meiner Frau habe ich sechs mittlerweile erwachsene Kinder aus jeweils zwei Ehen", erzählt RHI Magnesita CEO Stefan Borgas gerne aus seinem Privatleben. Und dass die Zeit, die ihm das Berufsleben ließ, aus diesem Grund stets hauptsächlich dem Familienmanagement galt.

Die Erfahrungen, die der 53-jährige Manager dabei sammeln konnte - auch hinsichtlich des Zusammenführens von Kulturen und mitunter unterschiedlichen Vorstellungen - sind für den gebürtigen Deutschen heute Gold wert: Seit Dezember 2016 ist Borgas CEO der RHI Magnesita. Zwei Monate bevor er nach Wien kam hatten die österreichische RHI und die brasilianische Magnesita ein Sale-And-Purchase-Agreement (SPA) unterzeichnet, mit dem Ziel, die bis dahin in harter Konkurrenz stehenden Konzerne zu fusionieren und zur Nummer Eins am Weltmarkt zu werden.

Knapp ein Jahr danach sind die wichtigsten Hürden dafür genommen. Am österreichischen Nationalfeiertag, dem 26. Oktober 2017, konnte der Zusammenschluss nach Abschluss der kartellrechtlichen Prüfungen vollzogen werden und schon am Tag darauf startete die neue RHI Magnesita im Premium Segment der Londoner Börse. "Wir sind von der Randbörse Wien in das internationale Rampenlicht gekommen", sagt Borgas dazu und zieht ein erstes, positives Resümee aus dem Wechsel nach London: Der Kapitalmarkt London sei viel größer und liquider, man stehe dort in einem Umfeld vergleichbarer Unternehmen und werde ab Jänner auch im FTSE 250 gelistet sein. Auch wenn es für die Aktie gut wäre, in Wien nach wie vor am dritten Markt (Global Market) gelistet zu sein, habe sich der Umsatz mit den Wertpapieren in den eineinhalb Monaten seit dem Listing in etwa verdreifacht.

Und der Wert der Aktie (ISIN NL0012650360) hat sich seit dem Börsendebut in London ebenfalls gut entwickelt, ist von 38 Euro auf aktuell 45,68 Euro gestiegen.

Baustellen der Fusion

Abgesehen von diesem ersten Erfolg gibt es jedoch noch unendlich viele Baustellen, um aus der früheren in Österreich beheimateten RHI und der brasilianischen Magnesita und deren Mitarbeitern eine neue, funktionierende RHI-Magnesita-Patchwork-Familie zu gestalten. Mit dem Tausch der Firmenlogos ist das längst nicht erledigt. Auf den neu geformten Konzern, der mit 14 Prozent Anteil Marktführer am extrem fragmentierten Weltmarkt für die in der industriellen Rohstoff-Erzeugung und Fertigung benötigten Keramik-Feuerfest-Stoffe ist, kommen noch viele, teils auch schmerzhafte Schritte zu.

Alleine in der Verwaltung und im Vertrieb fallen als Folge der Fusion rund 750 Arbeitsplätze weg. 250 Mitarbeiter haben das Unternehmen bereits verlassen, weitere 250 bereits benannte Mitarbeiter werden das bis zum Ende des ersten Quartals 2018 tun und im Folgejahr weitere 250. Annähernd ebenso viele werden von Werksschließungen oder die Zusammenlegung von Produktionsanlagen betroffen sein. Von den aktuell etwa 14.000 Mitarbeitern in 37 Ländern werden am Ende der fusionsbedingten Restrukturierung vielleicht 12.500 übrig bleiben. "Wir haben aber keine Leute verloren, die wir nicht verlieren wollten" betont Borgas.

Weitere Baustellen: Die früheren Magnesita-Stammsitze in Sao Paolo, Brasilien und in Hilden, Deutschland, werden geschlossen, die operative Zentrale für die Südamerika-Geschäfte nach Belo Horizonte, Brasilien verlagert. In China hofft man ins Geschäft zu kommen, ist aber bislang an Strukturen und der eigenen Produktqualität gescheitert: Man ist zu gut und auch zu teuer für die Billig-Fertigungen in China, doch hier zeichne sich eine Trendwende ab, meint Borgas. China setze nun mehr auf Qualität und möglicherweise eröffne sich in Zukunft die eine oder andere Geschäftschance.

Markt ohne Wachstum

Der Hauptgrund für die Fusion der beiden Feuerfest-Konzerne war, dass das Geschäft der Unternehmen extrem aufwändig und zudem kaum mehr nach oben skalierbar ist. So stellt der RHI-Magnesita-Konzern rund 120.000 verschiedene Produkte her und der Markt stagniert seit Jahren. "Es gibt kein Wachstum, also müssen wir andere Wege gehen, und die sind Wettbewerber zu übernehmen oder zu verdrängen", sagt Borgas. Der Zusammenschluss zur RHI-Magnesita sei der notwendige Schritt gewesen, um für die weitere, absehbare Konsolidierung des Marktes entsprechend gewappnet zu sein. Borgas: "Es gibt tausende Mitbewerber, von denen viele ums Überleben kämpfen."

Knapp zwei Monate nach der erfolgten Fusion will der RHI-Magnesita-CEO noch nicht allzu viel über dessen Gelingen sagen. "Wir nehmen dafür noch keine Glückwünsche entgegen. Das ist noch zu früh. Erst 2018 entscheidet sich, ob der Merger ein Erfolg wird oder nicht", sagt er. Zumindest einige seiner Sorgen hätten sich mittlerweile nahezu verflüchtigt: Die Kunden haben dem neuen Unternehmen die Treue gehalten, auch wenn sie nun von anderen Key-Accountern betreut werden, der Aktienhandel habe sich positiv entwickelt und auch auch die Rohstoffpreise hätten sich so entwickelt, dass selbst das bereits geschlossene Problemwerk in Norwegen wieder in Betrieb genommen werden konnte. "Eine Dauerlösung ist das aber nicht", gibt Borgas zu. Das Werk liegt in einer entlegenen, strukturschwachen Region und sei unter normalen Bedingungen schlichtweg nicht wirtschaftlich.

Andernorts kämpft das Unternehmen mit ganz anderen Problemen. In Österreich etwa. Hier laufen die Werke vorbildlich, gelten als die effizientesten und produktivsten im ganzen Konzern. Doch es sei schlichtweg unmöglich, die notwendigen Fachkräfte zu finden. "Der Markt ist ausgetrocknet", sagt Borgas und richtet einen Wunsch an die neue Bundesregierung: "Ich würde mir eine intelligente Einwanderungspolitik wünschen."

Und dann ist am Stammsitz Wien - wo auf jeden Fall weiterhin das Hauptquartier des Konzerns bleiben soll wieder Borgas' Geschick beim Zusammenführen von Kulturen gefragt: Die alte RHI war ein von weißen Männern, vorwiegend Österreichern und Deutschen gelenkter Konzern mit strikten, auch in der Raumaufteilung des Gebäudes klar erkenntlichen Hierarchien. Nun sind "Diversity" und "Offenheit" angesagt: Zahlreiche Brasilianer - Ex-Magnesita-Mitarbeiter und Manager - werden in die Wiener Zentrale kommen, starre Bürostrukturen werden aufgebrochen, Mitarbeiter aus anderen Märkten gesucht und Borgas will auch den Frauenanteil am Headquarter deutlich erhöhen. Man könnte es auch "Patchwork-Management" nennen.

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