Rexel Austria CEO Pfarrwaller: "Aus der Pandemie Schlüsse ziehen"

In der Corona-Krise ist beim Elektrogroßhändler Rexel Austria kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. CEO Robert Pfarrwaller, der auch Obmann des Elektro- und Einrichtungsfachhandels in der Wirtschaftskammer ist, zieht Lehren aus der Pandemie und hat Forderungen Richtung Bildungspolitik.

Rexel Austria CEO Pfarrwaller: "Aus der Pandemie Schlüsse ziehen"

Robert Pfarrwaller, seit 2014 Chef von Rexel Austria, führt den Elektrogroßhändler aus dem Home Office durch die Corona-Pandemie.

Die Rexel-Gruppe mit Stammsitz in Paris ist der größte Elektrogroßhändler für die Industrie, das Elektrohandwerk, Baugewerbe, Elektrofachhandel und das Gewerbe. Rexel gilt als Lieferant von sogenannter systemrelevanter Infrastruktur. Als Großhändler für Industrie, Handwerk und Fachhandel liefert Rexel auch für Unternehmen Produkte für Sensorik, Automatisierung und Antriebstechnik.

Robert Pfarrwaller, der seit 2014 CEO von Rexel Austria ist, und im November 2020 zum neuen Obmann des Elektro- und Einrichtungsfachhandels in der Wirtschaftskammer gewählt wurde, sprach mit dem trend über das Jahr der Pandemie und seine Lehren als verantwortlicher Manager eines Unternehmens mit 700 Mitarbeitern an 17 Standorten.


1. Der Warnschuss aus Bergamo

Im Februar war in Österreich die Welt scheinbar noch in Ordnung. Die Covid-19-Pandemie war weit entfernt, gefühlt ein Problem, das nur China und die Region Wuhan beschäftigte. Doch in Italien, vor allem im Norden in der Region Bergamo, standen die Zeichen schon auf Alarm und die Warnung der dort ansässigen Kollegen erreichte die österreichische Niederlassung.

„Wir wurden schon im Ende Jänner von den Kollegen von Rexel in Italien vor Covid-19 gewarnt“, erinnert sich Pfarrwaller. Dann ging es schnell. Pfarrwaller: "Im Februar sahen wir von Kollegen - vor allem von denen in Bergamo -, wie sich Covid verbreitete und zum Totalstillstand führte. In Italien wurden Anfang Februar 50 Prozent der Rexel-Niederlassungen auf Verfügung der Behörden zugesperrt. Das war quasi für Rexel Austria der Startschuss für einen Plan B."

Der Rexel-Chef überlegte mit seiner Führungsmannschaft, wie das Unternehmen für seine Kunden auch in schwierigen Zeiten ein verlässlicher Partner sein könnte. Pfarrwaller: „Italien hat uns gezeigt, wie auf einmal das Geschäft ganz anders aufgestellt werden muss. Wir haben uns Laptops, VPN-Zugänge, Bildschirme beschafft, um auf einen Lockdown vorbereitet zu sein“, erinnert sich Pfarrwaller. Gleichzeitig wurden sämtliche Mitarbeiter aus ihren Auslandseinsätzen mitsamt Familien zurückbeordert. „Im Vordergrund stand die Sicherheit der Mitarbeiter.“ Das alles zu einem Zeitpunkt, als die Pandemie in Österreich noch gar nicht angekommen zu sein schien und Ischgl noch nicht als Virenschleuder Europas zweifelhaften Ruf erlangt hatte.

2. Lockdown und Corona-Modus

Im März ging es dann Schlag auf Schlag. „Der Lockdown bedeutete für uns, dass sämtliche Vertriebs- und Kundenaktivitäten via Webshop, Telefon und Videokonferenz abgewickelt werden mussten. Für die Mitarbeiter hieß es ins Homeoffice, für den Großteil der insgesamt 700 Beschäftigten aus den 16 Standorten quer durch Österreich bedeutete der Lockdown zunächst Kurzarbeit“, so Pfarrwaller.

Für das Geschäft ergaben sich dabei ganz neue Fragestellungen. „Etwa, was passiert, wenn das Lager gesperrt wird?“, sagt Pfarrwaller. Eine Befürchtung, die sich dann doch nicht einstellte. Man überlegte aber, wie man auch darauf vorbereitet sein konnte.

Das in manchen anderen Branchen problematische Thema Lieferkettenmanagement mit damit verbundenen Lieferschwierigkeiten etwa von Zulieferern aus China war für den Elektrogroßhändler dabei ein untergeordnetes Problem. „Ein Großteil unserer Lieferanten produziert in Europa, zudem ist das Risiko gemildert, weil wir für eine Produktgruppe mehrere Zulieferer haben“, betont Pfarrwaller. Und die Zulieferer der Zulieferer – die mitunter in China ansässig sind - hatten offenbar ebenfalls keine gröberen Probleme oder gar Lieferschwierigkeiten.

Doch von Routine konnte in der Krise dennoch kaum die Rede sein. Für den eigenen Vertrieb von Rexel und seiner Marken Schäcke und Regro veränderte der Lockdown so ziemlich alles. Vor der Coronakrise wurden rund 46 Prozent der Bestellungen digital abgewickelt, mit dem ersten Lockdown waren es dann 50 Prozent. Und als die Leute Anfang Mai wieder aus der Kurzarbeit zurückkamen, weil auch zunächst das Baugewerbe, damit auch Handwerk und der Fachhandel wieder ihren Betrieb aufnahmen, ging es auch bei Rexel fast im Regelbetrieb weiter – verstärkt über den Digitalen Vertriebskanal.

Der Anteil der digitalen Vertriebsschiene blieb trotz der zwischenzeitlichen Lockerungen hoch. „Bei Schäcke und Regro erzielen wir nun rund 54 Prozent des Umsatzes digital“, so Pfarrwaller. Geholfen habe bei dem Digitalisierungsschub, dass Rexel bereits seit 2007 Erfahrung mit dem Online-Handel hat diesen kontinuierlich weiterentwickelt hatte. So konnte auch in der Krise eine 24-Stunden-Erreichbarkeit ermöglicht werden. Die rund 16.000 Kunden hatten zusätzlich zu den klassischen Kommunikationskanälen etwa auch die Möglichkeit, per Live-Chat mit Rexel in Kontakt zu treten.

3. Zurück zum Top-down Management

Für das Management hatte sich mit Corona ziemlich alles geändert. „Wir sind alle ins Homeoffice“, sagt Pfarrwaller. Meetings fanden zunächst täglich statt, im Verlauf der Lockerungen wurde die Schlagzahl etwas reduziert auf „ein bis zwei Meetings pro Woche“.

Pfarrwallers Credo war davor stets der kollaborative Führungsstil. Doch in der Covid-Pandemie galten für ihn andere Führungstugenden: "In Videokonferenzen sind klare Ansagen und knappe Ausführungen gefragt. Dabei braucht es rasche Entscheidungswege, schnelle Entscheidungen und Ausführungen. Summa summarum: Top-down im Lockdown als Krisenmanagement."

Die Begeisterung für das Videoformat bei Business-Meetings hält sich jedoch in Grenzen. Zwar seien die Meetings zeitlich wie inhaltlich straffer, kürzer geworden. Ein Gewöhnungseffekt für das Videofenster will sich aber auch bei dem CEO des größten österreichischen Elektrogroßhändlers nicht so richtig einstellen. Pfarrwaller: „Das persönliche Treffen bleibt notwendig und wichtig und kann durch eine Videokonferenz nicht ersetzt werden. Mimik und Körpersprache gehören bei sozialen Wesen zur Kommunikation, die im Videofenster eingeschränkt ist. Nicht zu vergessen ist der kreative Aspekt, der bei persönlichen Treffen wesentlich stärker zur Entfaltung kommt.“

4. Der neue Alltag

Für den Rexel Austria-CEO hat sich selbst sehr viel im Tagesablauf geändert. „In den vergangenen Jahren war ich drei Tage die Woche unterwegs, nun bin ich plötzlich täglich zuhause“, sagt Pfarrwaller. „Das bedeutete einen völlig anderen Arbeitsstil. Gewohnte Rituale mussten verändert werden.

Seine Learnings aus den Lockdowns sind klar: „Sicher werden in Zukunft die Flugreisen weniger werden und wir werden verstärkt per Video kommunizieren – ganz ohne physische Meetings geht’s aber dennoch nicht.“ Auch die Digitalisierung hat ihre Grenzen. Größere Unternehmensmeetings, Messen oder Kundenveranstaltungen könnten nicht einfach ins Netz verlagert werden. Pfarrwaller: „Ich denke da auch an neue Produkte, wie etwa aus dem Bereich Photovoltaik, Smart Home, neue Messgeräte und vieles mehr – das sind alles erklärungsbedürftige Produkte, die wir unseren Händlern und Partnern präsentieren müssen.“

5. Ausblick Digitalisierung und Fachkräftemangel

Die Corona-Pandemie habe zudem aufgezeigt, dass in Österreich das Thema Digitalisierung noch stärker als bisher auf die Agenda genommen werden müsse. „Das wird uns auf jeden Fall in Zukunft leiten. Wir müssen aus der Corona-Pandemie die richtigen Schlüsse ziehen.“ Dabei gehe es nicht nur die Supply-Chain, der Prüfung der Lieferantenbeziehungen.

Einmal mehr betont der Rexel-Austria-Chef den seit über 20 Jahren bekannten Fachkräftemangel: „Wir haben zu wenig Lehrlinge und einen massiven Fachkräftemangel. Und das müssen wir lösen.“ Die Gründe dafür seien laut Pfarrwaller bekannt: „Weil wir Lehrberufe nicht attraktiv dargestellt haben, wurde ein Problem geschaffen.“

Zudem kommt: Neue Ausbildungsgänge und Lehrberufe würden durch die Digitalisierung geradezu verstärkt. „Digitalisierung ist auch ein Bildungsthema, das in der Schule und in der Ausbildung verstärkt zu behandeln sein wird“, betont Pfarrwaller. In den Lehrberufen und an den Schulen werde das Thema Digitalisierung immer noch vernachlässigt.

Eine der Lehren aus der Pandemie müsse daher sein, dass die Bildung in den Schulen, aber auch die berufliche Ausbildung rasch auf den Prüfstand gestellt wird. „Wir müssen uns fragen, wo sind die Talente, was passiert zum Thema Digitalisierung in den Schulen, was passiert mit den Lehrberufen, haben wir die richtigen Ausbildungsgänge für die neuen Berufsbilder oder wie sieht die Gesellschaft in 20 Jahren aus?“ Themen wie Internet-of-Things, Smart-Home, Erneuerbare Energien oder Klimaschutz erfassen auch die Lehrberufe. Pfarrwaller: "Da gibt es Nachholbedarf."


Über Rexel

Rexel. Der börsennotierte Konzern (ISIN FR0010451203) beschäftigt 27.000 Mitarbeiter an 2.000 Niederlassungen in 26 Ländern. Die Gruppe erzielte im Jahr 2019 einen Umsatz von 13,7 Milliarden Euro. Auf Österreich und Rexel Austria entfiel davon im Jahr 2019 ein Umsatzanteil von 380 Millionen Euro. Rexel Austria beschäftigt rund 700 Mitarbeiter an 17 Standorten mit eigenen Logistikzentren und Zustellflotten. Zu dem Elektrogroßhändler Rexel gehören auch die Marken Schäcke und Regro. Insgesamt hat das Unternehmen über 40.000 Artikel auf Lager und Zugriff auf über 800.000 Produkte.


Zur Person

Robert Pfarrwaller hat seine Karriere 1985 beim holländischen Leuchtenkonzern Philips gestartet und kam nach Auslandsstationen - unter anderem in Russland, Singapur, Australien und Neuseeland zurück nach Europa. Ab dem Jahr 2003 war Pfarrwaller für Philips Lightning Regionschef für Deutschland, Österreich und die Schweiz. 2009 wurde er Chef von Philips Austria ehe er 2014 zu Rexel wechselte, wo er als Leiter der Region Central Europe für Österreich und Slowenien zuständig ist. Im Jahr 2020 rechnet Pfarrwaller trotz der Covid-19-Pandemie und der Lockdowns mit einem Umsatzwachstum im einstelligen Bereich. Im November 2020 wurde Pfarrwaller zum neuen Obmann des Elektro- und Einrichtungsfachhandels in der Wirtschaftskammer gewählt.

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