Das große Rennen nach dem Brexit

Das große Rennen nach dem Brexit

THE BOAT RACE. Welche Universität hat in der Post-Brexit-Welt die Nase vorn? Im alljährlichen legendären Kräftemessen zwischen den Ruderteams von Cambridge (links) und Oxford auf der Themse war zuletzt Cambridge zweimal siegreich.

Drei Jahre nach dem Referendum herrscht an den britischen Eliteunis mehr denn je Ratlosigkeit, wie es nach dem Austritt weitergeht. Ein trend-Lokalaugenschein in Cambridge.

Florin Udrea ist ein Neobrite, wie er im Buche steht. Seine wissenschaftliche Heimat hat der Rumäne Ende der 90er-Jahre an der Eliteuni Cambridge gefunden. Der Mikroelektronik-Experte hat inzwischen über 70 Patente angemeldet und fünf Start-ups mitgegründet, eines hat er an die österreichische Austriamicrosystems verkauft. Er ist Multimillionär.

Doch das Brexit-Referendum vor drei Jahren hat seine Welt zutiefst erschüttert. "Das hier fühlt sich nicht mehr wie mein Zuhause an", sagt er, dessen Kinder in Großbritannien aufwachsen, bei einem Besuch des trend im Maxwell Centre von Cambridge. Zur emotionalen Betroffenheit kommen handfeste Hindernisse beim Forschen: Rund 70 Prozent der Mittel von Udreas Forschungsgruppe kommen aus EU-Töpfen, die für die Briten nun allmählich austrocknen. Sogar der vielfach ausgezeichnete Professor selbst ist nicht mehr sicher, ob er dauerhaft bleiben will.



Wenn es keinen Deal gibt, wäre das ein echtes Desaster. Ich weiß nicht, was dann passiert.
Florin Udrea
Mikroelektronik-Professor, Cambridge University


74 Prozent der 144.000 Einwohner von Cambridge, 80 Kilometer nördlich von London gelegen, haben beim Referendum 2016 für einen Verbleib des Königreichs bei der EU gestimmt. An den 31 Colleges der berühmten Universitätsstadt werden es wohl über 90 Prozent gewesen sein. Die akademischen Institutionen, etwa das schwerreiche Trinity College (siehe Kasten) , und die prächtigen historischen Gebäude gehören zum Markenkern der Stadt wie die Fußballklubs zu Manchester oder die römischen Bäder zu Bath. Nun droht eine Abwanderung von Professoren ebenso wie ein Versiegen der dringend benötigten akademischen Zuwanderung.


CAMBRIDGE

FACTS & FIGURES

144.000 EINWOHNER zählt die Stadt in Cambridgeshire nördlich von London, dazu kommen 30.000 STUDENTEN . Zentral sind die 31 COLLEGES , die über hohe Autonomie verfügen. Ihr kombiniertes Vermögen ist dank zahlreicher privater Spender und umfangreichem Immobilienbesitz mit 6,9 MILLIARDEN PFUND höher als jenes der Universität Cambridge selbst (4,9 Milliarden Pfund).
Das reichste College ist das TRINITY COLLEGE mit einem Vermögen von 1,4 Milliarden Pfund. Keine britische Universität hat mehr NOBELPREISTRÄGER hervorgebracht, nämlich mehr als 100. Zu den berühmtesten gehören James Watson und Francis Crick, die Entdecker der Doppelhelix. In praktisch allen namhaften Rankings der besten Universitäten weltweit rangiert Cambridge unter den TOP FÜNF , meist knapp vor oder hinter Oxford.


Noch ist das Rennen um die Nachfolge von Theresa May als Premierministerin in vollem Gang, doch ein ungeregelter Brexit ist aus heutiger Sicht wahrscheinlicher geworden - insbesondere wenn sich der derzeit aussichtsreichste Anwärter, der frühere Außenminister Boris Johnson, durchsetzt. Das gut eingespielte Erasmus-Austauschprogramm für Studierende käme in diesem Fall zumindest kurzfristig zum Erliegen. "Wenn es keinen Deal gibt, wäre das ein echtes Desaster. Ich weiß nicht, was dann passiert", ist Professor Udrea verzweifelt.

Der Austritt wurde zuletzt auf Ende Oktober verschoben. Aber selbst eine neuerliche Verschiebung des britischen Exits über dieses Datum hinaus wird bereits diskutiert. Entsprechend groß ist die Unsicherheit und Ratlosigkeit an den Unis sowie in der Forschungswelt im Allgemeinen.

Shutdown

Mehr als wohl jeder andere Sektor ist das moderne Wissenschaftssystem auf internationaler Kooperation und Offenheit aufgebaut - und wird deshalb von einem Brexit besonders stark getroffen. Was für Cambridge gilt, gilt ebenso für den ewigen Rivalen Oxford, aber auch für andere britische Spitzenuniversitäten wie das Imperial College und das University College in London, die berühmte London School of Economics (LSE) oder exzellente Nischenunis wie Warwick oder Bristol.

Bei einer Studienreise versuchte sich deshalb jüngst die Austrian Cooperative Research (ACR), ein Netzwerk außeruniversitärer Forschungsinstitute, einen Überblick über die Konsequenzen zu verschaffen. "Selbst ein weicher Brexit wäre im Forschungsbereich eine Katastrophe", bilanziert Johann Jäger, Geschäftsführer der ACR. Gemeinsame Projekte mit den Briten würden in Zukunft zumindest administrativ erheblich schwieriger.

Bis vor Kurzem - in Erwartung eines geregelten Brexits am 29. März - waren die politischen Weichen auf weitere Zusammenarbeit und jedenfalls punktuelle Partizipation der Briten an den Forschungsprogrammen gestellt. "Ein 'No Deal' würde das alles wieder ändern", befürchtet Simon Edmonds von Innovate UK, dem britischen Pendant der Forschungsförderungsgesellschaft FFG.

Derzeit hakt es nicht nur an der großen Perspektive, sondern auch an tausenden kleinen Details. Die junge österreichische Extremismusforscherin Julia Ebner hat sich vor Kurzem in Oxford beworben, wo sie ab Herbst ihr Doktoratsstudium absolvieren will. Eine Frage im Bewerbungsprozess lautete, ob sie davon ausgehe, ein Visum zu benötigen. "Diese Frage kann aber derzeit niemand beantworten", so Ebner. Immerhin hat die Universitätsleitung von Oxford im Gegensatz zu Cambridge bereits einen "Head of Brexit" installiert.

Noch ist Ebner, soeben für ihr Buch "Wut" mit dem Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis ausgezeichnet, am Institute for Strategic Dialogue in London beschäftigt. Auch in dieser Thinktank-Welt, glaubt sie, würden in Zukunft Kooperationen, etwa mit deutschen Forschungsstiftungen, schwieriger: "Da kommt es sicher zu einem Finanzierungsproblem."

Funding

Elf Milliarden Euro haben die Briten aus Horizon 2020 gezogen, dem laufenden Forschungsfinanzierungsprogramm der EU. Allein 267 Millionen Euro holte im Jahr 2018 die Universität Cambridge. Seit 2016 trocknen jedoch die Mittel aus. Die britische Regierung muss in die Bresche springen - oder private Sponsoren, die seit jeher in der angloamerikanischen Wissenschaftswelt eine ungleich wichtigere Finanzierungsrolle spielen.

Einer von ihnen war bisher der in Wien geborene und in Tirol aufgewachsene Hermann Hauser, Mitgründer der Venture-Capital-Gesellschaft Amadeus Capital und Fellow der berühmten Royal Society. Sein imposantes Hauser Forum in West Cambridge gilt als Meilenstein im Technologiecluster der Universitätsstadt. Hauser hat nach eigenen Schätzungen "mehrere hundert Millionen Pfund" am Standort Cambridge investiert. Doch nun ist er eben dabei, die Richtung zu ändern: "Früher war ich zu 90 Prozent in England und zu zehn Prozent in Kontinentaleuropa. Künftig werde ich sicher mehr in Österreich sein."

Kein Wunder, dass nach seiner Schätzung rund 90 Prozent der Royal Society weiterhin für einen Verbleib Großbritanniens in der EU sind. Natürlich stimmte auch der damalige Wissenschaftsminister beim Brexit-Referendum gegen den Austritt -es war ironischerweise Boris Johnsons jüngerer Bruder Jo Johnson. Im letzten Herbst verließ der jüngere Johnson dann aus Protest über den von May mit der EU ausverhandelten Deal die Regierung.

Auf Boris Johnson ist Hauser im Übrigen nicht gut zu sprechen (siehe Interview: "Boris Johnson hat keine Prinzipien") . Die Hoffnung, eine Post-Brexit-Welt werde für England rasch neue, starke Wissenschaftsachsen hervorbringen, etwa durch eine verstärkte transatlantische Kooperation, hält er für blauäugig: "Das wird nur minimal gelingen."

Grand Final

Welche Universität und welches Land das große Rennen nach dem Brexit gewinnt, ist also selbst für die Experten noch nicht im Geringsten erkennbar. Das US-Magazin "Foreign Policy" verkündete Ende 2018 bereits den "Tod der britischen Universität", der durch den Brexit befeuert würde.

Ganz so schlimm wird es nicht kommen, glauben selbst die größten Pessimisten. Doch wenn der Mikroelektroniker Udrea und der Investor Hauser nur zwei von vielen Hunderten sind, haben die britische Wissenschaft und Wirtschaft tatsächlich ein Problem.



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