Helmut Gansterer: Das Reisen am Ende der Finsternis [Essay]

Endlich wieder reisen zu dürfen, ist der drittstärkste Wunsch der Corona-genervten Bürger. Wie dies nach der Seuche aussehen könnte, ist so spannend wie die Frage, ob sich Österreich schneller aus der Wirtschaftskrise erhebt als die Nachbarländer. Einiges spricht dafür. Ein Essay von Helmut A. Gansterer:

Helmut Gansterer: Das Reisen am Ende der Finsternis [Essay]

Ich nehme auf Reisen mein Tagebuch mit, weil ich auch unterwegs was Spannendes lesen will.

Oscar Wilde


Die "Kronen Zeitung", die seit Jahrzehnten niemand liest, den man nach ihr fragt, aber zufällig jeder zu Gesicht bekommt, hat kürzlich wieder ihr Talent für breite Meinungsbildung bewiesen.

Am 14. März hob sie die Laune der meisten Österreicher. An diesem Sonntag zitierte die Krone die wesensähnliche "Bild"-Zeitung. Das deutsche Massenblatt lobte dick und rot unterstrichen das Corona-Testprogramm Österreichs. Auch Kanzler Kurz, der daheim seit Längerem unter Lob-Entzug leidet, wurde beglückt: "Einen wie ihn bräuchten wir auch."

Insgesamt schien das vielen Österreichern gefallen zu haben. Besser zu sein als die Deutschen, ist ein Urtrieb. Man spürte trotz Lockdowns im Osten, der soeben von einer Osterruhe zur Maiandacht verlängert worden war, einen Schub in Richtung Zuversicht. Zumal endlich auch die Zahl der Geimpften progressiv anstieg (wenn auch nur im Mittelfeld der europäischen Staaten, zu wenig für ein ehrgeiziges Land).

Die unbeugsamsten Optimisten riefen gleich wieder ein baldiges Ende der Seuche herbei, einige gar für den Sommer. Doch selbst besonnene Mitbürger mit mittlerem Temperament scheinen die Zukunft nun heller zu sehen.

Es gibt dafür ein Indiz: Neben den zwei Primärfragen der Pandemie-Zeit hebt nun eine dritte, sekundäre Frage schüchtern ihr Haupt.

Die Einser-Sorge

Die elementaren Fragen bleiben verknüpft mit körperlicher und finanzieller Gesundheit. Unverändert die Sorge Nummer eins, ob man selbst samt eigener Sippe von der Seuche verschont bleibt.

Die Sorge Nummer zwei gilt dem finanziellen Überleben. Sie ist insofern der Einser-Sorge fast ebenbürtig, weil ein drohender Verlust der materiellen Sicherheit (Job, eigene Firma) psychosomatisch auch die Gesundheit angreift. Es gibt viele Arten, wie eine geschundene Seele auch den Körper schinden kann. Dazu zählen u. a. Nervenleiden wie Schwermut, Minderwertigkeitskomplex, Depression und Agoraphobie, die im Gefolge von Corona massiv auftreten und alle Seelenärzte in ein Konjunkturhoch geworfen haben.

In dieser Situation ist alles Aufhellende ein Segen. Beispielsweise die Sorge Nummer drei, die momentan noch übermütig nach Luxus klingt: "Werde ich bald wieder reisen dürfen?"

Es überrascht, diese Frage so weit vorne zu finden. Man hätte anderes erwartet. Etwa: "Wann kann ich die lästigen Kinder endlich wieder dauerhaft an die Schulen und Kindergärten delegieren?" Oder: "Wann kann ich das enge Homeoffice- Arbeitszimmer wieder gegen das geräumige, coole Büro tauschen?"


Die Reisewünsche fallen vorerst noch bescheiden aus. So wie überhaupt eine neue Bescheidenheit der Vor-Corona- Dekadenz folgte - der einzige nennenswerte Vorteil der Pandemie.

Man erinnert sich zwar nicht, das Büro in der Vor-Virus-Zeit als Hort der Freude geliebt zu haben, doch nun, wie Wolf Haas schreiben würde, "praktisch Paradies". Und die Bürokollegen, die man früher vereinzelt als "miese Mobber" und "unfaire Konkurrenten" empfand, werden jetzt ausnahmslos als Edeldamen und Gentlemen begriffen, die man zum Plaudern herbeisehnt. Zumal auch der Ehepartner daheim im Homeoffice auf die Dauer ein wenig beengen könnte. In vielen Homeoffice-Familien soll sich die Tonart schon verschärft haben, mit unauslotbaren weiteren Gefahren, praktisch Vergiftung.

Trotz all dieser Umstände drängt sich jetzt das Reisen vor, als drittes Grundbedürfnis nach Gesundheit und Wohlstandssicherheit. Das ist summa summarum Good News.

Bescheidene Reisewünsche

Die Reisewünsche fallen vorerst noch bescheiden aus. So wie überhaupt eine neue Bescheidenheit der Vor-Corona- Dekadenz folgte - der einzige nennenswerte Vorteil der Pandemie.

Zunächst wäre man schon froh, umstandslos die nahe Verwandtschaft in nahen Dörfern besuchen zu können. Dann, in hoffentlich immer längeren Intervallen zwischen immer kürzeren Lockdowns, bald auch die Lieblingsgegenden in Österreich, vielleicht das steirische Vulkanland, Bad Kleinkirchheim und Millstätter See, die Mühlviertler Obstparadiese und den Bregenzerwald.

Oder Kitzbühel, wo wir die Signe Reisch am Werk wissen, im Ski & Golf Hotel Rasmushof. Sie nennt sich selbst kokett "Wirtin". Andere nennen sie als Präsidentin des Kitz-Tourismus die "Orts-Ikone" und "Queen of the Streif", weil ihr Rasmushof im Zielgelände der gefürchteten Hahnenkamm-Ski-Abfahrt liegt. Bemerkenswert im Sinn des Essays: Schon seit 40 Jahren leitet Signe ihr Hotel und Restaurant aus dem wahrscheinlich kleinsten Homeoffice der Welt, einem winzigen Verschlag im Hotel, den sich jeder Hausdiener als Pausenraum verbitten würde.

Die meisten Early Travelers werden, sobald dies umstandslos ohne Test-Belästigung an den Regionalgrenzen möglich ist, zunächst gründlich die eigene Heimat bereisen. Schon dies ein großer Sprung aus oft langer, punktueller Isolation.

Die Reisenden werden von teils schönen, teils egoistischen Motiven bewegt sein. Schön die Solidarität mit den heimischen Gastronomen und Hoteliers. Manche wird man fünf Minuten vor zwölf vor dem Absturz bewahren.

Das gesunde Egoistische wird darin liegen, dass man mit Einkäufen und hohen Reiserechnungen die ganze Wirtschaft pölzt - und damit letzten Endes sich selbst. Es hilft nichts, nur das eigene Unternehmen gesundzupflegen, wenn es mitten in einem brennenden Feld steht.

Nicht auszuschließen, dass man auch dem Staat gestatten muss, am Ende von Corona vorübergehend in den Wettbewerb einzugreifen, wenn es der schnelleren Bewältigung einer neuartigen Wirtschaftskrise dient.

Ein Beispiel dafür hörte ich als Zaungast einer Straßendiskussion von wirtschaftspolitischen Insidern. Sie waren gut zu verstehen, weil sie vorbildlich die Distanz wahrten und laut durch ihre FFP-Masken sprachen. Ich gebe den Inhalt frei wieder, aber ohne Gewähr. Die Rede war vor allem von Airlines, die man noch einige Zeit nach Corona im Auge behalten sollte.

Man wolle europaweit, so hörte ich, die traditionell flügellahmen und subventionshungrigen Fluggesellschaften daran hindern, sich wie Selbstverstümmler und Lemminge gleich wieder in die ruinösen Rabattschlachten der Zeit vor Corona zu stürzen. Obszön niedrige Ticketpreise brachten viele Bilanzen ins Wackeln und führten zu einer tsunamiartigen Massenfliegerei. In deren Verlauf alle Qualitäten abgeschichtet wurden, die früher das Fliegen zu einer Freude gemacht hatten.

Man will diesen Missstand nicht mehr aufleben zu lassen. Mit teureren, auch höher besteuerten Tickets und weniger Flügen. Schließlich einigten sich die Europäer jüngst, im Klimawandel nun den gemeinsamen Feind Nummer eins zu sehen. Eine überraschende Großtat der EU. Eine erste Absichtserklärung, für die Zukunft der Kinder und Kindeskinder gedankliche Vorsorge zu treffen, was viele Sympathiepunkte bringen wird.

Sollte diese Vision verwirklicht werden, wird es zwei Arten von schäumenden Gegnern geben. Erstens Airline-Bosse, die ein Ende der freien Wirtschaft beklagen. Das wird insofern komisch klingen, als sie immer brav stillhielten, wenn sich die Staaten mit Milliarden-Subventionen einmischten.

Zweitens die Fernreisetouristen. Vor Corona durften sie sich um kleines Geld als große Globetrotters fühlen. Eine begreifliche Freude und Anhebung des Lebensstils. Hier wird, wie auch bei anderen Wohlstandsprodukten, noch einige Jahre ein Downsizing unvermeidlich sein.

Nur ein tapferes Großrudel von Flugtouristen wird sich von allen Widrigkeiten unbehelligt zeigen. Man wird nie einen patriotischen Heimaturlaub buchen. Und jeden Ticketpreis zahlen. Denn der Jahreshöhepunkt der Rudeltiere ist an die Sandstrände balearischer Inseln gebunden. Dort ist das Komasaufen am schönsten. Für ihre Lieblingsinsel fanden sie einen Kosenamen, der sich in aufrichtiger Lautmalerei an das Wort "lallen" lehnt. Mallorca ist ihnen der Sehnsuchtsort Malle.

Noch ist vieles, das mit der Wirtschaftskrise nach Corona zu tun hat, in vagen Nebel getaucht. Die Hauptlast der Bewältigung liegt aber mehr denn je bei unseren 250.000 genialen KMU. Denn so wie die Virus-Seuche eine singuläre Heimsuchung gewesen sein wird, wird auch diese Wirtschaftskrise singuläre, noch unbekannte Probleme aufwerfen. Weshalb ein spezieller KMU-Vorzug besonders gefragt ist: Flexibilität infolge idealer Firmengröße.

Die kleinen und mittelgroßen Unternehmen gleichen den Flugzeug-Tragflügeln, die effizient und unzerstörbar wurden, als sie sich nicht mehr steif gegen den Flugwind stemmten, sondern elastisch an diesen anpassten. Österreich wird daher mit hoher Wahrscheinlichkeit schneller aus der Krise auffliegen als alle Nachbarländer.

Meinen klugen Leserinnen und schönen Lesern den vertrauten Abschiedsgruß: be good, next time, same station.


Andreas Lampl, Chefredakteur trend

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