Das Reich von René Benko und der Drang nach Größe

Das Reich von René Benko und der Drang nach Größe

Lohn der Geduld: Nach drei gescheiterten Anläufen wird Kaufhof diesmal bei der Signa von René Benko landen.

Karstadt, kika/Leiner und nun Kaufhof - mit der Kaufhof-Übernahme wird René Benko seine Signa Retail auf über sieben Milliarden Umsatz pushen. Wie Signa den rasanten Aufstieg zum europäischen Handelskonzern managt und finanziert. Zweifel an der Finanzkraft des Signa-Konzerns sind trotz der irren Expansion unberechtigt.

Es ist der Sommer des René Benko. Nur ein paar Wochen, nachdem er in nur zehn Tagen die Übernahme der Möbelhandelskette kika/Leiner durchgezogen hat, steht er jetzt vor der Finalisierung eines noch viel größeren Coups. Benkos Signa-Konzern will jetzt auch die deutsche Kaufhaus-Kette Kaufhof schlucken. Ein Rahmenvertrag mit dem Kaufhof-Eigentümer Hudson Bay Company (HBC) ist unterschrieben. Zwei bis drei Wochen werden noch Details geprüft. Was mühevoll ist, weil etliche US-Anwaltskanzleien involviert sind. Ende Juli soll der Deal perfekt sein. Und nach drei vorangegangenen Anläufen sieht es diesmal nicht danach aus, als würde die Sache noch im letzten Moment scheitern.

Die Eckpunkte der Vereinbarung: Für 100 Millionen Euro gehen 51 Prozent des operativen Geschäfts von Kaufhof an Signa. 800 Millionen werden in einen Hälfteanteil an der HBS Global Properties investiert, der 41 Kaufhof-Filialen gehören. Eine Fusion mit dem Konkurrenten Karstadt, der bereits seit zwei Jahren zu 100 Prozent den Österreichern gehört, steht formal vorerst nicht am Programm. Sehr wohl sollen Synergien gehoben werden. Und Karstadt-Boss Stephan Fanderl soll auch die Geschäfte bei Kaufhof führen. Ob das im nächsten Schritt zu einem Zusammenschluss Richtung Gemeinschaftsunternehmen führt, ist derzeit noch offen - und wird auch von den Kartellbehörden abhängen.

Die 96 Kaufhof-Standorte erzielten im Vorjahr 2,5 Milliarden Umsatz. Mit diesem Volumen und der Integration von kika/Leiner kommt die Signa Retail schon auf über sieben Milliarden Umsatz. Sie wäre damit schon halb so groß wie Österreichs größter Handelskonzern, die Spar-Gruppe. 42.000 Mitarbeiter wird Benkos Handelssparte zählen, wenn die Transaktion wie geplant abgeschlossen wird. Das hat, was er immer wollte: eine europäische Dimension.


Ich bin in Entscheidungen nicht eingebunden. René Benko weiß besser als jeder andere, wie es geht.

Im Windschatten dieses Expansionsdranges wird übrigens auch Airline-Unternehmer Niki Lauda langsam zur großen Nummer im Handel. Er ist mit zehn Prozent der zweitgrößte Anteilseigner der Signa Retail. "In die Entscheidungen bin ich nicht eingebunden", sagt er: "Aber ich habe vollstes Vertrauen zu René. Er weiß wie kein anderer, wie es geht. Allergrößte Hochachtung!" Lauda teilt auch Benkos Visionen von der Zukunft des stationären Handels: "Es wird immer Leute geben, die in erstklassigen Innenstadtlagen einkaufen" - in Verbindung mit digitalen Angeboten wie bei Karstadt praktiziert. "Ich kann mich entspannt darüber freuen, dass der Laden immer mehr wert wird", lautet Laudas Resümee.

SOLIDE FINANZIERT

Allerdings lassen der Megadeal und das irre Tempo der Signa-Expansion auch Zweifel an der finanziellen Potenz von René Benko, um die es in den letzten Jahren ruhiger geworden ist, wieder lauter werden. Vor allem in Deutschland sind Medien und Branchenkenner skeptisch: Wie solide ist die Signa wirklich? Stehen doch dubiose Geldgeber dahinter? Oder läuft Benko Gefahr, sich schlicht zu übernehmen?


Das sind öfter gestellte Fragen. Eine Analyse des Signa-Konzerns fördert jedoch keine tickenden Zeitbomben zutage. Natürlich ist Benko kein Buchhalter- Typ, der sich immer dreifach absichert. Er ist ein Draufgänger. "Aber das Risiko wurde über die Jahre immer kleiner", bringt es einer seiner Beiräte gut auf den Punkt. Geld von institutionellen Investoren oder Banken aufzutreiben, wird von Jahr zu Jahr einfacher.

Die Zeiten sind vorbei, in denen Benko für sein Wachstum noch Geldgeber mit zweifelhaftem Leumund wie den griechischen Reeder Georgios Ikonomou oder den israelischen Diamantenhändler Benny Steinmetz brauchte. Mittlerweile steht die zentrale Gesellschaft der Gruppe, die Signa Prime, auch ohne solche Leute auf festen Beinen.

Der Wert von deren Immobilienportfolio lautet aktuell auf 8,6 Milliarden Euro. Dem stehen 4,5 Milliarden Bankverbindlichkeiten gegenüber - die 52 Prozent Fremdfinanzierungsquote sind in dieser Branche eher konservativ. Und was kaum bekannt ist: Über eine Milliarde Euro haben Versicherungen und Pensionsfonds aus ganz Europa in langfristige Genussscheine der Signa Prime investiert.

Vor allem deutsche Assekuranzen schätzen die stabilen Mietrenditen, die ihnen die Signa bietet: Mit von der Partie sind etwa die Signal Iduna, die Gothaer Versicherung, die R+V Versicherung (Wiesbaden) oder die LVM Münster. Dazu kommen 300 Millionen, die sich Signa über Anleihen geholt hat. Das Eigenkapital der Signa Prime beträgt - nach der Kapitalerhöhung um eine Milliarde im Oktober 2017 - bereits vier Milliarden Euro (wovon durchgerechnet knapp 65 Prozent auf René Benko entfallen).

Mit dem frischen Geld kauft die Signa Prime jetzt besagte 50 Prozent von 41 Kaufhof-Immobilien, wodurch sich ihre Assets auf 9,5 Milliarden erhöhen werden. Bei einem Anteil des Aktionärskapitals von 42 Prozent.

VOM BOOM PROFITIERT

Weitere 1,5 Milliarden an Immo-Vermögen finden sich unter dem Signa-Dach: teils in zahlreichen Signa-Fonds (meist nach Luxemburger Recht), die jeweils ein Objekt gemeinsam mit privaten Investoren besitzen, zum Beispiel die Deloitte-Zentrale in Luxemburg, teils im Bestand der Signa Development Selection, die während der letzten 15 Jahre Liegenschaften mit einem Volumen von 6,5 Milliarden Euro entwickelt und weiterverkauft hat. Bei 15 Prozent durchschnittlicher Entwicklungsrendite, die Profis in der scheinbar nicht endenden Immo-Hochkonjunktur erzielen, wird klar, dass Benko auch für seine immer gigantischeren Handelsaktivitäten ausreichend Kapital generieren konnte (und kann).

Die Finanzierung der Signa Retail läuft völlig getrennt vom Immobiliensegment und erfordert auch wesentlich weniger Kapital. In das operative Geschäft von Karstadt wurden rund 300 Millionen Euro investiert. Für 51 Prozent von Kaufhof werden 100 Millionen fällig - plus ein dreistelliger Millionenbetrag für die Restrukturierung. Der kika/Leiner-Handel kostete nur einen Euro, außerdem sollen um die 100 Millionen in die Sanierung fließen. Inklusive des Kaufs von zahlreichen Onlineshops und Plattformen (siehe Organigramm, unten) hat Benko - ohne die Handelsimmobilien! - bis dato wohl kaum 700 Millionen in den Aufbau der Signa Retail gesteckt. Zirka 60 Prozent sind dem Vernehmen nach mit Bankkrediten finanziert, der Rest mit Eigenkapital. Selbst wenn die Visionen in diesem Bereich nicht wie gewünscht aufgehen, würde das den Signa-Konzern nicht ernsthaft ins Trudeln bringen.

Um erst gar keine Zweifel am Erfolg der Strategie aufkommen zu lassen, werden die Manager rund um Signa-CEO Stadlhuber und Retail-Chef Fanderl in den nächsten Monaten einiges um die Ohren haben. Die Sanierung von kika/Leiner läuft schon an. Harte Verhandlungen mit dem Betriebsrat über Beiträge der Belegschaft stehen in diesem Sommer an. Weil die Übernahme innerhalb weniger Tage erfolgen musste, hat René Benko kika/Leiner vorerst privat gekauft. Die Signa-Aufsichtsgremien damit zu befassen, hätte ihm zu lange gedauert. Nun wird das Handelsgeschäft in die Retail integriert, die kika/Leiner-Immobilien in die Signa Development.

Für die Mitarbeiter klingt das auf den ersten Blick nicht so gut, weil letztere Gesellschaft auf die Entwicklung und Verwertung von Immobilien spezialisiert ist. Aber Stadlhuber versichert, dass der Möbelhandel nicht angetastet wird. "Wir wollen lediglich zusätzliche Potenziale für die Standorte entwickeln." Ob damit zum Beispiel die Hereinnahme von Fremdmietern gemeint ist, war nicht zu erfahren.

Noch wesentlich schwieriger wird die Eingliederung der Kaufhof-Gruppe. Zunächst steht ein Kartellverfahren ins Haus, weil die Signa mit Kaufhof quasi zum Warenhaus-Monopolisten in Deutschland würde. Parallel dazu müssen die Verhandlungen mit der deutschen Gewerkschaft ver.di über einen Sanierungstarifvertrag weitergeführt werden. Durch so ein Modell, wie es auch Karstadt hat, sollen die Personalkosten bei Kaufhof gesenkt werden.

Und auch die Schließung bzw. andersartige Nutzung von Standorten wird diesmal nicht zu vermeiden sein. Zusammen betreiben Karstadt und Kaufhof 175 Filialen. Oft sind auch in kleineren deutschen Städten, wo sich das nicht rechnet, beide Ketten vertreten. Was sich wohl ändern wird. Von den in Summe 37.000 Mitarbeitern von Karstadt und Kaufhof müssen vor allem jene zittern, die von einer Zusammenlegung der Verwaltungen betroffen wären.

Längerfristig entscheidend wird sein, wie gut die digitale Transformation gelingt: die Verbindung von stationärem und Onlinehandel, die bei Karstadt und KaDeWe-Group schon begonnen wurde. Kriegt die Signa dieses Problem hin, dann könnte der Sommer des René Benko noch lange dauern.

DAS ORGANIGRAMM der wichtigsten Gesellschaften des Signa-Konzerns, wenn der Kaufhof-Deal klappt (Anteile von René Benko und seinen diversen Familienstiftungen zusammengefasst).

Die Geschichte ist der trend-Ausgabe 28-29/2018 vom 13. Juli 2018 entnommen.

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