Regionalsender: Achtung, Gegentrend

Fernsehen, wie wir es bisher kannten, ist Geschichte. Weil Bewegtbilder deutlich globaler werden, glaubt eine Branche an ihre Nische direkt vor Ort: die Regionalsender.

Regionalsender: Achtung, Gegentrend

Hermann Petz, Vorstandschef der Moser-Holding, hat bei den Österreichischen Medientagen mit ein paar Zahlen gespielt: "95 Prozent der Menschen verbringen 95 Prozent ihrer Zeit innerhalb eines Radius von 25 Kilometern." Gerade hier finde aber laut Petz statt, was regionale Medien so erfolgreich macht: alles, was aufgrund der örtlichen Nähe relevant ist.

Was für Print gilt, scheint auch für Fantasie in der Bewegtbildbranche zu sorgen. "Ich kann mir sogar Gemeindebau-Fernsehen vorstellen", sagt der langjährige Medienmanager Hans Mahr - und wenn das jemand sagt, der zuvor unter anderem RTL und Premiere gemanagt hat, dann ist das auf den ersten Blick zumindest überraschend. Seit Sommer 2014 ist Mahr als Berater für den Wiener Sender W24 im Einsatz und überzeugt: "Regionalfernsehen ist die ideale Ergänzung zu dem, was wir heute als nationales Fernsehen kennen. Regionale Sender können, was die großen der Branche nicht leisten: schnell vor Ort sein, mit wenigen Mitteln Vielfalt produzieren und regional werbende Unternehmen ansprechen."


Auf global folgt lokal. Der Fokus auf Region, Stadt oder sogar auf nur einen Bezirk wirkt fast anachronistisch. Fernsehen wird schließlich ständig globaler. Rund um die Welt zeigen Sender die gleichen Serien, internationale Bezahlangebote wie Sky oder Onlinestreaming-Plattformen wie Netflix machen den eingesessenen, nationalen Sendern Konkurrenz. Gleichzeitig verändert sich die Art und Weise, wie Fernsehen konsumiert wird: Es verteilt sich auf das klassische TV-Gerät, auf mobile Geräte und den Laptop. Nach der Erstausstrahlung ist es über TV-Theken, oft sogar über Youtube und andere Plattformen weiter verfügbar. Und in dieser Umwälzungsperiode soll sich gerade das Regionalfernsehen behaupten können?

Der ORF denkt jedenfalls über einen eigenen Regional-Spartenkanal nach, das zum Bohmann-Verlag gehörende SchauTV etabliert sich in Ostösterreich. Und bei W24 ist man davon überzeugt, dass die globalen Bewegungen regionalen Sendern nichts anhaben können. Im Gegenteil: "Unser Platz und unsere Chance ist die Nische, die über solche Angebote offen bleibt", sagt W24-Geschäftsführer Marcin Kotlowski. Das bedeutet: Liveübertragungen von Ereignissen vor Ort und flexible Gestaltungsmöglichkeiten wie etwa das Sonderprogramm nach dem Song-Contest-Sieg von Conchita Wurst.

Der Regionalfernsehmarkt, in den gerüchteweise immer wieder weitere Medien drängen wollen, ist geschätzte 12 bis 15 Millionen Euro pro Jahr groß. Gewinn macht der Sender, der 40 Mitarbeiter beschäftigt, schon jetzt. In Zukunft soll er aber deutlich steigen. Dazu beitragen soll auch die gemeinsame Vermarktung und inhaltliche Kooperation über den vor einem Jahr gegründeten Regionalmedienvermarkter R9. WH Medien, die zur Wien Holding gehört und zu der W24 zählt, ist zu einem Drittel an R9 beteiligt. R9 macht es möglich, österreichweit in Regionalsendern Werbung zu buchen. Der Break-even wurde erreicht, weitere gemeinsame Formate sind geplant.

"Die Kooperation ist im Regionalfernsehen wichtig, denn Lokal- oder Grätzelsender alleine werden sich nicht rechnen", sagt Mahr. Gemeinsam vermarktet seien die Chancen dafür aber sehr gut: "Je stärker die Globalisierung, desto stärker die Bedeutung von Regionalität."

W24 - Großgrätzel-TV

Das Wiener Stadtfernsehen, das über das UPC-Kabelnetz empfangen wird, erzielt im Durchschnitt eine Quote von 1,4 Prozent und liegt damit mit ServusTV gleich auf. Bei Live-Übertragungen (1. Mai, zum Donauinselfest) steigt die Quote laut dem Unternehmen, das zur Wien Holding gehört, auf rund acht Prozent. Der Jahresumsatz liegt bei 720.00 Euro, 2015 soll eine Million erreicht werden. W24 ist Teil des Regionalverbunds R9.

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