Live: Wo die Musik spielt, da ist das Geld zuhause

Live: Wo die Musik spielt, da ist das Geld zuhause
Live: Wo die Musik spielt, da ist das Geld zuhause

Anthony Kiedis gastiert mit den "Red Hot Chili Peppers" demnächst in Wien. Das Marketingkonzept: Wer ein Ticket kauft, darf das neue Album gratis herunterladen.

Immer öfter verschenken Musiker ihre Werke, um Fans auf ihre Konzerte zu locken. Dahinter steckt cleveres ökonomisches Kalkül. Die Rechnung stimmt, zeigt eine aktuelle Studie von PwC.

Am 21. November gastiert die kalifornische Rockband Red Hot Chili Peppers – bekannt durch Hits wie „Under the Bridge“ und „Around the world“ – nach langer Zeit wieder in Wien. Und als Zuckerl für die Fans bringen die Musiker ein ganz besonderes Gastgeschenk mit: Wer sich ein Ticket für das Konzert kauft, kann das aktuelle Album „The Getaway“ gratis als MP3 herunterladen oder (gegen Zahlung der Portogebühren) per CD zuschicken lassen.

Musik verschenken – die Idee ist nicht neu, gewinnt aber unter Musikern immer mehr an Beliebtheit. Die Rockband Radiohead sorgte etwa im Oktober 2007 für Aufregung, als sie das damals aktuelle Album „In Rainbows“ gegen eine freiwillige Spende auf der eigenen Website zum Gratis-Download anbot – begeisterte Fans zahlten dafür mitunter bewusst einen Betrag, der über dem üblichen Ladenpreis lag. Andere Käufer machten für das Werk der Band dagegen lediglich ein paar Cent locker. Die Industrial Rock-Band Nine Inch Nails wiederum setzte im April des gleichen Jahres einen noch extremeren Schritt: Vom Album „Year Zero“ konnten sich Hobbymusiker nicht bloß die fertigen Lieder herunterladen, sondern gleich die Rohdateien aus dem Tonstudio – wer wollte, der konnte also zum Beispiel zuhause mit Frontmann Trent Reznor ein Duett singen.

Über einen Zustrom an Fans auf den Konzerten können sich die Musiker nicht beklagen: Bei der aktuellen Tour der Red Hot Chili Peppers, wo die Band in großen Arenen vor teilweise vor über 50.000 Fans auftritt, sind fast alle Konzerte ausverkauft (für Wien gibt es nur noch Restkarten). Die Tickets kosten mindestens 80 Euro. Der MP3-Download des neuen Albums hingegen ist bei Amazon schon für knapp 12 Euro erhältlich. Und genau an diesem Punkt wird das ökonomische Kalkül der Künstler deutlich: Bei der Unsumme an Geld, das Konzerte einbringen - der Verkauf von Merchandising-Produkten fettet die Einnahmen noch zusätzlich auf - kann die Musik auch gleich verschenkt werden.

Cash Cow Konzert

Denn das Geschäft mit dem Musikverkauf stagniert bestenfalls, vielerorts ist es in den vergangenen Jahren gar eingebrochen. Viele laden sich Musik heute als Raubkopien im Web herunter, oder sie spielen die Lieder über Videoplattformen wie YouTube ab. Streaming, einst der große Hoffnungsträger der Branche, entpuppt sich ebenfalls immer mehr als Schuss in den Ofen: Denn nicht alle Kunden zahlen für Dienste wie Spotify oder Deezer, sie nutzen lieber das Gratisangebot und nehmen dafür die eine oder andere Werbeeinspielung in Kauf. Bei Konzerten wiederum gibt es keine Gratis-Angebot: Wer seine Lieblingsband live erleben möchte, muss ein Ticket kaufen und dafür bezahlen – basta.

Dementsprechend aufschlussreich ist der „Entertainment and Media Outlook Report“, den der Consulter PricewaterhouseCoopers (PwC) Anfang Juni veröffentlicht hat. Demnach wird der Musikmarkt in den USA von 15,54 Milliarden Dollar im Jahr 2016 auf 18,04 Milliarden Dollar im Jahr 2020 anwachsen. Getrieben wird dieses Wachstum allerdings durch nur zwei Geschäftszweige: Streaming mit einem jährlichen Wachstum von gut 21 Prozent und Live-Musik mit einem jährlichen Wachstum von knapp fünf Prozent. Alle anderen Einkommensquellen werden sinkende Einnahmen verzeichnen – der Verkauf von digitaler Musik (minus 14,26 Prozent) wird in den kommenden Jahren sogar mehr einbrechen als der Verkauf von physischen Tonträgern (minus 12,37 Prozent).

Im Vergleich von Livemusik und Streaming muss allerdings auch beachtet werden, dass die beiden Einkommensquellen 2016 von einem unterschiedlich hohen Niveau starten: Konzerte werden in diesem Jahr rund 9,6 Milliarden Dollar in die Kassen der US-Musikbranche fließen lassen, Streaming-Dienste dagegen bloß 2,1 Milliarden Dollar. Im Jahr 2020, so die Consulter, wird der US-Markt für Livemusik dann 11,69 Milliarden Dollar schwer sein, während mit Studiomusik insgesamt (Streaming, Verkauf von MP3 und physische Tonträger gemeinsam) nur noch 6,34 Milliarden Dollar eingenommen werden.

Man mag von den schrillen Frisuren und den lauten Gitarrenriffs der Rockstars also halten, was man will – wenn sich die Prognosen bewahrheiten, dann zeigen die Musiker mit ihrer derzeitigen Vertriebspolitik, dass sie vor allem eines sind: Geschäftsleute mit Weitblick.


Service: Der Report zum österreichischen Musikmarkt 2015 als Download

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