RBI-Chefanalyst Brezinschek: IWF-Prognosen "sehr optimistisch"

Der Chefanalyst der Raiffeisen Bank International, Peter Brezinschek, hält die jüngsten Wirtschaftsprognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für "sehr optimistisch". Wo das starke Wachstum in Europa herkommen soll, sei ihm "schleierhaft".

RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek

RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek

Der IWF rechnet für 2019 mit einem Weltwirtschaftswachstum von 3,0 Prozent, im kommenden Jahr 2020 soll dieses auf 3,4 Prozent ansteigen. Für die Industriestaaten lautet die Prognose für 2019 und 2020 auf je 1,7 Prozent, während es die Schwellen- und Entwicklungsländer es auf ein Wachstum von 3,9 Prozent (2019) bzw. 4,6 Prozent (2020) bringen sollen.

Die warnenden Stimmen von der IWF-Tagung kann sich Brezinschek in Anbetracht dieser Einschätzungen für 2020 nicht gänzlich erklären. Allerdings könnte sich im kommenden Jahr - insbesondere in der zweiten Hälfte - tatsächlich eine Reihe von Unsicherheitsfaktoren auflösen und dies könnte dann durchaus positiv zum Wachstum beitragen. "Es kommen jetzt viele Entscheidungen, die mehr Klarheit bringen sollten", sagt Brezinschek.

So könnten die USA und China eine Einigung im Handelsstreit finden. Nicht zuletzt im Hinblick auf die anstehenden US-Präsidentschaftswahlen geht Brezinschek davon aus, "dass (US-Präsident Donald) Trump keinen Durchbruch erzielen wird, aber spätestens im Frühling zumindest ein Scheinabkommen mit China treffen wird damit sich die US-Industrie beruhigt". Auch die Lage rund um den Brexit habe sich etwas entspannt, vor allem nachdem ein ungeordneter Austritt seit dem im britischen Unterhaus beschlossenen Gesetz sehr viel weniger wahrscheinlich geworden ist. Eine endgültige Lösung dürfte es erst im kommenden Jahr geben, einen weiteren Aufschub des Austritts bis März 2020 hält Brezinschek für denkbar. Hinzu kommen einige EU-politische Entscheidungen, die in den kommenden Monaten zu treffen sind.

Wachstum nicht nachvollziehbar

Woher jedoch das vom IWF avisierte Wachstum von über einem Prozent für Europa kommen soll, sei nicht ganz nachvollziehbar. "Da muss ordentlich etwas passieren", meinte der RBI-Analyst. Der Währungsfonds hat für die Eurozone ein Wachstum von 1,4 Prozent für 2020 prognostiziert. Europa sei wegen seiner hohen Exportquote stark von den laufenden Handelskriegen betroffen, stärker als die USA und China, so Brezinschek. "Daher ist es essenziell, wie der Handelsstreit ausgeht". Einen Dämpfer könnte es zudem geben, sollten die USA im November doch noch Zölle auf europäische Autos einführen. Zudem sei Deutschland auf der IWF-Tagung für mangelnde fiskalpolitische Investitionen stark in die Kritik gekommen. Dabei betreibe das Land eine "sehr expansive Fiskalpolitik", so Brezinschek. Das beispielsweise kürzlich verabschiedete Klimapaket habe auf der Konferenz jedoch kaum Würdigung erhalten.

Die aktuelle Niedrigzinsphase verhelfe den Staaten derzeit zu mehr Spielraum für Investitionen. Wie lange diese Zinsphase aber noch anhält, ist für Brezinschek aber nicht in Stein gemeißelt. Sollten sich ab der zweiten Hälfte 2020 tatsächlich einige Unsicherheitsfaktoren auflösen und es wieder mit der Wirtschaft bergauf gehen, könnte das geldpolitische Umfeld wieder gestrafft werden. Denn dann könnte sich die Europäische Zentralbank (EZB) unter der neuen Führung von Christine Lagarde die Frage stellen, ob die Forward Guidance einer Anpassung an das Umfeld bedarf, so der RBI-Chefanalyst.

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