RBI-CEO Sevelda: "Ich habe die allerbeste Zeit erwischt"

Raiffeisen-International-CEO Karl Sevelda, einer der profiliertesten und unterhaltsamsten Manager, tritt ab und zieht im großen trend-Interview mit Chefredakteur Andreas Lampl Bilanz über sein Leben als Banker. Künftig will er mit den Neos politisch aktiver sein.

Im März 2017, kurz nach seinem 67. Geburtstag, wird Karl Sevelda den Vorstandsvorsitz bei der RBI zurücklegen, die er in den letzten vier Jahren erfolgreich schrumpfte. Er war sein ganzes Berufsleben lang Banker bei CA und Raiffeisen, unterbrochen von einem Ausflug zu FPÖ-Vizekanzler Norbert Steger (1983-85).

Im März 2017, kurz nach seinem 67. Geburtstag, wird Karl Sevelda den Vorstandsvorsitz bei der RBI zurücklegen, die er in den letzten vier Jahren erfolgreich schrumpfte. Er war sein ganzes Berufsleben lang Banker bei CA und Raiffeisen, unterbrochen von einem Ausflug zu FPÖ-Vizekanzler Norbert Steger (1983-85).

trend: Sie gehen demnächst nach ziemlich genau 40 Jahren als Banker in Pension. Wann ist der letzte Arbeitstag?
Karl Sevelda: Mein Vertrag läuft bis 30. Juni 2017. Aber ich werde Mitte März meine Position als CEO der RBI zurücklegen und stehe die restlichen Monate meinem Nachfolger Johann Strobl zur Seite. Ich werde ihn zu den größten österreichischen Kunden begleiten, die er vielleicht noch nicht so gut kennt wie ich.

trend: Sie sind ein berüchtigter Witze-Erzähler, quasi ein wandelndes Witzelexikon. Haben Sie für die Abschiedsreden vor den Kollegen schon einen neuen vorbereitet?
Sevelda: Habe ich nicht, nein. Es ist aber auch keine sonderlich witzige Zeit! Ein paar Notizen für die Abschiedsreden werde ich mir zwischen Weihnachten und Neujahr vorbereiten.

trend: Ein Bruder von Ihnen hat die väterliche Schneiderei übernommen, der andere ist ein bekannter Gynäkologe. Ihr Bonmot "Einer ist Herrenschneider, einer Damenschneider, und ich bin Halsabschneider" funktioniert auch nicht mehr, wenn Sie kein Banker mehr sind?
Sevelda: Ja, stimmt, habe ich öfter gesagt: die drei Schneider-Buben. Das ist aber kein Witz, sondern eine Tatsache.


Es ist ein sehr ernsthaftes Ziel der RBI, bald wieder Dividenden zu zahlen.

trend: Sie könnten stattdessen ja Kupon- Schneider einsetzen, wegen der üppigen Dividenden aus den RBI-Aktien...
Sevelda: Höre ich da vielleicht so was wie Zynismus heraus? Sie können aber sicher sein, es ist ein sehr ernsthaftes Ziel der RBI, bald wieder Dividenden zu zahlen.

trend: Ebenfalls ganz ernst gefragt: Haben Sie in den vier Jahren als RBI-General Ihre Ziele erreicht?
Sevelda: Ich bin ein selbstkritischer Mensch und nie zufrieden mit mir. Aber wir haben sehr viel weitergebracht. Das harte Eigenkapital wird per Ende 2016 bei weit über zwölf Prozent liegen. Wir machen mit allen Netzwerkbanken in Osteuropa Gewinne -außer in Albanien, wo der Verlust aber auf Defizienzen in der Rechtsprechung beruht. Die Risikokosten sind auf deutlich unter eine Milliarde zurückgegangen. Wirklich stolz bin ich, dass wir die Eigenkapitalvorgaben trotz ständig höherer Anforderungen erreichen. Es ist noch nicht so lange her, dass man mir in der Nationalbank gesagt hat: "Auf zehn Prozent solltet ihr schon einmal kommen."

trend: Sie hatten auch das Pech, dass Ihnen die Ukraine-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.
Sevelda: Einerseits hatten wir Glück, dass wir gerade noch die Kapitalerhöhung im Volumen von 2,8 Milliarden Euro durchbringen und damit das staatliche Partizipationskapital zurückzahlen konnten. Drei Wochen später kam der Ukraine-Russland-Konflikt. An die Kapitalerhöhung wäre nicht mehr zu denken gewesen. Auch die Rubel-Abwertung hat uns stark zugesetzt. 2014 war dann ein Annus horribilis mit 600 Millionen Verlust - vor allem wegen Ungarn und der Ukraine. Der einzige Verlust in der RBI-Geschichte.

SPRECHSTUNDE. Ausnahmebanker Sevelda gab Andreas Lampl das Interview, in dem er Bilanz über seine lange Karriere in der Welt des großen Geldes zieht.

SPRECHSTUNDE. Ausnahmebanker Sevelda gab Andreas Lampl das Interview, in dem er Bilanz über seine lange Karriere in der Welt des großen Geldes zieht.

trend: Nicht so lustig, wenn man ausgerechnet im einzigen Verlustjahr der Chef ist.
Sevelda: Den Großaktionären aus dem Raiffeisen-Sektor ist das ordentlich unter die Haut gegangen. Die haben -was uns immer klar war -plötzlichen gesehen: Hoppala, es gibt auch Risiken. Bis dahin hat die RBI seit 2005 in Summe ja eine Milliarde an Dividenden ausgeschüttet.

trend: Ihrem eigenen Motto, dass man nur tun sollte, was einem Spaß macht, mussten Sie als CEO untreu werden?
Sevelda: Also Spaß ist wirklich der falsche Ausdruck, ich bin ja kein Masochist, aber es war eine exzellente Erfahrung. Als ich antrat, habe ich schon gewusst, dass diese vier Jahre keine Wachstumsphase sein werden. Die Aufgabe war, zu redimensionieren. Es ist dann halt um einiges massiver gekommen als gedacht. Wir haben uns aus Singapur, China und den USA zurückgezogen, u. a. Slowenien verkauft. Wir haben die Bilanzsumme von 147 auf 113 Milliarden Euro zurückgefahren, die Mitarbeiter von 59.000 auf 50.000. Dieses Programm war nur möglich, weil der Vorstand total auf einer Linie war, wir ein super Team und exzellente Manager im Netzwerk haben. 2016 ist die RBI beim Kurswachstum die Nummer eins im EuroStoxx.


der Preis, den man selbst zahlt, wird auch immer höher, weil die Anforderungen an Spitzenmanager immer größer werden.

trend: Sie sagten einmal, dass auch Eitelkeit dabei war, den Topjob bei der RBI anzunehmen. Muss man eitel sein, um als Manager zu reüssieren?
Sevelda: Es gibt viele Antriebe: Freude am Gestalten, am Führen. Eitelkeit kann dazukommen. Aber es gibt auch völlig uneitle Menschen, die Spitzenmanager sind. Außerdem sind Jobs wie meiner auch gut bezahlt.

trend: Geld ist eine starke Motivation?
Sevelda: Es ist nicht unwichtig. Aber der Preis, den man selbst zahlt, wird auch immer höher, weil die Anforderungen an Spitzenmanager immer größer werden. Und die Zeiten, in denen man grundsätzlich nicht für sein Handeln zur Verantwortung gezogen wird, sind vorbei. Ich habe bekanntlich auch schon Hausdurchsuchungen erlebt.

trend: Nach der Fusion mit der RZB wird die RBI nicht mehr Spitzeninstitut, sondern als Finanzbeteiligung der Raiffeisen Landesbanken vor allem für das Osteuropageschäft zuständig sein. Ist das ein tragfähiges Modell?
Sevelda: Ich bin überzeugt, dass die in CEE tätigen Banken in den nächsten Jahren einen Wettbewerbsvorteil haben werden. Das Wachstum wird im Schnitt doppelt so hoch erwartet wie im Euro-Raum. Die Bank ist gut aufgestellt für die Zukunft. Außerdem werden wir uns weiterhin um die österreichischen und westeuropäischen Großkunden kümmern.

trend: Gilt der Optimismus auch für Russland? Sie haben den unberechenbaren Herrn Putin ja persönlich kennengelernt.
Sevelda: Wir verdienen dort gutes Geld. Und ich bin zuversichtlich, dass sich die Lage weiter stabilisieren wird - durch den steigenden Ölpreis und vielleicht auch durch die Wahl von Donald Trump. Man tut uns ja gerne als Russland- und Putin-Versteher ab. Aber man muss schon auch fair bleiben in der Betrachtung: Offensichtlich hat es im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands Absprachen zwischen dem Westen und der früheren Sowjetunion gegeben, die vom Westen nicht eingehalten wurden. Was soll ich sagen? Wenn wir nur mehr mit lupenreinen Demokraten Geschäfte machen dürfen, wird die Welt plötzlich sehr klein.

trend: Kommen wir zu Ihren Anfängen als Banker. Was war der Beweggrund, in die Creditanstalt (CA) zu gehen: Sicherheit und attraktives Gehalt?
Sevelda: Ich habe am 1. April 1977 begonnen. Ich hatte drei Angebote, eines vom Sozialministerium. Sozialromantiker, der ich war, dachte ich, das ist gescheit, wenn du in die Politik gehen willst. In der Personalabteilung des Ministeriums haben sie aber nach einer halben Stunde Interview gesagt: "Sie sind zu dynamisch für uns." Kein Witz! Es kann natürlich auch politisch motiviert gewesen sein. Ich war damals noch bei den Blauen, war gut mit dem damals noch liberalen Jörg Haider befreundet. Mein Schwiegervater war Willfried Gredler (Präsidentschaftskandidat der FPÖ, Anm.). Der hat, das will ich gar nicht verschweigen, in der CA alle gekannt. Ich hatte also einen guten Einstieg, obwohl ich dann schon ganz unten anfing.

trend: Waren Sie Feuer und Flamme, oder haben sie den Job halt gemacht?
Sevelda: Die Bank an sich hat mich nicht so fasziniert, aber das, was man mit Geld alles machen kann - vor allem Unternehmen zu finanzieren. Darum bin ich gleich nach der Einschulung ins Firmenkundengeschäft und habe das fast mein ganzes Berufsleben gemacht.

ÖSTERREICHISCHE POLITIK. Karl Sevelda untersützte Heide Schmidt 1993 stark bei der Gründung der Liberalen Forums. Was möglicherweise auch seinen Aufstieg in den Vorstand der CA verhinderte. Auch beim Zusammenschluss von LiF und Neos 2014 war Sevelda im Hintergrund aktiv. Unten: Jungbanker Sevelda 1980 in der Firmenkundenabteilung der Creditanstalt.

ÖSTERREICHISCHE POLITIK. Karl Sevelda untersützte Heide Schmidt 1993 stark bei der Gründung der Liberalen Forums. Was möglicherweise auch seinen Aufstieg in den Vorstand der CA verhinderte. Auch beim Zusammenschluss von LiF und Neos 2014 war Sevelda im Hintergrund aktiv. Unten: Jungbanker Sevelda 1980 in der Firmenkundenabteilung der Creditanstalt.

trend: Wieso sind Sie nach zweijährigem Intermezzo als Büroleiter von FPÖ-Vizekanzler Norbert Steger 1985 zurück in die CA?
Sevelda: Ich war desillusioniert von der Politik, vor allem von ihrer Oberflächlichkeit. Das war damals nicht viel besser als heute. Ich habe wertvolle Kontakte und persönliche Freundschaften geknüpft. Aber die Tätigkeit an sich war unbefriedigend. Ich bin dann im Vergleich zu anderen Parteisekretären nicht sehr hoch in der Hierarchie in der CA wieder eingestiegen. Zuerst war ich noch ein paar Monate in London und New York auf "Entwöhnungskur". Politik ist ja auch eine Droge. In den ersten Wochen habe ich oft angerufen im Ministerium und gefragt, ob sie mich brauchen, und war enttäuscht, wenn sie Nein gesagt haben (lacht).

trend: Sie sind Mitglied vieler illustrer Clubs: Herrundulus-Runde, Pfingst-Runde am Attersee. Haben Sie Ihre Karriere bewusst durch Seilschaften beschleunigt?
Sevelda: Mit Karriereplanung hat das nichts zu tun, ich war einfach schon immer ein geselliger Mensch. Die meisten Leute dort haben mit meinem Job gar nichts zu tun.

trend: Sind Sie noch Mitglied der Great Balls Association?
Sevelda: Ja klar, das sind die ehemaligen Basketballer aus der CA, viele von ihnen sind inzwischen in Pension.


Ich hatte bei Raiffeisen nie Probleme mit Parteipolitik. Die hat in einem Unternehmen nichts verloren!

trend: Nach der Fusion von Bank Austria und CA haben sie gehofft, dort in den Vorstand zu kommen. Hat aber nicht geklappt.
Sevelda: Dass dabei Politik eine Rolle gespielt hat, wurde mir bemerkenswert offen gesagt. Ich möchte aber niemanden in Verlegenheit bringen. Ich war ja damals mit Heide Schmidt sehr stark bei der Gründung des Liberalen Forums engagiert, habe Kontakte zu vielen späteren, wertvollen Mitglieder wie Hans Peter Haselsteiner oder Georg Kapsch geknüpft. 1997 kam das Angebot von der RZB, Firmenkundenvorstand zu werden.

trend: Auch nicht gerade eine liberale Hochburg
Sevelda: ...Ich kann nicht sagen, dass es hier viele Vertreter des Liberalen Forums gab, aber ich hatte bei Raiffeisen nie Probleme mit Parteipolitik. Die hat in einem Unternehmen nichts verloren!

trend: Hat sich das Bankgeschäft seither in eine Richtung entwickelt, die eher nonkonformistische Menschen wie Sie nicht mehr viel Reiz bietet?
Sevelda: Als ich gekommen bin, bestand mein Fit-&-Proper-Test aus einem Kaffee mit dem Sektionschef, wo wir ein bisschen geplaudert haben. Heute müssen die Leute durch eine schwere Prüfung. In der Bank habe ich nicht nur Kredite verkauft und Kunden betreut, sondern war gleichzeitig auch der Risikomanager. Es gab noch keine verpflichtende Trennung. Da waren Entscheidungen schon noch wesentlich einfacher. Ich war im Zweifelsfall ja sehr risikofreudig. Gott sei dank hatte ich einen Mitarbeiter aus der CA als Korrektiv mitgenommen. Jetzt ist alles viel stärker reguliert, auch ein -verständliches -Ergebnis der Finanzkrise.

trend: Und das ist nur lästig oder da und dort auch notwendig?
Sevelda: Klar war vieles reformbedürftig. Wenn eine Bank Probleme hatte oder der Industriekonzern der CA in den 80ern wieder einmal ein paar Milliarden Schilling gebraucht hat, ist Hannes Androsch zuerst zu Benya und dann zu Kreisky gegangen - und dann konnte die Bank weitergeführt werden. Oder: Einem Industriellen, der wegen eines finanziellen Engpasses in seine Bank kam, wurde angeblich gleich gesagt, er könne sich die fünf Millionen Schilling binnen zehn Minuten unten an der Kasse abholen. Das geht zum Glück nicht mehr so einfach. Aber wie immer wurde übers Ziel hinausgeschossen. Unfassbar, wie verbürokratisiert jetzt alles ist. Man wird niemals alles regeln können. Es wird immer Bereiche geben, die schlicht den zehn Geboten als moralischen Standards überlassen bleiben müssen. Was hat die Regulierung der Prämien von kleinen Filialangestellten mit der Gesundheit des Finanzsystems zu tun?

trend: Haben Sie die Hoffnung, dass das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen wird?
Sevelda: Ich bin relativ optimistisch, dass die Gesetzgeber beginnen, das zu verstehen. Das Basel-IV-Thema läuft bei Weitem nicht mehr so, wie es sich die Regulatoren wünschen, weil die Politik sagt: "So geht das alles nicht." Gleichzeitig müsste sich die Politik selbst an der Nase nehmen: Die Gesetzgeber dürfen den Banken nicht dauernd Verschärfungen bei der Kapitalausstattung vorschreiben und sie gleichzeitig finanziell abräumen. Das ist Zynismus. Bankensteuer und populistische Gesetze in manchen unserer Märkte haben die RBI seit 2010 rund 1,6 Milliarden Euro gekostet.

WELTPOLITIK. Die RBI ist stark in Vladimir Putins Russland engagiert, und Sevelda sagt zu gelegentlicher Kritik: "Wenn wir nur noch mit lupenreinen Demokraten Geschäfte machen dürfen, wird die Welt plötzlich sehr klein."

WELTPOLITIK. Die RBI ist stark in Vladimir Putins Russland engagiert, und Sevelda sagt zu gelegentlicher Kritik: "Wenn wir nur noch mit lupenreinen Demokraten Geschäfte machen dürfen, wird die Welt plötzlich sehr klein."

trend: Sie haben in Ihrem Leben Milliardensummen an Krediten vergeben und sind bekannt dafür, sich persönlich ein Bild von den Kunden gemacht zu haben. Ist das heute nicht zweitrangig, weil die Regulierung kaum Spielräume zulässt?
Sevelda: Ganz so ist es nicht. Ich schaue drauf, dass unsere Leute den Kontakt zu den Kunden aufrechterhalten. Banking Business ist immer noch People's Business. Es nimmt zwar ab, aber du musst wissen, wer und welcher Typ hinter einem Unternehmen steht. Es zählen, Gott sei Dank, auch Soft Facts. Ich war immer das Gegenteil mancher alter Filialleiter in der CA, die gesagt haben: "Eine Bank hat keine Füße. Ich warte, bis der Kunde kommt."

trend: Haben Sie keine Angst, dass Bankdienstleistung zu einer reinen Commodity wird?
Sevelda: Im Firmenkundengeschäft nicht. Im Privatkundenbereich muss natürlich alles, was geht, schon aus Kostengründen automatisiert werden. Würden wir so arbeiten wie zur Zeit, als ich in der CA-Filiale in der Josefstädter Straße angefangen und täglich in der Früh Kontoauszüge sortiert habe, bräuchten wir das zehnfache Personal. Trotzdem wird Beratungsqualität ein Faktor bleiben.


In Länderbank und der CA hat's die Bonzenheber gegeben, die eigenen Vorstandslifte.

trend: War der Bankjob früher lustiger?
Sevelda: Es war gemütlicher. Wenn jemand eine Maschine finanziert haben wollte, hast du ihm nach einer Woche einmal eine Antwort gegeben. Heute schickt er die Unterlagen per Mail und ruft fünf Minuten später an: "Herr Sevelda, was sagen Sie?"

trend: Sie waren immer locker, eine Art bunter Hund. Kann so jemand heute noch eine Bank-Karriere machen, oder muss man ein trockener Zahlen-Fetischist sein?
Sevelda: Es ist eher umgekehrt. Ich war früher der Vorreiter und Exot. Da war vieles extrem steif und korrekt. In Länderbank und der CA hat's die Bonzenheber gegeben, die eigenen Vorstandslifte. Frühere CA-Chefs waren noch sehr distanziert. Heute sind die meisten Vorstände viel lockerer. Und eins muss man noch sagen: Damals haben sich Vorstände nur um die große Linie gekümmert, heute sind sie viel operativer. Manche meinen immer noch (mit näselnder Stimme):"Der Herr Direktor kommt um zehn Uhr ins Büro, liest die 'Financial Times' zum Kaffee, und dann geht er essen." Dann sag ich: "Freund, ich bin seit halb sechs aus dem Bett und seit sechs am Schreibtisch!"

trend: Sind die Banker also zu Unrecht Symbole einer abgehobenen Elite?
Sevelda: Sagen wir so: Es gibt landesspezifische Bankkulturen. In Österreich ist es so, wie ich gesagt habe. In Deutschland, Frankreich, Italien, auch in der Schweiz, ganz zu schweigen von Japan, herrschen oft schon noch gewisse Standesdünkel.

trend: Auch bei uns sind Banker aber in jeder Anti-Establishment-Kampagne beliebte Zielscheiben.
Sevelda: Mehr noch quält uns die Politik. Der frühere Bundeskanzler war ja ein besonderes Beispiel für die Liebe zu Banken. Sein Nachfolger hat, Gott sei Dank ein besseres Verständnis für uns. Wobei ich gar nicht alle Banken oder Banker in Schutz nehmen will. Wenn Sachen passieren wie bei der Hypo Alpe- Adria oder der Kommunalkredit, muss man verstehen, dass die Leute sauer sind. Alles andere wäre Arroganz.

trend: Mit dem zweifelhaften Image muss man halt leben?
Sevelda: Wirklich gut war das Image der Banken im Allgemeinen ja nie. Nur das Image der Hausbank ist positiv - und das des eigenen Kundenbetreuers, falls man noch einen hat.

trend: Werden Sie nach dem Juni 2017 komplett mit dem Berufsleben abschließen?
Sevelda: Ich habe ein paar Angebote von Kundenseite für Aufsichtsratspositionen. Kann sein, dass ich da was mache. Ich schließe auch nicht aus, dass ich in der Bank noch den einen oder anderen Beitrag leisten werde. Das ist noch nicht entschieden. Ich werde mich aber sicher nicht aufdrängen.


Ich hatte jahrelang einen 14-bis 18-Stunden-Tag und keinen freien Sonntag.

trend: Geht man beruhigter in Pension, wenn man im Leben Millionen verdient hat und ein nobles Penthouse im 7. Wiener Bezirk bewohnt?
Sevelda: Natürlich ist es ein gutes Gefühl, wenn man keine finanziellen Sorgen hat. Aber ich hatte auch jahrelang einen 14-bis 18-Stunden-Tag und keinen freien Sonntag, weil immer nach dem Frühstück die Vorbereitung für die Vorstandssitzung am Montag anstand. Der Preis, den man zahlt, ist schon auch hoch. Dazu kommen viele Sorgen und schlaflose Nächte, gerade in der Zeit, als ich CEO war. Ich bin ein Mensch, an dem nichts abprallt. Ich nehme mir alles zu Herzen.

trend: Das wundert uns, Sie wirken wie einer, der alles locker wegsteckt.
Sevelda: Ich versuche oft, die Dinge zu "zerblödeln", auch wenn mir gar nicht zum Lachen zumute ist. Mit Galgenhumor geht's oft leichter.

trend: Zeit werden Sie bald deutlich mehr haben. Was haben Sie alles vor? Von Ihrem Enkelkind werden Sie ja als der Blitzopa bezeichnet...
Sevelda: Richtig, weil ich immer nur kurz vorbeigeschaut habe. Das werde ich ändern, aber solche Namen bleiben oft picken. Reisen möchte ich auch ein bisserl mehr - zum Vergnügen!

trend: Und öfter Ihren Steinway-Flügel bearbeiten?
Sevelda: Natürlich Klavier spielen, und ich möchte mich etwas mehr politisch engagieren. Es gibt ja viel zu wenig Liberalität in diesem Land.

trend: Wollen Sie richtig mitarbeiten bei den Neos oder nur so ein bisserl im Hintergrund?
Sevelda: Also ich habe nicht den Ehrgeiz, im Parlament zu sitzen. Das hätte ich schon vor 24 Jahren beim LiF können. Ich möchte beratend und konzeptiv tätig sein, an der politischen Meinungsbildung mitwirken, weil ich glaube, dass es viel mehr Menschen gäbe, die man von liberaler Politik überzeugen könnte. Vielleicht mache ich auch das eine oder andere in der Zivilgesellschaft. Ich war ja Mitgründer der Plattform Respekt.net, vielleicht bringe ich mich dort stärker ein. Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben, zum Beispiel in Form von Unterstützung für die Schwachen. Meine Frau hat schon Angst, dass ich genau so viel arbeite wie vorher. Diese Angst werde ich ihr nehmen und auch mit ihr mehr Zeit verbringen.


Die verfassungsmäßige Verankerung der Pflichtmitgliedschaft halte ich für ein schweres Foul in einer liberalen Gesellschaft.

trend: Ihre politischen Themen werden Entbürokratisierung und Deregulierung sein, nehmen wir an.
Sevelda: Ja, und das Zurückdrängen eines ungesunden Föderalismus. Außerdem bin ich natürlich ein Kritiker des Kammerstaates. Die verfassungsmäßige Verankerung der Pflichtmitgliedschaft halte ich für ein schweres Foul in einer liberalen Gesellschaft.

trend: Wir wünschen viel Glück! An diesen Themen haben sich seit Jahrzehnten viele die Zähne ausgebissen. Zuletzt der Vizekanzler.
Sevelda: Ich werde trotzdem daran weiterarbeiten. Steter Tropfen höhlt irgendwann den Stein.

trend: Wollen Sie sich wie Hannes Androsch, den Sie schätzen, verstärkt öffentlich äußern?
Sevelda: Das habe ich durchaus vor.

trend: Ist das politische System in Österreich überhaupt noch vor der Trumpisierung zu retten?
Sevelda: Ich werde alles daran setzen, einen Beitrag zu leisten. Trumpisierung ist ein guter Ausdruck. Der Gedanke ist entsetzlich. Für meine Generation war Freiheit das Abschütteln von Zwängen und vor allem Europa noch das größte Ziel. Heute verlieren viele Leute durch die Informations-bzw. Desinformationsflut den Halt und sind dann froh, wenn ihnen vermeintliche Heilslehrer sagen, wo es lang geht. Die Leute suchen ihr Heil wieder in kleinen, nationalen Einheiten. Die verstehen sie, da haben sie den Überblick. Aber das ist fatal. Was bedeutet denn der Nationalismus der Rechtpopulisten? Irgendwann müssen sie aufeinanderprallen, weil ja jeder seine nationalen Interessen in den Vordergrund stellt. Diese Entwicklung gilt es, schon im Keim zu ersticken. Ich bin Jahrgang 1950 und denke mir manchmal, ich habe die allerbeste Zeit in Europa erwischt. Besser als vorher sowieso, aber ich fürchte: auch besser als die Zeit, die jetzt kommt.

Corona-Härtefallfonds: Antragsfrist läuft

Ab sofort können Anträge für den neuen Corona-Härtefallfonds eingebracht …

Mozartkugel-Hersteller Salzburg Schokolade ist in Konkurs

Der Süßwarenhersteller Salzburg Schokolade mit Sitz in Grödig, der unter …

Zugeständnis an den Handel: Einkaufs-Sonntag am 19.12.

Der stationäre Handel fällt heuer Lockdown-bedingt um drei der vier …

Theodor Thanner, langjähriger Chef der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB)

BWB-Chef Theodor Tanner zieht sich zurück

Theodor Tanner, langjähriger Chef der Bundeswettbewerbsbehörde BWB, legt …