Raiffeisen General Buchleitner: "Wir brauchen mehr Balance"

Klaus Buchleitner, Generaldirektor der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien sowie der gleichnamigen Landesbank, im trend-Interview über die Gefahren des Aufschwungs, Nullzinsen und Inflation und die Übertreibungen des Kapitalismus.

Klaus Buchleitner, Generaldirektor der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien sowie der gleichnamigen Landesbank

Klaus Buchleitner, Generaldirektor der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien sowie der gleichnamigen Landesbank

trend: Herr Generaldirektor, Sie waren bei unserem letzten Gespräch vergangenen Oktober optimistisch, was die wirtschaftliche Entwicklung betrifft. Wir weniger. Sie hatten recht. Aber birgt die Entwicklung mit Wachstumsraten von vier Prozent heuer und fünf im nächsten Jahr nicht auch Gefahren?
Klaus Buchleitner: Derzeit schaut es gut aus, aber es wird spannend, zu sehen, was die Übertreibungen und Extreme, die wir derzeit erleben, endgültig bringen.

Versuchen wir, die Lage chronologisch durchzugehen: Geht mit der Impfung die Pandemie schneller als erwartet?
Der Zeitpunkt Mitte dieses Jahres hat sich schon abgezeichnet, als die Impfungen zugelassen wurden.

Wie gefährlich ist die Delta-Variante für den Aufschwung?
Ich bin kein Mediziner. Aber durch die hohe Impfquote und die Wirksamkeit der meisten Impfstoffe auch gegen die Delta-Variante kann die Pandemie den wirtschaftlichen Aufschwung in unseren geografischen Breiten nicht mehr signifikant gefährden. Das halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

Was genau meinen Sie mit den erwähnten ökonomischen Übertreibungen?
Wir erleben gerade eine extreme Entwicklung: vom tiefen Fall in einen enormen Boom, der sich in hohen Preisen, einer stark steigenden Inflation und in einer kaum zu befriedigenden Nachfrage nach gewissen Gütern ausdrückt. Salopp formuliert: Vor einem halben Jahr hätte Ihnen wahrscheinlich eine ganze Airline geholfen, einen Flug zu buchen. Jetzt diskutieren die Fluglinien darüber, die Preise wegen der rasant steigenden Nachfrage zu erhöhen. Anderes Beispiel: der Höhenflug des Holzpreises. Oder: Die Zimmerpreise in manchen Hotels liegen jetzt um 30 Prozent über jenen von 2019, also vor der Pandemie. Und es gäbe noch viele weitere Beispiele.


Ich halte es für bedenklich, dass die Europäische Zentralbank auf die Inflationstendenzen nicht reagiert.

Wird sich nach einer kurzen Phase der Überhitzung nicht wieder alles einpendeln?
Es wird sich in einem Zeitraum von etwa einem Jahr vieles wieder normalisieren. Aber die Frage ist: Welches Szenario steht uns dann bevor? Kommt es zu einer Stagflation - wenn die hohe Inflation bleibt und sich das Wachstum abschwächt?

Ihre Antwort?
Stagflation ist sicher das Worst-Case-Szenario. Wir befinden uns in einer Situation, die mit den herkömmlichen ökonomischen Methoden und Weisheiten nicht analysierbar und auch nicht beherrschbar ist. Die Zyklen sind kürzen geworden, man muss viel schneller reagieren. Dass die Europäische Zentralbank auf die Inflationstendenzen nicht reagiert, etwa indem man die Zinsen erhöht oder zumindest die Anleihenkäufe reduziert, halte ich für bedenklich.

Wie sollte die EZB reagieren?
Wie gesagt, die Zyklen werden kürzer, aber die EZB legt ihre Niedrigzinspolitik schon jetzt bis 2024, also auf Jahre hinaus fest. Die Wirtschaft braucht derzeit keine Negativzinsen, damit sie besser läuft.

Die verschuldeten Staaten schon.
Die Inflation im jetzigen Ausmaß könnte zu Netzwerkeffekten führen. Beißt sich die Inflation fest - und das könnte schon passieren -, kommt es wieder zu anderen Extremen: Je später man gegensteuert, desto häufiger und intensiver muss man es dann tun.


Keiner fühlt sich bei den Investments mehr wohl, sei es in Immobilen oder Aktien.

Wie spüren Sie als Bank den Aufschwung?
Wir orten derzeit eine leicht steigende Nachfrage nach Krediten, die aber nicht so hoch ausfällt wie in sonstigen Aufschwungphasen. Und ich will es nicht verschreien, aber auch bei den Risikokosten schaut es derzeit ganz gut aus.

Warum?
Innovation findet heute mehr in weniger kapitalintensiven Bereichen statt, vor allem im Bereich der Digitalisierung. Insgesamt haben wir einen neuartigen Zustand der Wirtschaft. Unmengen an Geld suchen verzweifelt nach Renditen. Doch keiner fühlt sich bei den Investments mehr wohl, sei es in Immobilen oder Aktien. Aber dann wird doch investiert, weil es keine bessere Alternative gibt. Das alles ergibt eine gewisse Fragilität.

Drängt sich die Frage auf: Wann platzt die Blase?
Das weiß niemand. Die Erfahrung sagt, dass Blasen immer irgendwann platzen. Die wirtschaftliche Gesamtlage ist jedenfalls nicht sehr ausbalanciert.

Vom Big Picture zu den hiesigen Coronahilfen: Sollen die jetzt zurückgefahren werden?
Man muss das mit Fingerspitzengefühl machen, aber es ist zweifelsohne schon der Moment gekommen, die staatlichen Hilfen zurückzufahren. Das ist nicht ganz einfach und man muss aufpassen, dass es zu keinen Verwerfungen kommt.


Ein Normalverdiener kann sich immer weniger eine Immobilie kaufen, ohne ein Leben lang dafür Schulden zurückzuzahlen.

Soll die Kurzarbeitshilfe zur Gänze beendet werden?
Der eingeschlagene Weg, die Kriterien für Kurzarbeit zu differenzieren und diese schwieriger zu machen, ist richtig. Die große Gießkanne ist nicht mehr notwendig.

Hat die Bundesregierung, was die Wirtschaftshilfen betrifft, insgesamt richtig agiert?
Ich möchte nicht in deren Haut stecken. Aber im Rahmen des Möglichen wurde das schon recht gut gemacht. Ein guter Beweis ist beispielsweise die nach wie vor geringe Zahl an Insolvenzen, die durch die Pandemie ausgelöst wurden. Da sieht man, dass die Maßnahmen sehr gut gewirkt haben.

Sie haben in einem Interview mit der "Presse" einen für einen Banker erstaunlichen Satz gesagt: "Profit allein ist nicht alles." Wie waren die Reaktionen darauf?
Vergessen Sie nicht, ich bin Genossenschaftsmanager. In unserer Unternehmensgruppe gibt es auch zusätzliche Entscheidungskriterien zum Profit. Profit ist an sich das zentrale Steuerungsinstrument des Kapitalismus, unseres Wirtschaftssystems. Aber ich persönlich war schon immer der Ansicht, dass wir in unserem Wirtschaftssystem mehr Balance brauchen und Übertreibungen wie auch Extreme langfristig schaden. Werfen Sie doch nur einen Blick auf Ihr Reichen-Ranking im trend. Da baut sich eine immer größere gesellschaftliche Spannung auf. Nehmen Sie das Beispiel Wohnen: Ein Normalverdiener kann sich immer weniger eine Immobilie kaufen, ohne ein Leben lang dafür Schulden zurückzuzahlen. Die Niedrigzinsen helfen ja beim Zahlen der Schulden nur jenen, die sich dauernd neu verschulden können.


Nachhaltige Anlage wird sich in den nächsten Monaten und Jahren sehr, sehr rasch durchsetzen.

Was wäre Ihr Lösungsansatz?
Die Politik wird wahrscheinlich nicht herumkommen, diese Themen anzugehen und Antworten auf die Frage "Welche Übertreibungen des Kapitalismus hält die Gesellschaft aus?" zu finden. Das ist international schon ein viel diskutiertes Thema, das sich in einer zunehmenden Zahl an Publikationen auch von Professoren von hoch angesehenen Business Schools zeigt. Schon die Sensibilisierung dazu hilft - das ist ja bei Nachhaltigkeitsthemen auch zu beobachten. Ist erst einmal das Bewusstsein geschaffen, anders zu denken, ist schon viel passiert.

Dazu kommen wir gleich noch, vorher die Frage: Das hört sich an wie bei einem Politiker, würden Sie eigentlich in die Politik gehen?
Interessant, kürzlich bin ich bei einem Empfang genau dasselbe gefragt worden.

Also?
Enttäuschend, dass auch Sie nur auf die Schlagzeile aus sind.

Berufskrankheit. Können die ESG-Kriterien zu so einer Bewusstseinsveränderung führen?
Evolutionär ja. Es ist ein erstes zartes Pflänzchen, Unternehmen zu transformieren und weitere Entscheidungskriterien als nur den Profit zu verankern.

Banken werden von der Politik dazu angehalten, für ihre Kunden keine "bösen" Investments mehr zu tätigen, also vereinfacht gesagt: raus aus Kohle- oder Ölinvestments. Gesunde Entwicklung oder Übertreibung des Zeitgeistes?
Diese Entwicklung ist sicherlich richtig. Aber in den letzten Jahrzehnten war auch zu beobachten, dass die Finanzinstitute von den Regierungen und der Politik insgesamt dazu verwendet wurden, die Wirtschaft und die Gesellschaft in eine gewisse Richtung zu steuern. Über Rahmenbedingungen und Regularien versucht die Politik jetzt auch, via Banken der Nachhaltigkeit gesellschaftlich zum Durchbruch zu verhelfen. Die Banken selbst sehen grüne Produkte als Chance, Sympathien zu gewinnen, das führt zu einem Wettbewerb untereinander. Das wiederum führt dazu, dass sich nachhaltige Anlage in den nächsten Monaten und Jahren sehr, sehr rasch durchsetzen wird.


Eine Arbeitswelt, die ausschließlich vor Bildschirmen abläuft, ist eine sehr ungesunde.

Ist das auch eine Möglichkeit, die Wirtschaft nachhaltig auf Grün umzubauen?
Nudging, also das Anstupsen zur Veränderung, richtig gemacht, funktioniert.

Braucht es auch Nudging, um Mitarbeiter aus dem Homeoffice wieder ins Büro zurückzuholen?
Ich glaube, dass der mit Abstand größte Teil unserer Mitarbeitenden unbedingt wieder ins Büro zurück will. Und wir müssen unsere Mitarbeiter auch zurück ins Office holen. Das Leben in einem Unternehmen besteht ja aus permanenter Koordination, aus Teamwork, sozialen Kontakten, aus kreativen Prozessen. Es gibt nichts Besseres, als Kunden Face-to-Face zu treffen. Eine Arbeitswelt, die ausschließlich vor Bildschirmen abläuft, ist eine sehr ungesunde. Dort, wo es möglich ist, werden wir aber selbstverständlich individuelle Lösungen erarbeiten und ein gewisses Ausmaß an Homeoffice ermöglichen.

Es gibt den berühmten Satz von Winston Churchill "Never waste a good crisis". Was ist Ihre persönliche Lehre aus der Krise?
Dass es sich auszahlt, sich widerstandsfähig aufzustellen und auch auf das Unwahrscheinliche vorzubereiten. In guten Zeiten - ohne Krise - ist das Entscheiden ja verhältnismäßig einfach. Komplexer wird es erst, wenn man keine gesicherten Szenarien vor sich hat und abwägen muss, wohin es gehen könnte. Da lernt man schon auch viel über sich und das Unternehmen, denn ob Prozesse wirklich funktionieren, weiß man erst dann, wenn's darauf ankommt. Außerdem war es interessant, zu beobachten, wie sehr einem das Persönliche abgeht, der Austausch Face-to-Face. Vor der Covid-Pandemie war schon auch eine gewisse Übersättigung vorhanden. Und plötzlich fällt das ganze gesellschaftliche Leben, die beruflichen Termine, die Kultur, alles weg, komplett. Das macht schon was mit einem, und wir spüren: Ja, wir sind soziale Wesen und ja, wir brauchen das. Da geht's nicht immer nur um den fachlichen Austausch, sondern auch darum, dem Kopf/Geist/Hirn etwas anderes als einen virtuellen Raum zu bieten. Ich schätze es zum Beispiel, wenn man aus einem Gespräch en passant etwas mitnimmt. Etwas, das zum Weiterdenken anregt. Ich glaube, es tut uns allen insgesamt gut, jetzt wieder mehr persönlich interagieren zu können.


Zur Person

Klaus Buchleitner, 57, ist seit 2012 Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien sowie der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien. Im Coronajahr 2020 machte der Konzern aufgrund deutlich gestiegener Vorsorgen sowie der Abschreibungen für die Beteiligung an der RBI einen Verlust von 189 Millionen Euro nach einem Gewinn von 318 Millionen Euro im Jahr davor. Die Holding ist in vier Geschäftsbereiche eingeteilt: Agrar, Bank, Infrastruktur, Medien. Bilanzsumme: 30,1 Milliarden Euro.

Take Aways
  • BUCHLEITNERS BUCHTIPPS
    Vielleser Klaus Buchleitner empfiehlt die folgenden Wirtschaftsbücher:
  • REBECCA HENDERSON: REIMAGINING CAPITALISM. Henderson ist Professorin an der Harvard Business School und arbeitet in diesem Werk leicht lesbar Schwachstellen und Reformansätze für die Wirtschaft heraus. Public Affairs, 336 Seiten, 24,50 Euro
  • MARK CARNEY: VALUE(S) - BUILDING A BETTER WORLD FOR ALL. Der ehemalige Governor der Bank of England schildert sehr profund die Basis und die Entwicklung unserer ökonomischen Werte. Trockener Stil, aber reich an Information. Harper Collins, 576 Seiten, 29,60 Euro
  • KLAUS SCHWAB: STAKEHOLDER KAPITALISMUS. Positiver Zukunftsblick mit der Empfehlung zu globaler Kooperation. Willey-VCH, 455 Seiten, 29,50 Euro
  • WILLIAM D. NORDHAUS: THE SPIRIT OF GREEN. Der Nobelpreisträger baut die Brücke zwischen Ökonomie und Klimaschutz und hat klare Vorschläge. Princeton University Press, 355 Seiten, 28,20 Euro
  • PAUL COLLIER: SOZIALER KAPITALISMUS! MEIN MANIFEST GEGEN DEN ZERFALL UNSERER GESELLSCHAFT. Der Ökonom legt ein Manifest pro Kapitalismus vor, thematisiert unter anderem die Kluft zwischen urbanem und ländlichem Bereich, in dem Populisten einfaches Spiel haben. Er plädiert für einen neuen Zusammenhalt. Siedler Verlag, 320 Seiten, 20,60 Euro
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