Putin zu Besuch in Wien: Russland gibt Gas

Die Gaslieferverträge mit Österreich haben für Russland einigen Wert. Zum 50-jährigen Jubiläum ist sogar ein Besuch von Wladimir Putin in Wien drinnen. Es geht dabei auch um das europäische Energiegeschäft der nächsten Jahrzehnte.

Wladimir Putin beim Arbeitsbesuch in Österreich mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Wladimir Putin beim Arbeitsbesuch in Österreich mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Eigentlich ist es nur ein kleines Jubiläum zweier Energiekonzerne: Vor 50 Jahren schlossen die staatliche Österreichische Mineralölverwaltung und der Erdgasexporteuer Sojusneftexport den ersten Liefervertrag für Europa ab. Und doch ist zur Feier des Tages am 5. Juni nun einer der mächtigsten Männer der Welt in Wien, der russische Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich.

Das Event ist nämlich mehr als nur ein Zeichen, dass der umstrittene, perfekt deutsch sprechende Regierungschef eine Vorliebe für Österreich hat. Für Russland hat sich Wien und die mittlerweile börsennotierte Partnerfirma OMV zu einem Tor in den Westen entwickelt. Und weil der Markt für die fossile Energiewirtschaft zwischen US-Sanktionen und Pariser Klimavertrag nicht gerade leichter wird, will Putin sicher gehen, dass es offen bleibt. Zuhause in St. Petersburg wird gerade die zukünftige Gazprom-Zentrale in Form einer Gasflamme fertiggestellt, mit 462 Metern Europas höchster Wolkenkratzer. In Wien geht es Putin um das Gas-Business der nächsten Jahrzehnte.

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Zum einen ganz technisch: Österreich ist Handelsknoten für das russische Gas aus Pipelines. Nicht der einzige, aber ein erklecklicher Anteil wird -nach Tausenden Kilometern durch Sibirien, Ukraine und die Slowakei -an einer Übergabestelle der OMV im niederösterreichischen Baumgarten in den Westen verteilt. 2017 waren es rund 41 von insgesamt 192 Milliarden Kubikmeter. Abgesehen von einzelnen Monatsvergleichen blieb die Menge dabei über die Jahre erstaunlich stabil.

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Ebenso bedeutend für den russischen Gashandel sind die Untergrundspeicher in Österreich, frühere Gaslager aus Porengestein in Tausenden Metern Tiefe: Gazprom kontrolliert durch verschiedene Kooperationen bereits 32 Prozent der Lagerkapazität, vorzugsweise im oberösterreichische Haidach.

Einen Teil bewirtschaftet der russische Gasriese ganz alleine, einen zweiten gemeinsam mit der niederösterreichischen EVN. Vor drei Jahren bekam Gazprom beim Asset-Tausch mit der deutschen Gas- und Ölförderfirma Wintershall noch einen dritten Anteil. Und die OMV hat zusätzliche Bewirtschaftungskooperationen mit der Gazprom angekündigt, etwa in ihren Speichern Schönkirchen, Tallesbrunn oder Thann.

Gazprom-Lobbyist Schelling

Noch wichtiger dürfte für die Gazprom die Lobbyingarbeit Österreichs in der EU sein. Ganz aktuell geht es ihr dabei um die Erdgaspipeline durch die Nordsee, North Stream 2. Russland will einen Teil der bisherigen Gasroute durch die Ukraine ersetzen. Ein Plan, der die EU finanziell (Transitgebühren), außenpolitisch (Ukraine) und energiepolitisch (Klimaschutz) entzweit. Auch wenn die Bauvorbereitungen schon begonnen haben, fehlen der Gazprom für den endgültigen Projektstart noch Bewilligungen aus Anrainerstaaten der Nordsee.

Jeder Fürsprecher ist dem Mega-Konzern also willkommen. Und so wärmt es die russische Seele wie das Gaskraftwerk Simmering die Wiener Fernwärmeleitung, dass Bundeskanzler Sebastian Kurz bei seinem Russlandbesuch im Februar Nord Stream 2 ausdrücklich unterstützte und nebenbei auch für ein Ende der Sanktionspolitik eintritt. Oder dass Ex-Finanzminister Hans Jörg Schelling seit ein paar Wochen mit einem eigenen Beratervertrag für die Pipeline-Errichtungsgesellschaft tätig ist.

FACTS & FIGURES

Gazprom, der weltgrößte Erdgasförderer

  • baut derzeit mit dem Lachta-Center eine neue Firmenzentrale in St. Petersburg, das Gebäude ist mit 462 Metern der höchste Wolkenkratzer Europas.
  • besitzt 17 Prozent der weltweiten Erdgasreserven.
  • versorgt 30 Länder weltweit durch 71.000 Kilometer an Erdgasleitungen.
  • erwirtschaftete im Vorjahr 85,4 Milliarden Euro Umsatz und 9,9 Milliarden Euro Gewinn.
  • beschäftigt mehr als 463.000 Mitarbeiter.

Österreich ist auch finanziell bei Nord Stream 2 engagiert: Die OMV hat mit einer Projektbeteiligung auch eine Finanzierungszusage von rund einer Milliarde Euro abgegeben - ohne zu wissen, ob sich die Investition wirklich auszahlt.

Wird der OMV-Gashandelsknoten Baumgarten durch die neue Pipeline gestärkt oder eher geschwächt? Diese Frage ist noch nicht beantwortet. Viel Gas kommt dann nämlich direkt via Deutschland in die EU statt über die slowakisch-österreichische Grenze.

Die Gegenleistung

Doch die Russen lassen sich nicht lumpen: Auch Österreich profitiert umgekehrt durch die enge Beziehung zum Gasriesen Gazprom. Zum einen geht es um rund neun Milliarden Kubikmeter Gas für Österreichs Energieversorgung. Und das schon seit 50 Jahren, ziemlich regelmäßig.

Zum anderen wird Geld verdient: Durch den regen Gastransit (etwa für Italien) kann Österreich bis jetzt auch Transitgebühren von mehr als einer halben Milliarde Euro pro Jahr lukrieren, eingehoben von den beiden österreichischen Pipelinebetreibern Gas Connect Austria und Trans Austria Gasleitung (Jahresumsatz 2016: 546 Millionen Euro).

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OMV-Boss Rainer Seele wiederum konnte seine Unternehmensstrategie dank Gazprom neu ausrichten und vor wenigen Monaten für 1,7 Milliarden Euro ein Viertel des sibirische Erdgasfelds Juschno Russkoje übernehmen. Auch wenn die Profitschätzung kürzlich revidiert werden musste (von 160 auf 120 Millionen Euro pro Jahr) steigerte der Deal die Förderquote der OMV um ein Drittel - auf rund 400.000 Barrel pro Tag. Und er senkt vor allem dank der geologisch vorteilhaften Lagerstätte in Sibirien die durchschnittlichen Förderkosten des Ölkonzerns. Das kommt an der Börse sehr gut an.

Gleiches gilt für ein zweites Gasfeld (Achimov Urengoij), dass der OMV in Aussicht gestellt wurde. Die Transaktion sollte in diesem Fall über einen Tausch gegen eine OMV-Beteiligung in der Nordsee abgewickelt werden, spießt sich allerdings an Bewertungsfragen und am Widerstand der norwegischen Politik. Zuletzt war daher davon die Rede, dass die OMV auch hier Bargeld anbieten könnte, um die Förderungen um weitere 100.000 Barrel pro Tag in die Höhe zu treiben.

Bei weiteren Vorhaben der OMV im Gasbereich kann man die Unterstützung der Russen ebenfalls ganz gut brauchen. Und wird sie bekommen, zumal die Gazprom in exakt denselben Gefilden expandieren will. Eine der erklärten Ziele von OMV-Boss Seele ist die Eroberung des schwierigen deutschen Gasmarkts. Das dafür vorgesehen Tochterunternehmen OMV Gas Marketing & Trading ist allerdings dank heftiger Altlasten mit Verlusten in Millionenhöhe etwas gehemmt (Bilanzergebnis 2016: minus 602 Millionen Euro).

Ähnlich sieht es beim Einstieg ins LNG-Geschäft aus, den Handel mit von Pipelines unabhängigem Flüssiggas. Hier ist die OMV dank ihrer Beteiligung an einem LNG-Terminal in Rotterdam vorerst einmal mit Verlustrückstellungen von 337 Millionen Euro belastet. Eine Zusammenarbeit mit der Gazprom, die ebenfalls nach Alternativen zum Pipelinegas sucht, könnte helfen.

Finanzzuckerl für Gazprom

In Summe ist nicht klar, wer mehr von der russisch-österreichischen Freundschaft profitiert: Russland und die Gazprom, weil sie den Fuß in der Tür zum europäischen Energiemarkt haben? Oder die OMV von dem Gasriesen, der auf 17 Prozent der Weltgasreserven Zugriff hat? Vermutlich hält sich das ziemlich in der Waage.

Österreich ist jedenfalls zuletzt finanziell sogar ein wenig in Vorlage getreten: Die staatliche Regulierungsbehörde E-Control senkte nämlich vor einem Jahr die Durchleitungstarife für Erdgas durch österreichische Pipelines, der Markt ist streng reguliert. Die Aktion brachte den zuständigen heimischen Pipelinebetreibern, seit Kurzem im Mehrheitseigentum der italienischen Snam, einen Mindererlös von 121 Millionen Euro.

Die Einsparungen für die Gazprom, die rund 90 Prozent der österreichischen Gas-Transitmengen in Auftrag gibt, summieren sich umgekehrt auf sechs Milliarden Euro - sollte die Partnerschaft mit Österreich auch die nächsten 50 Jahren halten. Dafür kommt Putin sicher gerne mal wieder nach Österreich.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 22/2018 vom 1. Juni 2018 entnommen.

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