Porsche-Holding CEO Schützinger: "Wollen eine fairere Besteuerung"

Porsche-Holding CEO Schützinger: "Wollen eine fairere Besteuerung"

Hans Peter Schützinger: "Eine Verbrauchssteuer hätte den Vorteil, dass Autos in der Anschaffung billiger werden."

Der Chef der Porsche Holding, Hans Peter Schützinger, spricht im trend-Exklusiv-Interview über die Zukunft der Mobilität, das WLTP-Prüfverfahren und warum die Besteuerung von Autos jetzt dringend geändert werden muss.


Zur Person

Hans Peter Schützinger, 58, ist seit Juni vergangenen Jahres Chef der Porsche Holding Salzburg, des größten Unternehmens Österreichs. Der gebürtige Pinzgauer studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien und ist seit 1989 bei Porsche Salzburg. Er durchlief verschiedene Führungsfunktionen, ab 2002 verantwortete er Finanzdienstleistungen sowie den Einzelhandel.


trend: Herr Schützinger, Sie sind jetzt etwas mehr als ein Jahr CEO von Österreichs größtem Unternehmen. Ist Ihnen der Umstieg von CFO zu CEO schwergefallen?
Schützinger: Aus fachlicher Sicht nicht. Ich bin ja schon seit 2002 in der Geschäftsführung, habe auch Vertriebsaufgaben wie unser Einzelhandelsengagement in Frankreich verantwortet und bin gewohnt, komplexe Entscheidungen zu treffen. Ungewohnt hingegen war, das Unternehmen als erster Mann in einer relativ ruppigen und anspruchsvollen Zeit in der Öffentlichkeit zu vertreten.

trend: Ging Ihnen - wie man umgangssprachlich sagt - bei der Dieselaffäre manchmal das Zipperlein?
Schützinger: Na ja, so kann man das nicht formulieren. Aber es schmerzt, mitanzusehen, dass diese Diskussion zusehends unsachlich geführt wird. Es werden Themen vermengt, die nichts miteinander zu tun haben, wie aktuell die Diskussion um drohende Fahrverbote in Deutschland zeigt. Unsere heute verkauften EU6-Diesel gehören im Fahrbetrieb zu den saubersten am Markt. Der Diesel trägt auch maßgeblich dazu bei, die ab 2020 geltenden, strengeren CO2-Grenzwerte von 95 g/km zu erreichen.

trend: Es gibt nun in Deutschland eine neue Musterklage gegen den Volkswagen- Konzern, der sich auch Österreicher anschließen können. Was erwarten Sie von diesem Verfahren?
Schützinger: Die betroffenen Fahrzeuge sind - wie auch der Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns, Herbert Diess, kürzlich hier in Wien betont hat - technisch sicher, fahrbereit, und die erforderlichen Umrüstungen wurden oder werden durchgeführt. Aus der juristischen Sicht sehen wir keinen rechtlichen Anspruch auf Schadenersatz. Und um unsere Sicht zu unterstreichen: In Deutschland sind sämtliche in zweiter Instanz ergangene Urteile im Sinne von Volkswagen beziehungsweise Volkswagen-Händlern entschieden worden. Auch in Österreich sind Kläger gegen die Volkswagen AG bisher nicht erfolgreich gewesen.

trend: Ist die technische Umrüstung der betroffenen Fahrzeuge nun abgeschlossen?
Schützinger: In Österreich zu rund 93 Prozent, das sind rund 330.000 Autos.

Porsche-Holding-Boss Hans Peter Schützinger (r.) im Interview mit trend-Chefredakteur Andreas Weber.

Porsche-Holding-Boss Hans Peter Schützinger (r.) im Interview mit trend-Chefredakteur Andreas Weber.

trend: Wie groß beziffern Sie den Vertrauensverlust durch die Abgasmanipulationen in die Autoindustrie im Allgemeinen und in den Volkswagenkonzern im Besonderen?
Schützinger: Die Affäre hat die Beziehungen zum Kunden schon belastet, keine Frage. Aber wir konnten mit unserer sehr guten Service- und Vertriebsorganisation an der Front vieles abfedern. Damit konnte auch die gute Beziehung zu unseren Kunden wiederaufgebaut und damit wertvolles Vertrauen und Sicherheit zurückgewonnen werden.

trend: Die Verkaufszahlen der Porsche Holding Salzburg steigen trotz der Dieselaffäre. Könnte man im Umkehrschluss formulieren: Kunden ist es egal, was hinten beim Auspuff rauskommt?
Schützinger: Das kann man natürlich nicht so sagen. Ein ganz entscheidender Grund für die Steigerung unsere Marktanteile ist die Attraktivität des Produktportfolios. Volkswagen und auch Audi haben in diesem Jahr viele neue Modelle auf den Markt gebracht. Und trotz des neuen Messverfahrens WLTP, das nach wie vor zu einer eingeschränkten Belieferung der Kunden führt, konnten wir mit Ende Oktober 2018 unseren Marktanteil auf 34,3 Prozent steigern. Die Kraft unserer Marken ist sehr stark. Škoda entwickelt sich extrem gut, aber auch Seat steigert sukzessive Marktanteile.

trend: Dieses neue realitätsnähere Abgasprüfverfahren WLTP hat ja nicht nur zu einem temporären Einbruch bei den Verkaufszahlen etwa bei Audi geführt, sondern verteuert auch trotz Rückrechnung die NoVA bei vielen Fahrzeugen. Werden Sie dagegen etwas unternehmen?
Schützinger: Mit dem WLTP-Verfahren ist die Besteuerung der Autos noch einmal um vieles komplizierter geworden. Unsere Standesvertretung in der Industriellenvereinigung ist daher mit der Politik in Gesprächen, um zu einer moderneren Form der Besteuerung des Autos zu kommen.

trend: Was meinen Sie damit?
Schützinger: Wir wollen von der Besitzbesteuerung zu einer Verbrauchsbesteuerung kommen. Das würde im Endeffekt eine Änderung der NoVA bedeuten. Mit der Auswirkung, dass die Autos in der Anschaffung billiger würden, sich die Nutzung aber verteuert. Das halten wir für die gerechtere Besteuerung, und dies hätte auch umweltpolitisch den größten Lenkungseffekt. Wird die NoVA weiter nach WLTP berechnet, werden Autos ab 2020 auf Grund der wegfallenden Rückrechnung um mindestens 20 Prozent teurer. Die Regierung aber hat immer gesagt, dass sie keine höhere Steuerbelastung anstrebt.


Eine Verbrauchssteuer hätte die Auswirkung, dass Autos in der Anschaffung billiger werden.

trend: Der Hintergedanke ist, dass Sie noch mehr Autos verkaufen könnten?
Schützinger: Nein, eine Verbrauchsbesteuerung wäre nur fairer. Jemand, der mehr fährt, verursacht auch mehr Schadstoffe als jemand, dessen Auto die meiste Zeit in der Garage steht.

trend: Das kann aber nur über den Treibstoffpreis geregelt werden, oder?
Schützinger: Das wäre wohl die Konsequenz. Aber das Thema kann nicht isoliert betrachtet werden, es müsste in die Diskussion um die kommende Steuerreform eingebracht werden. Für uns gilt jedenfalls: Eine Änderung der Besteuerung müsste aufkommensneutral sein, es darf zu keiner Mehrbelastung für die Bevölkerung, vor allem nicht für die Pendler, kommen. Der Verband in der Industriellenvereinigung führt in diese Richtung schon gute Gespräche.

trend: Hatten Sie selbst schon Termine mit der Regierung?
Schützinger: Das ist nicht unsere Rolle, dafür gibt es die Standesvertretung in der IV.

trend: Sind Sie eigentlich froh, dass Sie mit dem neuen Verkehrsminister Norbert Hofer einen eher autoaffinen Ansprechpartner haben?
Schützinger: Die Bundesregierung hat ein sehr realistisches und pragmatisches Verhältnis zum Auto. 450.000 Arbeitsplätze in Österreich sind aufs Auto zurückzuführen. Wir haben mit dem Verkehrsminister eine gute Gesprächsbasis. Ihm liegt der Wirtschaftsstandort Österreich auch sehr am Herzen.


Der Point-of-Sale beim Autohändler wird auch in Zukunft der wichtigste Platz sein.

trend: Die Porsche Holding Salzburg ist Europas größter Autohändler. Sie haben im vergangenen Jahr 770.000 neue Autos und 250.000 Gebrauchtwagen verkauft. Wo gibt es für Sie eigentlich noch Wachstumsfantasien?
Schützinger: Vor allem im Ausland. In Österreich gibt es eine natürliche Wachstumsgrenze, und die liegt für unsere Marken in einem Korridor zwischen 35 und 38 Prozent Marktanteil. Derzeit halten wir bei 34 Prozent. Mehr wäre, glaube ich, auch nicht gesund. Wachstumschancen sehen wir vor allem auf anderen Kontinenten, in Südamerika und in Asien. China läuft sehr gut, obwohl wir mit 30.000 verkauften Autos dort nur ein kleiner Player sind, da wir vor allem im Premium-Segment tätig sind. In Europa ist für uns Italien ein interessanter Wachstumsmarkt. Wir haben dort in jüngster Zeit einige Händlerbetriebe übernommen.

trend: Volkswagen hat gerade angekündigt, dass man online direkt ab Werk Autos bestellen kann. Ist das der Anfang vom Ende des stationären Autohandels?
Schützinger: Das glauben wir nicht. Wir sind fest überzeugt, dass auch in Zukunft der Point of Sale beim Autohändler der wichtigste Platz ist. Das Auto ist ja kein Handy, sondern ein sehr, sehr hochwertiges Investitionsgut. Im Wesentlichen will der Kunde erstklassige persönliche Betreuung, er möchte eine Probefahrt machen etc. Und der Händler bietet noch viel mehr an: Gebrauchtwageneintausch, Versicherung, Finanzierung, Werkstatt etc. Richtig ist, dass die Kunden immer besser vorbereitet zum Händler kommen. Deshalb haben wir in den letzten Jahren sehr viel Geld - deutlich mehr als 100 Millionen Euro - in die Modernisierung unsere Händler und Werkstätten investiert. Parallel arbeiten wir intensiv an der Digitalisierung unserer Verkaufsprozesse hin zum Handel.

trend: Im vergangenen Jahr wurden in Österreich nur rund 5.500 Elektroautos verkauft. Warum setzt sich E-Mobilität nicht schneller durch?
Schützinger: Die angebotene Modellvielfalt ist noch überschaubar, und die Fahrzeuge sind teuer. Außerdem tragen Reichweitenängste und fehlende Ladeinfrastruktur zu den noch existierenden Vorbehalten gegen die E-Mobilität bei. Das wird sich aber 2020 ändern, wenn Volkswagen mit der I.D.-Familie eine Elektroflotte auf den Markt bringt, zu leistbaren Preisen und mit Reichweiten von bis zu 600 Kilometern.

trend: Sie haben kürzlich gesagt, Diesel sei weiterhin der vernünftigste Antrieb. Warum?
Schützinger: Klar ist: Der Weg Richtung Elektromobilität ist nicht aufzuhalten. Aber die Durchdringung mit Elektrofahrzeugen dauert eben seine Zeit. Daher braucht es noch den Dieselantrieb, der in der neuesten Motorengeneration zu den saubersten Antriebsformen zählt und der einen wichtigen Beitrag leistet, die Klimaziele zu erreichen. Durch die Modernisierung des Fahrzeugbestandes ist die verkehrsbedingte NOx -Belastung in den Städten seit 1990 um 70 Prozent zurückgegangen, und dies, obwohl sich das Verkehrsaufkommen seither verdoppelt hat. Österreich ist ja von der Debatte um Fahrverbote in den Städten Gott sei Dank nicht betroffen, da unsere Städte eine andere Topografie als die in Deutschland aufweisen.

trend: Welchem Antrieb gehört die Zukunft bis 2030?
Schützinger: Es wird keine Einzellösung geben, sondern eine Summe an Antriebsformen: Verbrennungs-, Hybrid-, Elektromotoren und in weiterer Zukunft auch Wasserstoff.


Wir glauben an die Zukunft der traditionellen Autoindustrie.

trend: Apple oder auch die Staubsaugerfirma Dyson - alle wollen jetzt Autos bauen. Ist das eine ernsthafte Konkurrenz für die alteingesessene europäische Autoindustrie?
Schützinger: Sie liefern wichtige Impulse, um die europäische Autoindustrie aufzurütteln. Grundsätzlich geht es ja um drei Entwicklungsstufen, vor denen wir stehen: Elektromobilität -da ist der VW-Konzern bereits gut aufgestellt. Konnektivität: Hier werden bereits bestehende Lösungen engagiert weiterentwickelt, und es wird an neuen gearbeitet. Autonomes Fahren: Amerikanische Unternehmen sind in diesem Bereich führend. Von dort wird auch Know-how zugekauft.

trend: So mancher Experte gibt der deutschen Autoindustrie kein langes Leben mehr. Sie hätte die Zukunft verschlafen.
Schützinger: Das sehen wir anders. Konzerne wie Apple oder Google sind anerkannte Softwarespezialisten und Treiber der digitalen Transformation. Fahrzeuge in Großserie herzustellen, erfordert jedoch auch spezielle Erfahrung im Automobilbau, unabhängig davon, ob elektrisch oder konventionell angetrieben. Nicht alles lässt sich online lösen. Deshalb glauben wir auch an die Zukunft der traditionellen Autoindustrie.

trend: Sie sitzen ja auch im Aufsichtsrat der Porsche AG. Porsche ist die Vorzeigemarke des Konzerns, verkauft keine Diesel mehr und bringt mit dem Taycan im kommenden Jahr den ersten rein elektrischen Sportwagen auf den Markt. Was kann man von den Stuttgartern lernen?
Schützinger: Ich bin seit zwei Jahren im Aufsichtsrat der Porsche AG. Das ist für mich und unser Unternehmen eine spannende Sache. Man ist ganz nahe an den neuen Produkten dran, und ich kann unser Vertriebs-Know-how einbringen. Der Sportwagenhersteller vollzieht aktuell einen massiven Wandel und unterstreicht seine Zukunftsfähigkeiten mit einer beispiellosen Wissensoffensive und dem klaren Bekenntnis zur Elektromobilität. Schon Ende kommenden Jahres geht der Taycan in Serie.

trend: Die klassische Frage an einen Automanager zum Schluss: Welches Auto haben Sie privat in der Garage stehen?
Schützinger: Als Dienstwagen benütze ich die Produkte unseres Hauses. Im Sommer bin ich ein Porsche 911 Cabrio gefahren, jetzt fahre ich den neuen Audi Q8, der bezüglich Konnektivität neue Maßstäbe setzt. Privat habe ich einen VW-Multivan, mit dem wir als Familie gut auf Urlaub fahren können.


Facts & Figures

Porsche Holding Salzburg

Österreichs größtes Unternehmen

  • 29.300 Beschäftigte.
  • Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 22,4 Milliarden Euro.
  • 1.046.700 Fahrzeuge wurden verkauft, davon fast drei Viertel oder 789.900 Neuwagen.
  • Die Porsche Holding ist in 27 Ländern weltweit tätig, hat 426 Händlerstandorte. Die Porsche Holding Salzburg ist seit 2011 Teil des VW-Konzerns.
  • Die hauseigene Porsche Bank ist in 15 Ländern tätig, hält mehr als 1,1 Millionen Verträge und ist in Österreich Marktführer bei Leasingverträgen

Das Interview ist der trend Ausgabe 46/2018 vom 16. November 2018 entnommen.

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