Pharmabranche unter Druck - Blockbuster-Pillen am Ende?

Pharmabranche unter Druck - Blockbuster-Pillen am Ende?

Forscher arbeiten an maßgeschneiderten Pillen, das bringt die großen Konzerne unter Druck und schafft Chance für flexible Start-ups.

Die großen Pharmakonzern kämpfen mit schwachen Umsatzzuwächsen, sinkenden Margen, hohem Wettbewerbsdruck und neuer Konkurrenz durch Start ups, die mit disruptiven Ideen neue Lösungsansätze für Patienten entwickeln.

„Wir befinden uns auf dem Weg von Pharma 1.0 zu Pharma 3.0 – und damit vom Blockbuster-Modell hin zum „Patient Outcome“ – also einem ergebnisbezogenen Modell. Bisher hatten wir ein bestimmtes Medikament, das auf den Markt gebracht wurde und möglichst viel Umsatz generieren sollte. Jetzt entstehen Ökosysteme, deren Teilnehmer große Mengen an relevanten Informationen austauschen und so individuelle Diagnosen und Behandlungsmethoden für Patienten ermöglichen. Zukünftig wird es für Pharmaunternehmen also viel stärker darauf ankommen, mit digitalen Technologien diesen Informationsaustausch zu kontrollieren und zu analysieren, um daraus Angebote für die Patienten zu entwickeln“, kommentiert Erich Lehner, Leiter Life Sciences bei Ernst & Young (EY) Österreich.

Life-Science-Start-ups werden Konzernen Marktanteile abjagen

Dabei wird sich nach Einschätzung von EY sich allerdings ein Wettbewerb mit neuen Marktteilnehmern entwickeln, die Pharmakonzernen – je nachdem, welche Strategie diese verfolgen – Marktanteile abjagen dürften. Für die Studie wurden daher unterschiedliche Szenarien durchgespielt, die alle gemeinsam haben: Die neuen Marktteilnehmer werden für die Pharmakonzerne zur ernsthaften Konkurrenz. Bis 2030 werden laut EY-Prognose Life-Science-Start-ups zwischen 30 und 45 Prozent des deutschsprachigen Marktes übernehmen.

Am meisten Anteile müssten die Pharmakonzerne demnach abgeben, wenn sie sich rein auf Effizienzmaßnahmen konzentrieren und Innovationen von außerhalb der Branche übernehmen, statt sie selbst zu entwickeln. Das für sie beste Szenario ergibt sich, wenn sie darauf abzielen, das gesamte Ökosystem selbst zu kontrollieren und zu gestalten.

Start-ups dominieren disruptive IT-basierte Gesundheitslösungen

Große Blockbuster, sie bringen den Pharmakonzernen pro Medikament mindestens drei Milliarden Dollar ein, werden auch in Zukunft für das Geschäft der Pharmariesen eine wichtige Rolle spielen. So würden etablierte Pharmakonzerne im gesamten deutschsprachigen Raum einen Jahresumsatz von rund 66 Milliarden Euro machen und damit weiterhin das traditionelle Pharmageschäft bestimmen. Start-ups würden mit rund zwölf Milliarden Euro dagegen nur einen Bruchteil davon umsetzen. Dafür würden sie bei neuen, IT-basierten Gesundheitslösungen den Markt dominieren und hier rund 22 Milliarden Euro umsetzen. Die traditionellen Pharmaunternehmen kämen demnach in diesem Bereich nur auf rund 13 Milliarden Euro Gesamtumsatz in dem Bereich, in den anderen Szenarien würden die kleineren Unternehmen sogar noch einen größeren Anteil am disruptiven IT-Markt übernehmen.


Daten sind das neue Gold der Pharmaindustrie

„Daten sind das neue Gold der Pharmaindustrie“, so Life-Sience-Profi Lehner. „Start-ups haben hier gewisse Vorteile, weil sie flexibler sind und neue Lösungen schnell entwickeln können. Für die großen Konzerne wird es vor allem darum gehen, Daten in Informationen zu übersetzen, die ihnen helfen, Patienten die bestmöglichen Behandlungsmethoden anzubieten. Wir reden hier von einer völlig neuen Situation für die Unternehmen, die erst noch lernen müssen, welche Daten wirklich wichtig sind und wie sie diese am besten verarbeiten können. Das führt letztlich auch zu einer neuen Kultur, die erst noch in den Konzernen ankommen muss: Die Zusammenarbeit über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg wird von zentraler Bedeutung sein, damit Ökosysteme funktionieren und sowohl den Unternehmen als auch den Patienten Mehrwert liefern können.“

Margen der weltweit größten Pharmakonzerne sinken – Abhängigkeit von Blockbuster-Medikamenten nimmt zu

Dass sich Pharmaunternehmen auf ein zunehmend schwierigeres Marktumfeld einstellen müssen, zeigt auch die ebenfalls heute veröffentlichte Analyse der Finanzkennzahlen der 21 größten Pharmaunternehmen der Welt, die die Prüfungs- und Beratungsorganisation EY erstellt hat. Demnach sanken die Margen der 21 größten Pharmakonzerne der Well.

Wirkstoffe gegen Krebs und Blockbuster-Pillen sind die großen Umsatzbringer


Die größten Umsatzbringer wachsen aber weiter. Das sind Wirkstoffe gegen Krebs und sogenannte Blockbuster-Medikamente. So sind 40 Prozent der derzeit in der Entwicklung befindlichen Wirkstoffe Krebsmedikamente. Bereits 2017 verdienten die Pharmaunternehmen damit fast jeden dritten Euro: Die Umsätze im Bereich Onkologie stiegen von 130,1 Milliarden Euro auf 137,4 Milliarden Euro.

Blockbuster machen 60 Prozent des Umsatzes aus

Gleichzeitig wuchsen die Umsätze mit Blockbustern deutlich stärker als die Gesamtumsätze: Während die Top-21-Pharma-Unternehmen 2017 insgesamt 447,5 Milliarden Euro Umsatz und damit nur 0,4 Prozent mehr als im Vorjahr generierten, stieg der Blockbuster-Umsatz um fünf Prozent auf 268 Milliarden Euro. Damit stieg der Blockbuster-Anteil an den Gesamtumsätzen um 1,5 Prozentpunkte auf 60 Prozent. Das zumindest leichte Wachstum beim Umsatz findet sich nicht beim operativen Ergebnis wieder: Das EBIT sank im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent auf 151 Milliarden Euro. Allerdings spielten Wechselkurseffekte 2017 eine große Rolle: Währungsbereinigt stiegen die Umsätze deutlicher um 2,6 Prozent an und das EBIT entwickelte sich mit minus 0,4 Prozent nur leicht negativ.

Große Abhängigkeit von Krebspillen und Blockbustern - Umsätze wachsen aber kaum noch

„Die Abhängigkeit der großen Pharmakonzerne von Krebsmedikamenten und den Umsatz bringenden Blockbustern nimmt zu“, so Lehner. „Allerdings steigen die Umsätze nur noch auf niedrigem Niveau. Und die sinkenden Margen zeigen: Die Unternehmen müssen einen Weg finden, Innovationen zu entwickeln und lukrative Nischen zu besetzen. Das passiert derzeit auch in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Neue individuelle Behandlungsverfahren werden künftig immer wichtiger. Insofern kann eine zu hohe Abhängigkeit von Blockbustern auch zu einem Risiko werden.“

Wettbewerbsdruck in den größten Bereichen wie der Onkologie ist enorm

„Aber über die Margen in der Pharmabranche wären nach wie vor fast alle anderen Branchen froh. Dennoch zeigt der Rückgang ein Problem auf: Der Wettbewerbsdruck in den größten Therapiebereichen wie der Onkologie ist enorm – vom großen Kuchen bleiben nur kleine Stücke. Zudem können sich die Konzerne zwar weiterhin auf ihre Blockbuster verlassen.


Viel wird von der Akzeptanz der neuen Therapieformen für Krebs und der Zahlungsbereitschaft der Patienten beziehungsweise der Gesundheitssysteme abhängen

Allerdings erlauben neue Technologien sehr viel zielgerichtetere Therapien. Sie sind aber in der Regel erheblich teurer. Für die Konzerne wird deshalb viel von der Akzeptanz der neuen Therapieformen und der Zahlungsbereitschaft der Patienten beziehungsweise der Gesundheitssysteme abhängen.“

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