Pflegeregress: Ab 2030 werden die Pflegekosten explodieren

Pflegeregress: Ab 2030 werden die Pflegekosten explodieren

Die Idylle trügt: Ab 2030 drohen die Pflegekosten um fünf Milliarden Euro zu steigen. Das Pflegesystem droht zu kollabieren, wenn keine sozialpolitischen Maßnahmen ergriffen werden.

In der Debatte um den Pflegeregress bisher ausgeblendet: Wer jetzt um die 50 und jünger ist, kann sich, aus heutiger Sicht, in der Pension, auf einiges gefasst machen. Wer dann pflegebedürftig wird, kann froh sein, wenn Geld und Pflegepersonal für ihn reichen. Ab diesem Zeitpunkt dürfte die Zahl der Pflegebedürftigen dramatisch steigen und die Kosten um Milliarden in die Höhe schnellen.

In der politischen Debatte rund um den Pflegeregress, der festhält, dass das Vermögen Pflegebedürftiger - und damit unter anderem auch Immobilienbesitz - zur Finanzierung der Pflege herangezogen wird geht es aktuell um Fragen wie der Verpflichtung für Pflegebedürftige das Vermögen zu opfern und wie die Bestimmungen Ehepartner, geschiedene Partner, Kinder, Erben oder Dritte trifft.

Wie hart die Auswirkungen der Bestimmungen des Pflegeregresses sein können können Sie in unserem Artikel "So hart ist der Pflegeregress derzeit wirklich" nachlesen. De facto liegt Bundeskanzler Christian Kern mit der Einschätzung, das der Pflegeregress in vielen Fällen einer hundertprozentigen Erbschaftssteuer entspricht richtig.


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In Zukunft wird es jedoch noch viel schlimmer kommen. Etwa ab dem Jahr 2030 werden die Kosten mit der zunehmenden Alterung der Generation der Baby-Boomer rasant zunehmen. Auf den Staatshaushalt wird sich das gar nicht so schlecht auswirken, denn die Aufwendungen für die Pflege generieren vergleichsweise hohe Einnahmen an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen.

Ausgaben steigen bis 2050 um fünf Milliarden Euro

Die Kosten für Pflege- und Betreuungsdienste werden in Österreich laut einer aktuellen Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) bis 2050 um 360 Prozent explodieren. Im Jahr 2015 betrugen die Kosten knapp zwei Milliarden Euro, 2050 werden es laut den Wirtschaftsforschern bereits neun Milliarden Euro sein. Die langfristige durchschnittliche Wachstumsrate der Ausgaben liegt bei 4,5 Prozent pro Jahr. In den kommenden Jahren verläuft die Entwicklung zwar noch moderat, aber ab dem Jahr 2025 gewinnt die Kostensteigerung aber umso stärker an Dynamik: Zwischen 2025 und 2050 verdreifachen sich die Kosten laut Berechnungen des Wifo in nur 25 Jahren.

Zahl der 80jährige wird sich verdoppeln

Einer der Hauptgründe für die stark steigenden Kosten liegt in der alternden Bevölkerung: Bis 2050 wird der Anteil der Menschen ab 80 Jahren auf 11,5 Prozent (2015: 5 Prozent) steigen. Ab dem Jahr 2025 erreicht nicht zuletzt die Generation der „Baby-Boomer“ diese Altersgruppe. „Dass die Menschen mit steigender Lebenserwartung immer mehr Jahre in Gesundheit verbringen und sich der Pflegebedarf zeitlich nach hinten verschiebt, ist einberechnet, dämpft die Kosten aber nur leicht“, ist die Wifo-Expertin Ulrike Famira-Mühlberger überzeugt.

Vorarlberg und Tirol vor stärkstem Anstieg der Pflegekosten

Die Entwicklung verläuft dabei regional unterschiedlich: Sie zeigt ein deutliches West-Ost-Gefälle. Am stärksten steigen die Kosten in Vorarlberg – bis zum Jahr 2050 wachsen sie um 427 Prozent -, es folgen Tirol (plus 424 Prozent) und Oberösterreich (plus 407 Prozent). Vergleichsweise gering ist der zu erwartende Anstieg der Kosten in Wien mit 315 Prozent. Die Gründe dafür: In den westlichen Bundesländern nimmt der Anteil der älteren, pflegebedürftigen Menschen stärker zu. Zudem waren die Versorgungsgrade im Ausgangsjahr der Kostenprojektionen (2015) im Westen höher als in Ostösterreich. In Wien wird die Entwicklung durch die vergleichsweise junge Bevölkerung gedämpft.

2050: 300.000 mehr Menschen pflegebedürftig

Mit den Pflege- und Betreuungsdiensten steigt auch das Pflegegeld: Die Zahl jener, die Pflegegeld beziehen, wächst von derzeit rund 450.000 Personen auf bis zu 750.000 im Jahr 2050. Die jährlichen Kosten des Pflegegelds steigen damit von 2,5 Milliarden Euro auf 4,2 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von 67 Prozent gegenüber 2015.

Pflege in Heimen dürfte zunehmen

Zugleich wird die Pflege im Familienkreis weiter an Bedeutung verlieren, sind die Wifo-Studienautoren überzeugt. Das liege an der steigenden Erwerbsquote der Frauen, die bisher die Hauptlast der Pflege tragen. Zudem leben immer mehr Menschen alleine und haben somit niemanden im Haushalt, der sie pflegen könnte. Der Wegfall dieser familiären Netzwerke hat weitreichende Auswirkungen: „Da die professionelle,mobile Pflege zu Hause vor allem bei höherem Betreuungsbedarf häufig nur im Wechselspiel mit familiärer Pflege möglich ist, dürfte die stationäre Pflege in den kommenden Jahren zunehmen“, so Wifo-Expertin Ulrike Famira-Mühlberger.

115.000 Jobs in der Pflege

Die steigenden Pflegekosten haben jedoch auch einen Vorteil: Einen hohen volkswirtschaftlichen Effekte. Die Gesamtausgaben für Pflegedienste werden von 3,4 Milliarden Euro waren im Jahr 2015 aufgrund von wirtschaftlichen Verflechtungen mit einer Bruttowertschöpfung von 5,9 Milliarden Euro verbunden und bietet damit schätzungsweise 115.000 Menschen einen Jobs. Und generierten ein Steueraufkommen von 1,1 Milliarden Euro. Zudem wurden 1,3 Milliarden Euro an Sozialversicherungsbeiträgen geleistet. Nur die öffentlichen Ausgaben von Ländern und Gemeinden (1,9 Milliarden Euro) – also ohne private Ausgaben - generieren 3,3 Milliarden Euro an Wertschöpfung sowie 66.000 Beschäftigte, 625 Millionen Euro an Steuereinnahmen und 739 Millionen Euro an Sozialversicherungsbeiträgen.

Pflege kurbelt Wirtschaft an

Öffentliche Ausgaben für Pflege- und Betreuungsdienste bringen so ein Steueraufkommen in Höhe von etwa 30 Prozent der Ausgaben und Sozialversicherungsabgaben von etwa 40 Prozent der Ausgaben. Die volkswirtschaftlichen Multiplikatoren sind aufgrund des hohen Anteils von Löhnen und Gehältern an den Ausgaben und der damit verbundenen Wertschöpfung laut Wifo vergleichsweise hoch.

Betreutes Wohnen und Senioren-WGs ausbauen

Um den Anstieg von teuren vollstationären Diensten zu reduzieren oder zu verzögern, rät das Wifo zum Ausbau alternativer Pflege- und Betreuungsformen wie betreutes Wohnen, Senioren-WGs, teilstationäre Dienste und Kapazitäten zur stationären Kurzzeitpflege auszubauen. Auch der weitere Ausbau der 24-Stunden-Betreuung zu Hause kann – bei entsprechender Pflegequalität – die Nachfrage nach stationärer Pflege dämpfen. Gleichzeitig muss die Attraktivität von Pflegeberufen deutlich erhöht werden, um einen Personalmangel zu verhindern.

Finanzierung sollte überdacht werden

Um den Kostenanstieg abzufangen, plädiert das Wifo dafür das derzeitige System der Finanzierung zu überdenken. Famira-Mühlberger: „Pflegebedürftigkeit sollte kein individuelles finanzielles Risiko für die betroffenen und ihre Angehörigen sein, sondern ein allgemeines soziales Risiko.“ Sie plädiert für vermögensbezogene Steuern, wie auf Erbschaft oder Schenkung.

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