Opel: Nach der Übernahme beginnt das große Sparen

Opel: Nach der Übernahme beginnt das große Sparen

Nach der Übernahme des deutschen Autoherstellers Opel durch den französischen PSA-Peugeot-Citroen-Konzern steht Opel ein beinhartes Sparprogramm bevor. PSA-Vorstandschef Carlos Tavares will die chronisch verlustbringende Marke binnen drei Jahren in die Gewinnzone bringen.

Die Übernahme kam nicht überraschend, ging jedoch außergewöhnlich schnell über die Bühne. Erst am 14. Februar war bekannt geworden, dass die französische PSA-Gruppe (Peugeot, Citroen) die Übernahme der europäischen General Motors Töchter Opel und Vauxhall sondiert. Drei Wochen später ist die auch schon besiegelt. Am Morgen des 6. März gaben der bisherige Opel- und Vauxhall Eigentümer General Motors und PSA die Einigung in Paris bekannt. Um nur 2,2 Milliarden Euro, gerade ein Zehntel dessen, das das US-Unternehmen Snap vergangene Woche beim Börsengang eingenommen hat, ging die Transaktion über die Bühne. Opel und Vauxhall wurden in deren Rahmen mit 1,3 Milliarden Euro bewertet, weitere 900 Millionen erhielt GM für das europäische Geschäft der Autobank GM Financial.

General Motors Chefin Mary Barra hatte zuvor erklärt, dass sie keine Zukunft mehr für ein GM-Engagement in Europa sieht. Auch, weil in Europa der Trend zu Kleinwägen anhält und diese außerhalb des Kontinents nur schwer an den Mann zu bringen sind. In den USA und im wichtigen Wachstumsmarkt China steigt etwa die Beliebtheit großer, schwerer SUVs immer weiter an. Strenge Abgasvorschriften, die in Europa produzierte Autos teurer und daher auch außerhalb des Kontinents schwerer verkäuflich machen, sind ein weiteres Minus in der Kalkulation von General Motors, das in den letzten fünf Jahren über eine Milliarde Dollar in die Europa-Töchter investiert hatte

Mit der Übernahme von Opel und Vauxhall - die beiden Marken erzielten im Jahr 2016 gemeinsam einen Umsatz von 17,7 Milliarden Euro - wird PSA mit knapp drei Millionen ausgelieferten Fahrzeugen jährlich nach Volkswagen zum zweitgrößten Automobilhersteller in Europa. Der Marktanteil der nunmehr französisch-deutsch-britischen Gruppe liegt bei 17 Prozent, der von Volkswagen liegt bei 24 Prozent.

Turnaround als Ziel

Unter französischer Führung wird bald ein neuer Wind wehen. Auch wenn Opel-Chef Karl-Thomas Neumann am Tag nach der Bekanntgabe der Übernahme demonstrativ erklärte: "Opel wird Opel bleiben" und hinzufügte: "Es ist wichtig, dass Opel eine echte deutsche Marke bleibt und Vauxhall eine echte britische Marke bleibt."

Carlos Tavares, der Vorstandsvorsitzende von PSA, hat natürlich das Ziel, die seit Jahren Verluste schreibenden von GM erkauften Tochtermarken möglichst schnell in die Gewinnzone zu bringen. "Wir sind zuversichtlich, dass der Turnaround von Opel/Vauxhall mit unserer Unterstützung deutlich beschleunigt wird", erklärte er. Im Jahr 2016 hatte Opel einen operativen Verlust in Höhe von 257 Millionen Dollar nach Detroit gemeldet. Was immerhin deutlich weniger als im Jahr 2015 war. Damals stand ein Minus von 813 Millionen Dollar in den Büchern.

Die Transaktion soll substanzielle Skaleneffekte und Synergien in den Bereichen Einkauf, Fertigung und Forschung und Entwicklung ermöglichen. Jährliche Synergien in Höhe von 1,7 Milliarden Euro werden bis 2026 erwartet - ein wesentlicher Teil davon bis 2020. In den drei Jahren bis dahin will Tavares auch den Turnaround geschafft haben. Dank der Partnerschaft mit GM erwartet PSA, dass Opel/Vauxhall eine Marge aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit von zwei Prozent bis 2020 und von sechs Prozent bis 2026 erreichen und bis 2020 einen positiven operativen freien Cashflow generieren wird.

PSA wird außerdem über ein neu gegründetes 50/50Joint-Venture gemeinsam mit BNP Paribas alle europäischen Geschäfte von GM Financial erwerben. Dieses Joint-Venture wird die aktuelle europäische Plattform und das Team von GM Financial beibehalten. Das Joint-Venture wird von BNP Paribas vollständig konsolidiert und von PSA nach der Equity-Methode bilanziert.

Sanierungsschritte

Der Weg Opels und Vauxhalls in die französische Obhut wird zweifellos von harten Sanierungsschritten begleitet sein. Obwohl PSA-Vorstandschef Tavares erklärt hat, dass der französische Konzern die "Verpflichtungen, die GM gegenüber den Mitarbeitern seiner europäischen Töchter eingegangen ist respektiert", fürchtet die Belegschaft in den Werken, dass es zu dramatischen Einschnitten kommen wird. Auch das Opel-Werk in Wien-Aspern wird wohl erneut auf den Prüfstand gestellt. Schon im Jahr 2015 wurde von GM beschlossen, dass die Motorenproduktion in dem Werk 2018 auslaufen soll. In Aspern werden vornehmlich Getriebe hergestellt - 2011 feierte man das 22-millionste in Aspern gefertigte Getriebe - und es ist die Frage, in welchem Umfang die Getriebefertigung in Zeiten der aufkommenden Elektromobilität noch Zukunft hat.

PSA Vorstandschef Carlos Tavares und General Motors Chefin Mary Marra bei der Bekanntgabe des Opel/Vauxhall-Verkaufs.

PSA Vorstandschef Carlos Tavares und General Motors Chefin Mary Marra bei der Bekanntgabe des Opel/Vauxhall-Verkaufs.

Tavares gibt bei der Übernahme von Opel auch kein Versprechen ab, dass alle Fabriken erhalten bleiben. Er machte den Bestand von Effizienzsteigerungen abhängig. "Das Einzige, was uns beschützt, ist Leistung", erlärte der PSA-Chef auf Nachfrage. in Paris auf die Frage, ob alle Standorte erhalten blieben. In einer Telefonkonferenz für Analysten sagte Tavares zu den befürchteten Werksschließungen: "Wir vertrauen Menschen und ihrer Fähigkeit, sich zu verbessern." Er sei sicher, dass es in den Fabriken von Opel und Vauxhall viel Effizienzpotenzial gebe. "In der Autoindustrie gibt es das Schließen von Werken. Aber es ist in gewisser Weise eine allzu einfache Art, auf die Dinge zu schauen." Er sei sicher, "dass die deutschen und britischen Fabriken am Ende nicht weniger effizient sein wollen als die französischen Fabriken".

Effizienz und Ertragskraft - das sind die Parameter, die für Tavares zählen. Mit der in den letzten Jahren durchgezogenen Sanierung der PSA-Gruppe hat er die Messlatte hoch gelegt. Hohe Renditen sind für die Automobilhersteller auch deshalb wichtig, weil die Umstellung zur Elektromobilität Milliardenkosten verursacht.

Erfolgreicher Sanierer

Die PSA-Gruppe steckte noch 2014 tief in den roten Zahlen. Der französischen Staat und die chinesische Investmentgesellschaft Dongfeng stiegen zu je 14 Prozent ein und retteten den Konzern mit einer 1,6 Milliarden Euro Finanzspitze vor dem Ruin. 8.000 wurden Stellen gestrichen und das Werk Aulnay-sous-Bois nördlich von Paris geschlossen.

Im April 2014 kam Tavares zu PSA und verordnete dem Konzern ein radikales Restrukturierungsprogramm . Die Produktion wurde modernisiert. Nun werden nach dem Volkswagen-Muster auf einer Plattform werden mehrere Modelle gebaut. Forschungsprogramme wurden eingefroren, unter anderem ein gemeinsames Projekt mit Bosch für einen neuen Hybridantrieb.

Nach der Opel/Vauxhall-Übernahme warb Tavares für eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und stellte in den Raum, dass es zu Einschnitten komen wird. "Wir kämpfen nicht mit den Gewerkschaften, das ist nicht unser Plan. Ein Unternehmen, das seit zehn Jahren in den roten Zahlen ist, stellt natürlich ein Problem dar, das gelöst werden muss", betonte er. "Und ich denke, dass Gewerkschaftsführer weise sind und verstehen, dass die aktuelle Situation nicht tragfähig ist." Jobgarantien gibt es vorerst nur bis Ende 2018.

Opel-Chef Karl-Thomas Neumann versucht indessen, Optimismus zu verbreiten. "Es entsteht die Chance, einen wirklichen europäischen Champion zu schaffen", betonte er in einer Botschaft an die Opel-Mitarbeiter. Die Übernahme Opels und Vauxhalls durch PSA sei "historisch". Opel und PSA hätten bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass sie erfolgreich zusammenarbeiten können. Zumindest eines ist PSA mit der Opel-Übernahme bereits gelungen: Der große Konkurrent Volkswagen wurde unter Druck gesetzt, auch wenn sich Konzernchef Matthias Müller betont gelassen gibt und im Rahmen des Genfer Autosalons erklärte, dass der Zusammenschluss auf die Pläne von Volkswagen zunächst einmal keinen Einfluss hat. Müller: "Wir haben unsere eigenen Ideen und Überlegungen, die werden wir konsequent bearbeiten." VW-Markenchef Herbert Diess wird sein angekündigtes Sparprogramm für die Kernmarke nun wohl dennoch mit noch mehr Nachdruck durchziehen. Bis 2020 sollen die Kosten um 3,7 Milliarden Euro reduziert und die Rendite auf vier Prozent erhöht werden.


Vergleich: Opel und die PSA Group

OPEL

  • ERGEBNIS: Opel kam auch 2016 nicht aus den roten Zahlen. 257 Millionen Dollar Jahresverlust verbuchte die US-Mutter General Motors in ihrem Europa-Geschäft, was einer Verbesserung von rund 600 Millionen Dollar gegenüber 2015 entspricht. Opel wies bei der Vorlage der Zahlen darauf hin, dass ohne das Brexit-Votum und den Absturz des britischen Pfunds ein positives Jahresergebnis erreicht worden wäre. Der Umsatz des Opel/Vauxhall-Geschäfts betrug im vergangenen Jahr 17,7 Milliarden Euro.
  • ABSATZ: Die Marke mit dem Blitz verkauft im Jahr rund eine Million Autos. 2016 erzielte der Hersteller mit einem Absatz von fast 997.000 Fahrzeugen einen Marktanteil von 6,6 Prozent in Westeuropa. Opel befindet sich nach eigenen Angaben in der größten Modelloffensive seiner Geschichte: Die Rüsselsheimer wollen bis 2020 insgesamt 29 neue Fahrzeuge und 17 neue Motoren auf den Markt bringen.
  • MITARBEITER: Opel beschäftigt gut 38.000 Mitarbeiter. Mehr als 19.000 davon arbeiten in Deutschland, vor allem in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach.

PSA GROUP

  • ERGEBNIS: :Dank radikaler Sanierung verdoppelte der französische Autobauer seinen Nettogewinn 2016 fast auf 1,7 Milliarden Euro. Gespart wurde bei Einkauf, Produktion und Verwaltung, auch höhere Preise trugen zum Anstieg bei. Der Umsatz verringerte sich im vergangenen Jahr um ein Prozent auf 54 Milliarden Euro.
  • ABSATZ: Die Franzosen verkauften 2016 weltweit mehr als drei Millionen Fahrzeuge ihrer drei Marken Peugeot, Citroen und DS. In Westeuropa, wo sie mit fast 1,5 Millionen Autos rund die Hälfte ihres Absatzes erzielen, hat der Konzern einen Marktanteil von 9,7 Prozent. Damit lagen sie 2016 hinter Platzhirsch Volkswagen mit 24,1 Prozent und dem französischen Konkurrenten Renault mit 10,1 Prozent auf dem dritten Platz. Zusammen mit Opel will PSA den zweitgrößten Autobauer in Europa nach dem VW-Konzern schmieden und auf einen Marktanteil von 17 Prozent kommen. Peugeot hat angekündigt, in Europa 28 neue Modelle bis 2021 auf den Markt zu bringen.
  • MITARBEITER: Die PSA Group ist mit weltweit 184.000 Mitarbeiter deutlich größer als Opel.

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