Panasonic - Japans Technik-Ikone wird 100 Jahre alt

Panasonic - Japans Technik-Ikone wird 100 Jahre alt

Panasonic: Seit 100 Jahren Technik Made in Japan

Der Elektronikriese Panasonic muss sich zu seinem 100. Geburtstag wieder einmal neu erfinden. Die Zukunft liegt im Autogeschäft und in der Vernetzung der Dinge - der Konzern betreibt bei Tokio sogar eine eigene Smart City.

Wer durch das soeben wiedereröffnete Panasonic-Museum nahe Osaka streift, erlebt ein Jahrhundert Technik- und Gesellschaftsgeschichte im Zeitraffer. Eine batteriebetriebene Fahrradlampe aus dem Jahr 1923, eine UFO-artige Waschmaschine und ein schwungvoll designter rot-weißer Staubsauger aus den Wirtschaftswunderjahren in den 1950ern, ein klobiger Camcorder, ein froschgrünes E-Bike für Kinder und sogar eine selbstreinigende Toilette: Inszeniert werden in dem Haus Produkt- Highlights des Elektro- und Elektronikzeitalters und das Leben des Gründers Konosuke Matsushita.

Aus Anlass des hundertsten Geburtstages am 7. März richtet das Unternehmen, das bis vor zehn Jahren noch Matsushita hieß, alle verfügbaren Scheinwerfer auf die eigene Historie. Panasonic ist eine Industrieikone, ein Pionier der Branche wie Siemens oder Philips in Europa. Die Japaner haben nicht nur die industrielle Fertigung perfektioniert, sondern auch die Wohnzimmer und Küchen erst Asiens und dann der Welt erobert, indem sie auf die Veränderungen in Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft stets schnell und innovativ geantwortet haben.

Doch wie die großen Konkurrenten am Weltmarkt muss sich der Konzern mit aktuell 257.000 Mitarbeitern und umgerechnet 56 Milliarden Euro Umsatz derzeit wieder einmal neu erfinden. Die Haushaltsmarke Panasonic, das Herzstück des Unternehmens, ist zwar nach wie vor der größte Umsatzbringer. Und anders als Siemens, das 2014 seinen Anteil an der gemeinsamen Haushaltsgeräte-Company an seinen Partner Bosch verkauft hat, halten die Japaner an diesem Stammgeschäft fest: Sie sind überzeugt, dass sich mit Fernsehern und Epiliergeräten, mit Wäschetrocknern und Klimaanlagen, mit High-End-Kameras der Marke Lumix und Technics-Lautsprechern weiterhin gutes Geld verdienen lässt - trotz der verschärften Konkurrenz aus China und anderen asiatischen Ländern vor der Haustür.

Unternehmensgründer Kōnosuke Matushita (1894-1989)

Waschmaschine, 1951

Schon in allernächster Zeit wird jedoch dieser Kernbereich umsatzmäßig vom schneller wachsenden Automotivbereich überholt werden. Dabei geht es nicht um irgendwelche Autoteile, sondern um einen Schlüsselbereich der E-Auto-Entwicklung. In der Wüste von Nevada produziert Panasonic etwa Lithium-Ionen-Batterien für das neue Model 3 von Tesla: Die Japaner sind dort ein Teil der riesigen Gigafactory des E-Auto- Pioniers. Selbst Tetsuro Homma, Chef der für die Heimanwendungen zuständigen Panasonic-Division und Anwärter für die Nachfolge von CEO Kazuhiro Tsuga, lässt im trend-Gespräch keinen Zweifel daran, wo die Zukunft liegt: " Zusätzliche Investitionen gehen in die Automotivsparte."

Umbruch für "Made in Japan"

Im Zuge dieses Wandels muss Homma nun häufiger unangenehme Fragen beantworten, die das Selbstverständnis der Industrienation Japan berühren. Ob denn japanische Qualität, die immer zum Markenkern von Panasonic gehörte, überhaupt noch ein Wettbewerbsvorteil auf den internationalen Märkten sei, wollen internationale Journalisten bei einer Pressekonferenz Anfang März in Tokio von ihm wissen. Der Manager lächelt freundlich und erzählt von seinem jüngsten Besuch in Indien, wo ihm umfassende Bewunderung für Technik "Made in Japan" entgegengeschlagen sei. "Kein anderes Land der Welt kriegt einen 300 Stundenkilometer schnellen Zug hin, der im Fünfminutentakt verkehrt", sagt Homma stolz. Es ist ein Verweis auf den Shinkansen, eine der großen Ingenieurleistungen seines Landes.

Doch klar ist auch, dass für das traditionell stark auf Autonomie und Hierarchie ausgerichtete japanische Managementsystem nun neue Zeiten angebrochen sind. Panasonic durchläuft eine Transformation, wie sie auch andere Größen der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft durchlaufen, vom Autobauer Toyota bis zum Entertainmentriesen Sony.

Unternehmensgründer Matsushita hatte das Streben nach maximaler Unabhängigkeit in seinen zahlreichen Schriften gepredigt, er gestand Unternehmen und Managern aber auch zu, "dass sie von Zeit zu Zeit Hilfe von außen in Anspruch nehmen können". Und ein wesentlicher Bestandteil der gegenwärtigen Transformation ist die Öffnung gegenüber externen Partnern. Kurz vor dem hundertsten Geburtstag verkündete das Unternehmen ein Joint Venture mit der in San Francisco ansässigen Venture-Capital-Firma Scrum Ventures, die bei der besseren Anbindung an das Silicon Valley helfen soll, dem Weltzentrum der Informationstechnologie und Hotspot des Startup-Geschehens. Auch Toyota und Sony haben in letzter Zeit ähnliche Schritte gesetzt.

Aber auch für die Weiterentwicklung ihrer Technologien selbst suchen die Japaner Partner: Staubsaugerroboter etwa verlangen nach einer stetigen weiteren Verfeinerung ihrer künstlichen Intelligenz, dafür ist externes Know-how dringend notwendig. Eine Kooperation mit dem japanischen Chiba Institute of Technology soll genau das gewährleisten.

Smart Living

Ein zweites Zauberwort heißt Konnektivität. Weil im Internet der Dinge alles mit allem verbunden ist, will Panasonic seine jahrzehntelange Kompetenz in der Herstellung von Haushaltsgeräten nun dazu nutzen, diese Geräte miteinander zu verbinden und das Datenmanagement zu übernehmen. Das Ziel ist nicht nur, Haushalte besser zu steuern, sondern ganze Städte.

Wer einen Eindruck davon haben will, wie diese Zukunft aussehen könnte, fährt eine Stunde mit dem Zug von Tokio nach Fujisawa in der Präfektur Kanagawa, wo an schönen Tagen am Horizont die Konturen des Mount Fuji aufleuchten. Hier wohnen auf einem früheren Panasonic-Fabriksgelände 450 Familien in Musterhäusern, deren Dächer voller Photovoltaikpaneele sind. Die Dreifachkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 - Erdbeben, Tsunami und Atomreaktorunfall - hat viele wachgerüttelt, das bisherige Lebensmodell zu ändern, erzählt der Panasonic-Guide bei der Führung durch die City. Wenn es einen Strom-Totalausfall gibt, sollen mit den hier installierten Systemen immerhin drei Tage überbrückt werden können.

Mustercity Fujisawa Sustainable Smart Town

Car- und Bikesharing-Systeme, das Verzahnen von kind- und altersgerechtem Wohnen, eine eigene Kommunenverwaltung - die Fujisawa Sustainable Smart Town (SST) - ist ein Zukunftslabor, in dem es nicht nur um die Digitalisierung der Infrastrukturbereiche, sondern um die Frage geht, wie in Zukunft das Zusammenleben funktionieren soll.

Noch ist das Experiment auf 19 Quadratkilometer beschränkt. Doch es gibt bereits Pläne für weitere Smart Cities - und für die Expansion nach Übersee. Im US-Bundesstaat Denver ist Panasonic jedenfalls bereits in ein ähnliches Projekt investiert, und auch Europa ist im Visier der Japaner. Dass in diesen neuen Stadtteilen idealerweise auch die Projektentwicklung, die Paneele, die Monitore und die Haushaltsgeräte von Panasonic kommen sollen, liegt auf der Hand: die Nachhaltigkeitsstadt als 360-Grad-Verkaufsmodell.

Gut möglich also, dass beim nächsten Update des Panasonic-Museums bei Osaka auch eine Smart City in Miniatur vorgeführt wird.

Panasonic: 100 Jahre in Zahlen

GESCHICHTE. Als sich Konosuke Matsushita, Bauernsohn und gelernter Fahrradhändler, 1918 selbstständig machte, hatte er von Beginn an konsumentennahe Anwendungen für das noch junge Elektrizitätszeitalter im Sinn. Sein erstes Produkt waren Adapter für Glühbirnen, 1923 gelang der Durchbruch mit einer batteriebetriebenen Fahrradlampe.

90 von 100 Jahren trug das Unternehmen den Namen seines Gründers: Erst 2008 wurde Matsushita in Panasonic umbenannt. Die Marke Panasonic war erstmals 1955 für Lautsprecher in den USA verwendet worden - die Matsushita-Hauptmarke National war dort markenrechtlich geschützt. Auch National wurde 2008 aufgegeben.

Mit Lumix (Kameras) und Technics (Soundsysteme) gehören weitere High-End-Technikmarken zu Panasonic. Von 1954 bis 2008 war auch JVC Teil der Matsushita-Welt. 2009 wurde Sanyo - bzw. die Reste davon - übernommen.

Der börsennotierte Konzern mit Headquarter in Kadoma nahe Osaka beschäftigt aktuell 257.000 Mitarbeiter und erzielte im Geschäftsjahr 2016/17 umgerechnet 56 Milliarden Euro Umsatz. Die beiden größten Sparten sind ungefähr gleich groß: 31 Prozent steuert "Appliances" bei, in der Haushalts-und Konsumelektronik gebündelt sind, 29 Prozent "Automotive and Industrial Solutions", zu der die E-Auto-Batterien gehören. 45 Prozent der Umsätze werden im Heimatland Japan erzielt, 13 Prozent in China, 14 Prozent in weiteren asiatischen Ländern. Europa und Amerika stehen somit für 28 Prozent der Verkäufe.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 10/2018 vom 9. März 2018 entnommen.

Die KTM-Fahrrad-Chefinnen: Johanna Urkauf (29) ist seit 2018 Geschäftsführerin beim größten Fahrrad-und E-Bike-Hersteller Österreichs. Carol Urkauf-Chen (62) zieht aber vorerst weiterhin die Fäden im Unternehmen.

Wirtschaft

KTM gegen KTM: Fahrradschlacht in Mattighofen

Video
Ernst Ulrich von Weizsäcker

Wirtschaft

"In der vollen Welt ist die Natur der knappe Faktor" [VIDEO]

Wirtschaft

trend-EXKLUSIV: Neue Mieter für ehemalige Creditanstalt-Zentrale