Overtourism: Grüße aus der Touristenhölle

Overtourism: Grüße aus der Touristenhölle

Touristen aus Asien sind stark im Kommen. Nicht nur in Hallstatt.

Der weltweite Tourismus boomt. In manchen Orten wie Hallstatt oder Venedig führt der Ansturm aber nicht nur zu Rekordeinnahmen, sondern zu unangenehmem "Overtourism". Nun wird gegengesteuert.

Für Alexander Scheutz ist klar, wohin die Reise geht: "Zweieinhalb Stunden muss sich künftig jeder freinehmen für diesen schönen Ort", sagt der Bürgermeister der Marktgemeinde Hallstatt. Ab dem Frühjahr 2020 bekommen Reisebusse für den Besuch der 758-Seelen-Gemeinde nur dann einen Slot, wenn sie 80 statt 40 Euro Parkgebühr bezahlen und wenn sie zumindest zweieinhalb Stunden dort bleiben. Für Verzögerungen bei der Anreise soll es empfindliche Strafen setzen. Außerdem soll der Abend künftig ganz den Hallstättern und den dortigen Hotelgästen gehören: Um 17 Uhr ist der späteste Slot, danach soll wieder Ruhe im Ort einkehren.

All diese Maßnahmen wurden notwendig, weil sich die Zahl der Busse von 2015 bis 2018 auf 19.344 im Jahr nahezu verdoppelt hatte. Rund eine Million Tagesgäste treffen auf weniger als 800 Einwohner in dem idyllischen Ort im Salzkammergut. Besonders eng und unangenehm wird es in den Sommermonaten: Speziell chinesische und südkoreanische, zunehmend aber auch indische Gäste tummeln sich, angelockt durch die beliebte koreanische Soap "Spring Waltz", die zum Teil am Hallstätter See spielt, auf den schmalen Wegen zwischen See, Karner und Salzstollen. Für etliche Dorfbewohner ist der Zustand mittlerweile unerträglich geworden. Eine Initiative "Bürger für Hallstatt" hat es bei den letzten Gemeinderatswahlen aus dem Stand auf vier Mandate geschafft.

Tourismus boomt

Doch so dramatisch sich die Situation aktuell noch für die Hallstätter darstellt, sie sind mit ihren Sorgen nicht alleine. In vielen Regionen und Städten der Welt ist der Tourismus dermaßen aus dem Ruder gelaufen, dass Wissenschaftler diesem Phänomen vor einigen Jahren einen eigenen Namen, Overtourism, gegeben haben. Reisten im Jahr 1950 gerade mal 25 Millionen Menschen weltweit jährlich, sind es heute bereits knapp 1,4 Milliarden. Damit wurde die an sich schon sehr ambitionierte Prognose der World Tourism Organization (siehe oben) im vergangenen Jahr bereits übertroffen. Mit sechs Prozent Wachstum bei den Touristenankünften präsentierte sich 2018 als das zweitstärkste Jahr in der Geschichte der Aufzeichnungen. Besonders starke Impulse gingen dabei von Reisenden aus dem Mittleren Osten und Afrika aus. Touristen aus Asien sind mit sechs Prozent Zuwachs ebenfalls wieder gut vertreten. Mit einem Anteil von 45 Prozent am Gesamtkuchen der Ankünfte liegt der Städtetourismus ganz weit vorne. Auch Österreichs Tourismus kann ganz gut mithalten: seit 2006 wurden um 33 Prozent mehr Ankünfte verzeichnet. 2018 lag man bei 44,8 Millionen. Die stärksten Zuwächse wurden hierzulande bei Touristen aus China, Ungarn und Tschechien gezählt.

2030 soll die Zahl der weltweiten Touristenankünfte pro Jahr schon nahe der Zwei-Milliarden-Marke liegen.

"Es handelt sich bei Overtourism um ein punktuelles Phänomen, das aber nicht nur mit der Masse der Touristen, sondern auch mit der Art der Touristen zusammenhängt", erläutert Holger Sicking, zuständig für Tourismusforschung bei der Österreich Werbung. Anders als manch anderer Touristiker nennt er dieses Phänomen aber lieber Unbalanced Tourism statt Overtourism. Heutzutage machen es Low-Cost-Flieger eben möglich, so Sicking, dass ganze Horden von jungen Londonern für ein Wochenende nach Prag fliegen, um sich dort kostengünstig zu betrinken. Derlei Touristen werden von der einheimischen Bevölkerung dann auch anders wahrgenommen als jene, die in Luxushotels wohnen und ihr Geld in teures Essen oder Kultur investieren.

Turbo Kreuzfahrt

Aber nicht nur die immer günstiger werdenden Flüge befeuern den Overtourism, auch Kreuzfahrtschiffe und günstige Mietplattformen wie Airbnb tun das Übrige dazu. Erst kürzlich gingen die Bilder des Kreuzfahrtschiffes um die Welt, das im Getümmel am Giudecca-Kanal in Venedig ein Touristenboot rammte und mehrere Verletzte forderte. Nun überlegt man in der Lagunenstadt zum wiederholten Mal, Kreuzfahrtschiffe aus dem Zentrum zu verbannen. Auch um zu verhindern, dass Venedig womöglich von der Unesco auf die Liste der gefährdeten Kulturgüter gesetzt wird.

Ein ähnliches Bild, wenn auch erst seit wenigen Jahren, wird Besuchern in der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik geboten. Allein in den ersten drei Monaten des heurigen Jahres -nicht gerade der besten Reisezeit -kamen um 53 Prozent mehr Touristen nach Dubrovnik als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Und das, obwohl die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die hier täglich anlegen, seit heuer bereits limitiert ist. Der überfallsartige Tourismusboom in der kleinen kroatischen Adriastadt (42.000 Einwohner) hat vor allem cineastische Gründe. Die letzte Staffel der US-Fantasy-Serie "Game of Thrones" ("GoT") spielte in Dubrovnik und macht die Kleinstadt zu einer wahren Pilgerstätte für sogenannte Set-Jetter. 38 Prozent des Anstiegs sind nur auf "GoT"-Fans zurückzuführen. Mancher von ihnen hat beim Stadtbummel sogar das passende Kostüm an. 2018 wurden annähernd 9.000 "GoT"-Touren für die Fans angeboten.

Wo Städte wie Venedig, Barcelona oder Dubrovnik schon längst sind, nämlich im Zentrum des Overtourism, dort drohen einige andere Städte in Bälde zu landen. Das World Travel & Tourism Council hat kürzlich in seinem jüngsten Report "Destination 2030" nicht weniger als 50 Destinationen ausgemacht, die dem Overtourism bald zum Opfer fallen könnten, wenn sie nichts unternehmen. Darunter: Paris, Prag, Stockholm, San Francisco, Vancouver, Toronto, London oder Berlin.

Island, Mallorca velieren

Nicht darunter fällt Island, das bis vor Kurzem noch unter den Touristenmassen stöhnte. Letztes Jahr noch zum zweitschlimmsten Land in Sachen Overtourism gewählt und so wie Dubrovnik bei "GoT"-Anhängern sehr populär, hat Island heuer starke Rückgänge im Tourismus vermeldet. Minus 20 Prozent lauten die Prognosen für heuer. Dies ist einerseits auf die Insolvenz des isländischen Billigfliegers Wow Air zurückzuführen, aber auch auf die zuletzt sehr hohen Preise in dem skandinavischen Land.

Schon wird erstes Wehklagen laut, dass viele in der isländischen Tourismusindustrie ihren Job verlieren könnten. Ähnliches lässt sich in Mallorca beobachten, wo der Touristenansturm, von vielen Einheimischen jahrelang misstrauisch beobachtet, heuer weitgehend ausbleibt.

Hier zeigt sich das Dilemma der Touristiker: Wie viel Gegensteuern ist zu viel? "Das ist sicher eine Gratwanderung, weil man natürlich auch die Wertschöpfung nicht außer Acht lassen darf", so Tourismusforscher Sicking. Immerhin trug der Sektor mehr als zehn Prozent zum globalen BIP bei und versorgte 319 Millionen Menschen mit Arbeit.

Viele Städte und Gemeinden wie Wien oder Salzburg betreiben deshalb aktuell exzessive Datenauswertung, um zu erforschen, wo und wann ein Ansturm an Touristen drohen könnte, um rechtzeitig und vor allem sanft Maßnahmen dagegen ergreifen zu können. Auch Bürgermeister Scheutz glaubt, dass ihm das in Hallstatt gelungen ist: "Unsere Betriebe boomen, und ich gehe davon aus, dass die Wertschöpfung in unserem Ort durch unsere Maßnahmen sogar noch ansteigen wird."


Maßnahmen gegen Overtourismus

Hallstatt, Österreich

  • CA. 1 MIO TAGESGÄSTE PRO JAHR
  • Ab dem Frühjahr 2020 gibt es ein Slotsystem für Busse; maximal 54 Busse pro Tag sind zugelassen.
  • Verweildauer muss mindestens 2 1/2 Stunden betragen. Parkgebühr auf 80 € angehoben.

New York, USA

  • 65 MIO TOURISTEN PRO JAHR
  • Werbekooperationen, um Touristen auch zu ruhigeren Zeiten nach NY zu locken.
  • Touristenströme werden aus Manhattan in weniger frequentierte Regionen wie Brooklyn, Queens oder die Bronx gelenkt.

Dubrovnik, KROATIEN

  • 1,27 MIO TOURISTEN PRO JAHR
  • Nur noch zwei statt sechs Kreuzfahrtschiffe pro Tag dürfen anlegen.
  • Zahl der Taxis wird auf 500 halbiert.
  • Touristen zahlen 1 Euro Eintrittsgeld.

Venedig, ITALIEN

  • 30 MIO TOURISTEN PRO JAHR
  • Tagestouristen zahlen zwischen 2,5 und zehn € für einen Venedig-Besuch.
  • Große Kreuzfahrtschiffe dürfen nicht mehr durch den Giudecca-Kanal fahren.
  • Besucherströme werden mit Hilfe von Drehkreuzen besser reguliert.

Barcelona, SPANIEN

  • 27 MIO TOURISTEN PRO JAHR
  • Hotelprojekte wurden annulliert.
  • Airbnb ist stärker reglementiert; bei Umgehung wurde bereits eine Konventionalstrafe von 600.000 € verhängt.
  • Lärmschutz und Einhaltung der Nachtruhe werden stärker kontrolliert.

Mont Blanc, Frankreich

  • 25.000 TOURISTEN PRO JAHR
  • Wer den Mont Blanc besteigen will, muss eine Reservierung für eine Hütte vorweisen.
  • Wildes Zelten wird mit bis zu zwei Jahren Haft und 20.000 € bestraft.

Island

  • 22 MIO TOURISTEN PRO JAHR
  • Sehenswürdigkeiten wie Schluchten wurden vorübergehend gesperrt.
  • Werbemaßnahmen, um die Touristen auch im Winter anzulocken.
  • Auch der weniger frequentierte Norden der Insel wird beworben.

Machu Picchu, PERU

  • 22 MIO TOURISTEN PRO JAHR
  • Dauer des Besuchs der Sehenswürdigkeiten wird auf drei Stunden beschränkt.
  • 80 Parkwächter sorgen dafür, dass Touristen auf markierten Wegen bleiben.
  • Protest gegen Bau eines neuen Flughafens.



Der Artikel ist der trend-Ausgabe 27-28/2019 vom 5. Juli 2019 entnommen.

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