ORF-Chef Wrabetz zum dritten Mal zum Generaldirektor gewählt

ORF Generaldirektor Alexander Wrabetz
ORF Generaldirektor Alexander Wrabetz

Alexander Wrabetz - der alte und neue ORF-Generaldirektor.

Der Machtpoker um den ORF ist entschieden. General Alexander Wrabetz hat mit 18 von 35 Stimmen die Wahl mit einer knappen Mehrheit gegen Herausforderer Richard Grasl gewonnen. Für Grasl votierten 15 Stiftungsräte. Der von der SPÖ unterstützte Wrabetz ist damit der erste ORF-Chef, der dreimal in Folge zum Generaldirektor bestellt wurde.

Alexander Wrabetz (56) hat es schon wieder geschafft. Diesmal war es "arschknapp", um ein geflügeltes innenpolitisches Wort zu verwenden. Zehn Jahre, nachdem Wrabetz Monika Lindner den Chefsessel am Küniglberg abgejagt hatte, wurde er als erster ORF-Chef zum dritten Mal in Folge zum Generaldirektor bestellt. Nicht einmal der legendäre Generalintendant Gerd Bacher schaffte dieses Kunststück.

Neben den 13 Vertretern des SPÖ-"Freundeskreises" im Stiftungsrat erhielt der ORF-Chef auch die Stimmen der zwei unabhängigen links stehenden Betriebsräte Christiana Jankovics und Gerhard Moser, die des Kärntner Stiftungsrats Siggi Neuschitzer, des Grünen Wilfried Embacher sowie von NEOS-Stiftungsrat Hans Peter Haselsteiner. Wrabetz Herausforderer Richard Grasl kam auf 15 Stimmen und wurde von 13 Vertretern des ÖVP-"Freundeskreises" gewählt. Daneben wählten FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger und Team Stronach-Vertreter Günter Leitold den von der ÖVP favorisierten Kandidaten.

Zwei Enthaltungen

Die unabhängige Betriebsrätin Gudrun Stindl sowie der unabhängige Regierungs-Stiftungsrat Franz Küberl, der wegen des Todesfalls eines engen Freundes nicht an der Sitzung teilnehmen konnte, sein Votum aber durch die bürgerliche Stindl übermitteln ließ, enthielten sich nach APA-Informationen der Stimme. Küberl wollte offenbar nicht Teil des Matches SPÖ gegen ÖVP sein und zugleich ein Zeichen gegen den Druck setzen, der in den vergangenen Tagen auf ihn persönlich und über Dritte ausgeübt wurde.

Die Wahlentscheidung war letztlich auch eine politische Lagerwahl: SPÖ, Grüne, NEOS und Unabhängige für Wrabetz, ÖVP, FPÖ und Team Stronach für Grasl. Für Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ), der sich im Vorfeld der ORF-Wahl klar für Wrabetz ausgesprochen hatte, bedeutet die Bestellung seines Kandidaten nach der Niederlage bei der Wahl des Rechnungshofpräsidenten eine Stärkung.

Regierungswechsel mit Ansage

Aufhorchen ließ dabei FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger. Der Freiheitliche erklärte noch vor der Wahl, dass er ohnehin damit rechne, dass es im kommenden Jahr zu einem Regierungswechsel mit freiheitlicher Beteiligung komme. "Das ist eine Abstimmung für ein Jahr, ab 1. Jänner, dann gibt's Neuwahlen. Die Freiheitliche Partei hat mich bereits beauftragt, ein neues ORF-Gesetz zu machen, denn ohne Reformen wird's nicht gehen", stellte Steger einen Machtwechsel im ORF für 2018 in Aussicht.

Der Grüne Stiftungsrat Wilfried Embacher begründete seine Wahlentscheidung für Wrabetz mit Skepsis über Grasls Führungskonzept. Er befürchtete zu viel Machtfülle bei der von Grasl konzipierten neuen Generaldirektion. Zugleich bestätigte Embacher, dass es in der Grünen Partei auch Stimmen gegeben habe, die für Grasl plädierten. Der ursprünglich von BZÖ/FPK bestellte und später von der SPÖ-geführten Landesregierung unter Landeshauptmann Peter Kaiser verlängerte Kärntner Stiftungsrat Siggi Neuschitzer nannte Wrabetz' Informationskonzept sowie die Technik-Pläne der beiden Bewerber als Hauptgründe für sein Votum Pro-Wrabetz.

Mit Rückendeckung der SPÖ und taktischem Geschick zimmerte Wrabetz wie vor zehn Jahren eine bunte Koalition aus roten, grünen, pinken und unabhängigen Stiftungsräten. Neben dem Amtsbonus sicherte dem amtierenden ORF-Chef wohl letztlich der Umstand die Wiederwahl, dass Wrabetz seine Macht an der größten Medienorgel des Landes dosiert einsetzte und den Redaktionen jede Menge journalistischen Freiraum in der täglichen Arbeit gewährte - manchmal zu viel, wie Kritiker nicht müde wurden zu betonen.

Der Umbau zum Social-Media-Haus

Den ORF will Wrabetz in den kommenden Jahren zum Social Media-Haus umbauen. "Der ORF soll das digitale Leitmedium der Zukunft bleiben", so der neue alte Generaldirektor. Für ORFeins plant er mehr österreichische Inhalte und eine Stärkung der Information, ORF III soll weiter ausgebaut werden. "Stärken weiterentwickeln" laute das Motto für ORF 2 und die ORF-Radios.

Als Amtsinhaber kann Wrabetz auf eine solide Bilanz verweisen. Seit der Finanzkrise 2008 fährt der ORF ein Spar-und Restrukturierungsprogramm, mit dem kräftig Personal eingespart wurde. Millionen-Verluste, die damals eingefahren wurden, könnte Wrabetz im Tandem mit seinem Finanzdirektor und Kontrahenten Richard Grasl schließlich wieder drehen. 2015 schloss man zum sechsten Mal in Folge mit einem positiven Jahresergebnis und deutlich über Plan ab.

Der ORF meisterte unter Wrabetz eine österreichische Song-Contest-Austragung samt Kosten, lancierte ORF III sowie ORF Sport + und baute die TVthek aus. Publikumsrenner wie die Show "Dancing Stars" funktionierten in den vergangenen Jahren weiterhin, mit "Vorstadtweiber", Skurrilem wie "Braunschlag" oder den "Landkrimis" setzte man österreichische Produktionsakzente. Jüngste Errungenschaft des Wrabetz-ORF war die Frühstücks-Schiene "Guten Morgen Österreich", die vielen aber zu unterhaltungslastig ist.

Der Wahlkampf

William Shakespeare hätte seine helle Freude. Königsmord gehe "selten gut für alle Beteiligten aus", ließ ORF-General Alexander Wrabetz nach der "Hamlet"-Premiere bei den Bregenzer Festspielen schon am 20. Juli fallen. Unklar blieb, ob er sich auf seine eigene Tat anno 2006 bezog. Als damaliger Chefkaufmann hatte er ja seine Chefin Monika Lindner entthront. Oder ob es mehr ein Fingerzeig in Richtung seines eigenen Herausforderers Richard Grasl war.

Dieser wiederum, der Kaufmännische Direktor, wehrt sich dagegen, als potenzieller Königsmörder in einer Art Hamlet- 4.0-Version betrachtet zu werden: "Ich lebe im 21. Jahrhundert und nicht zur Zeit von William Shakespeare", lässt er wissen. Königsdrama oder eben doch Kindergarten?

Vor der Wahl des ORF-Generaldirektors liegen die Nerven blank. Wrabetz behauptet, die Mehrheit im 35-köpfigen Stiftungsrat hinter sich zu haben. Grasl legt nach, spricht aber etwas bescheidener von der "Mehrheit der Argumente" auf seiner Seite.

Wahl der Konzepte

Tatsächlich stehen die Chancen besser denn je zuvor, dass die Kandidaten um den Generaldirektorenjob mit ihren inhaltlichen Konzepten punkten können, die sie dieser Tage an die Stiftungsräte schicken. Eiskalter Politpoker ist bei der Bestellung des Chefs im größten Medienunternehmen zwar nicht wegzudenken. Weil sich die fixen Stimmen der beiden Koalitionsparteien ÖVP und SPÖ aber derzeit im Stiftungsrat die Waage halten, kommt den Nonkonformisten, Hasardeuren und wirklich Unabhängigen im einflussreichen Gremium diesmal ein überproportional höheres Gewicht zu als in früheren Wahlgängen (Ausgangslage siehe Kasten Seite 8). Und diese gilt es mit Argumenten zu umgarnen.


Service: Die Bewerbungskonzepte zum Download

Bewerbung von Alexander Wrabetz; zum Download auf das Bild klicken

Bewerbung von Richard Grasl; zum Download auf das Bild klicken


Inhaltlich stand im Vorwahlkampf der geradezu unwürdige kompetitive Paarlauf um die Gunst der Landeshauptleute -und ihrer neun Vertreter im Stiftungsrat -im Vordergrund. Sowohl Wrabetz als auch Grasl versprechen für die Landesstudios mehr Autonomie in personellen und Budgetfragen. Der Chefkaufmann, selbst lange Jahre im Landesstudio Niederösterreich tätig, zieht sogar die Idee eines neuen Spartensenders neben ORF III und Sport +aus dem Hut, in dem noch mehr Bundesländer-Inhalte verwertet werden können. "2017 will ich den Antrag dafür einbringen."


In fünf Jahren will ich 100.000 Twitter-Follower haben, die mit mir über den ORF diskutieren.

Alexander Wrabetz

Wrabetz plant dagegen, ORF III weiterzuentwickeln sowie Reportagen und Dokumentationen zu forcieren. Die permanenten Überholversuche auf der föderalen Laufbahn nerven ihn sichtlich: "Ich habe die Rolle der Landesstudios ausgeweitet wie noch nie. Sie besetzen so viele Sendeplätze wie nie, gestalten so viele nationale Sendungen wie noch nie, liefern so viel zu Chronik, Sport, Kultur und nationaler Info zu wie noch nie. Und das bei einem großen Beitrag zum Sparkurs." Die Botschaft ist klar: Was könnte man da noch besser machen?

Labor-Fernsehen

Viel essenzieller sind die Strategien, wie sich der ORF auf den dramatischen Wandel der Medienwelt vorbereitet, von dem auch das Fernsehen betroffen ist. Die Details der Jobbewerber dazu sind in den Konzepten ausgearbeitet.

Wrabetz will den ORF in den nächsten Jahren zu einem echten Social-Media-Haus transformieren, in dem alle Abteilungen, von den Journalisten über die Presseleute bis hin zu den Kundendienstlern, quasi rund um die Uhr auch via Facebook, Twitter & Co. kommunizieren sollen. Nachsatz:"Wir werden dafür zusätzliche Kapazitäten brauchen - weil wir mit dem Publikum ja künftig in einer permanenten Diskussion und Interaktion sind."


Social Media kann jeder.

Richard Grasl

Grasl hält davon ganz und gar nichts, weil er Social Media als nicht kompatibel mit öffentlich-rechtlichem Journalismus empfindet: "Bei uns geht es um Recherche, Einordnung und Orientierung. Social Media kann jeder."

Zwei Welten

Dennoch will der Herausforderer, anders als Wrabetz, einen Digitaldirektor, der über mehrere Hundert Mitarbeiter verfügt und sowohl ORF Online als auch die TVthek, die Streaming- Plattform Flimmit und das Start-up-Zentrum futurelab.261 -somit alle Innovationsagenden -koordiniert. Am 25. Juli hat Grasl die Verträge mit den ersten beiden Start-ups unterschrieben, die an den ORF andocken: das Starportal Greetzly und der Nachrichtenautomatisierer Updatemi. Im Vollausbau sollen es bis zu zwölf Beteiligungen werden.

General Wrabetz ist das nicht umfassend genug: "Ich halte nichts davon, Innovation in einem einzelnen Bereich zu bündeln. Wichtiger als die Start-ups sind mir Kooperationen wie jene mit der FH Hagenberg, wo wir Projekte in Auftrag geben, die dann für uns maßgeschneidert umgesetzt werden." Er will zwar einen Chief Digital Officer installieren, allerdings nicht auf Direktionsebene. Grasls Futurelab soll durch ein "Innovation Lab" getoppt werden -"mit jungen Leuten, die man temporär auf Projektbasis ins Unternehmen holt, sie beispielsweise Vorschläge für ein Informationsprodukt machen lässt und das bis zur Pilotreife bringt", so der General.

Für jene Stiftungsräte, die ihre Wahl-Entscheidung von der besseren Digitalstrategie abhängig machen, ist aber auch entscheidend, wem sie persönlich den Aufbruch in die neuen Zeiten auch zutrauen. Wrabetz hat sein gesamtes Berufsleben in der staatsnahen Wirtschaft verbracht, der 13 Jahre jüngere Grasl ist zwar altersbedingt digitalaffiner, mit Ausnahme seiner Start-up-Initiative aber bislang kaum in diesem Bereich aufgefallen.

"Wäre der ORF ein kleines Start-up, dann wäre ich vielleicht nicht der Richtige für die Zukunft des Unternehmens", konzediert Wrabetz, ehe er zur finalen Wahlrede ansetzt: In den nächsten Jahren gehe es aber darum, zeitgleich das klassische Produktportfolio weiterzuentwickeln - und die Millennials zu bedienen. Wrabetz: "Wem traut man es eher zu, beides zu können? Ich bin überzeugt, dass ich das kann, und habe es die letzten Jahre auch bewiesen."

Und in Sachen Social Media will er auch persönlich auf die (You-)Tube drücken: "In fünf Jahren will ich selber 100.000 Twitter-Follower haben, die mit mir über den ORF diskutieren." Ein ehrgeiziges Ziel: Der Twitter-König des ORF, Armin Wolf, hat zur Stunde 267.433 Follower.

Sicher ist: Wer immer das Duell um den Küniglberg verliert, ist nicht nur seinen Job los, sondern darf sich auch des bewährten Spottes auf Twitter sicher sein. Wie sagt es Königsmörder Claudius in "Hamlet" in weniger als 140 Zeichen?"Wenn die Leiden kommen, so kommen sie wie einzelne Späher nicht, nein, in Geschwadern."

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