ORF-General Wrabetz: "Ein neues digitales Vollprogramm" [Interview]

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz

ORF-General Alexander Wrabetz über sein Ziel eines 24-Stunden-Online-Newskanals, das neue ORF-Gesetz - und warum die Streamingplattformen in Zukunft wieder linearer werden könnten.


ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz über ...

  • ... die Entwicklung des ORF vom Broadcaster zum Plattformunternehmen.
  • ... den ORF-Player und den Kampf gegen Netflix.
  • ...Fußball im Free-TV und neue Konkurrenz am Sportrechtemarkt.
  • ... GIS-Gebühren und seinen eigenen Verbleib im ORF.

trend: Nach einem Jahr wie 2018 - mit Olympischen Winterspielen, einer Fußball-WM, den TV-Gedenkaktivitäten zu 1918, 1938 und 1968 sowie einigen Landtagswahlen - kann es für den ORF 2019 nur mager werden, oder?
Alexander Wrabetz: Natürlich hat man nach solchen Jahren die Herausforderung, sich die Events teilweise selbst kreieren zu müssen. Aber das haben wir ja auch vor: Wir bringen im Frühjahr wieder eine Staffel "Dancing Stars", wir haben ein sehr attraktives Paket von eigenproduzierten Filmen und Serien, etwa den Event-Mehrteiler "M" von David Schalko oder die neue Serie "Walking on Sunshine" mit Robert Palfrader. Rund um den Schwerpunkt "80 Jahre Zweiter Weltkrieg" wird es wieder viel Zeitgeschichte geben. Und wir haben ja auch eine Alpine und eine Nordische Ski-WM.

Werden wir Teile davon auch schon über den neuen ORF-Player konsumieren können, den Sie selbst als "ambitionierteste Veränderung des ORF seit 20 Jahren" bezeichnen?
Wrabetz: Ja. Nach der Einführung von ORF ON 1997 ist der ORF-Player etwas, über das man später sagen wird: Das hat 2019 begonnen. Er markiert die endgültige Transformation des ORF von einem linearen Broadcaster zu einem digitalen Plattformunternehmen.


Wir wollen einen 24 Stunden durchmoderierten Online-Newskanal.

Was genau ist die Ambition daran? Den Player der BBC gibt es schon seit Jahren.
Wrabetz: Es geht um mehr als bloß eine Weiterentwicklung unserer TVThek. Deren Relaunch im ersten Quartal ist ja nur das erste von insgesamt 14 Teilprojekten im Rahmen des Players. Auf dieser Plattform werden wir nicht nur unsere bisherigen linearen Programme in TV und Radio bündeln, sondern auch eigenes Programm machen. Wir wollen dort einen 24 Stunden durchmoderierten Online-Newskanal, bei dem wir etwa Videos verbreiten können, noch bevor sie in den etablierten Kanälen gezeigt wurden. Dadurch wird sich das Tempo beschleunigen. Im Sport werden wir insbesondere bei den Randsportarten mehr anbieten können. Und es wird verstärkt Interaktion mit dem Publikum über das Programm geben. Kurz gesagt: Der Player ist ein neues digitales Vollprogramm mit zahlreichen Streaming- und On-Demand-Produkten.

Einmal abgesehen von der privaten Konkurrenz, der so etwas überhaupt nicht gefallen kann: Haben Sie denn schon den politischen Sanctus für diese Neuerung?
Wrabetz: Teile können wir im bestehenden Rechtsrahmen realisieren, für andere Teile brauchen wir eine Änderung des Gesetzes. Derzeit haben wir für alle unsere Kanäle von ORF eins bis zu ORF III einen gesetzlichen Auftrag. Den hätten wir gerne auch für den ORF-Player - und zwar so breit formuliert, dass wir damit auch eine Art Entwicklungsgarantie für das nächste Jahrzehnt haben. Bei der Medienenquete im Juni haben wir von der Politik Signale bekommen, dass für so eine digitale Weiterentwicklung eine grundsätzliche Bereitschaft besteht. Und der Player ist ja so konstruiert, dass daran die Privaten andocken können und sollen. Der Medienminister hat uns in diesem Zusammenhang als Schuhlöffel für die Zusammenarbeit mit Dritten bezeichnet. Mir persönlich ist der Begriff Motor lieber.


Content von Sportorganisationen für Community-Plattformen.

Und haben Sie Puls 4 & Co. schon bei der Konzeption mit eingebunden?
Wrabetz: Nein. Wir haben das über den Sommer von der Grundstrategie inhouse entwickelt. Aber bei relevanten Bereichen wie dem gemeinsamen Österreich-Log-in oder der gemeinsamen Vermarktung gibt es Gespräche mit den privaten Marktteilnehmern, die zum Teil auch schon weit gediehen sind. Wir sprechen aber auch mit den Sportorganisationen, um etwa deren Content für Community-Plattformen miteinbinden zu können.

Ihre On-Demand-Plattform Flimmit, einst als Kampfansage an Netflix & Co. gestartet, wird im Player aufgehen?
Wrabetz: Ja, sie wird mit eingebunden und unter "ORF Cinema" laufen.

Wenn es die Novellierung des Gesetzes bis Mitte 2019 geben sollte - wann könnte der Player starten?
Wrabetz: Wir wollen das etappenweise umsetzen. Wir beginnen im ersten Quartal mit der neuen TVThek, die ein neues Design und verbesserte Features haben wird. Die großen Hauptelemente sollen 2020 starten. Ich rechne damit, dass ein neues Gesetz eher im vierten als im dritten Quartal 2019 beschlossen wird und dann mit Beginn 2020 in Kraft tritt. Komplettiert ist das Projekt dann, wenn es den erwähnten 24-Stunden-Newskanal gibt.

In das Gesetz werden ja wohl mehrere Themen mit hinein verpackt, auch jene über die künftige Finanzierung des ORF. Der kleinere Koalitionspartner FPÖ will ja wahlweise entweder die GIS-Gebühren senken oder überhaupt ein steuerfinanziertes Modell nach dem Vorbild von Dänemark.
Wrabetz: Da sind die Standpunkte noch nicht ausdiskutiert. Und ich hoffe, dass das nicht "durchgepeitscht" wird, sondern dass man sich der gesellschaftlichen und medienpolitischen Debatte stellt. Meiner Meinung nach wäre eine Weiterentwicklung des bestehenden Finanzierungsmodells sowohl demokratie- als medienpolitisch richtig.


US-Serien wandern schrittweise zu den Streamingplattformen.

Der Player ist die Antwort auf ein definitiv nonlinearer gewordenes Medienzeitalter. Haben Sie diesen Wandel unterschätzt, als Netflix vor vier Jahren in Österreich gestartet ist?
Wrabetz: Jeden Tag schauen 3,5 Millionen Menschen die ORF-TV-Programme und nach Schätzungen 700.000 Netflix. Aber Sie haben Recht: Bei den unter 25-Jährigen ist es in etwa fifty-fifty, und wir sind noch nicht am Ende der Entwicklung. Was sind die Folgen? Die amerikanischen Serien, bisher auf ORF eins, wandern schrittweise zu den Streamingplattformen, und wir müssen mit eigenem Premiumcontent dagegen halten. Das haben wir schon bisher getan, und das tun wir in Zukunft verstärkt. Uns klassischen Medien stehen Geschäftsmodelle wie jenes von Netflix, das allein 2017 einen negativen Free Cashflow von zwei Milliarden Dollar aufwies, ja nicht zur Verfügung.

Werden die Streaming Wars, wie sie in den amerikanischen Medien seit einiger Zeit genannt werden, Europa zusätzlich erschüttern?
Wrabetz: Das glaube ich nicht, dafür ist Europa zu kleinteilig organisiert. Und die Streamingplattformen müssen ja jetzt auf Druck der EU europäische Produkte in ihr Angebot integrieren, deshalb werden wir hier eher mehr Partnerschaftsmodelle sehen, so wie der ORF das bei "Freud" macht, einer Koproduktion mit Netflix.


Netflix & Co. werden Konkurrenten in der Bewegtbildwerbung.

Werden die Streamingplattformen auf dem Werbemarkt ein ernstzunehmender Konkurrent? Wenn ich eins und eins zusammen zähle, sind ja alle Digitalriesen ...
Wrabetz: ... am Ende in die klassische Werbefinanzierung gegangen. Und ja, ich rechne damit, dass Netflix & Co. Konkurrenten in der Bewegtbildwerbung werden, weil sie ihren negativen Cashflow ausgleichen müssen und dafür weitere Erlösquellen erschließen müssen. Der Treppenwitz ist, dass sich diese Plattformen am Ende quasi zu linearen Plattformen mit linearer Werbung verwandeln könnten.

Auch am Sportrechtemarkt werden Amazon etc. neben den Pay-TV-Sendern zur zusätzlichen Konkurrenz. Begrüßen Sie die Bemühungen der österreichischen Regierung, die Bundesliga zurück ins Free-TV zu bringen?
Wrabetz: Da geht es ja nicht darum, alles zurückzuholen, sondern um die Frage, ob zumindest ein Spiel pro Runde im Free-TV gezeigt werden muss. Das wäre für den Fußball gut, fürs Publikum sowieso und auch für die Betreiber, um den ruinösen Preiswettbewerb zwischen den verschiedenen Pay-TV-Anbietern im Rahmen zu halten.

Werden wir uns nächstes Jahr zu diesem Anlass wieder gegenübersitzen, um über die TV-Entwicklungen 2020 zu sprechen?
Wrabetz: Darauf die gleiche Antwort wie vor einem Jahr: Ich gehe davon aus. Mein Vertrag läuft bis 2021.


Zur Person

Alexander Wrabetz , 58, wurde 2016 zum zweiten Mal als ORF-Generaldirektor wiedergewählt; seine dritte Amtsperiode läuft bis 2021. Beim größten österreichischen Medienunternehmen begann er vor 20 Jahren als kaufmännischer Direktor.


Das Interview ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 50-52/2018 vom 14. Dezember 2018 entnommen.

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