Operation Siemens: CEO Kaeser will Konzern agiler machen

Operation Siemens: CEO Kaeser will Konzern agiler machen

Joe Kaeser hat große Pläne mit dem Technologieriesen Siemens.

Siemens-Konzernchef Joe Kaeser lockert Bande zu immer mehr Sparten, was zu Ausgliederungen führen könnte. Siemens könnte bestimmte Sparten als einzelne Unternehmen an die Börse bringen. Kaeser könnte Siemens zu einer Holding-Gesellschaft mehrerer operativen Einheiten umbauen.

München. Siemens-Chef Joe Kaeser will den noch immer verzweigten Siemens-Konzern agiler machen und lockert dafür die Bande zu immer mehr Sparten. Das stößt nicht überall auf Gegenliebe.

Seit Monaten wird spekuliert, dass sich Kaeser nach Umstrukturierung und Verschlankung nun weitere Sparten vorknöpfen, abspalten und zumindest teilweise an die Börse bringen könnte - so wie es für die Medizintechnik der Fall ist. Wird aus dem integrierten Industriekonzern bald ein Verbund von weitgehend eigenständigen Einzelunternehmen unter dem Dach einer Holding? Zur Siemens-Halbjahresbilanz am kommenden Donnerstag (4. Mai) dürfte das Thema wieder auf den Tisch kommen.

Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas dürfte dann - wie zuletzt schon so häufig - wieder ein rundes Paket an Zahlen für das zweite Geschäftsquartal abliefern. Analysten schätzen, dass das Auftragsbuch weiter anschwillt und der Umsatz um 5 Prozent auf 19,8 Milliarden Euro klettert. Dass womöglich wegen Zins- oder Steuereffekten etwas weniger Gewinn unterm Strich herausspringt, können die Investoren daher wohl verschmerzen.

Kaeser selbst hatte die Spekulationen rund um einen losen Holdingverbund in einem Interview der Wirtschaftszeitung "Euro am Sonntag" im Februar angeheizt. Investoren würden es sehr schätzen, nicht nur in einen breit aufgestellten Mischkonzern zu investieren, sondern auch gezielter in einzelne Siemens-Geschäfte, sagte der Siemens-Lenker damals. Vor allem mit Blick auf die Zeit nach 2025 müsse man sich Gedanken machen, wie groß und wie breit aufgestellt ein Unternehmen künftig noch sein müsse, um erfolgreich zu sein. "Heute sind wir ein einzelner Tanker, wir müssen zu einem koordinierten und leistungsfähigen Flottenverband werden."

Der Tanker genießt seit Kaeser die Kommandobrücke betreten hat einen großen Vertrauensvorschuss. Die Siemens-Aktie ist seit seiner Bestellung zum Siemens-Chef per 1. August 2013 bis heute um fast 70 Prozent gestiegen.

Wie weit die Gedankenspiele bereits gediehen sind, ist zwar unklar. Die Pläne Kaesers sorgen hingegen in der Belegschaft für reichlich Unruhe. Der integrierte Stammhaus-Konzern müsse bleiben, forderten Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn und IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner damals in einer Betriebsräte-Info. "Den Konzern weiter zu zergliedern, würde die Marke Siemens und das Unternehmen gefährden."

Dahinter stehen auch Sorgen um die Mitbestimmung bei Siemens. Beunruhigt waren die Arbeitnehmervertreter unter anderem von Kaesers Überlegungen, die ertragreiche Medizintechnik mit Namen "Healthineers" in den USA an die Börse zu bringen. Ihre Befürchtung: Das Unternehmen würde künftig aus den USA heraus gesteuert, am bisherigen Sitz der Medizintechnik in Erlangen verbliebe nur eine GmbH - und die Mitbestimmung wäre ausgehöhlt. Aus ähnlichen Gründen machen Beschäftigte und IG Metall auch Front gegen eine Fusion des Industriegase-Anbieters Linde mit dem US-Konzern Praxair.

Aber auch an anderer Stelle rumort es: Erst kürzlich machten Berichte über eine mögliche Allianz der Zugsparten von Siemens und dem kanadischen Flugzeug- und Bahnkonzern Bombardier die Runde. Der Druck in der Branche ist mit der Fusion der beiden größten chinesischen Zughersteller zum neuen Giganten CRRC massiv gewachsen. Siemens und Bombardier schweigen bisher zu Berichten über angeblich schon weit gediehene Gespräche, in die auch die deutsche Regierung involviert sein soll.

Einem Zusammenschluss stünden aber wohl Hürden entgegen - allen voran kartellrechtlicher Art: Mit Siemens und Bombardier sowie der französischen Alstom beherrschen nur drei Anbieter den europäischen Markt. Täten sich zwei von ihnen zusammen, könnte das gravierende Folgen für Kunden wie die Deutsche Bahn haben, es wäre also wohl mit hohen Auflagen zu rechnen. Bei Arbeitnehmervertretern in Deutschland wiederum dürfte eine Allianz wohl nur dann auf Zustimmung stoßen, wenn Siemens die Oberhand im zusammengeschlossenen Unternehmen behielte.

Weiteres Beispiel: Das Geschäft mit mechanischen Antrieben - eine der Baustellen des Konzerns - wird eigenständig, um schneller auf den harten Preisdruck und aufkommende Konkurrenz aus Asien reagieren zu können. Wer nicht vor jeder Entscheidung in München anrufen muss, kann agiler am Markt auftreten, so Kaesers Kalkül.

Von wichtigen Investoren bekommt er Lob für seine Strategie. "Die Börse liebt keine Konglomerate, wir Investoren lieben klare Geschäftsmodelle", sagt Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment. Er kann sich deshalb gut vorstellen, dass die Zugsparte, ähnlich wie zuvor auch schon das Windkraftgeschäft von Siemens, in ein Joint Venture eingebracht wird und Siemens damit wieder ein Stück flexibler wird.

Über kurz oder lang, so ist Niesel überzeugt, wird aus dem noch immer breit aufgestellten Dax-Konzern - von Gasturbinen und fossilen Kraftwerken über die Antriebstechnik bis hin zu Bahn- und Gebäudetechnik - ein auf Technologie, Digitalisierung und Software fokussiertes Unternehmen. Deshalb glaubt Niesel auch nicht, dass an Mutmaßungen um eine Abspaltung der digitalen Fabrik etwas dran ist. Gerade dieses zukunftsträchtige Geschäft dürfte der Kern des neuen Siemens sein, ist der Fondsmanager überzeugt.

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