Ex-OMV-Präsident: „Es müsste klar Schiff gemacht werden“

Wolfgang C. Berndt, bis Herbst 2020 Aufsichtsratschef der OMV, übt im trend-Interview heftige Kritik an den „Agitationen“, die zum Abgang von Rainer Seele führten.

Das OMV Headoffice in Wien

Das OMV Headoffice in Wien

Am 2. Juni werden bei der Hauptversammlung der OMV die Weichen für die Nachfolge von Generaldirektor Rainer Seele gestellt. Wolfgang C. Berndt, bis Oktober 2020 Aufsichtsratspräsident der OMV, nimmt im trend-Interview (Ausgabe vom 28. Mai 20221) zu den heftigen Auseinandersetzungen innerhalb des Konzerns, die zum Rückzug von Seele führten Stellung. Berndt spricht von einem „Putsch mit dem Ziele: Seele muss weg!“

Als Anlass sieht der frühere Topmanager des globalen Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble den Strategiewechsel Seeles Richtung Chemie-Unternehmen. Er spart dabei nicht mit Kritik am Betriebsrat des Upstream-Bereichs der OMV, am stv. Generaldirektor Johann Pleininger und an der Staatsholding ÖBAG. Er wirft einer früheren Betriebsrätin vor, mit den Identifikationsdaten – und mit Wissen – der damaligen Konzernbetriebsratsvorsitzenden Zugang zu vertraulichen Informationen gehabt und an die Öffentlichkeit gespielt zu haben: „Zeitweilig arbeitete sie sogar unter dem Pseudonym Spürnase bei „Dossier” mit.“ Diese Online-Plattform veröffentlichte mehrere kritische Artikel über Seele. Außerdem seien parlamentarische Anfragen der Opposition veranlasst worden.

Mobilmachung gegen die OMV

Wieso sich auch SPÖ und Neos auf die OMV einschossen, erklärt Berndt, dass man der Opposition das Bild vermittelt hat, eine Delegation mit Bundeskanzler Kurz und Seele habe in Abu Dhabi vor zwei Jahren einen überhöhten Kaufpreis für die vereinbart – und die Differenz sei dann irgendwo hingeflossen. „Das ist die Arbeitshypothese: völlig abwegig zwar, aber für die Opposition natürlich eine ideale Geschichte, um gegen die ÖVP mobil zu machen.“ Dass die Borealis-Mehrheit zu teuer erworben wurde, stellt Berndt entschieden in Abrede.

ÖBAG-Aufsichtsratschef Helmut Kern sieht der Ex-OMV-Präsident als einen „der Hauptverantwortlichen für die Eskalation der Situation“. Seine wichtigste Informationsquelle sei der OMV-Betriebsrat gewesen. „Seine verzerrte Sicht hat der Seele-muss-weg-Initiative geholfen.“ Und zur Person Kern sagt Berndt: „Ich glaube, dass Österreich mit einem Mann wie Kern in so einer wichtigen Funktion für öffentlichen Besitz nicht gut bedient ist.“

Dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der OMV, Johann Pleininger, einer der Kandidaten für die Seele-Nachfolge, hält Berndt vor, die Strategie von Seele mit dem Fokus auf Petrochemie schlechtgeredet zu haben. „Obwohl er sie selbst mitbeschlossen hat, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.“ Auf die Frage, ob Pleininger OMV-Chef werden könnte, wenn die Strategie beibehalten wird, antwortet Berndt: „Wenn es Richtung Chemie weitergeht, kann das aus meiner Sicht nicht funktionieren. Auch weil die Belegschaftsvertreter denken würden: Jetzt haben wir einen, der unsere Sache vertritt, also können wir weiter agitieren und quertreiben. Es müsste klar Schiff gemacht werden.“


Lesen Sie mehr über das Gerangel um die Führung und Richtung in der OMV im Artikel "Tollhaus OMV" in der trend-Ausgabe vom 28. Mai 2021

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