"Es hilft nichts, wenn einer der Umweltpapst ist, aber korrupt"

OMV-Boss Rainer Seele über den Druck von NGOs auf die Konzerne, deren zum Teil unrealistische Forderungen und warum es Aktionären primär um die Dividende geht.

OMV-Vorstandschef Rainer Seele

ELOQUENT UND SELBSTBEWUSST. Von vorauseilendem Gehorsam gegenüber Umweltaktivisten hält Rainer Seele nichts.

trend: Große Unternehmen geraten immer öfter durch Umweltaktivisten unter Druck, wie die OMV derzeit in Neuseeland erfahren muss. Wandelt sich außer dem Klima auch das Standing der Konzerne?
Rainer Seele: Ich würde nicht so sehr Druck sagen, sondern Weckruf - der auch die OMV veranlasst, den Klimawandel aktiver anzugehen. Allerdings darf sich dieser Weckruf nicht nur an Politik und Wirtschaft richten. NGOs müssen die Gesellschaft insgesamt adressieren, sonst wird sich nicht viel ändern. Außerdem sind manche Forderungen unrealistisch bzw. sogar extrem und gehen am Thema vorbei.

Mit Klein-Klein wird man wenig erreichen, es braucht wohl die großen Töne?
Seele: Es bringt aber nichts, wenn sich die Unternehmen in vorauseilendem Gehorsam überbieten, wer am schnellsten die schärfsten Klimaziele formuliert, oder wenn wir uns nur darüber unterhalten, wann der richtige Zeitpunkt für CO2-Neutralität ist - da sind wir dann im Jahr 2040. Die Klimaängste der Menschen sind inzwischen so groß, dass wir über Aktivitäten reden müssen, die kurzfristig was bringen. Dafür braucht es in Österreich eine stärkere Stimme der Wirtschaft, um gemeinsam zu realistischen Vorgehensweisen zu kommen.

Die Öl- und Gasförderung in Neuseeland im Gebiet der Ureinwohner, der Maori, hat Ihnen sogar den Vorwurf des Völkermords durch Greenpeace eingebracht ...
Seele: ... den ich entschieden zurückweise. Es wird mit falschen Informationen versucht, die OMV unter Druck zu setzen und ihrer Reputation zu schaden. Wir fördern bei diesem Projekt gar kein Öl, sondern suchen nach Gasreserven. Das Gas ist zu zwei Dritteln für einen Kunden zur Produktion von Methanol bestimmt, wird also überwiegend nicht verbrannt. Wir halten uns an alle Gesetze, und ich erwarte das auch von Greenpeace, das in diesem Fall Eigentums- und Sicherheitsrechte nicht anerkennt. Ich appelliere an Greenpeace und andere Organisationen, faire Diskussionen zu führen - und nicht Marketing für die eigene Sache zu betreiben. Wir werden keine Probleme lösen, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen.

Schreiten die Arbeiten in Neuseeland trotzdem wie geplant voran?
Seele: Wir werden vor allem auf Social Media nach wie vor kritisiert. Aber die Umsetzung unserer Erkundungsbohrungen läuft ohne größere Komplikationen ab. Wir sind im Übrigen als Lizenznehmer sogar gesetzlich dazu verpflichtet. Und alles passiert in enger Abstimmung mit den Maori. Wir arbeiten seit Jahrzehnten mit ihnen zusammen. Die OMV geht ganz korrekt vor, alles andere würden auch die Kapitalmärkte nicht akzeptieren.

Bei vielen Hauptversammlungen nehmen kritische Fragen der Aktionäre zur Nachhaltigkeit des Unternehmens schon die meiste Zeit in Anspruch. Ist das auch bei der OMV so?
Seele: Das Interesse an diesen Themen ist gestiegen, auch bei Analysten. Aber primär geht es Aktionären doch um die Dividende und die Strategie. Ich habe noch keinen getroffen, der gesagt hätte, ich solle den Unternehmenserfolg für Klimaaktivitäten riskieren. Man will eine Symbiose aus beidem.

BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, der auch in der OMV investiert ist, hat zu Jahresbeginn in einem Brief wieder Topmanager auf der ganzen Welt zu verantwortungsvollem Handeln gemahnt. Fühlen Sie sich angesprochen?
Seele: Ich finde das gut und kann Ihnen dazu nur sagen, dass die OMV wieder in den Dow Jones Sustainability Index aufgenommen wurde. Das ist der Ritterschlag; eine Shell hat das zum Beispiel im Vorjahr nicht geschafft. Darum ärgert mich ja, wenn wir als Umweltsünder diskreditiert werden. Es gibt mittlerweile spezialisierte Institute, die nach verschiedenen Kriterien die Nachhaltigkeit messen. Die OMV schneidet da mit ihrer Strategie gut ab. Dazu gehören auch soziales Engagement und Corporate Governance: Es hilft also nichts, wenn einer der Umweltpapst ist und gleichzeitig korrupt. Ich räume aber ein, dass wir unsere Strategie nach außen noch besser kommunizieren müssen, damit das auch in der Bevölkerung gesehen wird. Wir haben etwa bei unserer Gaslogistiktochter den CO2-Ausstoß bereits um mehr als 40 Prozent gesenkt. Und wir werden noch einiges mehr machen. Es ist ja eine Art Nachhaltigkeitswettbewerb entstanden.

Was genau werden Sie denn alles machen?
Seele: Wir beschäftigen uns erstens intensiv mit Recyclingmodellen, um zur Reduzierung von Plastikmüll beizutragen. Wir setzen zweitens auf Photovoltaik und werden nicht nur an unserem Standort in Gänserndorf entsprechende Anlagen bauen. Drittens wollen wir künftig viel mehr Öl höherwertig verarbeiten, vor allem zu Hochleistungskunststoffen und Vorprodukten für Medikamente, statt es zu verbrennen. Dieser Teil unserer Strategie wird offenbar noch zu wenig durchschaut. Das gilt auch für unsere Kooperation mit dem Verbund-Konzern, in der wir uns - viertens - auf Wasserstoff konzentrieren. Der ist die Voraussetzung für synthetische Kraftstoffe, mit denen künftig u. a. Flugzeuge betrieben werden können.

An dem Plan, die Produktion von Öl und Gas auf 600.000 Barrel zu erhöhen, halten Sie aber trotz aller Zukunftsprojekte fest?
Seele: Dieses Volumen, das aus Investitionen der Vergangenheit herrührt, ist das Ziel bis 2025. Und ich sehe keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Die Märkte werden die Produkte weiterhin nachfragen. Nur weil Umweltaktivisten Debatten losbrechen, werden die Menschen nicht kurzfristig auf Benzin, Diesel oder Gas verzichten.

Aber weiter rauf wird die Förderung dann nicht mehr gehen?
Seele: Das kann ich jetzt so apodiktisch nicht sagen. Jedenfalls haben wir aber unsere Investitionspolitik angepasst. 500 Millionen Euro sind alleine für das Projekt ReOil reserviert, eine Technologie, um aus Kunststoff wieder Öl zu gewinnen. Wir haben uns entsprechende Unternehmen in Europa angeschaut und werden wahrscheinlich auch was mit unserem Partner in Abu Dhabi machen.

Siemens-Chef Joe Kaeser ist gerade wegen eines kleinen Auftrags für ein australisches Kohlekraftwerk öffentlich zum Buhmann geworden. Beginnt man da als CEO nicht nachdenklich zu werden?
Seele: Ich bin als CEO dem Unternehmen, den Aktionären und den Mitarbeitern verpflichtet. Wenn so was passiert, muss man die Kraft haben, die eigenen Aktivitäten zu rechtfertigen, und das Selbstbewusstsein, die eigene Position zu vertreten. Meinungsfreiheit gilt für mich genauso - auch wenn meine Meinung jener von Umweltaktivisten widerspricht. Aber ich suche nicht die Auseinandersetzung, sondern die Kommunikation. Vielleicht sollten sich "Fridays For Future" oder manche grüne Parteien auch mehr bemühen, die Haltung der Industrie zu verstehen.

Im österreichischen Regierungsprogramm unter Mitwirkung der Grünen ist bis Ende 2022 ein Modell zur CO2-Bepreisung vorgesehen. Okay für Sie?
Seele: Ich würde mir wünschen, dass dieses Modell im Dialog mit der Wirtschaft entwickelt wird. Im Moment ist das alles noch sehr unkonkret. Ich bin gegen eine CO2-Steuer, weil die nur eine Zusatzeinnahme für den Staat ist - ich bin nicht gegen eine Bepreisung von CO2, wenn sie über Marktmechanismen tatsächlich zu Verhaltensänderungen führt.


Zur Person

Rainer Seele ist seit Juli 2015 CEO vom österreichischen Mineralölkonzern OMV. Der deutsche Manager kam vom Konkurrenten Wintershall, wo er zwischen 2009 und 2015 Vorstandschef der BASF-Tochter war. Der 1960 in Bremerhaven als Sohn eines Schiffsbauingenieurs Geborene wurde vom trend zum "Mann des Jahres 2018" gewählt.



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