Oh Gott! Beckenbauer!

Deutschland taumelt von einem Korruptionsskandal zum nächsten. Der Nationalstolz ist schwer ramponiert. Ethik-Prediger haben Konjunktur. Aber helfen kann nur eines: wirksame Kontrolle der Macht.

Oh Gott! Beckenbauer!

Michael Schmitz: "Wo der Macht die Kontrolle fehlt, macht Macht selbstsüchtig und korrupt."

Der Kaiser auf der Anklagebank." Die "FAZ" schreit auf. Oh Gott! Beckenbauer! Auch das noch. Deutschland erstarrt im Schock. Ein Skandal nach dem nächsten fegt durch die Republik: VW wurde mit der Manipulation von über elf Millionen Dieselfahrzeugen des schweren Betrugs überführt.

Der Deutsche Fußball-Bund steht plötzlich im Verdacht, sich die Fußball-WM 2006 gekauft zu haben. Der heilige Franz gerät unter Beschuss der FIFA-Ethikkommission. Bei der Vergabe der Fußball-WM an Russland 2018 und Katar 2022, wähnen die Ermittler, seien ihm Schmiergelder zugeflossen. Korruption made in Germany. Eine unendliche Geschichte.

Das Drama in all seinen Facetten begreift, wer den klaren Blick wagt und versteht, dass es hier nicht um eine Momentaufnahme geht. Die aktuellen Ereignisse brechen mit ungeahnter Vehemenz über die Deutschen herein. Aber sie zeigen - wieder einmal, doch diesmal vielleicht deutlicher als bisher: Deutschland ist nicht das Land der Saubermänner. Die Deutschen sind nicht die Werte-Weltmeister. Korruption in Nigeria hat andere Ausmaße. Aber schon, dass unbedarften Menschen ein solcher Vergleich in den Sinn kommt, zeigt, wie ramponiert der Nationalstolz ist.

"Es steht nicht gut um das Miteinander in der Gesellschaft", ächzt die "Süddeutsche Zeitung" unter Schmerzen. "Zwischen Unternehmen und Menschen liegt ein tiefer Graben. Die Wirtschaft, so sieht es aus, das ist die Welt des Profits, der Lüge und des Betrugs." Härter könnte das Urteil nicht ausfallen.


Vorgehen und Erklärung zeigen, dass die nun agierenden Vorstände und Aufsichtsräte noch immer kein richtiges Unrechtsbewusstsein haben.

Aus guten Gründen! Die aktuellen Skandale werfen ein gleißendes Licht auf Fehler im System, die keiner wahrhaben will: Der Macht in großen (und einstmals renommierten) deutschen Unternehmen fehlt es an Kontrolle. Wo der Macht die Kontrolle fehlt, macht Macht selbstsüchtig, hochmütig und korrupt. Wer sich an Macht berauscht, setzt sich leicht über Moral und Gesetz hinweg. Mächtige, die üble Machenschaften begehen, tarnen und täuschen und lügen beinhart. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Für VW ist der Abgasbetrug nicht der erste große Skandal, der zeigt, dass es der Macht im Konzern an Anstand und Kontrolle fehlt. Und VW ist nicht das einzige Unternehmen, in dem systematischer Betrug zu einem wesentlichen Bestandteil des Geschäftsmodells geworden ist. Wie hemmungslos die Wolfsburger auf Korruption als Erfolgsfaktor setzen, offenbarten sie schon vor über 20 Jahren. Damals warben sie Ignacio López als Einkaufschef von ihrem Konkurrenten General Motors ab.

Der Spanier griff vor seinem Transfer interne GM-Daten ab, um sie seinem neuen Geldgeber zur Verfügung zu stellen. So verschaffte er VW (illegal) Vorteile in seinem machtgeilen Konkurrenzkampf. Vor zehn Jahren wurde ruchbar, dass der Konzernvorstand Betriebsräten Lustreisen spendierte, um sie gefügig zu machen. Motto: Teile aus und herrsche!

Wenn ein Verdacht aufkommt, dass es bei VW-Geschäften nicht mit rechten Dingen zugeht, streitet der Konzern so lange alles ab, bis seine Lügengebäude unter übergroßer Beweislast tosend zusammenkrachen.

Die große Furcht der Deutschen

Die Chronologie der Ereignisse im Abgasskandal zeigt: VWler wussten schon Jahre zuvor, dass US-Behörden ihnen auf die Schliche gekommen waren. Manager in den USA wurden einvernommen. Aber sie stritten alle Vorwürfe ab, bis sie ausweglos überführt worden waren. Sie offenbarten sich in all ihrer Überheblichkeit und Unverschämtheit. Sie demonstrierten ihre Vorstellung, die Wahrnehmung der Realität manipulieren zu können, dass sie mit allem davonkommen - egal, was passiert.


Es muss für Kunden wie Hohn klingen, wenn VW nun erklärt, man mache sich in den nächsten Monaten (!) an die Beseitigung der 'technischen Mängel'.

Nun greift in Deutschland die Furcht um sich, der VW-Skandal könnte den guten Ruf der deutschen Automobilbranche, ja, der deutschen Exportwirtschaft insgesamt ruinieren. Mit katastrophalen ökonomischen Folgen. Wenn "made in Germany" nämlich nicht mehr als Gütesiegel wahrgenommen wird, als Garantie, dass Waren, auf denen es prangt, besonders gute und zuverlässige Produkt sind, zu einem fairen Preis.

Es muss für Kunden wie Hohn klingen, wenn VW nun erklärt, man mache sich in den nächsten Monaten (!) an die Beseitigung der "technischen Mängel" - und dafür würde der Konzern seinen Kunden nichts in Rechnung stellen. Ja, wieso auch?

Vorgehen und Erklärung zeigen, dass die nun agierenden Vorstände und Aufsichtsräte noch immer kein richtiges Unrechtsbewusstsein haben. VW komplementierte zwar seinen Vorstandschef Martin Winterkorn aus allen Ämtern. Aber in den Positionen der Macht thronen nach wie vor Manager, die zur alten Garde gehören. VW weigert sich, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Dass die Altvorderen einen wirklichen Neuanfang starten, ist schwer zu glauben.

"Die Deutschland AG"  - so nannten die Medien das Netzwerk der großen gewinnträchtigen Unternehmen voller Hochachtung. Doch mittlerweile leuchten diverse Korruptionsskandale die Schattenseiten des Systems aus.

Siemens unterhielt viele Jahre schwarze Kassen. Über eine Milliarde Euro soll der Konzern als Schmiergeld eingesetzt haben. Weltweit. Siemens gab zum Beispiel 70 Millionen Euro an Bestechungsgeldern aus, um sich in einem Deal mit der griechischen Telekommunikationsgesellschaft OTE den Auftrag für die Digitalisierung des dortigen Telefonnetzes zu sichern.

Siemens kurbelte so die Korruption in Griechenland an, die mit dazu beitrug, dass die Wirtschaft des Landes immer mehr Richtung Abgrund steuerte - und nun von den Steuerzahlern der übrigen EU-Länder gerettet werden muss. Andere deutsche Firmen trieben es genau so. Zum Beispiel die DB International eine Tochterfirma der Deutschen Bundesbahn. Sie zog sich mit Schmiergeldern einen Auftrag für den Bau einer U-Bahn an Land.

6.000 Strafverfahren gegen die Deutsche Bank

Den Stern der Korruption ließ auch der Daimler-Konzern aufsteigen. Daimler-Manager bestachen über Jahre Regierungsbeamte, um an lukrative Deals zu gelangen. In den USA wurde Daimler dafür zu einer Strafe von 185 Millionen Dollar verurteilt. Gegen die Deutsche Bank laufen in Amerika derzeit rund 6.000 (!) Strafverfahren wegen schräger Geschäfte. Wegen der Manipulation des Zinssatzes Libor verdonnerte die EU-Kommission die einstige Vorzeigebank zu einer Strafe von 725 Millionen Euro. Zusätzliche Milliarden legen die Konzernlenker in Frankfurt schon für weitere Finanzverfahren zurück.


Zu heftigen Beben führen die aktuellen Ereignisse, weil nicht mehr so getan werden kann, als handle es sich um eklatante Einzelfälle.

In der Krise 2008 entpuppte sich das Unternehmen als "verantwortungslose Zockerbank" ("Süddeutsche Zeitung"). Dass sich auch der ADAC als korrupt erwies und nun schwerer Verdacht auf den DFB fällt, wundert in der Gesamtschau nicht mehr sehr. Der ADAC manipulierte Umfragen und betrieb so perfides Marken-Ranking.

Der DFB unterhielt schwarze Kassen, als er die WM 2006 ins Land holte. Der damalige DFB-Boss, Theo Zwanziger, gab das erst vor wenigen Tagen zu. Und er erklärte, dass der heutige Verbandsvorsitzende, Wolfgang Niersbach, von der Existenz der schwarzen Kassen schon seit zehn Jahren gewusst haben müsse.

Zu heftigen Beben führen die aktuellen Ereignisse, weil nicht mehr so getan werden kann, als handle es sich um eklatante Einzelfälle. Das machen sogar schlichte Umfragen deutlich. 26 Prozent der deutschen Manager halten Korruption für weit verbreitet. Das geht aus einer Studie von Ernst & Young hervor. Durchgeführt übrigens, bevor der VW-Skandal explodierte. Genauso hoch ist der Anteil der Unternehmen, in denen es in den vergangenen zwei Jahren einen bedeutsamen Betrugsfall gab. Nur 23 Prozent der Manager halten die ethischen Standards in ihrem Unternehmen für gut. Elf Prozent erklären freimütig, sie würden auch Schmiergeld zahlen, um Aufträge zu akquirieren.

Macht verändert Menschen

Macht verändert Menschen. Nicht alle in gleichem Maße. Aber auch die, die mit hehren Absichten nach ihr greifen, bleiben nicht frei von den Verführungen der Macht. Eine ganze Reihe von psychologischen Studien weist nach, dass Menschen, die Macht erlangen, oft dazu neigen, ihre Position zum eigenen Vorteil auszunutzen. Sie sind eher bereit, sich über Regeln hinwegzusetzen, andere zu manipulieren und für ihre Zwecke einzusetzen und sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Forscher der Columbia University demonstrierten, dass Mächtige, die stehlen, ihre Tat schamlos leugnen können. Wenn sie lügen, empfinden sie dabei keinen inneren Zwiespalt, der sie in Stress versetzen würde. Sie treten souverän auf. In ihrem Blut - auch das zeigten die Forscher - steigt dann nicht das Stresshormon Cortisol an, so wie bei anderen Menschen, wenn sie lügen. Macht macht cool. Und skrupellos! *

Wie kaltblütig Machthaber in Unternehmen betrügen, zeigt uns eine weitere Statistik: Wegen verbotener Absprachen verhängte das deutsche Bundeskartellamt allein im vergangenen Jahr Geldbußen von mehr als einer Milliarde Euro. Das ist eine neue Rekordsumme.


Mit dem weltweiten Crash 2008 offenbarte sich, wie verbreitet (und wie schädlich) Abzocker-Mentalität im Management ist.

Dabei ist diese, wegen lascher Kartellgesetze, die Vergehen wie Ordnungswidrigkeiten bestrafen, im Verhältnis zur Schwere der Betrügereien sehr niedrig. Der Vorsitzende der Monopolkommission, Daniel Zimmer, kommentiert trocken: "Es ist für Unternehmen ein Rechenspiel. Bei den hohen Gewinnen durch Kartellabsprachen kann es sich lohnen, das Risiko hinzunehmen - zumal die Aufdeckungswahrscheinlichkeit immer noch sehr gering ist."

Ihr gieriges Profitplus machen diese Firmen auf Kosten von privaten Verbrauchern und staatlichen Institutionen. Mit Preisabsprachen aufgeflogen sind im vergangenen Jahr diverse Wurstfabrikanten, Bierbrauer und die Zuckerindustrie. Vor dem Landgericht Bochum müssen sich gegenwärtig Manager des Stahlunternehmens ThyssenKrupp und andere Konzerne verantworten, weil sie für Schienenverkäufe ein Kartell gebildet haben, mit dem sie die Deutsche Bundesbahn, also den deutschen Steuerzahler, abzockten.

Glaubwürdigkeit und Ansehen von Managern knicken seit Jahren ein. International. In Amerika begann es mit großen Korruptionsskandalen zu Beginn dieses Jahrtausends. Zum Beispiel: Enron, WorldCom, Arthur Andersen. Mit dem weltweiten Crash 2008 offenbarte sich, wie verbreitet (und wie schädlich) Abzocker-Mentalität im Management ist. Manager halten sich nicht selbstverständlich an geltende Gesetze und nutzen sowieso rechtliche Grauzonen auf Kosten anderer aus.

Der Ruf nach Ethik

Seither rufen Management-Theoretiker stärker nach Ethik. In ihren Konzepten greifen sie zurück auf Klassiker - auf Aristoteles' Vorstellungen von "Kardinaltugenden" oder auf Kants "kategorischen Imperativ". Führungskräfte sollen sich durch Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit auszeichnen. Manager, so ein weiterer Lehransatz, sollten "dienen" und Ziele zum Wohl der Allgemeinheit verfolgen.

Angeblich, so die Theoretiker, seien Manager, die sich nach diesen Werten ausrichteten, auch erfolgreicher. Die Theorien mögen gut klingen. Aber sie haben allesamt gravierende Mängel. Dass die neuen Ethiker für ihre Konzepte die alten bemühen, zeigt schon: Menschen an sich sind nicht (nur) gut. Alle ethischen Appelle haben sie nicht verändert.


Appelle an Werte und Gesinnung sind gut und schön. Aber sie verleiten zu dem Irrglauben, es sei damit getan, wenn sie nur oft wiederholt würden.

Außerdem: Wer sich anständig verhält oder Führung als Dienst versteht, muss noch lange keine Führungsfähigkeit haben. Anstand ist schön, aber begründet keinen Erfolg. Keine Studie kann nachweisen, dass dem so wäre. Wer Werte predigt , ist vielleicht ein guter Mensch, irrt jedoch als wirkungsloser Wanderprediger umher, wenn er erstens nicht begreift, wie zu führen ist, um erfolgreich zu sein. Und zweitens nicht versteht, wie Macht Menschen verändert, sowie drittens, welche Kontrolle Macht erfordert, wenn wir ihren Missbrauch verhindern wollen.

Mit der Anatomie, den Mechanismen und Verführungen der Macht setzen sich aber die wenigsten auseinander - weder Aufsichtsräte noch Politiker. Lieber genießen sie ihre Macht und lassen sich davon ebenso leicht verführen, wie die, die sie kontrollieren oder denen sie dienen sollen.

Das Dilemma

Wer sich selbst verpflichtet, anständig zu bleiben, macht einen guten Anfang - und nimmt sich viel vor. Harvards MBAs leisten seit einiger Zeit einen Schwur, "dem allgemeinen Wohl zu dienen". Das Bekenntnis wollen sie zum Standard ihrer Zunft machen. Wahre Leader, so ihr Postulat, bedienen die Interessen aller, der ganzen Gesellschaft und nicht nur der "Shareholder".

Die verschiedenen Interessen sind jedoch oft nicht miteinander zu versöhnen. Das ist das Dilemma. "Wir sehen vor schweren Entscheidungen", wähnen die Harvard-Schwörer. Und wissen keine Lösung. Und dann tut sich ihnen auch noch die größte Tücke auf. Die sehen sie so: "Das Verfolgen persönlicher Interessen ist der entscheidende Antrieb kapitalistischer Wirtschaft."

Damit ist das Paradoxon komplett: Jeder soll vor allem auf seinen Vorteil achten und damit das Wohl aller fordern? Das Postulat kennen wir seit Adam Smith und sehen, dass es nicht funktioniert. Nicht ohne Regularien, einschränkende Gesetze und Kontrollen. Das ist das Paradox von Leadership schlechthin.

Wenn Macht Korruption fördert, hilft es nicht, nach besseren Menschen als Machtverwalter zu suchen und so zu tun, als wären die aufscheinenden Vergehen nur einigen wenigen charakterschwachen Einzeltätern zuzuschreiben. Appelle an Werte und Gesinnung sind gut und schön. Aber sie verleiten zu dem Irrglauben, es sei damit getan, wenn sie nur oft wiederholt würden.

Die Geschichte beweist uns, dass das nicht stimmt. Ironischerweise finden wir Wahrheit bei Lenin: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Wirksame Kontrolle. Und Transparenz.

Zum Autor

Michael Schmitz ist Professor für Psychologie und Management an der Lauder Business School sowie Coach für Führungskräfte und Führungsteams.
Der Wahlwiener und gebürtige Duisburger war Chefreporter des ZDF und langjähriger ZDF- Korrespondent in Österreich. Er schreibt regelmäßig für FORMAT - www.schmitz.at

Buchtipp

Michael Schmitz Psychologie der Macht. Kriegen, was wir wollen*
Verlag Kremayr & Scheriau, € 22,90

Der Essay wurde im FORMAT Nr. 44/2015 am 30. Oktober 2015 veröffentlicht.
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