Österreichs Mittelständler wollen Flüchtlinge einstellen

Österreichs Mittelständler wollen Flüchtlinge einstellen

Flüchtlinge am Bahnhof in Villach: Viele Mittelstandsunternehmen in Österreich würden Flüchtlingen ohne Vorbehalt Arbeit geben.

Während die Regierung Obergrenzen für Flüchtlinge einführt sind die für die heimische Wirtschaft ein gutes Arbeitskräftereservoir. Dem aktuellen Mittelstandsbarometer der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY zufolge wären drei Viertel der heimischen Mittelstandsbetriebe gewillt, Flüchtlinge zu beschäftigen.

Österreich steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Rund 90.000 Flüchtlinge haben im Jahr 2015 einen Asylantrag gestellt. Heuer werden es wegen dem soeben gefassten Beschluss der Regierung wieder 37.500 sein. Gleichzeitig herrscht im Land Rekordarbeitslosigkeit. Zum Jahreswechsel waren bereits über 400.000 ohne Job.

Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren ist aber nicht nur angesichts der hohen Arbeitslosigkeit schwierig. Oft stehen dem auch bürokratische Hürden im Weg. Asylwerber ohne anerkannten Flüchtlingsstatus dürfen in der Regel nur als Saisonkräfte im Gastgewerbe oder sechs Monate in der Landwirtschaft arbeiten. Eine Vermittlung durch das AMS ist nicht möglich.

Einfacher ist das für Asylberechtigte, die bereits einen positiven Asylbescheid haben. Sie sind beim Arbeitsmarktservice Österreichern gleichgestellt und benötigen keine Beschäftigungsbewilligung. Ihre Zahl ist im Laufe des vergangenen Jahres auf über 21.000 angestiegen. Und beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl liegen noch zehntausende Anträge auf. Beim AMS geht man davon aus, dass heuer noch rund 33.800 weiteren Flüchtlingen positive Asylbescheide ausgestellt werden und diese dann auf den Arbeitsmarkt drängen.

Unternehmen bereit für Flüchtlinge

Viele der großen und mittelgroßen Arbeitgeber des Landes wären jedenfalls bereit, Flüchtlinge zu beschäftigen. Für Rewe-Vorstandschef Frank Hensel gibt es dazu auch eine moralische Verpflichtung. "Als einer der größten Arbeitgeber und Ausbildner des Landes sehen wir es als unsere Verantwortung, Lehrstellen für junge Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen", erklärt er etwa und meint weiter: "Mittelfristig wird es vor allem darum gehen, wie man die Flüchtlinge - durch Bildung zum einen und Beschäftigung zum anderen - an unserer Gesellschaft teilhaben lassen kann.

Der Großteil der mittelständischen Unternehmen wären ebenfalls bereit, Flüchtlinge zu beschäftigen. Sie würden das sogar dann tun, wenn deren Flüchtlingsstatus noch nicht anerkannt ist. Das zeigt das aktuelle Mittelstandsbarometer der Unternehmensberatung EY, für das 900 Unternehmen befragt wurden. Drei von vier Unternehmen würden demnach grundsätzlich Flüchtlinge in ihren Betrieb einstellen, nur 24 Prozent eher nicht.

In der Industrie ist die Bereitschaft, Flüchtlingen Arbeit zu geben besonders groß. 82 Prozent der Industriebetriebe sprechen sich der EY-Befragung zufolge dafür aus. Am höchsten ist die Bereitschaft bei Industriebetrieben mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz. 85 Prozent sind für die Beschäftigung von Flüchtlingen. Bei kleineren Unternehmen mit weniger als 30 Millionen Euro Umsatz liegt der Prozentsatz bei 72 Prozent.

Fachkräfte gesucht

Gesucht werden vor allem Fachkräfte, denn mehr als die Hälfte aller befragten Unternehmen hat Schwierigkeiten, diese zu finden. "Viele Unternehmen sehen die gestiegene Zuwanderung deshalb auch als Chance, Fachkräfte zu finden", sagt Helmut Maukner, Country Managing Partner von EY Österreich.

Die Hoffnungen der Unternehmen, unter den Flüchtlingen dringend benötigte Fachkräfte zu finden, sind gar nicht so unbegründet. Entgegen der Meinung vieler Kritiker steht es um das Bildungsniveau von Flüchtlingen nämlich deutlich besser als angenommen. Das Arbeitsmarktservice überprüfte bei einem Kompetenzcheck die berufliche Qualifikation von 900 Asylberechtigten. Dieser zeigte, dass 26 Prozent der syrischen, 39 Prozent der iranischen und 40 Prozent der irakischen Flüchtlinge einen Studienabschluss haben.

Mangelnde Deutschkenntnisse und Bürokratie als Hürden

Das AMS empfiehlt daher eine Kombination von Deutschlernen und Arbeitserprobungen, um die Asylberechtigten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aus diesem Grund hat das AMS auch entsprechende Mittel bereitgestellt. Von den fast 70 Millionen Euro, die das AMS heuer für Integrationsmaßnahmen zur Verfügung stellt, sind 23,6 Millionen Euro für Deutschkurse eingeplant.

Fast die Hälfte aller Unternehmen sieht laut der EY Befragung die unklare Gesetzeslage während laufender Asylverfahren als großes Hindernis. "Der Wille, Flüchtlinge anzustellen, ist bei den österreichischen Mittelstandsunternehmen stark ausgeprägt und weit verbreitet. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration am heimischen Arbeitsmarkt sind positiv. Allerdings scheitert die Einstellung von Flüchtlingen momentan noch häufig an bürokratischen Hürden und mitunter unklaren arbeitsrechtlichen Regelungen", so Maukner.

Die EY-Befragung zeigt jedoch auch ein weiteres, nicht ganz so positives Stimmungsbild gegenüber Flüchtlingen. Obwohl die Bereitschaft Flüchtlinge einzustellen sehr groß ist zeigt sich auch ein gewisses Unbehagen gegenüber dem enormen Flüchtlingsstrom. So geht etwa mehr als jedes dritte Mittelstands-Unternehmen davon aus, dass sich die Zuwanderung eher oder sehr negativ auf die österreichische Wirtschaft auswirken wird.

Diese Sorge ist den Prognosen des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo und des Internationalen Währungsfonds IWF allerdings unbegründet. Laut IWF könnten die Ausgaben für Flüchtlinge bis 2017 zu einem Wirtschaftsimpuls von 0,5 Prozent der BIP-Leistung führen. Und Arbeitsmarktexperte Helmut Mahringer vom Wifo hält es für sinnvoll, in die Qualifikation der Asylberechtigten zu investieren: "Viele der Flüchtlinge sind noch sehr jung, ihre Qualifikation soll unter Miteinbeziehung von Unternehmen 'on the job' ergänzt und ausgebaut werden."


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