Bombardier bombt Siemens aus dem Gleis

Die neuen Straßenbahnen der Wiener Linien kommen nicht, wie gewohnt, von Siemens - sondern vom Konkurrenten Bombardier. Das Werk in Wien-Donaustadt hat auch schon an Graz, Linz und Innsbruck geliefert - zusätzlich werden Märkte wie China und Russland anvisiert.

Bombardier bombt Siemens aus dem Gleis

Konzeptbild: So werden die neuen Straßenbahnen der Wiener Linien aussehen.

Das Rennen ist entschieden: Die neue Generation an Straßenbahnen für die Wiener Linien stammt nicht von Siemens - sondern vom Konkurrenten Bombardier. Die neue Flotte umfasst bis zu 156 Niederflur-Bims des Typs "Flexity"; sie werden zwischen 2018 und 2026 ausgeliefert. Siemens, der die Wiener Linien bisher mit der ebenfalls in der Bundeshauptstadt produzierten "ULF"-Serie belieferte, ging hingegen leer aus. "Wir wollten ein Fahrzeug, das modern, bequem und umweltfreundlich ist, mit der existierenden Infrastruktur gut zusammenpasst und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet", begründet Wiener-Linien-Geschäftsführer Günter Steinbauer die Entscheidung. Bei welchem dieser Werte Bombardier den Konkurrenten ausstach, dazu wollen sich die Wiener Linien nicht äußern. Es sei aber ein "Kopf-an-Kopf-Rennen" gewesen, sagt eine Sprecherin: Wert habe man vor allem auf den Preis, die technische Ausstattung und die Fahrgastqualität gelegt.

Das Auftragsvolumen beträgt 562 Millionen Euro. Die Fahrzeuge des kanadisch-österreichischen Herstellers werden in Wien-Donaustadt gefertigt, wo rund 600 Mitarbeiter beschäftigt sind; sie sind 34 Meter lang und bieten Platz für 211 Fahrgäste - das entspricht in etwa den Ausmaßen der ULF-Züge von Siemens.

Hochflur-Bims werden ausgemustert

Die neuen Fahrzeuge sollen nach Angaben der Wiener Linien alte Hochflur-Züge ersetzen, die parallel dazu außer Betrieb genommen werden; spätestens 2026 wird keine Hochflur-Bim mit Stufeneinstieg mehr in Wien unterwegs sein. Nachteil der alten Züge ist unter anderem, dass sie nicht barrierefrei sind. Außerdem war eine Anforderung der Wiener Linien, dass die neue Fahrzeige über eine Infotainment-Ausstattung - also Infoscreens - verfügen.

Weitere Details zu den neuen Zügen wollen die Wiener Linien nocht nicht bekannt geben - dazu ist noch heuer ein separater Medientermin geplant. Fix ist aber, dass die "Flexity"-Züge zumindest farblich an das grau-rot-weiße Design des ULF angelehnt sein werden; auch die geforderten Infoscreens dürfte es sicher geben. Die oben gezeigte Visualisierung kommt direkt von den Wiener Linien - soll aber nach Angaben der Verkehrsbetriebe auch noch nicht die fixe Endversion darstellen.

Gleichzeitig mit der Anschaffung wird auch ein Wartungsvertrag abgeschlossen: Die laufende Wartung wird zwar weiterhin mit eigenem Personal erledigt, aber im Auftrag und auf Risiko des Herstellers - das ist bei den ULFs von Siemens nicht der Fall. Wie viel sich die Wiener Linien durch diese Lösung gegenüber dem ULF sparen, wird nicht bekannt gegeben.

Graz, Linz, Innsbruck - und China?

Laut Website des Unternehmens zählt Bombardier in Österreich auch die Städte Linz, Graz und Innsbruck zu seinen Referenzkunden. Angewiesen auf den Binnenmarkt ist das Wiener Werk allerdings bei einer Exportquote von rund 80 Prozent nicht. So verriet Geschäftsführer Germar Wacker im September etwa, dass er in naher Zukunft auch großes Marktpotenzial in China sehe: "China ist der Markt, der in den nächsten zehn Jahren sicher das größte Wachstumspotenzial hat", so Wacker. Die asiatische Großmacht habe ihr Hauptaugenmerk jahrelang auf Metros gelegt, um die Hauptschlagadern in Sachen Mobilität zu errichten. "Nun gehen sie in die Verästelung. Gleichzeitig werden die Vorstädte nun an die städtische Infrastruktur angeschlossen".

Straßenbahnen seien hier wesentlich günstiger und rascher zu realisieren als U-Bahn-Strecken. Deshalb interessiere man sich seit drei, vier Jahren für Straßenbahnsysteme. Erste Aufträge in China hat Bombardier bereits lukriert. Dabei geht es um insgesamt 33 Bims für die Städte Suzhou und Nanjing. Diese seien zwar in Wien entwickelt, aber in Form einer Lizenzvereinbarung mit dem Partnerunternehmen CSR vor Ort gefertigt worden, so Wacker.

Großes Potenzial ortet Wacker auch in Osteuropa, inklusive Russland - wobei man hier freilich die politische Entwicklung beobachten müsse. Russlands Städte hätten eine große Straßenbahntradition, allerdings müssten viele Züge in den nächsten zehn bis 15 Jahren aus Altersgründen ersetzt, sowie Investitionen in die Infrastruktur vorgenommen werden. "Da gibt es viel Marktpotenzial, das aber auch hart umkämpft ist, weil es viele lokale Player gibt, die sich auch ihren Anteil sichern werden," sagt Wacker.

Siemens auf dem Abstellgleis

In Wien sind seit 1997 Niederflurstraßenbahnen unterwegs. Siemens hatte sich Mitte der 1990er-Jahre den Auftrag für die erste Tranche mit einer Einstiegshöhe von damals rekordmäßigen 19 Zentimetern gesichert. Einige Jahre später folgte eine zweite 357 Millionen Euro schwere Bestellung, deren noch ausstehende Garnituren bis Ende 2015 geliefert werden. Der Vertrag enthielt außerdem eine Option auf einen dritte, noch einmal 150 Züge umfassende Tranche. Von dieser Option machten die Wiener Linien allerdings nicht Gebrauch: Sie entschieden sich Ende Oktober 2013 für die Neuausschreibung des Auftrags - und nun kommt der Mitbewerber zum Zug.

Bei Siemens heißt es nun, man werde sich nun die Details ansehen und die Begründung analysieren. Ob das bevorstehende Ende der ULF-Produktion Auswirkungen auf das Werk in Simmering haben werde, sei noch nicht abschätzbar, wurde betont.