"Das kostet Arbeitsplätze“

"Das kostet Arbeitsplätze“

Walter Rothensteiner

RZB-Vorstandsvorsitzender Walter Rothensteiner über den Stress nach den EU-Stresstests, die Angst vor der Konjunktur und warum die Bankensteuer Jobs kostet.

Format: Herr Rothensteiner, ist nach dem Stresstest der EZB auch der ganze Stress für Österreichs Banken vorbei?

Walter Rothensteiner: Der Stress ist noch lange nicht vorbei. Ich hoffe, dass diese Art von Intensivstresstest nicht wieder vorkommt. Nicht weil ich mich fürchte, sondern weil der Ressourcen- und Zeitaufwand gigantisch war.

Format: Können Sie das quantifizieren?

Walter Rothensteiner: 18.000 Manntage in der Gruppe. Das sind viele Mitarbeiter, die sich ein ganzes Jahr nur mit dem Thema Stresstest befasst haben. Es gab Urlaubsverbot und viele Überstunden. Wenn ich das alle zwei Jahre machen, bricht das Haus zusammen.

Format: Die Behörden werden die Banken also auch in Zukunft stressen?

Walter Rothensteiner: Wir halten das schon aus, aber lustig ist das nicht mehr. Denn es ist mit hohen Zusatzkosten verbunden. Im neuen Jahr kommt einiges auf uns zu. Wir müssen Bankentestamente abgeben, Abwicklungs- und Einlagensicherungsfonds dotieren. Das schreibt die EU vor. Und obendrauf kommt noch die Bankenabgabe. Das ist österreichisches Gesetz.

Format: Sind Sie optimistisch, dass die Regierung die Bankensteuer im Zuge der Steuerreform abschafft?

Walter Rothensteiner: Wenn nichts passiert, dann werden die österreichischen Banken langfristig ein Problem bekommen.

Format: Warum?

Walter Rothensteiner: Die Dotierung der EU-Fonds und die Bankensteuer machen eine Milliarde aus. Das hat mehrere Konsequenzen. Wir werden kein Eigenkapital bilden können. Internationale Anleger werden uns kein Geld borgen, weil sie nichts mit uns verdienen können. Und am Ende werden wird nur ein kleiner Kern österreichischer Banken übrig bleiben, oder es wird eine ausländische Gruppe die heimische Bankenszene dominieren.

Format: Übertreiben Sie nicht ein bisserl?

Walter Rothensteiner: Nein, die Bankensteuer ist ein lebensbedrohliches Thema für uns. Nicht heuer, nicht im nächsten Jahr, aber in naher Zukunft. Man kann nicht gleichzeitig mehr Kernkapital verlangen und den Banken jede Möglichkeit nehmen, selbst Kapital aufzubauen. Das wird auf Dauer nicht gehen.

Format: Wie trifft das die RZB?

Walter Rothensteiner: Wir zahlen im Konzern jährlich 200 Millionen Euro Bankensteuer. Allein in Österreich 120 Millionen. Das bedeutet zwei Milliarden Euro weniger Kredite, weil ich aufgrund dieser Belastung weniger vergeben kann. Der Regierung muss auch bewusst sein, dass das mittelfristig Jobs kosten wird.

Format: Weil die Banken nichts verdienen, aber die Personalkosten steigen?

Walter Rothensteiner: Genau. Die Branche beschäftigt rund 70.000 Personen. Wenn ich kein Geld verdiene und die Vorgabe habe, dass die Personalkosten nicht steigen dürfen, aber gleichzeitig zwei bis drei Prozent KV-Erhöhung verdauen muss, kann das nur eines bedeuten: Personalabbau.

Format: Sie meinen, dass die Bankensteuer auch Bankjobs kosten wird.

Walter Rothensteiner: Allein um die KV-Erhöhung abzufedern, muss ich schauen, dass ich jedes Jahr zwei Prozent weniger Mitarbeiter habe. Wenn wir kein Kapital erwirtschaften dürfen, dann geht sich das halt nicht mehr aus. Wir werden schön langsam dahinschrumpfen.

Format: Das sind ja düstere Prognosen. Kann man jungen Menschen den Bankberuf noch ans Herz legen?

Walter Rothensteiner: Ganz am Boden sind wir noch nicht. Ich sage in meinen Reden immer: Auf der Liste der begehrtesten Schwiegersöhne kommen Banker mittlerweile nicht mehr vor. Es wird aber die eine oder andere Stimme der Vernunft geben, die draufkommen wird, dass man Banken nicht ganz von der Realwirtschaft trennen kann. Österreichs Wirtschaft wird im Wesentlichen von Banken finanziert. KMU kriegt man nicht an die Börse. In Amerika ist das Verhältnis 70 Prozent Kapitalmarkt, 30 Prozent Kredite. In Europa habe ich 80 Prozent Kredit und 20 Prozent Kapitalmarkt. Das kann man nicht ignorieren und mittelfristig auch nicht ändern. Vielleicht haben wir irgendwann ein Verhältnis 60 zu 40. Der Löwenanteil wird aber immer auf den Kredit entfallen. Strenge EU-Regeln, die die Kreditvergabe erschweren, wirken sich daher dramatisch auf unsere Volkswirtschaft aus.

Format: Das ist echtes Gift für die Konjunktur, oder?

Walter Rothensteiner: Na sicher. Wenn Banken nicht die Chance haben, Kredite zu vergeben, dann wird das die Wirtschaft bremsen. Wir merken das momentan so wenig, weil die Konjunktur nicht anspringt. Aber wehe, wir haben zwei Prozent Wachstum, dann wird es Probleme geben. Das klingt pervers, doch die größte Sorge eines Bankers ist momentan, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, weil die Kreditklemme dann spürbar wird. Derzeit merken wir es nicht, weil die Nachfrage gering ist.

Format: Auf die Gefahr, dass Sie sich noch mehr Sorgen machen: Was braucht Österreich, damit die Konjunktur wieder anspringt?

Walter Rothensteiner: Das niedrige Zinsniveau kann es nicht sein. Günstigere Finanzierungen als jetzt gibt es nicht. Der Konsum springt nicht an, weil viele vorsichtig sind. Flapsig ausgedrückt, es hat halt jeder alles. Wir haben es mit einem Wohlstandsphänomen zu tun. Wenn Sie heute Ihren Anzug ein Jahr länger tragen, passiert Ihnen auch nichts, aber der Schneider macht kein Geschäft. Wenn wir alle unsere Autos länger fahren, ändert das nichts an unserer Lebensqualität, aber die Autobranche spürt das. Ein Rattenschwanz an Zulieferbetrieben ist ebenfalls betroffen. Gleichzeitig gehen entlang der Wertschöpfungkette Arbeitsplätze verloren.

Format: Was halten Sie von Negativzinsen, also Strafgebühren bei zu hohen Einlagen?

Walter Rothensteiner: Das kann ich mir in Österreich beim besten Willen nicht vorstellen. Bei uns sind die Zinsen schon jetzt sehr niedrig, und das wird auch einige Zeit so bleiben. Der mickrige Sparbuchzins macht den Menschen schon genug Sorgen. Ich kann dem Kunden doch nicht sagen, ich nehme dir noch Geld weg, wenn du es bei uns liegen hast.

Format: In Deutschland passiert das gerade.

Walter Rothensteiner: Deutschland ist da anders, dort gibt es auch Bankomatgebühren, was in Österreich als Tabu gilt. Negativzinsen wären gegen jede Vernunft. Die Österreicher würden sich das sicher nicht gefallen lassen.

Zur Person. Walter Rothensteiner, 61, arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten für die Raiffeisen- Gruppe. Den Vorstand der Raiffeisen Zentralbank leitet er seit 1995. Die einflussreiche Funktion des Raiffeisen-Generalanwalts übt er seit 2012 aus. Zudem sitzt er im Aufsichtsrat von Casinos Austria, Kurier Verlag, Kontrollbank, Lotterien, Raiffeisen Bank International AG, Uniqa Insurance Group AG und Wiener Staatsoper. Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank ist Rothensteiner ebenfalls.

Lesen Sie den ganzen Artikel in FORMAT Nr. 51/52 2014
Zum Inhaltsverzeichnis und ePaper-Download

Österreichs Lehrer verbringen nur wenig Zeit mit Unterrichten

Österreich

Österreichs Lehrer verbringen nur wenig Zeit mit Unterrichten

Wirtschaft

Rewe will 30 Zielpunkt-Filialen übernehmen

Wirtschaft

Mateschitz und Benko checken bei Checkrobin ein

Wirtschaft

OMV-Chef Seele in großer Not: Ölpreis weiterhin auf Talfahrt