"Da wird sich ganz viel tun!“

Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber über den Spaß am Energiesparen, neue Geschäftsfelder für Stromkonzerne und warum Energie ein Generationenthema ist.

"Da wird sich ganz viel tun!“

Format: Was hat für den Verbund das Jahr 2014 geprägt?

Wolfgang Anzengruber: 2014 war für uns ein intensives Jahr in einem nach wie vor extrem schwierigen Umfeld für Energieversorger. Wir haben frühzeitig die entscheidenden Maßnahmen gesetzt, um als profitabler Grünstromerzeuger für die anhaltend großen Herausforderungen gerüstet zu sein. Gemäß unserer Strategie konzentrieren wir uns auf die Kerntechnologie Wasserkraft, ergänzt durch Windkraft. Wir haben den Ausstieg aus der thermischen Erzeugung beschlossen und setzen das Schritt für Schritt um. Mittel- bis langfristig sehen wir uns als CO2-freien Stromerzeuger aus erneuerbaren Energien. Dabei konzentrieren wir uns auf die Hauptmärkte Österreich und Deutschland. Wir sind 2014 aus der Beteiligung in Italien ausgestiegen und haben unsere zwei Gas-Kombikraftwerke in Frankreich verkauft.

Format: Beschlossen wurde 2014 auch ein neues Energieeffizienzgesetz …

Wolfgang Anzengruber: Das hätte man besser gestalten können, aber das ist vergossene Milch. Jetzt geht es darum, das vernünftig umzusetzen. Wir machen bereits sehr viel in diesem Bereich und gehen davon aus, dass die Maßnahmen, die wir als energienahe Dienstleistungen anbieten, auch Anrechnung finden.

Format: Können durchschnittliche Privatkunden überhaupt noch Energie einsparen?

Wolfgang Anzengruber: Ja. Wenn man sich den ganzen Energiekuchen, den wir verbrauchen, vorstellt, sind nur 20 Prozent davon Strom. Die zwei großen Gruppen sind die Raumwärme und der Verkehr. Die Mobilität ist eine der Anwendungsformen von Energie mit dem schlechtesten Wirkungsgrad. Dort muss man Potenzial heben.

Format: Haben Sie ein Lieblingsprojekt in Sachen Energiesparen?

Wolfgang Anzengruber: Was Effizienz betrifft, ist es die Elektromobilität. Hier können wir dezentrale Speicher einsetzen und haben sehr viel Randnutzen. Das hat ein großes Potenzial. Ein zweites Lieblingsprojekt ist, beim Anwender Bewusstsein zu schaffen. Der Kunde muss Effizienz lustvoll erleben, es muss Spaß machen, effizient zu werden.

Format: Wie kann man sich das vorstellen? Gibt es bald Energiespar-Wettbewerbe?

Wolfgang Anzengruber: Der Normalkonsument weiß oft gar nicht, wie viel Energie er verbraucht. Man erlebt Licht, Fernsehen, aber hat kein Gefühl, wie viel Energie da reingeht. Man zahlt eine Gasrechnung und hat keinen Begriff, wie viel Wärme aus einer Kilowattstunde wird.

Format: Da wären dann Smart Meter hilfreich.

Wolfgang Anzengruber: Das sind wichtige Voraussetzungen dafür, um den Stromverbrauch darzustellen und dann daraus auch Produkte entwickeln zu können.

Format: Wenn Energie immer effizienter eingesetzt wird und der Strompreis in den nächsten Jahren noch niedrig bleibt, braucht es dann eigentlich noch neue größere Kraftwerke?

Wolfgang Anzengruber: Früher gab es große, zentrale Einheiten zur Stromversorgung. Daher stehen große Kraftwerke neben Städten, weil man dort den Strom gebraucht hat. Es wird weiterhin große Einheiten brauchen, aber daneben zunehmend auch dezentrale und kleinere Einheiten. Daher wird das ein Miteinander sein, nicht ein Entweder-oder. Im Moment ist der Bedarf an zusätzlichen Kraftwerken nicht gegeben, derzeit ist das Problem, das phasenweise auftretende Zuviel an Strom irgendwie auszugleichen. Aber Energie ist auch ein Generationenthema. Wenn wir heute ein Kraftwerk bauen, brauchen wir zuerst, Minimum, fünf Jahre, dass wir eine Genehmigung bekommen, dann baut man drei Jahre und dann steht es hundert Jahre. Für uns ist die Perspektive nicht so entscheidend, wie heute der Strompreis ist, sondern wie er in 30, 40 Jahren ist.

Format: Aber das kann man nicht abschätzen.

Wolfgang Anzengruber: Schwer. Prognosen sind, wie es so schön heißt, insbesondere dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Wie ich zum Verbund kam, lag der Strompreis bei ungefähr 70 Euro und die Prognosen gingen davon aus, dass er binnen fünf Jahren auf 100 Euro steigt. Jetzt sind diese Jahre vergangen und der Strompreis liegt bei 35 Euro und die Prognosen sagen uns, irgendwann gegen Ende dieses Jahrzehnts wird der Preis wieder steigen. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich weiß nicht, ob das stimmt. Es ist zwar logisch, nur wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich die Welt nicht immer logisch entwickelt. Mit dem umzugehen, ist in einem Unternehmen, das dermaßen auf Langfristigkeit ausgelegt ist, schwierig.

Format: Worüber denkt man im Bereich "Verbund Solutions“ im Moment nach?

Wolfgang Anzengruber: Es gibt eine ganze Serie von Ideen. Eine der ersten war E-Mobilität, die nächste alles, was heute mit Smart-Technologien zusammenhängt: Smart Home, Smart Living, Dienstleistungen, die direkt am Kunden sind. Ein weiterer Punkt ist Demand-Response: Da geht es darum, dass die Erzeugung durch die neuen Energieformen wie Wind und Sonne sehr volatil geworden sind. Um das auszugleichen, brauche ich auch eine Flexibilität beim Kunden, die dann auch vermarktet werden kann.

Format: Viele private Kunden haben mittlerweile eigene Stromerzeugungsanlagen …

Wolfgang Anzengruber: Und unsere Aufgabe ist es, die zu integrieren, ein Gesamtsystem für Energie anzubieten.

Format: Wie viel Wachstum erwartet man sich aus den neuen Dienstleistungen?

Wolfgang Anzengruber: Das ist eine der großen Schlüsselfragen. Der Markt ist groß. Laut Studien geht es um einen Ertragsmarkt, nicht Umsatzmarkt, in Europa von etwa zehn Milliarden Euro. Für uns geht es darum, in dem Bereich einen entsprechenden Anteil zu bekommen. Man darf den Dienstleistungsmarkt nicht mit dem Investitionsgütermarkt vergleichen: Während wir auf der einen Seite im Erzeugungsbereich sehr kapitallastig sind, denn so ein Kraftwerk kostet gleich ein paar Hundert Millionen, geht es auf der anderen Seite sehr stark um Time to Market und Dienstleistungen. Aber unsere Zielsetzung heißt: Wir wollen in diesen Märkten auch eine Rendite auf das eingesetzte Kapital von mindestens zehn Prozent haben. Das heißt, die Kapitalrendite ist dort der wichtige Treiber dahinter.

Format: Welche Trends sehen Sie für die Energiewirtschaft im kommenden Jahr?

Wolfgang Anzengruber: Das traditionelle Geschäft der E-Wirtschaft wird sich in einem weiterhin schwierigen Umfeld bewegen. Aber ich freue mich auf spannende neue Produkte und Lösungen aus dem "New Economy“-Energie-Bereich: innovative Produkte, energienahe Dienstleistungen, Energieeffizienzlösungen. Da wird sich ganz viel tun!

Zur Person. Wolfgang Anzengruber, 58, ist seit 2009 der Vorstandsvorsitzende der Verbund AG. Zuvor war der gebürtige Oberösterreicher, der an der TU Maschinenbau studiert hat, Vorstandsvorsitzender beim Kranhersteller Palfinger und Mitglied des Vorstandes der Salzburg AG. Der Stromhersteller Verbund, der zu 51 Prozent der Republik Österreich gehört, beschäftigt rund 3.000 Mitarbeiter.