Nachfolgeprobleme in Österreichs Familienunternehmen

Nur einer von hundert potenziellen Nachfolgern eines will nach dem Studium in ein Familienunternehmen. Für Österreichs Wirtschaft ein großes Risiko, denn 80 Prozent der Betriebe sind in Familienbesitz.

Nachfolgeprobleme in Österreichs Familienunternehmen
Nachfolgeprobleme in Österreichs Familienunternehmen

Österreich, das Land der Familienunternehmen: Insgesamt sind rund 80 Prozent der heimischen Betriebe in Familienbesitz, die etwa 70 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigen. Für viele Familienunternehmen wird die Suche nach Nachfolgern jedoch zunehmend schwieriger: Die Mehrheit der studierenden Söhne und Töchter aus Unternehmerfamilien will lieber Karriere außerhalb des eigenen Betriebs machen. Nicht einmal jeder hundertste potenzielle Nachfolger, also 0,9 Prozent will direkt nach dem Abschluss in den Familienbetrieb eintreten. Damit gehört Österreich zu den weltweiten Schlusslichtern.

Karriere in Privatwirtschaft bevorzugt

Nur die wenigsten Studenten aus Unternehmerfamilien wollen nach ihrem Hochschulabschluss sofort im Familienbetrieb mitarbeiten. Im Anschluss an das Studium möchte fast ein Viertel in einem großen Unternehmen beziehungsweise Konzern tätig sein. Insgesamt streben fast 60 Prozent ein Angestelltenverhältnis in der Privatwirtschaft an. Selbst nach einer fünfjährigen Pause können sich hierzulande nur 3,4 Prozent vorstellen, im Familienunternehmen mitzuarbeiten.

Der weltweite Durchschnitt liegt bei 4,9 Prozent. Nur in Schottland, Dänemark, Israel und den USA ist die Lust auf eine Karriere im Familienbetrieb geringer. Grundsätzlich kann sich knapp ein Fünftel der potenziellen Nachfolger weltweit vorstellen, im Familienbetrieb zu arbeiten. Johannes Volpini, zuständiger Partner für den Bereich „Family Business“ bei EY Österreich erklärt die Situation in Österreich folgendermaßen: „Familienunternehmen kämpfen momentan mit der Herausforderung, ihren Nachwuchs davon zu überzeugen, im familieneigenen Unternehmen zu arbeiten und dieses irgendwann auch zu übernehmen. Das liegt einerseits an den speziell in Ländern mit guter Konjunkturentwicklung immer vielfältigeren Karrieremöglichkeiten. Andererseits wollen sich immer mehr potenzielle Nachfolger nicht einfach ins gemachte Nest setzen, sondern sich zuerst außerhalb des eigenen Familienbetriebs beweisen.“

Laut Volpini birgt diese Entwicklung Risiken und Chancen: „Es kann für einen Familienbetrieb nur von Vorteil sein, wenn die Nachfolger zuerst Erfahrungen auf fremdem Terrain gesammelt haben. Wenn sie dann nach ein paar Jahren in das Unternehmen der Familie einsteigen, können sie neue wertvolle Impulse einbringen. " Wer allerdings das Nest verlässt findet eventuell Gefallen an einer Karriere außerhalb des heimischen Betriebs. Volpini: " Auch innerhalb der eigenen Familie braucht es Überzeugungsarbeit und eine frühzeitige Weichenstellung, damit die nächste Generation das Unternehmen marktfähig weiterführen kann.“ Wie stark ausgeprägt der Wunsch nach einer Beschäftigung im Unternehmen der eigenen Familie ist, hängt auch von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen am Standort ab. Je höher die Wirtschaftsleistung des Landes, desto geringer das Interesse an einer Mitarbeit im Familienunternehmen.

Unternehmernachwuchs will sich selbständig machen

Der unternehmerische Geist der Eltern scheint auf die jüngere Generation abzufärben, allerdings anders, als es für Familienunternehmen wünschenswert ist. Werden Studenten nach ihren Berufsplänen fünf Jahre nach dem Abschluss gefragt, gibt die Mehrheit, also knapp 35 Prozent, an, selbst ein Unternehmen gründen zu wollen. Berater Volpini: „Um den durchaus ausgeprägten Drive der jungen Generation in Richtung Entrepreneurship auf den familieneigenen Betrieb zu kanalisieren, müssen die Eigentümer potenziellen Nachfolgern Gestaltungsmöglichkeiten einräumen und die richtige Balance zwischen Entfaltung und Fortführung des Kerngeschäfts finden.“

Auffällig: Je größer das Familienunternehmen, desto eher ist die Nachfolgegeneration bereit, schon in jungen Jahren mitzuarbeiten. Bei Unternehmen mit zwei bis fünf Mitarbeitern wollen nur 5,2 Prozent spätestens fünf Jahre nach dem Hochschulabschluss einsteigen, bei jenen mit mehr als 100 Mitarbeitern immerhin 16,3 Prozent. Auch eine gute finanzielle Performance wirkt sich positiv auf die Bereitschaft, im Familienunternehmen mitzuarbeiten, aus.

Weiblicher Nachwuchs hadert mit der Übernahme

Potenzielle Nachfolgerinnen suchen laut EY eher nach Karrieremöglichkeiten außerhalb des Familienbetriebs. Unabhängig von der Studienrichtung ist der Anteil von Frauen, die sich einen Einstieg vorstellen können, um ein Viertel geringer als jener der Männer. Johannes Volpini sieht diesen Umstand in auch in alten Traditionen begründet: „Es ist in vielen Fällen immer noch Usus ist, die Nachfolge gemäß dem Erstgeburtsrecht zu regeln, der älteste Sohn übernimmt automatisch den Betrieb. Dazu kommt, dass männliche Studenten deutlich selbstbewusster bei der Einschätzung ihrer unternehmerischen Fähigkeiten sind und Entrepreneurship als weniger riskant einstufen.“

Auch das Geschlecht des Familienmitglieds, das momentan am Ruder des Unternehmens ist, beeinflusst die Nachfolge: Sowohl männliche als auch weibliche Nachfolger sind eher bereit, in das Unternehmen einzusteigen, wenn es vom Vater geleitet wird. Am größten ist die Bereitschaft aber, unabhängig vom Geschlecht, wenn sich beide Elternteile im Unternehmen engagieren.

Nachwuchs erwartet sich hohe "Familienrabatte"

Auch der Preis für die Übernahme des Familienunternehmens spielt für potenzielle Nachfolger eine entscheidende Rolle: In den meisten Fällen erfolgt die Übergabe nicht kostenlos, sondern zu reduzierten Preisen. Im weltweiten Durchschnitt geht die Nachfolgegeneration davon aus, das familieneigene Unternehmen ungefähr für die Hälfte jenes Preises zu erstehen, den ein externer Käufer auf den Tisch legen müsste. In Österreich verlangen die potenziellen Nachfolger ein besonders großes Entgegenkommen: Ein gewünschter Preisnachlass von rund 59 Prozent bedeutet ex aequo mit Deutschland Platz vier. Am wenigsten für die Übernahme berappen wollen Studenten in Estland (73 Prozent Rabatt), den geringsten Rabatt verlangen Nachfolger in Australien (18 Prozent).

Die Ergebnisse der Studie des Prüfungs- und Beratungsorganisation EY sind in Zusammenarbeit mit dem „Center for Family Business“ der Universität St. Gallen erfragt worden, bei der über 34.000 Studenten an 750 Universitäten in 34 Ländern zu ihren Berufsplänen befragt wurden. In Österreich nahmen 1.500 Studenten – davon ein Drittel aus Familienunternehmen – an 34 Universitäten an der Umfrage teil.