Ein Jahr nach dem HCB-Skandal: Kein Licht am Ende des Tunnels

Der lange Schatten des HCB-Skandals: Den Einwohnern des Kärntner Görtschitztals wird immer noch empfohlen, Lebensmittel im Supermarkt anstatt beim benachbarten Bauern zu kaufen. Das Misstrauen in der Bevölkerung bleibt bestehen.

Ein Jahr nach dem HCB-Skandal: Kein Licht am Ende des Tunnels
Ein Jahr nach dem HCB-Skandal: Kein Licht am Ende des Tunnels

Im Frühjahr verkaufte Horst Reichmann vier Jungrinder - erst auf Nachfrage erfuhr er, dass das Fleisch aller vier Tiere entsorgt werden musste.

Am Abend des 26. November 2014 hat August Ratheiser vom HCB-Skandal erfahren. Am nächsten Morgen bekam er den Anruf, dass die Milch von seinem Hof abgeholt und vernichtet wird. Diesen Tag wird der Landwirt aus Klein St. Paul wohl nie vergessen. Und obwohl die Milch seiner 19 Kühe mittlerweile wieder verkauft werden darf, sei die Zukunft ungewiss: "Wir würden gerne Licht am Ende des Tunnels sehen."

Ratheiser sitzt am Tisch im Wohnzimmer seines Bauernhofes. Wenn es dunkel ist, kann man durch das Fenster die Positionslichter am Turm des Wietersdorfer Zementwerks sehen. Hier nahm das Unheil seinen Lauf: Mit Hexachlorbenzol verunreinigter Blaukalk wurde bei zu geringer Temperatur verbrannt und durch den Schornstein im Umkreis des Werks verteilt. Monatelang waren zahlreiche Höfe, wie auch der von Ratheiser, gesperrt - Milch und Fleisch aus dem Görtschitztal durften nicht in den Verkauf gelangen.

Strengere Werte im Görtschitztal

Mittlerweile enthält die Milch von Ratheisers Hof so wenig HCB, dass sie sogar von den Einwohnern des Görtschitztales bedenkenlos getrunken werden dürfte - für sie gelten sehr strenge Werte, um das HCB im Körper so schnell wie möglich abzubauen. Was bleibt, ist aber ein ungutes Gefühl: "Im Tal sind 80 von 300 Bauern Biolandwirte. Sie haben ihrem Vieh nur das gefüttert, was vor der Haustür gewachsen ist - und nicht einmal darauf haben sie vertrauen können." Hinzu kommen gesundheitliche Bedenken. Sogar bei Ratheisers damals fünf Monate alter Enkelin wurden bei einem Bluttest erhöhte HCB-Werte festgestellt. Was genau diese Werte bedeuteten, wusste lange Zeit niemand - es gibt für so kleine Kinder keine Vergleichswerte.

Neben der Sorge um die Gesundheit wiegt aber der Vertrauensverlust am stärksten. "Woher sollen wir wissen, dass das stimmt, was uns erzählt wird?", fragt sich Ratheiser. Immer wieder musste er in den vergangenen Monaten an eine Informationsveranstaltung im Jahr 2003 denken, als darüber entschieden wurde, ob im Wietersdorfer Zementwerk auch Abfall verbrannt werden dürfe. "Klein St. Paul wird Luftkurort-Qualität haben", hatte es damals geheißen.

Die LKW rollen weiter

Wenige Kilometer flussabwärts in Brückl betreiben Horst und Helene Reichmann ihren Bauernhof. In dieser Gemeinde liegt auch die Deponie des Donau Chemie-Werks, in der nach wie vor 140.000 Tonnen mit HCB belasteter Blaukalk lagern. An der Bundesstraße unterhalb des Hofs der Familie Reichmann donnerten von Juli 2012 bis November 2014 die mit Blaukalk beladenen Lkw vorbei - mit dem Wietersdorfer Werk als Ziel. Heute haben die Lkw zwar keinen Blaukalk, aber andere Abfälle geladen. "Ein Grund dafür, dass ich glaube, dass man im Werk noch immer nicht richtig verstanden hat, worum es eigentlich geht. Es wäre ein Signal gewesen, die Verbrennung von jeglichem Abfall vorläufig zu stoppen", sagt Horst Reichmann. Seine Frau Helene pflichtet ihm bei: "Es wird immer gesagt, dass das Werk ohne die Müllverbrennung nicht wirtschaftlich wäre. Man soll endlich damit aufhören, die Arbeitsplätze im Werk als Faustpfand zu verwenden."

Für die Familie hatte der HCB-Skandal nicht nur wirtschaftliche Folgen. "Wirtschaftlich sind wir als Landwirte ja einiges gewöhnt. Aber dass sogar unser höchstes Gut, die Natur, nichts mehr wert sein soll, hat uns schwer getroffen." Das Blut von vier der fünf Kinder der Familie wurde auf HCB untersucht - alle waren stark belastet. "Dabei wohnen wir weder im direkten Umkreis des Werks, noch in dem der Deponie", gibt Helene Reichmann zu Bedenken. Ihre Lebensmittelquellen hat die Familie auf Anraten von Medizinern gewechselt: Statt von Bauern in der Umgebung kommen Milch, Eier und Fleisch aus dem Supermarkt. "Wenn es wirklich lückenlose Kontrollen gäbe, dann würden wir natürlich wieder hundert Mal lieber die Lebensmittel aus der Region kaufen", sagt Helene Reichmann.

Wie die nächste Zukunft für die Landwirtschaft aussieht, wissen die beiden nicht. Im Frühjahr verkaufte Horst Reichmann vier Jungrinder - erst auf Nachfrage erfuhr er, dass das Fleisch von allen vier Tieren entsorgt werden musste. Im Dezember steht der nächste Verkauf an.

Dürfen Mütter ihre Kinder stillen?

Eine Woche nach Bekanntwerden des HCB-Skandals brachte die Ebersteinerin Viktoria Brandstetter ihre Tochter zur Welt. Die Verunsicherung sei groß gewesen: "Ich habe am Anfang nicht einmal gewusst, ob ich überhaupt stillen soll." Eine Analyse der Muttermilch habe zwar ergeben, dass diese nur wenig HCB enthalte. "Ich habe aber trotzdem abgestillt, weil ich auch nicht die geringsten Spuren HCB weitergeben wollte." Trotzdem - als ihre beiden Töchter später auf Hexachlorbenzol getestet wurden, wurde bei beiden eine hohe HCB-Belastung festgestellt.

Ihren Hausgarten hat Brandstetter mittlerweile aufgegeben - zu groß sei die Unsicherheit. Als sie die Erdbeeren aus ihrem Garten beproben ließ, kam dabei zwar heraus, dass sie in Sachen HCB unbedenklich seien - sie habe aber monatelang auf Ergebnisse warten müssen. Überraschend sei dabei gewesen, dass im Blattgemüse hohe Blei- und Quecksilberwerte gefunden worden seien, welche laut MedUni Wien auch weiterhin beprobt werden sollten. Ihr Schluss daraus: "Was notwendig wäre, das wäre eine lückenlosen Beprobung aller Lebensmittel aus der Region". Und zwar über die nächsten Jahre hinweg: "Denn so lange wird es dauern, bis man keine Spuren mehr von HCB im Görtschitztal findet."

Ehrlichkeit erwartet sich vor allem Ratheiser von den Verantwortlichen zur Zukunft im Tal. Aber: "Wenn die Blaukalkverbrennung in Klein St. Paul weiterhin nicht hundertprozentig vom Tisch ist, können wir nicht angstfrei leben." Keine Blaukalkverbrennung mehr im Werk und eine endgültige Lösung der Deponiefrage - das wünschen sich Helene und Horst Reichmann: "Wir wollen ohne Bedenken die Luft atmen, unsere eigenen Lebensmittel essen, ins Schwimmbad gehen und die Kinder im Sandkasten spielen lassen. Wenn wir das nicht mehr können, dann können wir unseren Kindern auch nicht empfehlen, dass sie hier einmal sesshaft werden sollen."