Impact Hub - ein Tummeplatz für Weltverbesserer

Impact Hub - ein Tummeplatz für Weltverbesserer

Der soziale Stempel des Impact Hub.

Der Impact Hub Vienna ist der Dreh- und Angelpunkt für Social Business Unternehmen aller Art in Wien. Die Szene floriert, daher wird die Fläche nun auf das Vierfache ausgebaut. Format.at hat die Baustelle vorab besichtigt.

Strom dann verbrauchen, wenn er billig ist und aus grünen Quellen wie Sonnen- oder Windenergie kommt – das bietet das Start-up aWATTar seinen Kunden. Möglich wird dies durch intelligente Stromzähler im Haushalt, die energieintensive Aktivitäten dann einschalten, wenn der Stromtarif durch hohe Verfügbarkeit von Ökostrom niedrig ist. Oder, anders ausgedrückt: Wenn die Sonne scheint und das Mehr an Solarenergie den Strompreis drückt, schaltet aWATTar die Waschmaschine an – das schont die Umwelt ebenso wie das Geldbörserl.

aWATTar ist ein sogenanntes „Social Business“ – ein Unternehmen, das betriebswirtschaftliche Mittel nutzt, um Gutes zu tun. Als Pionier dieser Denkweise gilt der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus: Die vom Wirtschaftsprofessor gegründete „Grameen Bank“ mit Sitz in Bangladesh vergibt Mikrokredite an notleidende Menschen – diese können so ihren Kreislauf der Armut durchbrechen, das Institut wiederum hält sich durch die Zinsen am Leben. In Wien ist die Not zwar nicht so groß wie in Bangladesh – doch die Szene floriert trotzdem; und für viele Social Businesses ist der „Impact Hub Vienna“ im hippen 7. Bezirk ein Dreh- und Angelpunkt. In dem Coworking-Space können sich Unternehmer gegen eine monatliche Gebühr einen Arbeitsplatz mieten, Veranstalter können die Räumlichkeiten für Events buchen.

Der Impact Hub Vienna: Tummelplatz für Social Businesses.

Über 400 Mitglieder zählt der im Jahr 2010 gegründete Impact Hub Vienna nun. Sie nutzen den Ort nicht nur als reine Bürofläche, sondern werden auch durch Coaching und Wissensaustausch gefördert. „Vor allem schätzen sie aber den Austausch mit Gleichgesinnten“, sagt Matthias Reisinger, Co-Gründer des Impact Hub Vienna – die Menschen im Hub haben ähnliche Vorstellungen von Lebens- und Arbeitsweisen. „Hier stoßen sie auf mehr Verständnis als zum Beispiel bei ihren Eltern, die ihnen einen sichereren Karriereweg einreden wollen“, grinst Reisinger: „Etwa, in einer Bank zu arbeiten.“

Besonders der Austausch mit Gleichgesinnten ist den Hub-Mitgliedern wichtig - denn bei den Eltern ernten sie mit ihren unkonventionellen Karrierewegen nicht immer Verständnis.

Weil der Platz für die florierende Community in den vergangenen fünf Jahren zu klein wurde, baut der Hub nun aus: Am 5. März werden die bisherigen 400 Quadratmeter in der Lindengasse 56 um weitere 1200 Quadratmeter in einem anderen Stockwerk erweitert – inklusive allem, was bei einem hippen Großraumbüro für junge Kreative dazugehört. So reichen Whiteboards etwa über ganze Wände, damit Ideen festgehalten werden können, sobald die Inspiration einschlägt. Hängematten für das geistige Abschalten zwischendurch gibt es ebenso wie interaktive Touchscreens und intelligente Beamer. „Das wird eine ähnliche Situationen schaffen wir im Science Fiction-Film ‚Minority Report‘“, freut sich Reisinger. Und noch ein kleines Detail, das jeden guten Coworking-Space aufwertet: „Auf dem Besprechungstisch kann man auch Tischtennis spielen.“

Die Küche ist bei der Besichtigung durch format.at noch eine Baustelle - doch bald wird hier echte Hausmannskost serviert.

Das Herzstück der neuen Räumlichkeiten ist die Küche, auch bekannt als die „Vollpension“: Hier servieren Pensionistinnen in nostalgischem 60er-Jahre-Ambiente Kaffee und Kuchen – eine Win-Win-Situation, bei der die Seniorinnen einen Job bekommen und die Jungen mit guter Hausmannskost versorgt werden. Für Eventveranstalter bietet die Vollpension ein Catering.

Die wohl ungewöhnlichste innenarchitektonische Neuerung befindet sich aber in einem versteckten, dunklen Teil des Gemeinschaftsbüros. Denn die Community wünschte sich trotz aller Geselligkeit einen Rückzugsbereich, in dem nicht gesprochen wird, man also in Ruhe an Projekten arbeiten oder nachdenken kann. Das Ergebnis ist die „Bibliothek“: Ein Raum, in dem rund 1200 Bücher an die Wand genagelt wurden – das sieht nicht nur beeindruckend aus, sondern hat obendrein auch noch einen schalldämpfenden Effekt.

Rund 1200 Bücher wurden an die Wand genagelt - das schafft eine behagliche Atmosphäre und wirkt außerdem schalldämpfend.

All dies mag für Außenstehende etwas befremdlich wirken – wie die Spielweise einer verträumten Szene, die von einer besseren Welt schwärmt und es dabei verabsäumt, wirtschaftliche Erfolge zu erzielen. Doch diese Vorurteile kontert Reisinger mit harten Zahlen: Im Jahr 2014 lag der Umsatz des Impact Hub Vienna bei 500.000 Euro; cashflow-positiv ist man schon länger. 2013 lag die Gewinnmarge bei zehn Prozent, für 2014 wird derzeit der Geschäftsbericht erstellt, Reisinger erwartet diesmal aber weniger Gewinn – weil der Ausbau des Raums auf das Vierfache ebenso Kosten verursacht wie das neue Personal; bald wird der Hub 15 Mitarbeiter haben.

„Wir re-investieren das meiste in Wachstum“, sagt Reisinger. Freilich könnte man noch mehr Gewinn machen, wenn es allein um das Geld ginge: „Aber dann müssten wir die Preise erhöhen und eine andere Zielgruppe adressieren“, sagt er – und das wollte er nicht: „Uns geht es darum, dass unsere Mitglieder die Welt zum Besseren verändern.“ Dies tun sie nicht nur durch ihre Projekte, sondern auch als Arbeitgeber: Die Social Businesses des Impact Hub Vienna haben allein im Jahr 2013 170 Arbeitsplätze geschaffen.

"Wir re-investieren in Wachstum," sagt Matthias Reisinger. Als er 2010 mit dem Impact Hub Vienna startete, existierte in Wien noch keine Start-up-Szene.

Sind die Social Businesses in ihrer Entwicklung weiter fortgeschritten und brauchen frisches Kapital, so führt das Hub-Team sie mit potenziellen Geldgebern zusammen. „Bei mehr als der Hälfte der Unternehmen funktioniert die Suche nach neuem Kapital“, sagt Reisinger: In zwei Jahren flossen in Summe 2,4 Millionen Euro in die Hub-Sprösslinge.

Wachstum per Crowdfunding

Der Start im Jahr 2010 wurde mit einem Kredit der Erste Bank finanziert – und auch für den Ausbau gab es wieder Bankengeld; allerdings setzte man diesmal auch auf das Trend-Thema Crowdfunding. Freunde und Partner des Netzwerks konnten zwischen 2000 und 20.000 Euro in die Bauarbeiten investieren, dafür bekommen sie wahlweise entweder vier Prozent in bar oder fünf Prozent in Form von Gutscheinen. Nach drei Jahren besteht für die Investoren die Möglichkeit, Eigenkapital am Hub zu erhalten. Rund 330.000 Euro kostete der Ausbau insgesamt, zehn Prozent der Finanzierung kamen wieder von der Erste Bank – gegenüber diesem institutionellen Darlehen sind die Crowd-Investoren nachrangig behandelt, schauen im Fall einer Insolvenz also durch die Finger.

Doch warum überhaupt auf Crowdfunding setzen, wenn man auch ein gutes Verhältnis zur Bank hat? „Es ist heutzutage für Unternehmen wie uns außergewöhnlich, überhaupt einen Bankkredit zu bekommen“, sagt Reisinger – Österreichs Gründerszene klagt seit Jahren über Finanzierungsprobleme. Gerade aus diesem Grund will der Hub aber ein Vorbild für neuartige Finanzierungsformen bieten – und findet entsprechend Gehör: „Wir sind bereits mit dem Sozial- und dem Wirtschaftsministerium beisammen gesessen, um diese zu beraten“, sagt Reisinger.

Wenn also künftig von der Regierung ein echtes Crowdfunding-Gesetz beschlossen wird, dann hatte dies auch teils hier seine Wurzeln: In der hippen Lindengasse, irgendwo zwischen smarten Stromzählern, angenagelten Büchern und guter österreichischer Hausmannskost.

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