Ich bin mein eigener Chef: Der mutige Weg in die Selbständigkeit

Ich bin mein eigener Chef: Der mutige Weg in die Selbständigkeit

Katharina Klausberger und Armin Strbac: "Hätten wir das Geschäftsmodell nicht umgestellt, wären wir heute wohl ganz woanders"

Unternehmer in Österreich zu sein, ist ein harter Job. Dennoch wagen immer mehr Menschen den Sprung ins kalte Wasser. Wer die Mutigen sind, die sich gegen die schwierigen Rahmenbedingungen stemmen.

Ein Unternehmen aufbauen. Sein eigener Chef sein. Das wollten Katharina Klausberger und Armin Strbac gleich nach dem Uni-Abschluss an der TU Wien angehen. Sie gründeten finderly, ein Vergleichsportal für Elektronikartikel. Sie bauten sich eine Community auf, lernten Umsatzsteuer, SVA-Zahlungen und die Mühe kennen, sich jeden Tag selbst zu motivieren. Ihr Start-up erreichte nicht die kritische Masse, die für einen positiven Cashflow erforderlich war. Dann setzten sich die beiden mit ihrem kleinen Team in eine Berghütte ab. Sie zogen Bilanz, analysierten ihre Fehler und Schwächen und diskutierten neue Wege.

"Hätten wir das Geschäftsmodell nicht umgestellt, wären wir heute wohl ganz woanders", so Klausberger. Doch sie erfanden Shpock, den mobilen Flohmarkt für die Hosentasche. Das war vor drei Jahren. Heute hat das Portal acht Millionen regelmäßige Benutzer. Sie sind in Deutschland, Österreich und bald auch Großbritannien Marktführer. Der skandinavische Medienriese Schipsted stieg mit einem Millioneninvestment ein. Aus dem fünfköpfigen Team wurde ein fast 40-köpfiges. Ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen. Neue Märkte und Chancen warten. Eine Erfolgsgeschichte - made in Austria. Eine Seltenheit?

Land der Einzelkämpfer

Es gibt laut der WKO 466.187 Unternehmen in Österreich, der Löwenanteil von fast 266.910 sind Einzelkämpfer. Einpersonenunternehmen (EPUs), die sich alleine um alles kümmern: Auftragsakquise, Abwicklung, Buchhaltung, Verwaltung. Sie sind vor allem in Wien, Niederösterreich und der Steiermark stark vertreten. Der EPU-Anteil an allen einzahlenden Mitgliedern der Wirtschaftskammer beträgt fast 60 Prozent.

Dazu gesellen sich 91.000 GmbHs, 20.000 Kommanditgesellschaften, 8.000 offene Gesellschaften, 3.200 Vereine und 1.500 Aktiengesellschaften. Alles in allem sind rund zehn Prozent aller Erwerbstätigen in Österreich Unternehmer und Unternehmerinnen.

In den vergangen zwei Jahren ist der Unternehmeranteil an der arbeitenden Bevölkerung um zwölf Prozent gestiegen. Eine Tendenz, die den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den großen Betrieben geschuldet ist. Viele bauen dank Strukturmaßnahmen und Verschlankungsprozessen Mitarbeiter ab. Zudem wollen auch in Österreich immer öfter Menschen ihr eigenes Ding durchziehen.

Thomas Oberholzner von der KMU Forschung Austria beobachtet seit einigen Jahren bei den großen Arbeitgebern einen strukturellen Wandlungsprozess. "Durch Verschlankung und Flexibilisierung werden Gebiete wie Marketing, IT, Werbung oder Personal ausgelagert. Die großen Betriebe konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft, die Produktion."

Davon profitieren die EPUs. So arbeiten 100.000 Menschen in der nicht näher definierten Gruppe der "gewerblichen Dienstleister" hauptsächlich als Zuarbeiter für die Großen. Dieser Trend ist eine Folge der Digitalisierung. Der Informationsaustausch ist schneller und einfacher geworden. Vor allem durch Cloud Computing, den simplen Datenaustausch über Dienste wie Dropbox oder WeShare lässt sich die Arbeit besser teilen.

Rückgrat der Wirtschaft

Neben der innovativen Kraft bilden die kleinen und mittelständischen Unternehmen seit jeher das Rückgrat der österreichischen und europäischen Wirtschaft. Keine andere Gruppe erwirtschaftet so einen großen Umsatz (406 Milliarden Euro, 2012), keine beschäftigt mehr Menschen (1,5 Millionen, Statistik Austria) und zahlt mit Abstand die meisten Steuern. 99,6 Prozent der heimischen Wirtschaftsunternehmen werden dieser Gruppe zugerechnet.

Frische Ideen für ein neues Zeitalter

Die neuen Gründer sind die Zukunft eines innovativen Europas. Sie entwickeln frische Ideen für das postindustrielle Zeitalter, gehen mit neuen Konzepten für innerbetriebliche Organisation und expansives Wachstum neue Wege.

Aber sie stehen auch oft mit beiden Füßen auf einer existenzbedrohenden Klippe. "Das neue Unternehmertum vereinbart kreative Individualität mit sozialer und ökologischer Verantwortung und zielt auf Wirtschafts- und Lebensmodelle, die allen nützen können", schreibt der Wirtschaftsprofessor Fritz Fleischmann. Dafür braucht es die passenden politischen Rahmenbedingungen. Und daran mangelt es in Österreich noch gewaltig. Anders in Staaten wie Israel und allen voran den USA, die mit Steuererleichterungen und -geschenken die Gunst der kleinen und mittelständischen Unternehmen, vor allem in der stark wachsenden IT-und Digital-Branche, sichern und ihnen mit vielen Maßnahmen den Rücken stärken.

Auch in Deutschland propagiert man seit einiger Zeit eine fiskale Erleichterung für Entrepreneure. Hierzulande quälen undurchsichtige Sozialversicherungsabgaben, eine der höchsten Steuerquoten aller OECD-Staaten und aus der Zeit gefallene Gebührenlasten wie Werbe- und Flugabgabe den unternehmerischen Geist. Allein die Förderlandschaft wird von allen Experten als besonders gut eingestuft. Doch in diesen Genuss kommen nur die wenigsten.

Die massive Abgabenlast treibt zahllose Kleinunternehmungen in existenzbedrohende Krisen. "In den ersten zwei Jahren nach der Gründung haben wir in Österreich eine sehr gute Überlebensquote. Erst im dritten Jahr kommen viele ins Strudeln. Grund: Überbordende Genehmigungspflichten und Abgabenlasten. Viele schließen ihren Betrieb wieder, weil die verwaltungsrelevanten Aufgaben zu viel Arbeitszeit fressen. Und es werden nicht weniger Regulierungen, sondern immer mehr", fasst Christoph Schneider, Leiter der Stabsabteilung Wirtschaftspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich, das Leid der Unternehmer mit dem Bürokratiedschungel zusammen.

Eine Studie der Wirtschaftskammer Österreich, die 3.600 ihrer Mitglieder nach den größten Risiken für Unternehmer befragt, stoßen in das gleiche Horn. Fast 70 Prozent sehen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als größte Gefahr für ihr Geschäft an und über 60 Prozent beklagen die hohen Arbeitskosten. Dagegen wirken marktorientierte Probleme wie sinkende Inlandsnachfrage (46 Prozent), Fachkräftemangel (32 Prozent) und steigende Energiepreise (26 Prozent) wie Nebensächlichkeiten.

Die Konsequenz ist zurückhaltende Investitionspolitik - lediglich zwölf Prozent der befragten Unternehmer wollen mehr investieren als im Jahr 2014. Als Anreize der Wirtschaftspolitik für mehr Investitionen bevorzugen die Unternehmen steuerliche Maßnahmen sowie Vereinfachungen und Kostensenkungen in der Verwaltung.

Eine Zunahme gegenüber der Umfrage im Jahr 2014 gegenüber der vom Herbst 2012 zeigt sich vor allem bei den Forderungen nach Verwaltungsvereinfachungen und der Senkung von Verwaltungskosten. KMU-Experte Oberholzner sieht einerseits die globale Wirtschaftslage als Hemmnis, andererseits die schwachen konjunkturellen Aussichten, die unter den KMUs auf die Stimmung drücken. "Die Möglichkeiten der Politik, hier aktiv einzugreifen, sind begrenzt. Aber Impulse, wie durch die Entlastung der kleineren Einkommen das real verfügbare Kapital zu erhöhen, sind ein wichtiger Schritt."

Und den Unternehmen wird geholfen. Etwa mit günstigen Krediten. Allerdings halten sich die Unternehmen selbst bei gutem Zugang zu Finanzierungen mit Investitionen in neue Arbeitskräfte zurück, wenn die Zukunftsaussichten trübe sind. Das führt zu einem Ausweichen der mobilen Unternehmen ins besser konditionierte Ausland. So wie es auch bei den Nachwuchskräften, den Topabsolventen der österreichischen Universitäten schon seit Jahren der Fall ist. Jährlich verlassen Tausende Maschinenbauer, Ingenieure und Betriebswirte das Land, im Gegenzug können ausländische Studierende nicht gehalten werden.

Das verschärft den Fachkräftemangel und verbaut die Chance, innovative Kräfte und potenzielle Gründer im Land zu halten. "Der demografische Wandel, die Abwanderung der besten Köpfe - diese Problematiken bekommen auch die KMUs und sogar die EPUs zu spüren. Die Toptalente lassen sich von Großunternehmen im Ausland abwerben und hinterlassen in den österreichischen Netzwerken große Lücken oder hindern sie sogar am Entstehen", so Experte Schneider von der WKO.

Angst vor dem Scheitern

Ein weiterer gesellschaftlicher Aspekt, der gegen die Unternehmer spielt, ist ein mangelndes Bewusstsein für die essenzielle Bedeutung des Scheiterns in einem Lebenslauf. Ein Unternehmen an die Wand fahren, Konkurs anmelden, im großen Stil untergehen. Dieses Schicksal ereilt laut Kreditschutzverband rund 5.500 Unternehmer in Österreich pro Jahr.

Doch Scheitern ist keine Sackgasse, sondern ein Umweg. Zumindest sieht man das in anderen Kulturkreisen so. Wer in den USA nicht einmal die Erfahrung gemacht hat, mit nichts in der Tasche und einem Bein auf der Straße zu stehen, gilt nicht als fähiger Unternehmer. Denn in diesen Zeiten lernt man, sich auf neue Rahmenbedingungen und Kundenwünsche einzustellen und sein Geschäftsmodell notfalls radikal zu verändern. In Europa erfährt ein Unternehmer im Konkurs eine Stigmatisierung, obwohl ein schneller Wiedereinstieg nach einem Crash rechtlich keine besonders hohe Hürde darstellt. Es ist ein soziales Phänomen, dass Scheitern als Bruch wahrgenommen wird.

Doch die Gründe für das Scheitern sind lehrreich. Manfred Bartalszky, Leiter Business Development Private &Corporate bei der Erste Bank, hat folgende Probleme der Gründer zusammengefasst, die für das Scheitern verantwortlich sind: "Die meisten Gründer gehen unter, weil schlichtweg der Markt für ihr Produkt fehlt. Die Überzeugung für das eigene Schaffen ist da, die Konzepte stimmen, aber es finden sich keine Kunden. Als zweites Problem tritt oft das liebe Geld auf. Wenn das Gründungskapital aufgebraucht ist und die laufenden Ausgaben unterschätzt werden und sich die Einnahmen nicht einstellen, dann wird es eng."

Neben den Marktregularien treffen also auch persönliche Unzulänglichkeiten die jungen Unternehmen ins Mark. Die Wahl eines schlechten Standorts, der Wunsch nach einem luxuriöserem Lebensstil, der Privatentnahmen in die Höhe treibt, sorgen für ein jähes Ende mancher Unternehmung. Dennoch: All diesen Stolpersteinen ist gemein, dass sie gute Lektionen sind. Und deshalb wird sich das Bild des Scheiterns in den kommenden Jahren ändern.

"Bis wir bei der Akzeptanz eines Fehlversuches auf dem Niveau der USA angekommen sind, wird es dauern", sagt Oberholzner. So ist auch das englische Wort für Scheitern, "to fail", in der amerikanischen Businesswelt positiv besetzt: "Fail foward" - "vorwärts scheitern" gilt als beste Strategie, erfolgreich zu werden.

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