Ein kleines Stück vom Kuchen - Vermögen, ungleich verteilt

Neue Bücher und Studien, die belegen, dass Reiche immer reicher werden, heizen auch in Österreich die Debatte um die Einführung neuer Steuern an.

Ein kleines Stück vom Kuchen - Vermögen, ungleich verteilt

Gibt es so etwas wie ein ehernes Gesetz des Kapitalismus? Eine Weltformel, die ähnliche Gültigkeit hat wie "E =mc2", die berühmte Gleichung von Albert Einstein?

Ja, sagt der französische Ökonom Thomas Piketty, 43, in seinem im März erschienenen Bestseller "Capital in the Twenty-First Century", das ihm weltweite Bekanntheit beschert hat. Sie lautet einfach und einprägsam: "r >g". Pikettys Kernaussage, für die er in mühevoller Kleinarbeit Daten über Einkommen, Wachstum und Wohlstand aus über 30 Ländern und über 200 Jahren analysiert hat: Die Rendite "r" aus Aktien, Anleihen oder Immobilien -also der Ertrag von Vermögen - liegt im langjährigen Schnitt bei 4,5 bis fünf Prozent. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum "g" aber - das auch für den Ertrag aus Arbeit ausschlaggebend ist - beläuft sich langfristig nur auf ein bis 1,5 Prozent. Anders gesagt: Kapital und Vermögen werfen auf Dauer mehr ab als anstrengende, harte Arbeit. Logische, gleichsam naturgesetzliche Konsequenz: Die Reichen werden, zumindest in Friedenszeiten und ohne Unterbrechung der Erblinie, in Relation zum Normalbürger immer reicher. Papst Franziskus twitterte nach Lektüre des Werks, dass diese "Ungerechtigkeit die Wurzel des sozialen Übels" sei.

Zwar konzediert der Professor an der Paris School of Economics, dass der Abstand zwischen Arbeits-und Vermögenseinkommen im 20. Jahrhundert durch zwei Weltkriege, Finanzkrisen und hohe Spitzensteuersätze bis in die 70er-Jahre etwas geschrumpft ist (siehe Grafik rechts). Doch seit den 80er-Jahren tut sich diese Schere wieder auf, sodass heute das oberste eine Prozent der westlichen Bevölkerung rund 20 Prozent (Europa) bis 30 Prozent (USA) des Vermögens besitzt, das oberste Zehntel 60 bis 70 Prozent - und der große Rest verschwindend wenig.

Superstar-Economy

Wie Piketty glauben auch die beiden MIT-Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, dass Vermögen bald sogar noch ungleicher verteilt sein werden. In ihrer Zukunftsprognose "Th e Second Machine Age" stellen sie die Th ese

auf, dass der tiefere Grund für die wieder wachsende Ungleichverteilung -vereinfacht gesagt - in der immer rasanteren technologischen Entwicklung liege, deren Produkte zwar vielen, deren Erträge aber nur wenigen zugute kommen.

Eine exponentiell wachsende Digitalisierung von Informationen, Gütern und Dienstleistungen begünstigt die Globalisierung von immer mehr Märkten zu Lasten lokaler Strukturen. Für das Ergebnis daraus haben Brynjolfsson und McAfee einen starken Begriff geprägt: "Winner-take-all Superstar Economy". Diese zeichnet sich dadurch aus, dass Reichtümer zunehmend in den Händen einer kleinen Elite konzentriert sind.

Während die MIT-Autoren radikale Umstellung und bessere Dotierung der Bildungssysteme fordern, um der wachsenden Kluft vorzubeugen, sieht Piketty in Einkommens-und Vermögenssteuern das einzige Gegenmittel. Einkommen ab einer Million, egal ob Dollar oder Euro, sollten seiner Meinung nach zu 80 Prozent besteuert werden. Vermögen von über fünf Millionen weltweit mit bis zu zwei Prozent.

Wer zahlt die Zeche?

Auch in Österreich hat das Piketty-Buch die Frage, ob und wie neue Vermögenssteuern eingeführt werden sollen, wieder befeuert. Bekanntlich wehrt sich Finanzminister Michael Spindelegger gegen jede Art von neuen Steuern, auch gegen vermögensbezogene, weil die Steuern-und Abgabenquote in Österreich mit 45,6 Prozent sowieso eine der höchsten in der OECD ist. Überdies tragen, wird er nicht müde, zu betonen, die wohlhabendensten zehn Prozent der Bürger bereits 60 Prozent der gesamten Steuerlast.

Einig sind sich ÖVP und SPÖ zwar in der Beteuerung, dass der Faktors Arbeit durch eine Senkung des Eingangssteuersatz von 36,5 Prozent auf 25 Prozent entlastet werden muss. Woher die mindestens vier Milliarden Euro für eine Reduzierung der Steuern auf Arbeit kommen sollen, darüber wird gestritten. Die SPÖ pocht auf eine Vermögenssteuer von 0,5 bis einem Prozent ab einer Million Euro und ist für die Wiedereinführung der Erbschaftsund Schenkungssteuer. Mit einer Anhebung der Einheitswerte als Basis für die Grundsteuer und womöglich gar einer Erhöhung der Kapitalertragssteuer will sie den Verlust des Fiskus bei der Lohnund Einkommenssteuern wettmachen.

Ungleicher als gedacht.

Die Sozialdemokraten argumentieren ihre Position durch die auch in Österreich äußerst ungleiche Vermögensverteilung. Diese Tatsache ist überwiegend unbestritten. Die Nationalbank hat auf Basis einer Befragung (2012) das private Vermögen in Österreich -Immobilien inklusive Hauptwohnsitz, Unternehmensbeteiligungen, Wertpapiere und sonstige Kostbarkeiten - auf rund 1000 Milliarden Euro hochgerechnet. Davon entfallen auf das reichste Prozent der Haushalte 23 Prozent und auf die reichsten fünf Prozent knapp die Hälfte, so die OeNB. Ein Ökonomen-Team der Uni Linz kommt in einer Studie im Auftrag der Arbeiterkammer ("Reichtum im Wandel") auf 1,25 Billionen Euro Gesamtvermögen -eine noch gravierendere Ungleichheit. Das oberste Prozent der Haushalte soll danach 37 Prozent oder zirka 460 Milliarden Euro besitzen, die obersten fünf Prozent rund 53 Prozent. Auf die unteren 50 Prozent, also die Hälfte der österreichischen Bevölkerung, würden hingegen rund 2,2 Prozent oder rund 27,5 Milliarden Euro entfallen. Diese -immer wieder bezweifelten -Größenordnungen werden auch von einer erst vor wenigen Tagen veröffentlichen EZB-Studie ("How fat is the top tail of the wealth distribution?") mehr oder weniger bestätigt. "Wohlstand ist in Österreich sogar noch ungleicher verteilt, als bisher angenommen", resümiert der WU-Ökonom Stefan Humer. "Nur Deutschland und USA liegen diesbezüglich vor uns."

Für die einen ist das ein ausreichender Grund für Vermögenssteuern, andere mahnen zu differenzierterer Analyse. "Vermögen besteht aus drei Quellen: Alters-, Vorsichts-und Erbschaftssparen", sagt etwa IHS-Direktor Christian Keuschnigg. "Und die Sozialversicherung in Form von Pensions-, Kranken-oder Arbeitslosenvorsorge ersetzt weitgehend das private Alters-und Vorsichtssparen." Das sei der Hauptgrund, warum untere Einkommensgruppen zwar kaum über Finanzvermögen verfügen, aber hierzulande die Umverteilung des Wohlstands -"das erweitere Gesamtvermögen" (Keuschnigg) - im Spitzenfeld der OECD liegt.

Der Wirtschaftsforscher bezweifelt auch, dass neue Vermögenssteuern tatsächlich ausreichend Einnahmen generieren würden, ohne gleich das Kapital aus dem Lande zu verscheuchen. Seiner Schätzung nach würden diese kaum mehr als rund eine Milliarde Euro einbringen, Erbschafts- und Schenkungssteuern in etwa 150 Millionen.

Die Linzer Ökonomen widersprechen und haben eine Vermögenssteuersimulation unter Berücksichtigung dieser Kapitalflucht berechnet. Resultat: Eine Steuer von einem Prozent ab einer Million Euro würde Einnahmen von 4,1 Milliarden bringen. Bei progressiver Besteuerung -zwei Prozent ab zehn Millionen, fünf Prozent ab 100 Millionen -wären sogar 6,5 Milliarden drin. Allerdings würde es sich um eine -problematische - Substanzsteuer handeln, die anfällt, ohne dass mit dem Vermögen irgendwas passiert. Anders als bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer.