Casino-Poker: Die Schlacht der Milliardäre

Steinreiche Tschechen und eine Kirchenbank erhöhen die Spannung im Casinos-Poker. Eine österreichische Lösung mit Novomatic oder der Familie Dichand bleibt intakt. Doch das letzte Wort hat der Finanzminister.

Casino-Poker: Die Schlacht der Milliardäre

Die nervige "Familie Putz“ geht auf sein Konto. Als Chef von XXXLutz war Hans Jörg Schelling für die seit 1999 laufende Werbung des Möbelhändlers verantwortlich. Dass Papa Max, Mama Linda, Putzi und Ixi sowie Oma Putz in Österreich so arg polarisieren - Höhepunkt war die Gründung der Facebook-Gruppe "Ich hasse die Familie Putz“ -, nahm Schelling jahrelang achselzuckend in Kauf. Frei nach dem Motto: "Oiso I find des supa“.

So gar nicht super findet Schelling, was er momentan als Finanzminister so erlebt. Seit Amtsantritt 2014 muss er reparieren, was seine Vorgänger verschlampt haben: von den Banken über die Pensionen bis hin zum chronisch defizitären Budget. Doch es gibt auch eine Großbaustelle, die er sich selbst eingebrockt hat: die Casinos Austria (Casag). Ohne Not übernahm das Finanzministerium zu Jahresbeginn von der Notenbank-Tochter Münze Österreich deren 33,2 Prozent an der Casag. Seither geht es im Casino-Konzern drunter und drüber.

Zuerst verkündete Schelling, dass die ihm unterstellte Beteiligungsholding ÖBIB eine Komplettübernahme der Casag anstrebe, um sie danach an die Börse zu bringen. Der Staat solle lediglich mit einer Sperrminorität an Bord bleiben. Dafür wäre er sogar bereit, neue Schulden zu machen. Schelling bot etwas mehr als 360 Millionen Euro für 100 Prozent. Aus Sicht der Casag-Miteigentümer war das ein Affront, weil sie die Gruppe inklusive Lotterien mit 510 Millionen Euro taxierten. Wenig überraschend: Schellings Räumungsverkauf wurde abgelehnt.

Die komplexen Besitzansprüche bei den Casinos Austria.

Doch der gescheiterte Glücksspielbazaar blieb nicht unbemerkt. Neue Interessenten wurden auf den Plan gerufen, darunter der Glücksspielriese Novomatic, das Dorotheum-Konsortium rund um die Familien Dichand und Soravia sowie zwei schillernde Investoren aus Tschechien. Seit sich Schelling aus dem Verkaufspoker rausgenommen hat, ist zwischen den Milliardären eine spektakuläre Schlacht um die Vormacht bei der Casag ausgebrochen.

Die Fronten sind klar: Auf der einen Seite steht Novomatic-Gründer Johann Graf, der laut Wirtschaftsmagazin trend 5,05 Milliarden Euro schwer ist. Ihm gegenüber stehen Karel Komarek und Jiri Smejc, die mit jeweils rund 1,5 Milliarden Euro Vermögen zu den reichsten Tschechen zählen. Die Dichands werden von beiden Seiten als mögliche Partner hofiert, weil deren Boulevardzeitungen "Krone“ und "Heute“ einflussreiche Medienpartner sind.

Monatelang galt der Take-over der Casag durch Novomatic nur als "Frage der Zeit“. Grafs Strategen hatten alles gut vorbereitet: Ein Angebot für die Anteile von Uniqa Versicherung, Leipnik-Lundenburger Invest (LLI) und der MTB Privatstiftung der greisen Maria Theresia Bablik wurde gelegt. Parallel dazu ebnete ein gesellschaftsrechtlicher Trick den Einstieg bei der Casag-Tochter Lotterien: Novomatic kaufte die BAIH GmbH und schluckte so indirekt die Lotto-Anteile der Bank-Austria-nahen B&C-Stiftung - ohne die per Syndikatsvertrag festgelegten Vorkaufsrechte zu verletzen. Der geniale Coup brachte Novomatic-General Harald Neumann große Anerkennung. Fast alle Lotterien-Minderheitsgesellschafter wurden ausgekauft. Die Folge: Zwar besitzt die Casag weiterhin 68 Prozent der Lotterien, doch Novomatic ist bereits die Nummer zwei mit mehr als 18 Prozent.

Doch der Lotto-Trick der Novos war zu gut, um unbemerkt zu bleiben. Die Tschechen kopierten ihn. In der Vorwoche wurde publik: Die Donau Versicherung der Vienna Insurance Group verkauft ihre Anteile an der CAME Holding an Komarek & Co. Die CAME hält direkt 26,9 Prozent an der Medial Beteiligungs-GmbH, die ihrerseits mit 38,3 Prozent der größte Casag-Aktionär ist. Wie bei der BAIH-Transaktion wurden keine Aufgriffsrechte wirksam, weil keine Anteile direkt verkauft wurden, sondern eine Gesellschaft, die Anteile hält. Brisant: CAME kann jedoch sehr wohl ihr Aufgriffsrecht für die Novomatic-Angebote an LLI, MTB und Uniqa geltend machen. Die Konsequenz: Via CAME werden den Tschechen bald 89 Prozent an der Medial und vielleicht sogar mehr als fünf Prozent an der Casag direkt gehören.

Große Hürden müssen noch genommen werden, bis Komarek und Smejc ihre Macht ausüben können. Das Kartellrecht ist da noch das kleinste Problem. Theodor Thanner, Chef der Bundeswettbewerbsbehörde: "Wir haben erste Gespräche mit Vertretern der tschechischen Investoren geführt und werden den Zusammenschluss nun prüfen.“ Den Tschechen drohen, wenn überhaupt, nur geringe Auflagen.

Die Golden Share der Kirchenbank

Die Gesellschafterverträge von Casag und Medial sind da eher die Dealbreaker. Laut FORMAT-Informationen können wichtige Beschlüsse der Medial GmbH, wie etwa Bestellung von Aufsichtsräten oder Stimmverhalten in der Hauptversammlung der Casag, nur mit einer Mehrheit von 90 Prozent getroffen werden. Die Konsequenz: Ohne Einbindung des Bankhauses Schelhammer & Schattera, das 10,8 Prozent der Medial-Anteile besitzt, haben die Tschechen keinen echten Einfluss über die Casag-Aktien. Dass die zum Versicherungskonzern Grawe gehörende Kirchenbank auf Casag- und Medial-Ebene aufgreifen wird, dürfte für die Tschechen ein echtes Problem werden. Denn die "Golden Share“ in der Medial werden sich die Kirchenbanker nur sehr, sehr teuer ablösen lassen.

Auch der Einstieg der Tschechen auf Casag-Ebene wird mühsam. Um als neuer Aktionär anerkannt zu werden, etwa nach Erwerb der MTB-Anteile, brauchen die Tschechen die Zustimmung der Hauptversammlung. Doch wenn die Medial-Stimmrechte durch Schelhammers Golden Share blockiert sind, ist die nötige einfache Mehrheit nicht sicher. Der zweitgrößte Casag-Aktionär ist die Staatsholding ÖBIB. Sie könnte mit ihren 33,2 Prozent gegen die Tschechen und für Novomatic stimmen, womit die Gumpoldskirchner wieder im Spiel wären.

Tatsächlich soll Hans Jörg Schelling sauer sein, weil ihn VIG-Boss Günter Geyer nicht vorinformiert hat. Der Aufsichtsrat der Donau Versicherung, die an die Tschechen verkauft hat, wird von Geyer präsidiert. Erste-Group-Chef Andreas Treichl ist sein Stellvertreter. Nicht nur weil mehr Geld auf den Tisch gelegt wurde, sollen Geyer und Treichl für die Tschechen und gegen Novomatic votiert haben. Die Aussicht auf Geschäfte mit den Industriefirmen von Komarek & Co war spielentscheidend. Den Osttöchtern Kooperativa (VIG) und Èeská Spořitelna (Erste) winken Aufträge im Sachversicherungs- und Großkreditbereich. Dass Geyer gegen die "österreichische Lösung“ mit Novomatic war, ist nachvollziehbar.

Der "rote“ Geyer sitzt mit dem "schwarzen“ Andritz-Chef Wolfgang Leitner und den Staatssekretären Sonja Steßl (SPÖ) und Harald Mahrer im ÖBIB-Komitee, das im September vier neue Casag-Aufsichtsräte nominieren will. Pikant: Leitner ist verheiratet mit Maria Soravia. Und Geyer gilt als Berater von Kanzler Werner Faymann, dessen Nähe zu "Heute“ und "Krone“ stadtbekannt ist. Dementsprechend wollen die Tschechen das Dorotheum (Dichand, Soravia) ins Boot holen. "Krone“-Chef Christoph Dichand ist da noch skeptisch.

Auch das Finanzministerium misstraut den Tschechen. Laut "Financial Times“ startete die Athener Staatsanwaltschaft 2014 Ermittlungen rund um die Privatisierung der griechischen OPAP-Lotterie. Ein von Komarek, Smejc und Dimitris Melissanidis kontrollierter Emma-Fonds stieg 2013 bei der staatlichen OPAP ein. Für 33 Prozent an OPAP zahlten sie 650 Millionen Euro.

Die Geldquelle wurden nie untersucht, was EU-Glücksspielstandards verletzt. Dabei ist der schillernde Öl-Tycoon Melissanidis für die griechische Justiz kein Unbekannter. Auch der Regulator führte laut "Financial Times“ keinen "Fit & proper“-Test durch.

Wien will nicht denselben Fehler machen wie Athen. Komarek, Smejc & Co droht nun eine "Zuverlässigkeitsprüfung“. Laut Glücksspielgesetz entscheidet das Ministerium allein, wer als Casag-Aktionär "fit & proper“ ist, wobei der Minister das letzte Wort hat. Die Tschechen ärgert das. Doch Schelling findet das super.

Das Gesetz - Schellings Ass

"Jede unmittelbare Verfügung über die Anteile an der Konzessionärsgesellschaft ist während der Dauer der Bewilligung an die vorherige Genehmigung des Bundesministers für Finanzen gebunden“, heißt es im Paragraf 18 Glücksspielgesetz. Feindliche Casag-Aktionäre kann er so verhindern. Mächtige Waffe: Bei Zweifel an der Zuverlässigkeit des Casag-Aktionärs kann Schelling die Stimmrechte per "Bescheid aussetzen“ lassen.

Lesen Sie den ganzen Artikel in Format Nr.38/2015
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