Österreich-Slowakei: "Die Weichen für die Zukunft stellen"

Christian Kügerl, Wirtschaftsdelegierter der WKO am AußenwirtschaftsCenter Bratislava, im trend-Interview zur Bedeutung des Besuchs von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und hochrangiger Vertreter der österreichischen Wirtschaft in der Slowakei

Christian Kügerl, Wirtschaftsdelegierter der WKO am AußenwirtschaftsCenter Bratislava.

Christian Kügerl, Wirtschaftsdelegierter der WKO am AußenwirtschaftsCenter Bratislava.

trend: Welche Bedeutung hat der offizielle Staatsbesuch für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Österreich und der Slowakei?
Christian Kügerl: Bei so einem Besuch werden neben politischen Punkten hauptsächlich wirtschaftlich relevante Themen angeschnitten, zum Beispiel die Zukunft der EU, der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, die Verkehrsinfrastruktur un deren Ausbau, der Facharbeitermangel und das Thema Arbeiten über die Grenze. Die Ergebnisse dieser Gespräche haben großes politisches Gewicht und gelten im Idealfall für einige Jahre als gemeinsame Meinung. Es werden die Weichen für die Zukunft gestellt.

trend: Wie relevant ist die Slowakei als Wirtschaftspartner für Österreich?
Kügerl: Die Slowakei und Österreich sind wirtschaftlich eng verbunden. Rund 2.000 österreichische. Firmen haben Tochterfirmen in der Slowakei, viele Slowakinnen und Slowaken arbeiten über die Grenze nach Österreich oder in Österreich. Das bedeutet, wirtschaftspolitische Entscheidungen haben auf beiden Seiten der Grenze unmittelbare Auswirkungen.

trend: Welche Bedeutung hat dabei das österreichisch-slowakische Wirtschaftsforum?
Kügerl: Das Wirtschaftsforum ist ein Treffen zwischen den politischen Entscheidungsträgern, den Wirtschaftskammern und Unternehmern aus beiden Ländern. Diese 200 Personen sind hauptverantwortlich für unsere enge wirtschaftliche Zusammenarbeit und umso wichtiger ist der Meinungsaustausch zwischen Ihnen. Das letzte derartige Wirtschaftsforum fand vor fünf Jahren statt und stand noch unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise. Die Eckdaten und Stimmung haben sich seither gewandelt. Unsere Umfragen zum Vertrauen der Investoren - der Investor’s Confidence - zeigen das beste Ergebnis seit acht Jahren.


Die Slowakei liegt auf Platz elf der wichtigsten Handelspartner Österreichs.

trend: Wirtschaftsforscher haben zuletzt die Exportschwäche der österreichischen Wirtschaft kritisiert. Wie entwickelt sich Österreichs Außenhandel mit der Slowakei?
Kügerl: Unsere Warenexporte sind um 3,5 Prozent gestiegen. Im Ranking der wichtigsten Exportmärkte liegt die Slowakei auf dem elften Platz. Bei den Dienstleistungsexporten dominiert der Tourismus mit 700.000 Nächtigungen und zehn Prozent Zuwachs jährlich. Die Investitionen wachsen ebenfalls. Von den 2.000 Niederlassungen sind etwa ein Viertel Produktionsbetriebe. Das Investitionsvolumen liegt bei 5,7 Millionen Euro und schafft 46.000 Arbeitsplätze in der Slowakei..

trend: Ein großes Problem der Wirtschaft ist der Fachkräftemangel. Inwiefern sind davon auch österreichische Niederlassungen in der Slowakei betroffen?
Kügerl: Es wird auch in der Slowakei schwieriger, Fachkräfte zu finden. Nachdem die slowakischen Fachkräfte hochproduktiv sind, strömen aber nach wie vor Investitionen in das Land. Die Slowakei entwickelt sich vom Low-Cost-Country zum Best-Cost-Country. Die slowakische Regierung wird verschiedene Maßnahmen für die Arbeitskräftesicherung ergreifen müssen, sowohl im Ausbildungsbereich als auch was Gastarbeiter betrifft.

trend: Das System der dualen Lehrlingsausbildung, wie sie in Österreich praktiziert wird, gilt als mustergültig. Wie steht es um die Lehrlingsausbildung in der Slowakei?
Kügerl: Wir arbeiten seit Jahren mit den slowakischen Bildungsbehörden, Arbeitgebern und Berufsschulen an der Umsetzung der dualen Lehrlingsausbildung nach österreichischem Muster. Österreichische Autozulieferer waren auch unter den ersten Lehrbetrieben für Duale Ausbildung in der Slowakei. Dieses Pilotprojekt wird jetzt auf mehr Berufe, Firmen, Regionen und Altersgruppen ausgeweitet.

trend: Wie ist das Interesse der slowakischen Jugend an einer solchen Lehrlingsausbildung?
Kügerl: Aufgrund des Bedarfs an Fachleuten wird sich die Wertigkeit der Lehrberufe erhöhen. Aufgrund der ständig steigenden Automatisierung werden sich die Anforderungen an den Fachmann und die Fachfrau steigern. Das bedeutet, dass der Lehrberuf vom Inhalt und von der Entlohnung attraktiver werden wird. Gleichzeitig werden mehr Möglichkeiten zur Fortsetzung der Berufsbildung nach dem Lehrabschluss geschaffen. Das muss jungen Menschen entsprechend kommuniziert werden und überzeugen, dass die Zukunft beim Blue-Collar-Job liegt.

trend: Was macht die Slowakei für österreichische Firmen so interessant?
Kügerl: Sowohl für Exporteure als auch für Investoren sind die Eintrittskosten in den slowakischen Markt vergleichsweise niedrig und vor allem vorhersehbar. Die Slowakei ist ein Nachbarland mit stabilen drei bis vier Prozent Wachstum, hoher Produktivität und wenig Sprachbarriere. Die Tatsache, dass nach wie vor viele ausländische Firmen auf diesen Markt drängen, spricht für die Slowakei.

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