OeNB: Zweiter Lockdown trifft die Wirtschaft hart

Die Wirtschaft schrumpft heuer um 7,1 Prozent. Die Schulden steigen, aber die Zinszahlungen sinken. Das Wirtschaftswachstum wird 2021 schwächer ausfallen als zuletzt prognostiziert wurde. Vom zweiten Lockdown ist der Tourismus besonders hart betroffen.

OeNB: Zweiter Lockdown trifft die Wirtschaft hart

Der zweite Lockdown trifft Österreichs Wirtschaft hart, aber nicht so hart wie im Frühjahr. Der Tourismus ist vom zweiten Lockdown besonders betroffen.

Wien. Österreichs Wirtschaft schrumpft heuer um 7,1 Prozent, erwartet die Nationalbank. Der zweite Lockdown hat die Erholung vom Sommer zunichte gemacht. Aber immerhin wird jetzt im Herbst die Wirtschaft nur halb so hart getroffen wie im Frühjahr, sagten OeNB-Gouverneur Robert Holzmann und Chef-Volkswirtin Doris Ritzberger-Grünwald am Freitag vor Journalisten. Im Frühjahr war die Wirtschaft um 25 Prozent eingebrochen, jetzt um 13 Prozent. Im Sommer hatte sie sich fast normalisiert.

"Österreich ist trotz allen Einbrüchen sehr viel besser durch die Krise gekommen als andere Länder", so Holzmann. Nur "einige wenige" Staaten, etwa Deutschland, seien besser durchgekommen, aber die Krise sei nicht vorbei.

Dass sich die Krise im zweiten Lockdown weniger hart auswirkt liegt laut Ritzberger-Grünwald einerseits an einem "Lerneffekt" der Österreicher, andererseits auch an der geringeren Unsicherheit. Denn nun zeichneten sich medizinische Lösungen ab.

Während die Prognose der OeNB für 2020 jetzt einen Hauch optimistischer ausfällt als im Juni, sind die Aussichten für 2021 nun schlechter. Der Aufschwung im kommenden Jahr dürfte nur 3,6 Prozent betragen, statt 4,0 Prozent. "Im ersten Quartal 2021 sowie in geringerem Ausmaß auch noch im zweiten Quartal 2021 wird die wirtschaftliche Aktivität in und außerhalb Österreichs noch durch die Pandemie belastet", so die Nationalbank.

Dennoch ist Ritzberger-Grünwald optimistisch, dass es rasch wieder bergauf gehen kann - wenn es nicht zu einem dritten Lockdown kommt. "Angesichts der positiven Erfahrung nach dem ersten Lockdown, wäre ich zuversichtlich, dass wir uns relativ schnell wieder nach oben bewegen" mit der wöchentlich gemessenen Wirtschaftsleistung. Zu bedenken sei aber, dass der Ausfall des Wintertourismus deutlich stärkere Spuren in der heimischen Wirtschaft hinterlässt als Hotelschließungen im Frühjahr oder Sommer, weil die Wertschöpfung zwischen Weihnachten und Ostern höher ist.

Die heimische Politik hat mit massiven Wirtschaftshilfen dafür gesorgt, dass die Bremsspuren der Pandemie am Arbeitsmarkt deutlich weniger stark ausgeprägt waren, als dem wirtschaftlichen Rückgang entspricht. So sind die geleisteten Arbeitsstunden der unselbstständig Tätigen heuer um 8,8 Prozent gefallen, die Jobs gingen aber nur um 2,3 Prozent zurück.

Allerdings lassen die Covid-19-Hilfsmaßnahmen das Budgetdefizit heuer auf 9,2 Prozent des BIP steigen. Die Förderungen für die Wirtschaft tragen dazu mit rund sechs Prozentpunkten bei, der Rest entfällt auf volkswirtschaftliche Effekte. Die Staatsverschuldung macht dadurch einen Sprung auf heuer 83,3 und 2021 86,4 Prozent des BIP. Das belastet den Staatshaushalt aber angesichts negativer Zinsen derzeit nicht, die Veränderung bei den Zinszahlungen verringert derzeit sogar das Budgetdefizit.

Einen starken Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung hat auch, dass die Österreicherinnen und Österreicher ihre Konsumausgaben massiv reduziert und dafür viel Geld auf die hohe Kante gelegt haben. Die Sparquote ist von 8,2 auf 13,7 Prozent gestiegen. Die Hälfte dieses Anstiegs wertet die Nationalbank als "Zwangssparen", wo Konsumenten ihr Geld wegen geschlossenen Geschäften oder fehlenden Reisemöglichkeiten nicht ausgeben konnten. Dieses Geld sollte nächstes Jahr wieder in den Konsum fließen, daher sei trotz stagnierender Realeinkommen ein Konsumwachstum von 3,9 Prozent zu erwarten.

56 Millionen weniger Nächtigungen

Besonders betroffen vom zweiten Lockdown ist der Tourismus. Wie kaum eine andere Branche hat der Tourismus unter der Coronakrise gelitten. Für heuer erwartet das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) ein Minus bei den Nächtigungen von 56,1 Millionen bzw. 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unsicher ist zudem, wie sich die Wintersaison 2020/21 entwickeln wird, da diese vom Infektionsgeschehen im In- wie auch im Ausland abhängig ist.

"Vor allem ein Ausbleiben der wichtigen deutschen Gäste zu Beginn des Jahres 2021 infolge einer weiterhin aufrechten Reisewarnung für Österreich hätte für die Bilanz des gesamten Winters 2020/21 erhebliche negative Auswirkungen", schreibt der Wifo-Ökonom Oliver Fritz.

Für die Saison wäre ein Nächtigungsrückgang von bis zu 70 Prozent im Vergleich zur Vorjahressaison 2019/20, die zum Ende hin auch bereits von der Coronakrise beeinflusst war, denkbar. "Diesem Wert liegen ein Rückgang der von inländischen Gästen getätigten Nächtigungen von 44 Prozent sowie der ausländisch nachgefragten Nächtigungen von rund 78 Prozent zugrunde."

Fritz nimmt dabei an, dass bestehende Reisewarnungen für Österreich auch im Jänner und im Februar bestehenbleiben und die Auslandsnachfrage damit erst in der Nachsaison wieder beginnt Fahrt aufzunehmen. Auch für die Inlandsnachfrage geht er nur von einem zögerlichen Anlaufen der Saison nach der Wiedereröffnung der Hotellerie in der zweiten Jännerwoche aus.

Für die aktuelle Wintersaison 2020/21 ist der Ausblick also eher trüb. Der Rückblick auf das abgelaufene Sommerhalbjahr fällt ebenfalls schwach aus. Österreichweit gingen die touristischen Nächtigungen im Zeitraum von Mai bis Oktober gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um rund ein Drittel (31,8 Prozent) zurück, die nominellen Einnahmen fielen um 30,5 Prozent auf 10,10 Mrd. Euro. Regional betrachtet traf es laut Wifo "durch die hohe Abhängigkeit von internationalen Märkten und den Einschränkungen im Flugverkehrs" Wien besonders hart. In der Bundeshauptstadt gingen die Nächtigungen um 80,9 Prozent zurück.

Auch Niederösterreich litt mit einem Nächtigungsminus von 36,1 Prozent spürbar. Bundesländer mit Seen oder Aktivsportangeboten sowie einem dominierenden Anteil Binnenreisender - darunter fallen Kärnten (minus 11 Prozent), Burgenland (minus 12,6 Prozent) und Steiermark (minus 13,3 Prozent) - verbuchten dagegen deutlich geringere Verluste.

Die Coronakrise habe in der Sommersaison überdies das Reiseverhalten der Menschen verändert, schreibt das Wifo weiters. So hätten Orts- und Unterkunftswechsel während einer Reise klar abgenommen. Die Aufenthaltsdauer in heimischen Beherbergungsbetrieben lag im Durchschnitt bei 3,66 Nächten, das waren um 18,6 Prozent mehr als 2019. Mit ein Grund für diese Entwicklung sei gewesen, dass nur kurz im Land bleibende Fernreisende ausgeblieben seien, heißt es in der Analyse.

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