Ökonom Gabriel Felbermayr zu Brexit, Trump und Europa

Ökonom Gabriel Felbermayr zu Brexit, Trump und Europa

Gabriel Felbermayr: "Trump hat eine Chance, seine Handelskriege zu gewinnen. Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass er die Chinesen kleingehackt kriegt. Es geht um blanke Macht."

Der Oberösterreicher Gabriel Felbermayr ist neuer Chef des Kieler Institut für Weltwirtschaft. Am Mittwoch, den 13. März wird er seine erste Deutschland-Konjunkturprognose als IfW-Chef in der Deutschen Handelskammer in Wien präsentieren. Der trend sprach vorab mit dem Ökonomen und unverbesserlichen Europa-Optimisten.

Mit März 2019 übernahm der Oberösterreicher Gabriel Felbermayr die Leitung des ältesten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts mit rund 100 Wissenschaftlern, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW).

Der alte Glanz des 1914 kurz vor Kriegsausbruch gegründeten Hauses fasziniert ihn. Die spitzen Giebel des imposanten Gebäudes, früher ein Sommer-Luxushotel im Besitz der Industriellenfamilie Krupp, erinnern an alte Monarchiepracht ebenso wie das Interieur: getäfelte Holzflächen, schwere Teppiche, goldgefasste Barometer im Stile barocker Wanduhren. Felbermayr erzählt begeistert vom Leitspruch der Globalisierungseuphoriker dieser Zeit, "Unser Feld ist die Welt", der noch heute im Festsaal des Hapag-Lloyd-Gebäudes an der Hamburger Binnenalster prangt.


Gabriel Felbermayr über ...

... EINE VERÄNDERTE ÖKONOMENWELT "Mein Blick auf die Welt hat sich nach Brexit und Trump dramatisch verändert. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Regierungen das Wohl ihrer Bürger in ihrer Zielfunktion stehen haben, etwa die Maximierung des Pro-Kopf-Einkommens.

Aber so scheinen die Machthaber in der Welt nicht mehr zu ticken: nicht Trump, nicht Xi, nicht Putin, nicht Juncker und auch nicht der deutsche Wirtschaftsminister Altmaier, der jetzt mit seiner neuen nationalen Industriestrategie vorgeprescht ist."


Fast wäre ja aus dem Absolventen des Stiftsgymnasiums Schlierbach ein Historiker geworden. Doch an der Kepler-Uni Linz, wo der in Bad Hall geborene Lehrersohn zu studieren begann, stieß er auf den heute in Tübingen lehrenden Professor Wilhelm Kohler, einen Vorarlberger, der ihn für Ökonomie im Allgemeinen und für Welthandel im Besonderen begeisterte.

Heute ist Felbermayr im deutschsprachigen Raum einer der gefragtesten Experten, wenn es um die Erklärung von weltwirtschaftlichen, insbesondere handelspolitischen Zusammenhängen geht. Was Donald Trump mit seinen Volten verfolgt, welche Effekte Handelsabkommen wie TTIP oder CETA haben oder was von einem harten Brexit wirklich zu erwarten ist: Felbermayr hatte in den vergangenen drei Jahren Hochkonjunktur. "Er erfasst sofort den Kern wirtschaftspolitischer Probleme, hat keine Scheu vor den Medien und ist schnell sprechfähig", sagt Mentor Kohler, der mit seinem ehemaligen Schützling noch immer engen Kontakt hält. Nachsatz Kohlers: "Ich könnte so etwas nicht."

Mit Felbermayr, der nach dem Studium auch kurz als McKinsey-Berater tätig war, wird deshalb mit Sicherheit an der Kieler Förde ein anderer Wind wehen - und nicht alle freuen sich darauf. Denn der neue Chef, der nun von München nach Hamburg gezogen ist, wird versuchen, das wissenschaftlich respektierte, aber wenig wahrnehmbare Weltwirtschaftsinstitut wieder nach vorne zu pushen.


Gabriel Felbermayr über ...

...DIE TRUMP-WENDE. "Klassische ökonomische Prinzipien werden jetzt revidiert. Bei einem Handelskrieg gibt es nur Verlierer? Das war einmal. Heute heißt es: Wenn ich weniger als mein Gegner verliere, dann bin ich der Gewinner. Der liberale Ökonom sagt zwar: Was ist das für ein Schwachsinn?

Aber diese Wende im politischen Denken muss man akzeptieren. Trump hat eine realistische Chance, seine Handelskriege zu gewinnen. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass er die Chinesen kleingehackt kriegt, denn für China ist der Handelskrieg um ein Vielfaches teurer als für die USA. Dass auch die Amerikaner Federn lassen, ist nicht wichtig: Es geht um blanke Macht."


Anders als sein Vorgänger Dennis Snower, ein in Wien geborener Amerikaner mit eher zurückhaltendem Naturell, fühlt sich Felbermayr auch auf großen Bühnen pudelwohl, nicht zuletzt auch auf Twitter. Schon im letzten Jahr lag er im Ranking der meistzitierten Ökonomen im deutschsprachigen Raum mit Rang 26 um acht Positionen vor Snower. Es darf darauf gewettet werden, dass er bald in den Top Ten auftaucht.

Diesen Geist des steten Vorwärtsdrangs hat er in fast neun Jahren als Leiter des Zentrums für Außenwirtschaft am Münchner ifo geatmet, dem vielleicht führenden, mit Sicherheit aber meinungsstärksten deutschen Institut, das unter seinem langjährigen Leiter Hans-Werner Sinn vorexerzierte, wie man eine Wirtschaftsforschungsmarke kreiert.

Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er mit dem Kieler Institut in Sachen Relevanz wieder zum ifo und zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) unter Marcel Fratzscher in Berlin aufschließen will: "Kiel hat ja historisch lange den Ton angegeben", sagt er und hofft auf eine friedlich-kompetitive Koexistenz: "Dieses Dreigestirn kann voneinander lernen und in einem konstruktiven Wettbewerb stehen."

Wie will er aber trotz Finanznöten seines Instituts qualifizierte, junge, hungrige Forscher nach Schleswig-Holstein - Kiel ist mit 246.000 Einwohnern nur wenig größer als Linz - locken?


Gabriel Felbermayr über ...

... FEHLER DER EU BEIM BREXIT: "Ich habe die Kommission als ziemlich unflexibel wahrgenommen in den Brexit-Verhandlungen. Wir haben doch gar nicht in der Hand, ob der Brexit ein Erfolg wird oder nicht. Die Briten haben den Löwenanteil ihres Wirtschaftswachstums selbst in der Hand, das ist unabhängig von einer EU-Mitgliedschaft. Wenn das Exempel, das wir statuieren wollen, anders ausgeht, ist der Effekt für den Zusammenhalt der EU ein gegenteiliger. Insofern wäre es besser, man dockt die Briten an und lässt diesen harten Schritt gar nicht zu."


Zunächst einmal, indem er auch außerhalb von Kiel noch stärker für das Institut wirbt. Das wird auch in Österreich deutlich zu spüren sein. Allein im März hat er drei öffentliche Auftritte in seinem Heimatland: am Aschermittwoch ein Vortrag zum großen deutschen Soziologen Max Weber in Linz, am Monatsende eine Diskussion mit Kanzleramtsminister Gernot Blümel und Verkehrsminister Norbert Hofer in der Bundeshauptstadt und dazwischen eine Veranstaltung mit der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) in Wien, bei der er die Kieler Konjunkturprognose kommunizieren will.

Letzteres ist besonders pikant, weil damit noch vor der traditionellen Frühjahrsprognose der heimischen Institute IHS und Wifo ein wichtiges Spezialthema - die Konjunktur der Welt außerhalb Österreichs - gesondert hinausposaunt wird. Es ist klar, dass Felbermayr die Stärken des Kieler Instituts künftig im gesamten deutschsprachigen Raum offensiv vermarkten will. Schließlich sind seine Daten für österreichische und Schweizer Exporteure oder Außenwirtschaftspolitiker genauso interessant wie für deutsche.


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... DIE AUFWEICHUNG EINES HARTEN BREXITS: "Welcher britische Politiker hat Lust, auf Rindfleisch-Importe aus Österreich die bisherigen EU-Außenzölle von 70 Prozent zu erheben? Warum sollten sie das tun? Das wäre ein politisches Selbstmordkommando. Und auch Europa wird sich fragen, ob es gescheit ist, jeden Cheddar-Lastwagen in Calais abzufangen. Daher wird der harte Brexit so hart nicht werden. Für die Briten wird eine Partnerschaft mit einer stark privilegierten Rolle herauskommen, privilegierter als die Partnerschaften mit Norwegen und der Schweiz."


IHS-Chef Martin Kocher, der den drei Jahre jüngeren Felbermayr gut aus gemeinsamer Lehrtätigkeit am Institut für Volkswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München kennt ("ein engagierter, konstruktiver Kollege"), sieht dessen Auslandsaktivitäten aber nicht als Wildern in fremden Revieren, sondern nur logisch: "Eine klare Positionierung ist Pflicht", so Kocher. So, wie sich die österreichischen Institute mit ihrer Expertise verstärkt in Deutschland einbrächten, sei das umgekehrt nur folgerichtig.

Im trend-Gespräch sagt Felbermayr, dass er durch Trump, Brexit & Co. in einigen seiner bisherigen Überzeugungen geradezu erschüttert worden ist. Doch dass er sich nach dem politischen Zeitgeist drehen und künftig den politökonomischen Unterbau für die Neonationalisten liefern wird, ist nicht zu erwarten.

Den protektionistischen Tendenzen in der soeben präsentierten Industriestrategie des deutschen Wirtschaftsministers Peter Altmaier erteilt er eine klare Absage: "Nationale oder europäische Champions zu schaffen, halte ich für eine verquere Vorstellung - besonders vor dem deutschen, Schweizer, norditalienischen, österreichischen Kontext der Hidden Champions. Diese Nischenweltmeister zahlen gute Löhne, zahlen brav Steuern, sind innovativ." Nachsatz: "Das Züchten von nationalen Champions missrät dagegen oft, oder zumindest ist es sehr teuer."


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... EUROPAS ZUKUNFT: "Es gibt schon so etwas wie die Zwangsläufigkeit der Geschichte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in eine europäische Zwergstaaterei zurückfallen. Glücklich verarmen in einem Souveränitätsrausch kann keine Option sein. Die Europäer sind zu intelligent, um das zu tun. Es kann durchaus noch hässlich werden, auch durch den Brexit, der zu tieferen Zerwürfnissen führen könnte. Aber langfristig wird es gelingen, uns in Europa zusammenzuraufen. Die Langzeitvision ist ein souveränes Europa, in dem die althergebrachten Nationen aufgehen."


Die überraschende Wiederkehr von Nationalismus und Handelszöllen stuft Felbermayr nur als einen kurzfristigen Rückschlag ein. Langfristig sieht er keine Alternative zu einem stärker übernational verbundenen Europa: "Glücklich verarmen in einem Souveränitätsrausch kann keine Option sein."

Denn was Europa betrifft, ist er ein typisches Kind jener Erasmus-Generation, die nach dem EU-Beitritt die Vielfalt der Studienmöglichkeiten jenseits der Grenzen ausschöpfte und so oft mit einer Überdosis Europabegeisterung ausgestattet wurde. Felbermayr selbst forschte nach dem Linzer Studium am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Er ist mit einer Französin verheiratet. Seine drei Töchter, hofft er, könnten das Vereinigte Europa - keine bloße Kopie des US-Staatsgefüges - noch erleben: "In den nächsten paar Generationen werden wir die Nationen aber noch als Bausteine, als 'building blocks', haben."


Der Artikel ist der trend.PREMIUM Ausgabe 9/2019 vom 1. März 2019 entnommen.

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