OECD - Österreichs BIP schrumpft 2020 um 6,2 Prozent

Österreichs Wirtschaftsleistung wird heuer um 6,2 Prozent sinken. Mit einer zweiten Corona-Welle würde das BIP-Minus auf 7,5 Prozent steigen. Erholung bringt das Jahr 2021. IfW-Präsident Felbermayr fordert von Österreich beim EU-Konjunkturpaket mehr Konkretheit - statt Widerstand und Populismus.

OECD - Österreichs BIP schrumpft 2020 um 6,2 Prozent

Wien/Paris. Die Wirtschaftsleistung Österreichs dürfte heuer um 6,2 Prozent schrumpfen. Kommt es im Herbst zu einer zweiten Welle der Coronapandemie, dann könnte das Minus sogar 7,5 Prozent betragen. Zu dieser Erwartung kommt die OECD in ihrer am Mittwoch veröffentlichten Prognose. Erstmals in ihrer 50-jährigen Geschichte hat sie dabei zwei Szenarien gerechnet, sagte OECD-Experte Dennis Dlugosch zur APA.

Für das Jahr 2021 prognostiziert die OECD für Österreich ein Wachstum von 4,0 Prozent. Erst im Jahr 2022 könnte die Wirtschaft dann wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Die Binnennachfrage dürfte heuer um 4,7 Prozent zurückgehen und 2021 um 4,0 Prozent steigen. Exporte und Importe würden heuer um etwa neun Prozent sinken, 2021 aber um rund einen Prozentpunkt stärker zulegen. Das Budgetdefizit setzt die OECD heuer mit 7,3 Prozent und 2021 mit 3,2 Prozent der Wirtschaftsleistung an.

Österreichs BIP-Minus ist somit größer als der weltweite Durchschnitt, aber unter dem Eurozonen-Schnitt. Die Weltwirtschaft dürfte laut OECD um 6 Prozent schrumpfen. Bis Ende 2021 werden die weltweiten Einkommensverluste im Rahmen der Corona-Pandemie größer sein als in jeder anderen Rezession der letzten hundert Jahre mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs. Es ist mit äußerst schweren, lang anhaltenden Folgen für Menschen, Unternehmen und Staaten zu rechnen, schreibt die OECD in ihrer Wirtschaftsprognose.

Für die Wirtschaft der Eurozone sagt die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit einen Rückgang um 9,1 Prozent voraus, mit zweiter Welle sogar um 11,5 Prozent. Das durchschnittliche Defizit dürfte auf 9,2 Prozent steigen, mit zweiter Welle auf fast 11 Prozent. Auch 2021 wird das Defizit noch über fünf Prozent liegen. Die Verschuldung wird über 100 Prozent steigen. In der Eurozone sind Frankreich, Italien und Spanien mit jeweils gut 11 Prozent Wirtschaftsrückgang besonders hart getroffen, sollte es eine zweite Pandemiewelle geben, geht die OECD in diesen Ländern von einem Rückgang um 14 Prozent aus.

Die Erholung nach der Krise werde nur schleppend erfolgen, die Auswirkungen werden die verletzlichsten Teile der Gesellschaft überproportional treffen. "Solange weder ein Impfstoff noch ein wirksames Medikament allgemein verfügbar ist, müssen die Politikverantwortlichen in aller Welt einen Drahtseilakt vollführen", so die OECD.

Wirtschaftszweige, die von Grenzschließungen betroffen sind oder einen engen physischen Kontakt voraussetzen, wie Tourismus, Unterhaltungsbranche, Reiseverkehr und Gastgewerbe werden jedoch nicht wieder wie zuvor arbeiten können. Zudem werden selbst Tests, Kontaktnachverfolgung und Isolierung der Infizierten möglicherweise nicht ausreichen, um eine zweite Infektionswelle zu verhindern. Deshalb hat die OECD erstmals in ihrer Geschichte mit zwei Szenarien gearbeitet - mit und ohne zweite Welle.

Heftige Zahlen für Österreich

Die Zahlen seien für Österreich zwar heftig, aber in Europa kommen nur Norwegen, Dänemark und Luxemburg besser durch die Krise, so Dlugosch. Schweden, das im Kampf gegen den Coronavirus einen deutlich liberaleren Weg gewählt hat, dürfte trotzdem vor einem Wirtschaftsrückgang um 6,7 Prozent stehen und damit etwas schlechter abschneiden als Österreich.

Die schnelle Einführung der Kurzarbeit habe Österreich geholfen, sagt Dlugosch. Länder mit Kurzarbeit schneiden deutlich besser ab als andere, allerdings ist Österreich weniger erfolgreich als Deutschland und die Schweiz, weil die Wirtschaftsstruktur anders ist. Österreich hat besonders viel Bauwirtschaft und Fremdenverkehr, die von der Krise härter getroffen sind. Ein gutes Drittel der zusätzlichen Arbeitslosigkeit komme aus der Gastronomie und Beherbergung. Geholfen habe Österreich auch, dass das Land vor der Krise schwarze Zahlen schrieb, dadurch konnte nun ein größeres Rettungspaket geschnürt werden.


Österreich braucht "bisschen mehr Konkretheit"

Der Österreicher Gabriel Felbermayr, Präsident am Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), sieht Österreichs Widerstand gegen das EU-Konjunkturprogramm als Tribut an den Populismus. Österreich könne aber profitieren, wenn es den Widerstand aufgebe.


Die OECD spricht sich sehr stark für ein Zusammenrücken der Staaten in der Krise aus. In einer Video-Pressekonferenz der OECD sagte der Ökonom Gabriel Felbermayr, er sei "irritiert" von dem Widerstand Österreichs gegen das EU-Konjunkturpaket.

Hilfen an die südlichen Länder, wo das BIP heuer um über 11 Prozent schrumpfen dürfte, wären sehr im Interesse Österreichs, so der Österreicher, der das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel leitet. Es gehe ja nicht darum, Haushaltslöcher zu stopfen, sondern Wachstum anzustoßen. Deutschland habe zuletzt umgedacht und der gemeinsamen Verschuldung zugestimmt, während Österreich stärker an alten Denkmustern festgehalten habe, "vielleicht, weil die Populismusgefahr in Österreich größer ist und die Gräben, in die man sich eingegraben hat, tiefer".

Österreich brauche wohl "ein bisschen mehr Konkretheit", daher sollte die EU rasch konkrete Projekte für "Europäische Güter" von der Grenzsicherung bis zu Infrastruktur und Bildung, etwa Hochschulen an der Peripherie, vorschlagen. "Sonst landen wir superschnell wieder in dieser dummen Nettozahlerlogik", so Felbermayr.


Die Ungleichheit

Überall hat der Lockdown die Ungleichheit innerhalb der Erwerbsbevölkerung verstärkt: Zumeist sind es die höher Qualifizierten, die von zuhause aus arbeiten können, während die am geringsten Qualifizierten und die Jüngeren häufig diejenigen sind, die an vorderster Front stehen, die ihrer Arbeit nicht nachgehen können oder die entlassen werden. Unterschiede bei der sozialen Absicherung verstärken diese Effekte. Nur mit mehr Vertrauen wird die Erholung Fahrt aufnehmen - und Voraussetzung für dieses Mehr an Vertrauen ist globale Zusammenarbeit, meint die OECD.

Abgesehen davon prognostiziert die OECD - noch ohne zweite Pandemiewelle - einen Rückgang der Wirtschaft für Japan um 6 Prozent, für die USA um 7,3 Prozent und für China um 2,6 Prozent. Mit zweiter Welle würde die Wirtschaft um weitere 1,5 bis 2 Prozentpunkte stärker zurückgehen. Auch Schweden, das einen deutliche liberaleren Umgang mit der Pandemie pflegt, muss sich laut OECD heuer auf einen Rückgang der Wirtschaft um 6,7 Prozent einstellen, 2021 wird das Wachstum mit 1,7 Prozent das schwächste im der OECD sein.

Michael Ludwig

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