Oberbank-Chef Gasselsberger: "Die Inflation ist keine Überraschung"

FRANZ GASSELSBERGER, Boss der Oberbank, erwartet ein wirtschaftlich gutes Jahr 2022, glaubt nicht an ein Ende der hohen Inflation und spricht im trend-Interview über die Herausforderungen bei Öko-Transformation und am Arbeitsmarkt.

Oberbank-Chef Franz Gasselsberger

Oberbank-Chef Franz Gasselsberger

trend: Haben Sie damit gerechnet, dass wir dieses Interview Ende 2021 wieder in einem Lockdown führen?
Franz Gasselsberger: Nachdem die Regierung durch große Zögerlichkeit brilliert und ziemlich alles, was möglich ist, falsch gemacht hat, war mir klar, dass wir um diesen Schritt nicht herumkommen werden. Die Kritik daran besteht zu Recht. Wenn sehr oft nicht eintrifft, was ich den Mitarbeitern sage, dann würde auch bei uns in der Bank Unruhe herrschen und die Gefahr bestehen, dass man sich anderen Autoritäten zuwendet.

Wie spürbar ist der Konjunkturknick, den dieser Lockdown verursacht hat?
Die Stimmung ist schlechter als die wirtschaftliche Lage. Es gibt Branchen, die überproportional betroffen sind. Aber ich sehe keinen Grund, für 2022 nicht eine starke Konjunktur zu erwarten. Das Wachstum verzögert sich ein wenig durch den Konsum, der derzeit nicht stattfindet und zum Zwangssparen führt. Aber der Konsum wird nachgeholt.

Spüren Sie Zurückhaltung punkto Investitionen und Kreditnachfrage bei den Firmenkunden der Oberbank?
Es ist schon so, dass sich das zuvor sehr starke Kreditwachstum im vierten Quartal abgeschwächt hat. Die Jahresendrallye - zum Beispiel im Leasing-Bereich - findet heuer nicht statt. Das größte Thema bei unseren Kunden ist aber nicht unbedingt die Pandemie, sondern die Verfügbarkeit von Mitarbeitern. Sie leiden am meisten unter dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt -mehr als unter den Lieferketten, der Verteuerung der Rohstoffe und der Vervierfachung der Energiepreise. Die Ausreizung des Arbeitsmarktes, gepaart mit der demografischen Entwicklung, ist ein ernstes Problem. Auch in der Industrie. Die Aufträge sind da, aber die Produktion kommt nicht nach.



Die Risikovorsorgen sind geradezu abnormal tief.

Auch wenn das nicht Aufgabe einer Bank ist: Wie könnte man tun? Zuwanderung?
Die Lösung läge eigentlich klar auf der Hand: die Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch eine laufende Anpassung an die Lebenserwartung. Ich sehe aber keine Regierung, die das ernsthaft aufgreifen würde. Offenbar kümmert es niemanden, dass Österreich schon 25 Milliarden Euro aus dem Budget für Pensionen aufwenden muss.

Müssen Sie Ihre Prognosen zum Jahresergebnis der Oberbank jetzt im Herbst noch revidieren? Weil Risikovorsorgen erhöht werden müssen?
Es gibt keine Anzeichen, dass wir den Ausblick zurücknehmen müssen. Die Risikovorsorgen sind geradezu abnormal tief. Wir hatten per Ende September bei 18,2 Milliarden Euro Kreditvolumen sechs Millionen als notleidend stehen. Ich glaube, dass wieder eine Normalisierung eintreten wird, aber maximal auf das Niveau von 2019. Wir werden keine Eskalation erleben.

Ist die Oberbank heute genau so gesund wie vor Beginn der Pandemie?
Mit einem Eigenkapital von 3,2 Milliarden Euro und einer Eigenkapitalquote von fast 18 Prozent sind wir stark wie nie zuvor. Unser Geschäftsmodell hat sich als sehr belastbar erwiesen. Wir haben die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft reduziert und die Provisionserträge wesentlich gesteigert. Bei den wichtigen Kennzahlen liegen wir im obersten Drittel der größten europäischen Banken. Generell liegen die österreichischen Banken mittlerweile klar über dem europäischen Schnitt.



Man soll jetzt nicht überrascht tun. Die höhere Inflation war abzusehen.

Wie besorgt sind Sie, dass die Inflation längere Zeit höher bleibt, als man das gerne hätte?
Man soll jetzt nicht überrascht tun. Es war abzusehen, dass eine Überhitzung der Konjunktur, die Explosion der Rohstoff-und Energiepreise und eine das Angebot übersteigende Nachfrage zu höherer Inflation führen müssen. EZB und Notenbanken haben zwar erklärt, das sei nur vorübergehend. Ich war immer sicher, dass sich dieses Phänomen fortsetzen wird. Ich kenne Fensterproduzenten, die guten Kunden raten, noch schnell zu bestellen, weil sie schon wieder vor einer zehnprozentigen Preiserhöhung stehen. Ich glaube, wir müssen uns längerfristig auf eine Inflation um die drei Prozent einstellen - mit entsprechender Realwertvernichtung. Wir haben bis vor Kurzem noch mit relativ moderaten Szenarien gerechnet, aber bei diesem Niveau müssen wir den Kunden offen sagen, dass ihr Geld in wenigen Jahren um 20 Prozent weniger wert sein wird, wenn sie nichts tun. Das gehört zur Sorgfaltspflicht der Banken.

Wie sollen Anleger gegensteuern? Wenn die Zinsen wegen der Inflation steigen, reagieren die Kapitalmärkte üblicherweise negativ darauf. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um einzusteigen?
Zu Fonds gibt es keine Alternativen, wenn man dem schleichenden Dieb entkommen will. Ich frage mich immer, worauf die Leute warten. Die EZB - bei aller Kritik, die ich an ihrer Zinspolitik habe -geht in so kleinen Schritten vor, dass die Kapitalmärkte alles andere als beunruhigt sind. Die jüngsten Kursverluste rühren eher daher, dass jetzt zum Jahresende viele einen Teil ihrer Gewinne realisieren. Aber das ist auch eine gute Ausgangsposition für 2022. Da rechnen wir mit sechs bis acht Prozent Plus an den Märkten, weil sich die Gewinne der Unternehmen weiter gut entwickeln und Aktien im Vergleich zu anderen Asset-Klassen ihre Attraktivität behalten werden.

Von angekündigten Reformen der Regierung zur Belebung des Kapitalmarkts hört man nichts mehr. Haben Sie schon resigniert?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber die Enttäuschung war schon riesengroß, dass bei der Steuerreform gar nichts gekommen ist. Ein Anreiz hätte nicht viel gekostet und hätte nicht nur dem Kapitalmarkt geholfen, sondern vor allem der Daseinsvorsorge der Menschen. Die Österreicher tun sehr viel für einen kleinen Steuervorteil. Ich schließe nicht aus, dass wir als Banken noch einmal einen Vorstoß unternehmen. Die Frage ist, ob die jetzige Regierungskonstellation solche Reformen zulässt.



Ich erwarte keinen Crash am Immobilienmarkt. Dazu ist die Nachfrage noch viel zu hoch.

Wie beurteilen Sie den Immobilienmarkt? Die OeNB hat ja kürzlich vor einem möglichen Crash gewarnt.
Ich erwarte das nicht, dazu ist die Nachfrage noch viel zu hoch. Die Aufsicht kritisiert vor allem, dass bei Wohnraumfinanzierungen ihre Empfehlungen nicht eingehalten werden, was die Eigenmittel der Kunden betrifft. Diese Betrachtungen teile ich durchaus. Denn der Kampf in der Wohnimmobilienfinanzierung tobt gewaltig, nicht nur bei den Konditionen, sondern oft auch bei den Sicherheiten, die von Banken verlangt werden. Die Aufsicht kündigt schon lange an, hier einzugreifen. Ich bin allerdings gespannt, wann und wie sie handeln wird - und ob aus den Empfehlungen eine gewisse Verbindlichkeit erwächst.

Die Oberbank hat eine starke Position bei geförderten Krediten. Dieses Geschäft wird künftig von der ökologischen Transformation bestimmt sein. Wie bereiten Sie sich vor?
Wir haben ein Volumen von zehn Milliarden Euro bei Investitionskrediten und sind in Österreich unter den top drei bei Förderkrediten. Die Details der neuen EU-Förderrichtlinie erwarten wir mit großer Spannung. Die Banken werden ja angehalten und auch instrumentalisiert, Finanzströme Richtung nachhaltige Investments zu lenken. Die Oberbank ist dafür gut aufgestellt. Wir sehen uns bei ESG-Themen als Vorreiter und zählen da zu den bestbewerteten europäischen Banken. Wir haben Nachhaltigkeit in die Gesamtstrategie integriert und sind etwa schon dabei, zu berechnen, welches CO2-Volumen durch von uns finanzierte Investitionen emittiert wird. Das werden wir 2022 erstmals veröffentlichen, obwohl wir noch nicht müssten. Auf diese Weise können wir dann analysieren, wie viele der Investments der EU-Taxonomieverordnung entsprechen: Was muss vorliegen, damit etwa ein Zementwerk wirklich als nachhaltig bezeichnet werden darf? Da liegen große Herausforderungen. Wir haben es auch mit einer Transformation des Beratungsgeschäftes gegenüber unseren Kommerzkunden zu tun.



Mich wundert, warum so wenige Unternehmen das Instrument der Mitarbeiterbeteiligung nutzen.

Wird der Nachhaltigkeitsgrad eines Projekts künftig auch zu unterschiedlichen Kreditkonditionen führen?
Zuerst einmal wird der Status quo eruiert: Wo steht ein Kunde? In der Folge wird das in das Soft-Factor-Rating einfließen. Und ich schließe nicht aus, dass es sich irgendwann auch in die Bepreisung niederschlagen wird. Denn wenn das alles keine Konsequenzen hätte, könnten wir uns die Übung ja ersparen. Ich mache mir um das künftige Kreditwachstum aber keine Sorgen, weil die ökologische Transformation sehr viel Kapital und Liquidität von den Unternehmen erfordert. Und da stehen wir Gewehr bei Fuß.

Sie haben die schwierige Personalsituation in Österreich angesprochen. Wie sieht es im eigenen Unternehmen aus?
Auch wir haben dieses Thema, keine Frage. Wir wissen, dass es nicht reicht, sich nur aufs Recruiting zu konzentrieren. Ganz wichtig ist, keine Mitarbeiter zu verlieren und sie ans Unternehmen zubinden - eine vorrangige Aufgabe für die Führungskräfte. Als Vorstand musst du deiner Organisation permanent signalisieren, dass Führung noch wichtiger ist als Verkauf, Risikomanagement oder Regulatorik. Das ist mein Thema Nummer eins für 2022. Zusätzlich können wir etwas in die Waagschale werfen, was andere nicht haben: Mitarbeiterbeteiligung. Bei uns ist jeder am Erfolg beteiligt. Dafür nehmen wir jedes Jahr zehn bis zwölf Millionen in die Hand. Mich wundert, warum so wenige dieses Instrument nutzen. Unter Berücksichtigung der steuerlichen Vorteile hat ein Mitarbeiter der Oberbank über zehn Jahre eine durchschnittliche Performance von zehn Prozent per anno erreicht.

Wird die Oberbank im nächsten Jahr weiter expandieren oder erst einmal konsolidieren?
Wir werden in Deutschland fünf neue Filialen eröffnen. Köln und Düsseldorf brauchen unbedingt eine Oberbank. Auch in Magdeburg, Cottbus und Kassel dürfen wir nicht fehlen.


Zur Person

FRANZ GASSELSBERGER, 62, ist promovierter Jurist und erwarb einen MBA an der Managementakademie LIMAK. Der Oberösterreicher trat 1983 in die Oberbank ein, stieg 1998 in den Vorstand auf und wurde 2005 zum Generaldirektor ernannt.


Das Interview ist der trend. EDITION vom Dezember 2021 entnommen.

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