Neuer VW-Chef Herbert Diess: Münchner, Österreicher und "harter Hund"

Neuer VW-Chef Herbert Diess: Münchner, Österreicher und "harter Hund"

Herbert Diess - Führungsreserve einst bei BMW und später bei VW.

Bei VW wird der Führungswechsel schneller vollzogen als bisher angenommen. Herbert Diess wird neuer Konzern-Chef und Matthias Müller muss abtreten. Der Aufstieg des Münchner mit österreichischem Pass kommt nicht überraschend. Er galt schon vor dem VW-Abgasskandal als "Kronprinz", beinharter Sanierer und Visionär.

Wolfsburg. Bei Volkswagen wird nun Tempo gemacht, um die Führungsfrage rascher und noch vor dem ursprünglich für Freitag angesetzten Aufsichtsratsmeeting zu klären. Schon am Donnerstag soll der grundlegende Personal- und Konzernumbau beschlossen. Und es gilt als fix: Der bisherige Volkswagen-Markenchef Herbert Diess wird den amtierenden Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller ablösen.

Herbert Diess ist erst im Sommer 2015 zu VW gekommen. Sein Job war, die kriselnde VW-Kernmarke wieder flott zu bekommen und das damit verbundene Image kräftig nachzupolieren. Dafür wurde eigens die Vorstandsposition "Markenvorstand Volkswagen-PKW" eingeführt. Die Kernmarke des Konzerns war nicht mehr so renditenstark, wie es sich Chefs, Aufsichtsrat und vor allem die Eigentümerfamilien Porsche und Piech sowie die Aktionäre vorgestellt hatten.

Disziplin bis zum Äußersten

Der Münchner Diplom-Ingenieur Diess hatte sich über Jahre hinweg den Ruf erworben, schwierige Aufgaben mit äußerster Disziplin anzugehen. Er gilt als Kostenkiller, freilich beinharter Verhandler und Sanierer - und auch als "harter Hund" wird er in der VW-Belegschaft beschrieben. Aber es wird ihm auch die Expertise positiv zugestanden, sich mit dem Thema Elektromobilität nicht nur auszukennen, sondern dafür auch Visionen entwickeln zu können. Und auch hier den Konzern - und vor allem die VW-Marke - in die Zukunft zu steuern.

Diese Eigenschaften blieben freilich auch in Wolfsburg nicht ungehört. Ex-VW-Konzernchef Martin Winterkorn war es, der sich nachdrücklich schon 2014 dafür eingesetzt haben soll, den heute 59-jährigen Automobil-Manager von BMW abzuwerben. Diess war bis dahin Entwicklungsvorstand bei BMW.

Nicht nur Sprit im Blut

Diess, ein Bayer mit österreichischem Pass, wuchs in München auf und studierte Fahrzeugtechnik und Maschinenbau zunächst an der Fachhochschule München.

Der promovierte Diplom-Ingenieur für Maschinenbau wechselte an die TU München, wo er im Jahr 1987 beim späteren BMW-Vorstandschef Joachim Milberg auf dem Gebiet der Fertigungstechnik promovierte. Nach seiner Dissertation und Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München wechselte er zunächst zum Autozuliefererkonzern Robert Bosch nach Stuttgart, wo er von 1989 bis 1996 seine ersten Sporen verdiente. 1996 schließlich wechselte er zu BMW.

Herbert Diess als BMW-Entwicklungsvorstand in einem BMW i8 Concept im Oktober 2012.

Herbert Diess als BMW-Entwicklungsvorstand in einem BMW i8 Concept im Oktober 2012.

Für BMW ging er zunächst nach Großbritannien und leitete die Werke in Birmingham und Oxford. Im Jahr 2003 übernahm der Motorradfan die Motorradsparte von BMW, bis er im Jahr 2007 als Einkaufsvorstand ins Top-Management der Münchner aufstieg. Im Jahr 2012 wurde er zum Entwicklungsschef des bayrischen Konzerns befördert. Bei BMW galt Diess lange Zeit auch als "Kronprinz", hatte er dem Konzern doch über Jahre hinweg unter anderem Milliarden eingespart. Doch zum Zug kam er nicht. Und so folgte er dem Ruf von VW aus Niedersachen.

Der lange Schatten von Ferdinand Piech

Diess wurde schon im Jahr 2014 bei VW als Vorstandskandidat präsentiert. Es war damals noch vor allem Ferdinand Piech, der von den einschlägigen Managerqualitäten, aber auch von den Visionen von Diess überzeugt war. Aber auch der damalige CEO Martin Winterkorn hatte sich für Diess eingesetzt. Mit der Fürsprache Piechs galt Diess schon damals als der "Kronprinz", der à la longue den Chefsessel besteigen sollte.

Piech war es auch, der seinerzeit Winterkorn öffentlich kritisiert hatte. Die Geschäfte von VW liefen 2014 nicht rund. VW hatte den Boom in China und Asien zu spät erkannt. Ein mehrmonatiger Streit wurde damit von Piech angezettelt. Trotz öffentlicher Brüskierung wurde Winterkorn von den Aufsichtsräten mehrheitlich bestätigt. Piech wurde überstimmt und dankte im am 25. April 2015 ab und zog sich komplett zruück.

Herbert Diess als Volkswagen-Markenchef

Herbert Diess als Volkswagen-Markenchef: VW aus der Vergangenheit in die Zukunft führen.

Aber Diess folgte dennoch dem Ruf von VW. Und zum 1. Juli 2015 war es dann so weit: Fast drei Monate vor Ausbruch des folgenschweren Abgasskandals, startete Diess als Vorstand durch und verantwortete die Markenpolitik der VW-Kernmarke. CEO Winterkorn, der schon frühzeitig von den Abgasproblemen gewusst haben soll, hatte Diess von dem bayrischen Nobelwagen-Hersteller von München nach Wolfsburg gelotst. Der heute 59-jährige hätte eigentlich schon Martin Winterkorn als Konzernchef folgen sollen.

Doch es sollte alles ein wenig anders kommen. Der Abgasskandal im September 2018 rückte zunächst noch andere Top-Manager ins Rampenlicht. Winterkorn musste gehen. Statt auf Winterkorns "Kronprinz" Diess einigten sich die VW-Chefaufseher und vor allem die Familien Porsche und Piech zunächst einmal auf den damaligen Porsche-CEO Matthias Müller als neuen Konzernchef. Er sollte bei VW nun erst einmal den als Krisenfeuerwehr den Karren aus dem Dreck ziehen.

Die Marke, die E-Mobilität und die Vision

Diess hatte in der Zwischenzeit sich daran gemacht, die Kernmarke wieder auf Vordermann zu bringen. Und es dürfte ihm auch gelungen sein. VW ist effizient, bringt es wieder zu ordentlichen Zuwächsen. Und in der Produktionssteuerung soll Diess kräftig umgerührt und Kosten eingespart haben. Ausgerechnet im Höhepunkt des Abgasskandals hatte es Diess trotz striktem Kostenmanagement und wenig Spielraum geschafft, mit der Kernmarke VW wieder Rekorde aufzustellen, die sich auch am besten Konzernergebnis auch für das Jahr 2017 ablesen lässt.

Und es zweifelt kaum jemand daran, dass Ex-BMW-Manager VW in eine erfolgreiche Zukunft führen wird. Zu BMW-Zeiten hatte er sich bereits als Entwicklungschef schon intensiv mit dem Thema Elektromobilität auseinandergesetzt. Als Entwicklungsschef war er bei BMW maßgebend an der Entwicklung des ersten E-Autos beteiligt. Auch deswegen hatte man bei VW im Jahr 2014 schon die Fühler ausgestreckt, um den Münchner nach Wolfsburg zu holen.

Und er will auch bei VW liefern: Bis zum Jahr 2025 sollen 30 E-Automodelle vom Band rollen. Und die Zweifel, dass er das nicht schaffen würde, verstummen zusehends. Beim Umbau der Marke hatte Diess bewiesen, dass er konsequent und kompromisslos vorgehen werde. Was dem starken Betriebsrat nicht geschmeckt hat. Wie der "Spiegel" berichtet hat, war es Diess, der dem Betriebsrat ein Sparpaket abgerungen hat, in dem für VW-Verhältnisse von einem kräftigen Stellenabbau gesprochen wurde. Kaum Wunder, dass Diess als das "meist verhasste Vorstandsmitglied von VW" gilt.

Herbert Diess und seine Strategie 2025

Herbert Diess und seine Strategie 2025

Der studierte Maschinenbauer wird nun mit dem Aufstieg in eines der wichtigsten Unternehmen der deutschen Industrie den Olymp der Lenker und Denker Deutschlands besteigen. Dass Diess dazu fähig ist, daran zweifelt auch außerhalb des VW-Konzerns kaum einer.

Einzig der von seinem Vorgänger Matthias Müller noch immer nicht abgeschlossene Abgasskandal könnte auch noch den neuen VW-Konzernchef Herbert Diess einholen. Ganz unbelastet ist auch Diess nicht. Obwohl er erst drei Monate vor Bekanntwerden der Abgasmanipulationen zu VW kam, hat die Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen gegen Diess aufgenommen. Der Vorhalt: Auch Diess soll bereits Kenntnis von den Abgasmanipulationen gehabt haben. Und vor allem: Wann hat Diess davon erfahren?

Sein Vorteil dürfte sein, dass die Manipulationen geplant waren, als er noch nicht im VW-Konzern war. Seinem damaligen Konzernchef Martin Winterkorn wird vorgeworfen, schon viel früher als im September 2015 zugegeben von den Manipulationen gewusst zu haben.

Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess

Die USA - für Volkswagen und Herbert Diess das Land der unbegrenzten Probleme.

Der lange Schatten von Ferdinand Piech könnte auch Diess zur Last werden, wenn er zum operativen Geschäft nicht eine Distanz aufbauen kann. Piech und Winterkorn hatten sich als Konzernlenker zu sehr in die Modellpolitik einmischt. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer lobte die Berufung von Diess als gute Wahl. Er warnte vor einer Personalunion als Vorstandsvorsitzender und VW-Markenchef. "Unter (den früheren Vorstandschefs Martin) Winterkorn und (Ferdinand) Piëch hat man gesehen, dass die Gefahr des Besserwissers und Alleinentscheiders an der Spitze sehr groß ist", sagte Dudenhöffer der "Passauer Neuen Presse".

Spannend wird auch die Frage sein, wie Diess als Konzern-Chef mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft klar kommt. Die Vorgabe der Eigentümer und Chefaufseher ist dabei eindeutig. Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche: "Es muss der Vorstand führen und nicht der Betriebsrat."

Der neue VW-Plan

Diess soll bereits die Neufassung der Unternehmensstrategie und den Konzernumbau in einem Meeting präsentiert haben, an dem der scheidende CEO Matthias Müller noch teilgenommen habe. Und zwar kurz nachdem durch den Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch der Chefwechsel am Dienstag intern bekanntgegeben wurde. Davon fühlten sich mehrere Vorstandsmitglieder vor den Kopf gestoßen, sodass sich Finanzchef Frank Witter überlegt haben soll, ob er in Wolfsburg bleiben will. Der langjährige Einkaufschef Francisco Garcia Sanz soll laut Nachrichtenagentur Reuters vom Stil des Führungswechsels entsetzt gewesen sein.

Mit dem vom Dieselskandal gebeutelten VW-Chef Müller sollen auch Einkaufsvorstand Garcia Sanz sowie Personalchef Karlheinz Blessing abgelöst werden. Gunnar Kilian, Vertrauter von Betriebsratschef Bernd Osterloh, soll neuer Personalvorstand werden. "Unsere Position ist so stark wie nie", sagte ein Arbeitnehmervertreter. Neu in den Vorstand soll Porsche-Chef Oliver Blume einzeihen. Er soll vom Gaststatus zum ordentlichen Konzernvorstand aufrücken.

Nach "Spiegel"-Informationen sollen die insgesamt Fahrzeug-Marken in vier Gruppen aufgeteilt werden - für Volumenmodelle (Kernmarke VW, Skoda, Seat), Oberklasse-Autos (Audi, Bentley), Sportwagen (Porsche, Bugatti, Lamborghini) und Nutzfahrzeuge (MAN, Scania, leichte Nutzfahrzeuge). Ein Sprecher des VW-Aufsichtsrates wollte den Bericht nicht kommentieren. In der Debatte ist seit längerem auch eine separate Ausgliederung des Lkw-Geschäfts mitsamt eigenem Börsengang oder eine Holding-Struktur.

Der neue Mann an der Spitze soll mit "riesiger Macht2 ausgestattet werden. Er soll gleichzeitig auch Herr über die volumenstarken Marken VW, Skoda und Seat werden.

Aus Aufsichtsratskreisen hieß es, dem seit Herbst 2015 amtierenden Vorstandschef Matthias Müller werde intern Entscheidungsschwäche vorgeworfen. Der geplante Umbau soll demnach einen "Aufbruch" beim weltgrößten Autokonzern ermöglichen. Dem Aufsichtsrat ging es unter Müller nicht schnell genug, um einen gundlegenden Wandel in Bewegung zu bringen. Das von Müller im März 2018 präsentierte Rekordergebnis für das Geschäftsjahr 2017 war zu wenig.

Diess hat als Chef der Marke VW mit Modellen wie Golf oder Passat die Entscheidungsfreude bereits bewiesen. Er hat die Effizienz beim ertragsschwachen Autobauer bereits verbessert. Und die Modellpolitik samt Elektromobilität angetrieben.

Den letzten tiefgreifenden Umbau hatte Volkswagen 2012 vollzogen. Damals hatte der Konzern unter anderem die Allianz seiner Nutzfahrzeug-Geschäfte vertieft, die Aktivitäten in China ausgebaut und Dutzende Management-Positionen neu besetzt - bei VW selbst, Audi, den leichten Nutzfahrzeugen, Bentley und in anderen Bereichen.

Auch "Dieselgate" erhöhte dann den Druck, Kosten einzusparen. 2015 wurde eine Trennung von Konzern- und Markenfunktionen angeschoben. Die Verantwortung der Vertriebsregionen wurde ebenfalls gestärkt. So schuf VW eine eigene Marktregion Nordamerika, wo die Kernmarke lange der Konkurrenz hinterherfuhr. Später rief Müller die "Strategie 2025" aus - ein Ziel war der Abbau des Zentralismus im VW-Reich. "Es ist jetzt auch möglich, die Dinge zu delegieren", sagte der nun scheidende VW-Konzernchef Müller im Jahr 2016.

Müllers Vertrag soll nicht vorzeitig abgefunden werden. Er soll laut "Handelsblatt" bis Februar 2020 weiterlaufen.

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