Neo-VW-Chef Diess: „Viele lose Schiffe statt ein Riesentanker“

Neo-VW-Chef Diess: „Viele lose Schiffe statt ein Riesentanker“

Herbert Diess dreht beim Volkswagen-Konzern kräftig um.

Der neue VW-CEO Herbert Diess hat anlässlich seiner offiziellen Präsentation angekündigt, den "Kulturwandel" des Autobauers zu beschleunigen. Die zwölf Marken sollen in wenige operative Einheiten gesteckt und agiler werden. Er selbst will sich weiterhin um die VW-Kernmarke, Entwicklung und IT kümmern. Rupert Stadler wird als neuer Vertriebschef die weltweit agierende Vertriebsorganisation Porsche Holding in Salzburg leiten.

„Ein schlanker Konzern, der starke Marken steuern soll“, das ist das Credo von VW-Neo-Konzernchef Herbert Diess. Und er kam zu seiner Präsentation als neuer Chef gleich zur Sache. Der Konzern wird die 12 Marken in sechs operativen Einheiten sowie der Region China neu organisieren. Alle sieben Einheiten sollen im Konzern mehr Tempo machen. Und vor allem den eingeschlagenen Kulturwandel schneller voranbringen. „Wir müssen in einem anspruchsvollen Wettbewerbsumfeld unser Tempo nochmals deutlich erhöhen“, sagte Diess. Ertragsstärke, Innovationskraft und Nachhaltigkeit gilt es zu stärken.

Diess räumt ein, dass der Konzern sich auf einem „guten Weg“ befindet, der seit dem Jahr 2015 unter seinem Vorgänger Matthias Müller mit der „Strategie 2025“ beschlossen wurde. Mit der Übernahme der Chefposition würde nun die "Phase 2" der Neuausrichtung der Marken beginnen. "Es geht um eine Weiterentwicklung, nicht um eine Revolution", betont Diess.

Eine Revolution dürfte sich aber intern schon vor einigen Wochen abgespielt haben. "In einem kleinen Kreis" habe er dem Aufsichtsrat sein neues Konzept präsentiert.

Diess hatte dabei offenbar ein bis ins Detail ausgearbeitetes Markenkonzept vorgelegt. Mit der Aufteilung des Konzerns auf sechs operative Einheiten und die Region China soll die Verantwortung der einzelnen Markenchefs erhöht, ihre Kompetenzen gleichzeitig gestärkt werden. Der Konzern soll damit schneller und effizienter werden. Der Markt will es so. Die Auto-Experten bei VW gebrauchen hierbei neuerdings auch gerne Worte wie "Kulturwandel" für beinharten Wettbewerb und Kostendruck.

Die Marken-/Preissegmentierung

So sollen künftig die Marken in den Bereichen „Volumen“, „Premium“ und „Super Premium“ in eigenen Einheiten organisiert werden. Zu "Volumen" zählen unter anderem VW, Skoda, Seat, kleine Nutzfahrzeuge und Mobiltätsdienste. Bei "Premium" landet Audi. "Superpremium" umfasst die Nobelmarken Porsche, Bentley, Bugatti und Lamborghini. Die Gruppen sollen nach den Preissegmenten zugeordnet werden. Diess verspricht sich dadurch auch eine gezielte Kundenansprache, aber auch eine verbesserte Abstimmung im Konzern, was die Planung oder Beschaffungsprozesse anbetrifft, die bisher auf Konzernebene "eskaliert" wurden.

Statt auf Konzernvorgabe sollen die vielen Einheiten nun selbst schneller, flexibler und effizienter untereinander agieren. Die einzelnen Marken selbst sollen in den sechs operativen Einheiten und der Region China mehr Eigenverantwortung bekommen. Auf den "Kulturwandel" und die schnellen Änderungen des Marktes müsse man schneller reagieren können. Neo-VW-Chef Diess: „... mit vielen losen Schiffe statt einem Riesentanker“.

Das von Diess nachgekämmte Konzept "Strategie 2025" und vor allem seine eigene Performance seit Eintritt in den Konzern im Jahr 2015 waren für den als "Kronprinz" apostrophierten Ex-BMW-Manager die beste Empfehlung. Um letzten Endes auch CEO Matthias Müller vom Thron zu stoßen. So richtig konnte dennoch keiner sagen, warum Müller nun abgesetzt wurde. Er hatte als damaliger Porsche CEO zum Höhepunkt des Dieselskandals den Konzernvorsitz und das Krisenmanagement übernommen. Und trotz immenser Kosten des Dieselskandals, die auf gut 50 Milliarden Euro geschätzt wurden, zuletzt wieder zum Erfolg geführt.

Selbst das Rekordergebnis für das Jahr 2017 konnte dem nun abgelösten Müller, der 44 Jahre lang im Konzern eine Bilderbuchkarriere vorzuweisen hatte, nicht den Kopf retten. Vor allem die Eigentümerfamilien Porsche und Piech, aber auch das Land Niedersachsen sowie die Belegschaft dürften von dem vor drei Jahren von BMW gewechselten Diess überzeugt worden sein. Die Gründe für Müllers Ablöse bleiben diffus. Das Rosenstreuen blieb auch bei Diess' Antritts-Pressekonferenz nicht aus. Sowohl der Neo-Chef als auch der VW-Aufsichtsratschef Pötsch zollten Müller größtes Lob. Auch die Leise Kritik über unterschiedliche Meinungen eines gemeinsamen Weges konnte nicht andeuten, warum Müller abgelöst wurde. Der Vertrag mit dem Ex- VW-Chef wird übrigens nicht ausbezahlt. Müller bleibt auf der Payroll - bis zum Jahr 2020 ins einer "beratenden Funktion".

Die Personalfragen

„Die Last ist gut verteilt, die Zuständigkeiten sind geregelt“, sagte ein selbstbewusster Diess. Die Verantwortung im Unternehmen habe sich seit dem Ausbruch der Dieselskandal auf mehreren Schulten verteilt. Eine wichtige Entscheidung ist jedoch noch nicht gefallen. Diess wird zwar weiterhin den Daumen auf der VW-Kernmarke halte, gleichzeitig für Entwicklung & Forschung, Fahrzeug-IT sowie Entwicklung von Führungskräftenachwuchs und vor allem Strategie zu ständig sein. Er selbst soll dennoch vom operativen Geschäft durch einen Chief Operating Officer (COO) freigespielt werden. "Der COO soll salopp gesprochen die rechte Hand von Doktor Diess werden", sagt Aufsichtsratschef Pötsch.

Intern soll es laut Diess einige Kandidaten geben, die bereits in der engeren Auswahl sind.

Und dennoch: Es wird bereits befürchtet, dass sich trotz des Konzernumbaus auf insgesamt sieben Einheiten eine Machtkonzentration auf die Person Deiss hinausläuft. Angesichts der Aufgabenfülle und Kompetenzen, die der Neo-Konzernchef auf sich gezogen hat, wird ein "Winterkorn 2.0" befürchtet. Der Vor-Vorgänger hatte sich einst wie auch Ferdinand Piech in kleinste Details eingemischt, statt die dafür verantwortlichen Manager entscheiden zu lassen.

Das Comeback

Audi-CEO Rupert Stadler feiert unter dem neuen Konzernlenker ein mächtiges Comeback. Stadler galt schon mehrfach als Ablösekandidat oder zumindest als Manager auf dem Abstellgleis. Zuletzt war er auch beim Dieselskandal wieder ins Kreuzfeuer der Kritik gekommen. Doch nun steigt er auf zum Konzernvertriebsvorstand. Er wird "Stadler wird den Vertrieb machen", sagte CEO Diess. "Er wird die weltweite Wholesale/Retail-Organisation Porsche Holding Salzburg leiten." Inwieweit es dabei zu personellen Veränderungen kommen wird, hat Diess offen gelassen. Jedenfalls hat Stadler wieder freie Hand. Er dürfte nun fest im Sattel sitzen und freilich über mehr Macht verfügen als kaum zuvor. "Das kommt ganz darauf an, ob Rupert Stadler mit seiner Mannschaft so zufrieden ist oder noch etwas ändern muss."

Dem Wandel im VW-Konzern wurden einige Top-Manager geopfert, die bisher unter dem scheidenden CEO Müller in Top-Funktionen waren. Neben dem Personalvorstand Karlheinz Blessing geht auch Francisco Garcia Sanz, zwei Jahrzehnte Beschaffungsvorstand und Chefaufseher über die spanische VW-Tochter SEAT. Für Sanz rückt der Porsche CEO Oliver Blume nach, der künftig als Produktionsvorstand die Verschlankung der Produktionsprozesse im Konzern leiten soll. Blessing wird von Gunnar Kilian abgelöst, der wiederum vom mächtigen Gesamt- und Konzernbetriebsrats-Chef Bernd Osterloh ins Rennen geschickt wurde.

Kilian ist in der obersten Führung der einzige Nicht-Akademiker und Nichttechniker. Er hatte einst als Lokalredakteur gearbeitet und nach seinem Wechsel zu VW in der Konzernkommunikation Karriere gemacht. 2012 zog es ihn nach Salzburg zu Ferdinand Piëch. Er leitete dort das Büro der Eigentümer-Familien Porsche und Piëch und war quasi im Zentrum der Macht der Eigentümer. Im Jahr darauf holte ihn Osterloh wieder zurück nach Wolfsburg, wo er Generalsekretär und Geschäftsführer des Konzernbetriebsrats wurde. Er wird nun der Personalvorstand für die insgesamt 640.000 Mitarbeiter des Gesamtkonzerns.

Außer Diskussion steht Jochem Heizmann, der seit September 2012 als VW CEO China fungiert. auch Heizmann war lange Jahre umstritten. Vor allem legte sich immer wieder mit den Belegschaftsvertretern an. Er dürfte die Region China in Griff haben. „Heizmann macht einen sehr guten Job“, betonte Diess. Und China sei für den VW-Konzern für die Zukunft ein wichtiger Markt, vor allem was Elektromobilität und Mobilitätsdienste anbetrifft. Unter Martin Winterkorn hatte VW lange gewartet.

Ebenso bestens vorbereitet für einen möglichen Börsegang sieht Diess die einst von Heizmann verantwortete LKW-Sparte mit MAN und Scania. Die Sparte "Truck & Bus" unter der Leitung von Andreas Renschler hatte demnach die Voraussetzungen auf eine "subsidiäre", vom Konzern unabhängige Führung, bereits erfüllt. Das Unternehmen wird den Hauptsitz künftig in München beziehen.

Digitalisierung als Querschnitt

Auch der als Chief Digital Officer (CDO) engagierte Johann Jungwirth ist Geschichte. "Jungwirth hat uns gut getan und hat deutlich Impulse gesetzt in Richtung Digitalisierung, er hat viel bewegt“, sagt Diess.

Der „Müller-Mann“ wurde 2015 vom Computerbauer Apple aus dem Silicon Valley nach Wolfsburg geholt. Er sollte als CDO dem VW-Konzern ein Hauch von Silicon-Valley-Verve verschaffen und den Autokonzern in das Zeitalter der Elektromobilität und Künstliche Intelligenz führen. Für Jungwirth bleibt nun kein Platz. Ein eigenes Ressort IT oder Digitalisierung hatte Diess in den sechs operativen Einheiten nicht vorgesehen. "Digitalisierung ist für alle unsere Ressortchefs wichtig in unterschiedlichen Ausprägungen." Diess hat die Fahrzeug-IT und Forschung zu sich geholt, die Unternehmens-IT wird künftig von Finanzchef Frank Witter geleitet. Aus Gründen der Effizienz.

Der Abgasskandal genannt "Dieselkrise"

Trotz noch laufender Verfahren sieht die VW-Führung den "Dieselskandal" - im Konzen heißt es nur "Dieselkrise" - als so gut wie überwunden.

"Wir haben die Fahrzeuge in Ordnung gebracht, dafür gesorgt, dass die alten Dieselautos von den Straßen kommen,
Wir haben mehr gemacht als alle anderen", meinte der Neo-CEO Diess, "es ist ja wichtig, dass wir da mehr machen", fügte er geschwind noch an.

Und dennoch: Das Vertrauen wiederherzustellen bleibt laut Konzern-Boss Diess eine "lange Aufgabe, von mehreren Jahren".

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