Nearshoring und "KV-Flucht": Banken lagern Kernbereiche aus

Um Kosten zu sparen, lagern Banken vermehrt Arbeit ins Ausland aus. Dadurch sind heimische Jobs gefährdet, die Gewerkschaft spricht offen von einer "KV-Flucht".

Nearshoring und "KV-Flucht": Banken lagern Kernbereiche aus
Nearshoring und "KV-Flucht": Banken lagern Kernbereiche aus

Willibald Cernko prognostiziert, dass binnen fünf Jahren 30 bis 50 Prozent der Bankfilialen zusperren dürften.

Die Bankengewerkschafter schlagen Alarm: Um Kosten zu sparen, lagern die Banken immer stärker auch Kernsparten aus. Wird ins Ausland - meist in den Osten oder zu ausländischen Schwestergesellschaften - ausgelagert, sind heimische Jobs weg. Soll im Inland billiger produziert werden, werden ganze Abteilungen oder Sparten ausgetöchtert oder an Dritte vergeben. Die Gewerkschaft nennt das KV-Flucht.

Laut GPA, die sich auf Notenbankdaten beruft, haben fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise schon 2.581 heimische Bankbeschäftigte ihre Jobs verloren, vor allem im letzten Jahr. 2012 waren noch 79.110 Leute in der Branche tätig, zum Jahresende 2013 waren es 77.712. Die Prognose des Bankenverbandschefs Willibald Cernko, dass binnen fünf Jahren 30 bis 50 Prozent der Bankfilialen zusperren dürften, macht nach GPA-Meinung eine Branchenstiftung erforderlich.

Nearshoring vernichtet Jobs

Auch Austöchterungen killen Jobs, sagen die Gewerkschafter. Bei Auslagerungen, Outsourcing oder "Nearshoring" (d.h. Verlagerungen vorzugsweise nach Osteuropa, bei Großbanken primär Tschechien, Rumänien, Polen) werde jeder dritte davon betroffene Job vernichtet. Das gaben Betriebsräte großer Banken nach einer Befragung der Arbeiterkammer im Auftrag der Gewerkschaft GPA-djp zu Protokoll. Für die Erhebung wurden 25 abgeschlossene bzw. laufende Auslagerungs/Ausgliederungsprojekte von Großbanken abgefragt. 2.600 Arbeitsplätze waren in diesen 25 Fällen betroffen, mehr als 800 dürften verloren gehen, hieß es am Dienstag vor Journalisten. Die erhofften Kosteneffekte würden unterm Strich in Zweifel gezogen.

"In zwei Drittel aller Ausgliederungsfälle gibt es die Absicht, den Kollektivvertrag zu wechseln", sagte der oberste Bankengewerkschafter Wolfgang Pischinger. "Es geht darum, sich aus innerbetrieblichen Besserstellungen davonzustehlen", fügte die BAWAG-Betriebsratschefin Ingrid Streibel-Zarfl an. Grob gerechnet fahren Banken mit dem Gewerbe-KV um ein Drittel billiger als zum Banken/Sparkassen-KV, der IT-KV kommt knapp ein Viertel billiger. Dazu kämen längere Arbeitszeiten, andere Überstunden- und Wochenendentlohnungen, und es fehlten Pensionskassenregelungen - generell also Einkommensverluste.

Kerngeschäft immer mehr betroffen

Mehr als die Hälfte der 25 untersuchten Projekte betraf die Vergabe von Leistungen an Externe, an Dritte. Bei jedem dritten Projekt wurde innerhalb des Konzerns verlagert. "Besonders kritisch sehen wir Auslagerungen ins Ausland", meinten Pischinger und GPA-Chef Wolfgang Katzian. Die Verlagerung rückt dabei immer näher ans Kerngeschäft: "Vor zehn, fünfzehn Jahren waren es tertiäre Dienstleistungen wie Immos, Werksküchen, Fuhrpark, Facility Management. Aber jetzt geht es scheinbar auch die Kernbereiche hinein", so Heinz Leitsmüller, Betriebswirtschafts-Chef der AK-Wien. Zu den bekannten Sparten wie IT und Zahlungsverkehr werden nun Kreditfabriken, Treasury, Wertpapierabwicklung, Kontoführung oder Bilanzanalyse genannt.

Bei der Bank Austria in Österreich sind nach Betriebsratsangaben ein Drittel der inländischen Mitarbeiter nicht mehr in der Bank-AG beschäftigt. Bei der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich Wien sind es einige hundert, hier laufen auch bundesländerübergreifende Projekte. In der BAWAG sind rund 20 Prozent der Leute in bankeigenen Töchtern ausgegliedert, in der Erste Bank Österreich wurden 10 Prozent der Beschäftigten Töchtern überlassen.

Der Gewerkschafter Katzian sieht nicht nur weitere Jobs insgesamt in Gefahr und den Druck auf die verbliebende Belegschaft steigen, sondern zusätzlich Probleme mit Datenschutz, Image/Reputation und Servicequalität. Nach der Auslagerung der Servicierung von Geldausgabeautomaten ins entferntere Ausland hätten die Geräte zwei bis drei Tage nicht funktioniert. Bei ähnlichen Pannen bei der Kreditabwicklung, wo Daten in der Weltgeschichte herumgeschickt würden, wird Katzian "zumindest mulmig."

Rechtliche Schritte möglich

Rückenwind spürt die Gewerkschaft im Kampf gegen die KV-Flucht aus dem Europa-Gerichtsurteil gegen die AUA, wonach der alte Kollektivvertrag auch nach dem Betriebsübergang nachwirkte. Sollten auch bei den Banken Gespräche mit dem Sozialpartner nichts fruchten, behalten sich die Bankarbeitnehmervertreter in der Causa Banken-Austöchterungen rechtliche Schritte vor.

Weil bei Betriebsübergängen das Arbeitsvertragsrechts-Anpassungsgesetz (AVRAG) nur beim Übergang selbst schütze, aber nicht die üblicherweise in der Folge stattfindenden Personaleinsparungen, sehen die Arbeitnehmervertreter Bedarf, diese gesetzlichen Instrumente zu stärken. "Und wir wollen den Geltungsbereich des KV Finance ausweiten, das werden wir auch bei den KV-Verhandlungen zum Thema machen", so Katzian. Das Bankwesengesetz (BWG) gehöre evaluiert. AK und GPA wollen überprüft wissen, für welche schon ausgelagerten Banktätigkeiten eine Bankkonzession erforderlich wäre.

Christoph Weber, Head of Organization & Operations bei der Managementberatung Horváth in Österreich

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