Nächster Preisschub: Neuwagen vor Teuerung

Wer einen Neuwagen kaufen will, sollte sich beeilen, denn derzeit beginnen die Autohersteller ihre Preise zu erhöhen. Warum die Autohersteller erstmals seit 20 Jahren wieder die Macht haben die Preise zu anzuheben, wie stark diese zu steigen drohen und wie lange diese Situation anhalten wird.

Nächster Preisschub: Neuwagen vor Teuerung

VW hat seinen Händlern in einem Schreiben bereits angekündigt, dass Anfang September die Preise für Neuwagen erhöht werden, wie der Branchendienst Automobilwoche berichtete, dem ein solches Schreiben deutscher Händler vorliegt. Bei der Kernmarke VW legen die Preise demnach um durchschnittlich 1,8 Prozent zu, bei Seat und der Marke Cupra wird der Preisanstieg im Schnitt bei 1,5 Prozent liegen. Der VW Passat zum aktuellen Startpreis von 49.080 Euro wäre beispielsweise um 890 Euro teurer, wenn für Österreich Preiserhöhungen aktuell nicht kommuniziert wurden.

Noch nie dagewesene Materialknappheit
Erste Preissteigerungen gab es 2021 in Europa bereits, wie eine Untersuchung zum Thema „Auswirkungen des Chipmangels auf die Preissetzungsmacht der Autohersteller“ des Kreditversicherers Acredia und Euler Hermes zeigt (siehe Grafik). So ist der Preisindex für Neuwagen in der EU in diesem Jahr bereits von 20 auf über 40 gestiegen. Laut Studie dürften die europäische Autobranche sogar noch deutlich an der Preisschraube drehen. Grund dafür: Eine noch nie da gewesene Materialknappheit, die sich auch noch weiter verschärfen dürfte, speziell bei Halbleitern. Neuwagenkäufer sollten sich daher auf zum Teil kräftig steigende Preise gefasst machen.

Neuwagenpreise schon deutlich gestiegen
Die Preise für Neu- und Gebrauchtwagen sind in der EU und den USA so hoch wie seit Jahren nicht.

In den USA ziehen die Preise für Neu- und auch für Gebrauchtwagen bereits seit dem Vorjahr stark an (blaue Linie durchgehend zeigt den Preisindex Jahr/Jahr in Prozent, die strichlierte Linie steht für die Entwicklung der Preise am Gebrauchtwagenmarkt. In Europa hinkt diese Entwicklung hinterher (rote Linien). Die Preise sind aber 2021 ebenfalls bereits deutlich angezogen.

Denn die Autobranche ist derzeit mit dem Problem konfrontiert, dass eine steigende Nachfrage auf ein sinkendes Angebot trifft. So kletterte die Zahl der Neuzulassungen in Europa im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 25,2 Prozent auf fast 5,4 Millionen Autos. Damit wurden in Europa in den ersten sechs Monaten um 1,4 Millionen Stück mehr verkauft.

Die Zahl der produzierten Fahrzeuge sinkt seit Anfang des Jahres markant, gleichzeitig zieht die Nachfrage an. Dadurch steigt die Macht der Autohersteller höhere Preise verlangen zu können.

Hohe zweistellige Zuwachsraten im ersten Halbjahr
Der vom Nachholeffekt getriebene Boom ist nach wie vor voll im Gang. Zwar ist das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht, aber die Zuwachsraten bei den Neuzulassungen liegen in allen wichtigen europäischen Märkten im teils hohen zweistelligen Bereich. Am größten sind die Zuwächse bei Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2021 in Italien mit Plus 51 Prozent und Spanien mit 34 Prozent gewesen.

Bis zu zehn Prozent höhere Preise prognostiziert
So kommt die Studie über die Auswirkungen des Chipmangels auf die Preisentwicklung zu dem Schluss, dass in einzelnen europäischen Ländern wie Deutschland Preissteigerungen von mindestens vier Prozent und bis zu zehn Prozent erwartbar sind. Im europäischen Durchschnitt prognostizieren die Autoren höhere Preise bei Neuwagen zwischen drei und sechs Prozent.

Großteil der neuen Warenlieferungen geht in die USA, nicht nach Europa
Ein Grund, warum die Studienautoren gerade in Deutschland mit besonders hohen Preissteigerungen bei Neuwagen rechnen, war der längere Lockdown, in dem sich das Land befunden hat. "Aber auch das spätere Ende der Lockdowns in Europa im Vergleich zu denUSA, hat dazu geführt, dass Europa generell und speziell Deutschland, am Ende der Warteschlange für die nun benötigten Lieferungen steht", so Maxime Lemler, Studienautor und Leiter Research beim Kreditversicherer Euler Hermes. So haben Warenlieferungen aus Asien in die USA seit dem Ende deren Lockdown um 30 Prozent zugelegt. Nach Europa beträgt der Zuwachs der Warenlieferungen aufgrund der wesentlich späteren Öffnung nach den Lockdowns lediglich rund zehn Prozent. So hat denn insbesondere Deutschland aktuell große Mühen die ohnehin schon niedrigen Lagerbestände aufzufüllen.

Knappes Angebot ist einmalige Gelegenheit für Preiserhöhungen
Das führt dazu, dass die Nachfrage nach Neuwagen in Europa höher ist als das Angebot. „Dieser Umstand wird im ersten Halbjahr 2022 noch anhalten. Damit bietet sich den Automobilherstellern die einmalige Gelegenheit, die Preise nach fast 20 Jahren anzuheben und ihre Margen deutlich zu verbessern“, so die Studienautoren von Acredia und Euler Hermes.

Zusammenhang von Verfügbarkeit von Material und Preisentwicklung in der Autoindustrie seit 1991

Blaue Linie: Die Entwicklung Materialknappheit/Lagerbestände seit 1991, orange Linie: Anstieg der Preiserwartung in Prozent (Zahlenangaben rechts). Quelle: Eurostat, Euler Hermes, Allianz Research

Bis zu zehn Prozent höhere Preise
„Die europäischen und damit auch die deutschen Autobauer sitzen wegen der Chip-Knappheit bei der Preisgestaltung am längeren Hebel“, sagt Gudrun Meierschitz, Acredia-Vorstand. „Drei bis sechs Prozent Preissteigerung sind europaweitmöglich, zumindest bis sich der Ausnahmezustand bei den Halbleitern wieder normalisiert.“ In Deutschland wird die Preissteigerung laut Studie sogar mindestens vier und bis zu zehn Prozent betragen. Wie sich in der Vergangenheit zeigte, hängt die Entwicklung der Preise unmittelbar mit der Verfügbarkeit der Materialien und damit der Fahrzeuge unmittelbar zusammen (siehe Grafik oben).

Nicht alle Hersteller betroffen
Doch nicht alle Hersteller wollen an der Preisschraube drehen. "Bei den Preissteigerungen, die wir derzeit vornehmen, handelt es sich um Rundungsdifferenzen und sind entsprechend minimal", so Karin Bauernfeind von BMW Austria. Etwas größere Preissteigerungen gäbe es wenn, stets höchstens zu Jahresbeginn. Auch bei VW Österreich versichert man: "Bei uns sind im September keine Preiserhöhungen geplant. So hohe Preissteigerungen wie in Deutschland sind bei uns auch in Zukunft sicher nicht geplant", so VW-Österreich-Pressesprecherin Karin Angerer.

Österreich bei Materialknappheit an 4. Stelle

Deutschland ist von Materialknappheit und damit von geringen Lagerbeständen in den EU-27-Ländern am stärksten betroffen. Österreich rangiert nach Spanien und Finnland bereits an vierter Stelle. Das bedeutet: Die Standardabweichung bei der Materialknappheit verglichen mit den Daten der letzten 20 Jahre beträgt 5,2. Die von den Studienautoren berechnete Recoverytime (rote Spalte) bedeutet, dass Österreich etwa 3,4 Quartale benötigen wird, um sich von den derzeitigen Lieferengpässen zu erholen. Der Anteil der Automobilproduktion an der heimischen Produktion beträgt neun Prozent, in Deutschland liegt dieser bei 20 Prozent.


Engpässe in der Lieferkette sind ein Beispiel für neue Realität

Acredia-Chefin Meierschitz: „Die Erholung und die steigende Preissetzungsmacht der Autohersteller ist für die Branche ein Hoffnungsschimmer auf eine baldige Rückkehr zur neuen Normalität. Das ist auch für die Zulieferer ein wichtiges Signal.“ Die Branche müsse zudem mehr tun, um beim Thema Nachhaltigkeit und alternative Antriebstechniken nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten. „Engpässe in der Lieferkette sind nur ein Beispiel für eine neue Realität, deren Komplexität weiter zunehmen wird“, so die Expertin für Kreditversicherungen.

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